Di, 10:49 Uhr
28.11.2006
Freudenreichs Welt
Nordhausen (nnz). Journalismus kann sehr tendenziös sein und auch in Großstädten gibt es Kleingeister unter den Schreibern. Auf einen besonders deftigen Beitrag in einer Stuttgarter Zeitung antwortete nnz-Autor Olaf Schulze.
Hier erst der Wortlaut des Artikels, wie er abgedruckt wurde:
Stuttgarter Zeitung: 25.11.2006
Fußballszene Ost, zum Beispiel Leipzig: FC Sachsen contra Lok / Der falsche Schal ruft Schläger auf den Plan
Randale, Rechtsradikale, Rassismus - in Leipzig sind diese Bilder aus den Stadien im Osten wie unter einem Brennglas zu betrachten. Wer sie genau anschaut, erkennt eine Gesellschaft, die sich mit vielem beschäftigt, nur nicht mit den scheinbar Schuldigen: den Fans.
Von Josef-Otto Freudenreich, Leipzig
Es ist kein besonderes Spiel. FC Sachsen Leipzig gegen FSV Zwickau, vierte Liga. Eigentlich ein normaler Oberligakick, ein Mittelfeldduell, das gerade mal 2000 Zuschauer anlockt. Sie verteilen sich in der WM-Arena wie Farbspritzer, die ein Maler beim großen Pinselschwung verloren hat. 45 000 Menschen hätten Platz in der "Schüssel", wie sie zu ihrem neuen Stadion sagen. Gekommen sind auch viele Polizisten mit Pistolen, Schlagstöcken und Handschellen sowie einige Fernsehteams, die auf dramatische Bilder hoffen, auf Rauchschwaden und Feuerwerkskörper, auf Hassgesänge und Prügeleien. Immerhin spielt ein Schwarzer mit.
Udo Überschär soll dem Mitteldeutschen Rundfunk erklären, warum das so gefährlich ist hier. Aber der Bär mit der Baseballmütze hat keine Lust. Er weiß, was sie hören wollen: Randale, Rechtsradikalismus und Arbeitslosigkeit. Das eine hat immer irgendwie mit dem anderen zu tun, heißt es, und er ist doch für die Jungs zuständig, die damit irgendetwas zu tun haben. "Ich spreche erst mit euch, wenn ihr euch für das Problem interessiert", sagt Überschär und dreht ab. Er kümmert sich lieber um seine Jungs, die ihre Fanzeitschriften abgeben sollen. Vielleicht könnten sie als Papierstukkas missbraucht werden.
Der 37-jährige Lehrer hat einen unmöglichen Job. Er betreut jene Leipziger Fans, die laut Statistik 790 Mann stark und gewaltgeneigt sind. Und, als wäre das nicht schon genug, es sind auch noch die Anhänger von zwei Vereinen, die sich abgrundtief hassen: Sachsen Leipzig und Lok Leipzig. Der eine gilt als der linke, der andere als der rechte Club, was historisch bedingt ist. Sachsen hieß früher einmal BSG Chemie und war die Heimstatt der Malocher, Lok war die Bühne für die SED-Bonzen, die sich wichtig taten, wenn ihre Mannschaft im damaligen Zentralstadion vor 100 000 Zuschauern gegen Ajax Amsterdam spielte. Die "Chemiker" sangen dann gerne das Lied: "Dreißig Meter im Quadrat, rundherum nur Stacheldraht. Weißt du, wo ich wohne? Ich wohne in der Zone."
Überschärs Herberge ist in der Gießerstraße 75, weit draußen im Stadtteil Plagwitz, wo man die geschlossenen Schulen daran erkennt, dass die Fenster in der unteren Etage zugemauert sind. Es wurden zu viele Leitungsrohre geklaut. Das Büro ist kalt, weil die Heizung streikt, im Aufenthaltsraum stehen ein paar zerschlissene Sitzmöbel herum, ein Fernseher, sonst nichts. Bei einem Jahresetat von 53 000 Euro, in dem Überschärs Gehalt, Bürokosten, Miete und alle Gelder für die Fanarbeit inbegriffen sind, bleibt für schöner Wohnen nichts übrig.
Seine Klientel ist mit der Misere vertraut. Jugendliche ohne Job, Drogis, Knackis, Schulschwänzer, für die der Fußball die einzige Chance scheint, Anerkennung zu finden.
"Sie halten sich für die Gesellschaft verloren", glaubt Überschär, "für sie zählt nur die Gruppe." Er hätte auch sagen können, die Gesellschaft habe sie abgeschrieben. Aber so etwas sagt der Pädagoge nicht. Was macht er, wenn wieder einmal ein Halbwüchsiger im Rudolf-Heß-T-Shirt kommt und mit Heil Hitler grüßt? Er sagt, er solle den Reißverschluss der Jacke hochziehen. Wenn im Land jeder fünfte Jugendliche mit der NPD sympathisiert, im Lok-Stadion ungeniert ein Hitlerbild gezeigt wird, wenn Lok-Mitglieder bei Nazidemos mitmarschieren, wenn der Lok-Präsident selbst bekennender Exhooligan ist, dann ist Sozialarbeit extrem mühsam.
Die Legende Lok, die nach der Wende kurzfristig VfB Leipzig hieß und mit Jürgen Sundermann ein Gastspiel in der Bundesliga gab, spielt heute in der sechsten Liga auf Dorfplätzen. Wie bei den Verkehrsbetrieben Leipzig, mitten im Auwald, zwischen Holzhütten und Straßenbahnhäuschen. Es ist kalt, trist und trostlos. Die jungen Fans brüllen das Übliche aufs Feld: Hurensohn, Drecksau, Judenschwein. Die älteren schwelgen in Erinnerungen. Damals, Mitte der achtziger Jahre, Oberliga gegen Magdeburg. Da sind Flaschen und Steine geflogen, blutüberströmte Zuschauer auf der Bahre, ja, das waren noch Zeiten. Der bullige Präsident Steffen Kubald schubst noch einen Ordner herum, dann ist Schluss. Es heißt, der frühere Gastwirt wolle Lok zu einem Underdogverein machen, als bewusstes Gegenprogramm zum FC Sachsen. Der ist im Kapitalismus vom Malocher- zum Millionärsklub mutiert.
Beim FC Sachsen gibt es die Ultras, die sich "Diablos" nennen. Sie verwenden viel Zeit und Energie für ihre "Choreos", die riesigen Fahnen, Feuerwerke und Gesänge. Sie tragen Che-Guevara-Buttons und kämpfen für ihren nigerianischen Spieler Ade Ogungbure, der seit Wochen als "Nigger" und "Bimbo" beschimpft wird. Die Ultras gelten als die besseren Fans, Studenten und Handwerker sind darunter, mit einem Sinn für Kreativität. Aber auch sie sind nicht gewaltfrei. Sie sind die Anarchos in Leipzig, "asozial und gestört", wie sie sich selbst bezeichnen, und damit doch nur ihre Heimatlosigkeit, ihre Entfremdung und Wut beschreiben.
Ralle ist einer ihrer Chefs, ein 20-Jähriger aus gutbürgerlichem Hause mit Abitur. Er ist Vorsänger im Block B und sorgt per Megafon dafür, dass das Liedgut ("Oh Chemie Leipzig, du bist unser Leben") nie zur Neige geht, egal was auf dem Platz geschieht. Er frage sich besser nicht, warum er das tue, sagt Ralle, sonst würde er verrückt werden. Sein Verein gehört im Grunde dem Filmhändler Michael Kölmel, das Zentralstadion ebenso, und damit dort überhaupt gekickt wird, kriegt der FC Sachsen 500 000 Euro im Jahr. Vor der Geisterkulisse rennen nun hoch bezahlte Fußballlegionäre herum, bringen kaum einen vernünftigen Pass zu Stande, und müssen am Ende der Saison froh sein, wenn sie aus der vierten Liga nicht absteigen. Aber jetzt hat sich Sponsor Red Bull angemeldet, der den Lahmen Flügel verleihen soll.
Gebrochener kann eine Geschichte kaum sein, kaum ein Unterfangen schwieriger, als sich mit einem solchen Wechselbalg zu identifizieren. "Die Abzocker kommen, stopfen sich die Taschen voll, und gehen wieder", klagt Ralle. Inzwischen singen sie nicht mehr für den Verein und die Mannschaft, nur noch für sich selbst, und wenn es sein muss eben gegen Lok. Ihr Liederbuch hat dafür ein reichhaltiges Repertoire. "Gebt uns eine Panzerfaust, dann schießen wir die Lokis raus." Da ist viel martialische Rhetorik dabei, wahr ist aber auch, dass sich in Leipzig niemand mehr allein mit einem grün-weißen (Sachsen) oder blau-gelben Schal (Lok) auf die Straße traut. Es würde sofort Schläge setzen.
Die drei Männer in der Sachsenstube haben alles schon erlebt. Ihre Namen zu nennen wäre gefährlich, deshalb soll es bei den Funktionen bleiben: der Erste sitzt für die SPD im Stadtrat, der Zweite für die Linkspartei im Kreistag, der Dritte bei den Grünen als Fraktionsmitarbeiter im Landtag. Sie kennen die Drohung: "Ich weiß, wo du wohnst." Sie kennen die Wohnungen, in denen alles kurz und klein geschlagen wurde. Keiner von ihnen würde sich in seinen Vereinsfarben auf den Hauptbahnhof trauen. Sie wagen es nur gemeinsam.
Bei Auswärtsspielen geht das dann so: die Polizei eskortiert sie zum Zug, pfercht sie mit hundert anderen in einen Waggon, schließt ab und lässt sie erst am Zielort wieder, um sie dann der nächsten uniformierten Eskorte zu übergeben. "Wenn es historisch nicht belastet wäre", sagt der Abgeordnete der Linkspartei, "würde ich von einem Viehtransport sprechen." Häufig fliegt auch noch ein Hubschrauber über dem Zug.
Die Polizei hat mächtig aufgerüstet im Osten. Seitdem vor der Weltmeisterschaft von einer Gewaltwelle und Naziaufmärschen die Rede war, und selbst Fanforscher wie Gunter A. Pilz "Kultur und Knüppel" forderten, gleichen Stadien Festungen. Allein in Sachsen "kümmern" sich 25 397 Polizisten um 1925 gewaltbereite Fans, in Leipzig sind es 2426 für den FC Sachsen (290) und 771 für die Lok (490). Dem stehen fünf hauptamtliche Mitarbeiter im Fanprojekt gegenüber. Und weil das Millionen kostet, wollen die Landesregierungen jetzt Geld von den Vereinen - für die Polizei, nicht für Sozialarbeit.
Es ist viel Bitterkeit dabei, wenn die drei Politiker erzählen, wie wenig Verständnis sie für ihr Bemühen finden, Druck aus dem Kessel zu nehmen. Die "Hirnis" passen nicht in das Bild von Leipzig, das so gerne eine Boomtown wäre. Mit ihnen, sagen alle drei, sei in der Stadt kein Blumentopf zu gewinnen. Kein Oberbürgermeister hat dafür Zeit, kein Sozialdezernent. Es ist der Boss des deutschen Fußballs, Theo Zwanziger, der zum Telefonhörer greift, und den SPD-Stadtrat fragt, wie er helfen könne.
Hier das Statement von Olaf Schulze
Sehr geehrter Herr Freudenreich,
mit Entsetzen habe ich Ihren Artikel in der Stuttgarter Zeitung zur Kenntnis genommen.
Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, mit reißerischem Revolverjournalismus Probleme aufzugreifen, von denen Sie keine Ahnung haben und die Ihnen offensichtlich völlig egal sind. Einen schlechter recherchierten Beitrag zum Leipziger Fußball habe ich überhaupt noch nicht gelesen und frage mich bestürzt, was Sie dazu bewogen hat, diesen Unsinn aufzuschreiben. So herablassend und plump wie Sie Leipzig und Leipziger Fußballfans darstellen, unterstelle ich Ihnen eine ganz bestimmte Absicht.
Viele Polizisten mit Pistolen, Schlagstöcken, und Handschellen sowie einige Fernsehteams sind gekommen, die auf dramatische Bilder hoffen, auf Rauchschwaden und Feuerwerkskörper, auf Hassgesänge und Prügeleien. Immerhin spielt ein Schwarzer mit. Haben Sie über diese Aussage nur eine Zehntelsekunde lang nachgedacht? Begreifen Sie, dass Sie mit diesem Satz der Staatsgewalt und Ihren Medienkollegen Voyeurismus unterstellen, weil ein Schwarzer mitspielt?
Weiter schreiben Sie: Lok war die Bühne für die SED-Bonzen, die sich wichtig taten, wenn ihre Mannschaft im damaligen Zentralstadion vor 100 000 Zuschauern gegen Ajax Amsterdam spielte. Abgesehen vom grausamen Stil dieses Satzes ist er inhaltlich falsch und beweist, dass Sie nicht einmal richtig zuhören können, wenn Sie Material für Ihren Artikel sammeln.
Doch an Fakten war Ihnen so wenig gelegen, wie an einer ausgewogenen Berichterstattung. Nahezu jede subjektive Plattitüde, die Sie über den von Ihnen so geschmähten 1.FC Lok aufschnappten, griffen Sie dankbar und bedenkenlos auf. Der Ex-Hooligan Steffen Kubald ist bei Lok übrigens kein Präsident, wie Sie es schreiben, sondern ein schlichterer Vereinsvorsitzender. Die Klasse Ihrer journalistischen Fähigkeiten, sehr geehrter Herr Freudenreich, offenbart sich gnadenlos im Satz: Es heißt, der frühere Gastwirt wolle Lok zu einem Underdogverein machen.
Ja, heißt es so? Oder ist es so? Warum haben Sie nicht nachgefragt? Das ist das erste journalistische Grundgesetz, sich seine Informationen durch eine zweite Quelle abzusichern. Oder war Ihr Elaborat eine Satire und ich habe es nur nicht bemerkt?
Sie schließen mit den Worten: Kein Oberbürgermeister hat dafür (Sozialarbeit mit den Fans, O.S.) Zeit, kein Sozialdezernent. Es ist der Boss des deutschen Fußballs, Theo Zwanziger, der zum Telefonhörer greift, und den SPD-Stadtrat fragt, wie er helfen könne. Über diese Behauptung habe ich dann herzlich gelacht.
Jetzt würde mich fast Ihr Beitrag zum Spielabbruch bei den Kickers im DFB-Pokal interessieren. Könnte es nicht sein, dass es sich bei dem Übeltäter um einen getarnten Lokfan handelt, der Stuttgart in Verruf bringen will?
Olaf Schulze, Nordhausen
Autor: oschHier erst der Wortlaut des Artikels, wie er abgedruckt wurde:
Stuttgarter Zeitung: 25.11.2006
Fußballszene Ost, zum Beispiel Leipzig: FC Sachsen contra Lok / Der falsche Schal ruft Schläger auf den Plan
Randale, Rechtsradikale, Rassismus - in Leipzig sind diese Bilder aus den Stadien im Osten wie unter einem Brennglas zu betrachten. Wer sie genau anschaut, erkennt eine Gesellschaft, die sich mit vielem beschäftigt, nur nicht mit den scheinbar Schuldigen: den Fans.
Von Josef-Otto Freudenreich, Leipzig
Es ist kein besonderes Spiel. FC Sachsen Leipzig gegen FSV Zwickau, vierte Liga. Eigentlich ein normaler Oberligakick, ein Mittelfeldduell, das gerade mal 2000 Zuschauer anlockt. Sie verteilen sich in der WM-Arena wie Farbspritzer, die ein Maler beim großen Pinselschwung verloren hat. 45 000 Menschen hätten Platz in der "Schüssel", wie sie zu ihrem neuen Stadion sagen. Gekommen sind auch viele Polizisten mit Pistolen, Schlagstöcken und Handschellen sowie einige Fernsehteams, die auf dramatische Bilder hoffen, auf Rauchschwaden und Feuerwerkskörper, auf Hassgesänge und Prügeleien. Immerhin spielt ein Schwarzer mit.
Udo Überschär soll dem Mitteldeutschen Rundfunk erklären, warum das so gefährlich ist hier. Aber der Bär mit der Baseballmütze hat keine Lust. Er weiß, was sie hören wollen: Randale, Rechtsradikalismus und Arbeitslosigkeit. Das eine hat immer irgendwie mit dem anderen zu tun, heißt es, und er ist doch für die Jungs zuständig, die damit irgendetwas zu tun haben. "Ich spreche erst mit euch, wenn ihr euch für das Problem interessiert", sagt Überschär und dreht ab. Er kümmert sich lieber um seine Jungs, die ihre Fanzeitschriften abgeben sollen. Vielleicht könnten sie als Papierstukkas missbraucht werden.
Der 37-jährige Lehrer hat einen unmöglichen Job. Er betreut jene Leipziger Fans, die laut Statistik 790 Mann stark und gewaltgeneigt sind. Und, als wäre das nicht schon genug, es sind auch noch die Anhänger von zwei Vereinen, die sich abgrundtief hassen: Sachsen Leipzig und Lok Leipzig. Der eine gilt als der linke, der andere als der rechte Club, was historisch bedingt ist. Sachsen hieß früher einmal BSG Chemie und war die Heimstatt der Malocher, Lok war die Bühne für die SED-Bonzen, die sich wichtig taten, wenn ihre Mannschaft im damaligen Zentralstadion vor 100 000 Zuschauern gegen Ajax Amsterdam spielte. Die "Chemiker" sangen dann gerne das Lied: "Dreißig Meter im Quadrat, rundherum nur Stacheldraht. Weißt du, wo ich wohne? Ich wohne in der Zone."
Überschärs Herberge ist in der Gießerstraße 75, weit draußen im Stadtteil Plagwitz, wo man die geschlossenen Schulen daran erkennt, dass die Fenster in der unteren Etage zugemauert sind. Es wurden zu viele Leitungsrohre geklaut. Das Büro ist kalt, weil die Heizung streikt, im Aufenthaltsraum stehen ein paar zerschlissene Sitzmöbel herum, ein Fernseher, sonst nichts. Bei einem Jahresetat von 53 000 Euro, in dem Überschärs Gehalt, Bürokosten, Miete und alle Gelder für die Fanarbeit inbegriffen sind, bleibt für schöner Wohnen nichts übrig.
Seine Klientel ist mit der Misere vertraut. Jugendliche ohne Job, Drogis, Knackis, Schulschwänzer, für die der Fußball die einzige Chance scheint, Anerkennung zu finden.
"Sie halten sich für die Gesellschaft verloren", glaubt Überschär, "für sie zählt nur die Gruppe." Er hätte auch sagen können, die Gesellschaft habe sie abgeschrieben. Aber so etwas sagt der Pädagoge nicht. Was macht er, wenn wieder einmal ein Halbwüchsiger im Rudolf-Heß-T-Shirt kommt und mit Heil Hitler grüßt? Er sagt, er solle den Reißverschluss der Jacke hochziehen. Wenn im Land jeder fünfte Jugendliche mit der NPD sympathisiert, im Lok-Stadion ungeniert ein Hitlerbild gezeigt wird, wenn Lok-Mitglieder bei Nazidemos mitmarschieren, wenn der Lok-Präsident selbst bekennender Exhooligan ist, dann ist Sozialarbeit extrem mühsam.
Die Legende Lok, die nach der Wende kurzfristig VfB Leipzig hieß und mit Jürgen Sundermann ein Gastspiel in der Bundesliga gab, spielt heute in der sechsten Liga auf Dorfplätzen. Wie bei den Verkehrsbetrieben Leipzig, mitten im Auwald, zwischen Holzhütten und Straßenbahnhäuschen. Es ist kalt, trist und trostlos. Die jungen Fans brüllen das Übliche aufs Feld: Hurensohn, Drecksau, Judenschwein. Die älteren schwelgen in Erinnerungen. Damals, Mitte der achtziger Jahre, Oberliga gegen Magdeburg. Da sind Flaschen und Steine geflogen, blutüberströmte Zuschauer auf der Bahre, ja, das waren noch Zeiten. Der bullige Präsident Steffen Kubald schubst noch einen Ordner herum, dann ist Schluss. Es heißt, der frühere Gastwirt wolle Lok zu einem Underdogverein machen, als bewusstes Gegenprogramm zum FC Sachsen. Der ist im Kapitalismus vom Malocher- zum Millionärsklub mutiert.
Beim FC Sachsen gibt es die Ultras, die sich "Diablos" nennen. Sie verwenden viel Zeit und Energie für ihre "Choreos", die riesigen Fahnen, Feuerwerke und Gesänge. Sie tragen Che-Guevara-Buttons und kämpfen für ihren nigerianischen Spieler Ade Ogungbure, der seit Wochen als "Nigger" und "Bimbo" beschimpft wird. Die Ultras gelten als die besseren Fans, Studenten und Handwerker sind darunter, mit einem Sinn für Kreativität. Aber auch sie sind nicht gewaltfrei. Sie sind die Anarchos in Leipzig, "asozial und gestört", wie sie sich selbst bezeichnen, und damit doch nur ihre Heimatlosigkeit, ihre Entfremdung und Wut beschreiben.
Ralle ist einer ihrer Chefs, ein 20-Jähriger aus gutbürgerlichem Hause mit Abitur. Er ist Vorsänger im Block B und sorgt per Megafon dafür, dass das Liedgut ("Oh Chemie Leipzig, du bist unser Leben") nie zur Neige geht, egal was auf dem Platz geschieht. Er frage sich besser nicht, warum er das tue, sagt Ralle, sonst würde er verrückt werden. Sein Verein gehört im Grunde dem Filmhändler Michael Kölmel, das Zentralstadion ebenso, und damit dort überhaupt gekickt wird, kriegt der FC Sachsen 500 000 Euro im Jahr. Vor der Geisterkulisse rennen nun hoch bezahlte Fußballlegionäre herum, bringen kaum einen vernünftigen Pass zu Stande, und müssen am Ende der Saison froh sein, wenn sie aus der vierten Liga nicht absteigen. Aber jetzt hat sich Sponsor Red Bull angemeldet, der den Lahmen Flügel verleihen soll.
Gebrochener kann eine Geschichte kaum sein, kaum ein Unterfangen schwieriger, als sich mit einem solchen Wechselbalg zu identifizieren. "Die Abzocker kommen, stopfen sich die Taschen voll, und gehen wieder", klagt Ralle. Inzwischen singen sie nicht mehr für den Verein und die Mannschaft, nur noch für sich selbst, und wenn es sein muss eben gegen Lok. Ihr Liederbuch hat dafür ein reichhaltiges Repertoire. "Gebt uns eine Panzerfaust, dann schießen wir die Lokis raus." Da ist viel martialische Rhetorik dabei, wahr ist aber auch, dass sich in Leipzig niemand mehr allein mit einem grün-weißen (Sachsen) oder blau-gelben Schal (Lok) auf die Straße traut. Es würde sofort Schläge setzen.
Die drei Männer in der Sachsenstube haben alles schon erlebt. Ihre Namen zu nennen wäre gefährlich, deshalb soll es bei den Funktionen bleiben: der Erste sitzt für die SPD im Stadtrat, der Zweite für die Linkspartei im Kreistag, der Dritte bei den Grünen als Fraktionsmitarbeiter im Landtag. Sie kennen die Drohung: "Ich weiß, wo du wohnst." Sie kennen die Wohnungen, in denen alles kurz und klein geschlagen wurde. Keiner von ihnen würde sich in seinen Vereinsfarben auf den Hauptbahnhof trauen. Sie wagen es nur gemeinsam.
Bei Auswärtsspielen geht das dann so: die Polizei eskortiert sie zum Zug, pfercht sie mit hundert anderen in einen Waggon, schließt ab und lässt sie erst am Zielort wieder, um sie dann der nächsten uniformierten Eskorte zu übergeben. "Wenn es historisch nicht belastet wäre", sagt der Abgeordnete der Linkspartei, "würde ich von einem Viehtransport sprechen." Häufig fliegt auch noch ein Hubschrauber über dem Zug.
Die Polizei hat mächtig aufgerüstet im Osten. Seitdem vor der Weltmeisterschaft von einer Gewaltwelle und Naziaufmärschen die Rede war, und selbst Fanforscher wie Gunter A. Pilz "Kultur und Knüppel" forderten, gleichen Stadien Festungen. Allein in Sachsen "kümmern" sich 25 397 Polizisten um 1925 gewaltbereite Fans, in Leipzig sind es 2426 für den FC Sachsen (290) und 771 für die Lok (490). Dem stehen fünf hauptamtliche Mitarbeiter im Fanprojekt gegenüber. Und weil das Millionen kostet, wollen die Landesregierungen jetzt Geld von den Vereinen - für die Polizei, nicht für Sozialarbeit.
Es ist viel Bitterkeit dabei, wenn die drei Politiker erzählen, wie wenig Verständnis sie für ihr Bemühen finden, Druck aus dem Kessel zu nehmen. Die "Hirnis" passen nicht in das Bild von Leipzig, das so gerne eine Boomtown wäre. Mit ihnen, sagen alle drei, sei in der Stadt kein Blumentopf zu gewinnen. Kein Oberbürgermeister hat dafür Zeit, kein Sozialdezernent. Es ist der Boss des deutschen Fußballs, Theo Zwanziger, der zum Telefonhörer greift, und den SPD-Stadtrat fragt, wie er helfen könne.
Hier das Statement von Olaf Schulze
Sehr geehrter Herr Freudenreich,
mit Entsetzen habe ich Ihren Artikel in der Stuttgarter Zeitung zur Kenntnis genommen.
Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, mit reißerischem Revolverjournalismus Probleme aufzugreifen, von denen Sie keine Ahnung haben und die Ihnen offensichtlich völlig egal sind. Einen schlechter recherchierten Beitrag zum Leipziger Fußball habe ich überhaupt noch nicht gelesen und frage mich bestürzt, was Sie dazu bewogen hat, diesen Unsinn aufzuschreiben. So herablassend und plump wie Sie Leipzig und Leipziger Fußballfans darstellen, unterstelle ich Ihnen eine ganz bestimmte Absicht.
Viele Polizisten mit Pistolen, Schlagstöcken, und Handschellen sowie einige Fernsehteams sind gekommen, die auf dramatische Bilder hoffen, auf Rauchschwaden und Feuerwerkskörper, auf Hassgesänge und Prügeleien. Immerhin spielt ein Schwarzer mit. Haben Sie über diese Aussage nur eine Zehntelsekunde lang nachgedacht? Begreifen Sie, dass Sie mit diesem Satz der Staatsgewalt und Ihren Medienkollegen Voyeurismus unterstellen, weil ein Schwarzer mitspielt?
Weiter schreiben Sie: Lok war die Bühne für die SED-Bonzen, die sich wichtig taten, wenn ihre Mannschaft im damaligen Zentralstadion vor 100 000 Zuschauern gegen Ajax Amsterdam spielte. Abgesehen vom grausamen Stil dieses Satzes ist er inhaltlich falsch und beweist, dass Sie nicht einmal richtig zuhören können, wenn Sie Material für Ihren Artikel sammeln.
Doch an Fakten war Ihnen so wenig gelegen, wie an einer ausgewogenen Berichterstattung. Nahezu jede subjektive Plattitüde, die Sie über den von Ihnen so geschmähten 1.FC Lok aufschnappten, griffen Sie dankbar und bedenkenlos auf. Der Ex-Hooligan Steffen Kubald ist bei Lok übrigens kein Präsident, wie Sie es schreiben, sondern ein schlichterer Vereinsvorsitzender. Die Klasse Ihrer journalistischen Fähigkeiten, sehr geehrter Herr Freudenreich, offenbart sich gnadenlos im Satz: Es heißt, der frühere Gastwirt wolle Lok zu einem Underdogverein machen.
Ja, heißt es so? Oder ist es so? Warum haben Sie nicht nachgefragt? Das ist das erste journalistische Grundgesetz, sich seine Informationen durch eine zweite Quelle abzusichern. Oder war Ihr Elaborat eine Satire und ich habe es nur nicht bemerkt?
Sie schließen mit den Worten: Kein Oberbürgermeister hat dafür (Sozialarbeit mit den Fans, O.S.) Zeit, kein Sozialdezernent. Es ist der Boss des deutschen Fußballs, Theo Zwanziger, der zum Telefonhörer greift, und den SPD-Stadtrat fragt, wie er helfen könne. Über diese Behauptung habe ich dann herzlich gelacht.
Jetzt würde mich fast Ihr Beitrag zum Spielabbruch bei den Kickers im DFB-Pokal interessieren. Könnte es nicht sein, dass es sich bei dem Übeltäter um einen getarnten Lokfan handelt, der Stuttgart in Verruf bringen will?
Olaf Schulze, Nordhausen
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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