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Sa, 07:23 Uhr
12.01.2002

JS-special: Bildung als Megathema

Nordhausen (nnz). „Wir brauchen eine breite nationale Debatte über die Zukunft unseres Bildungssystems! Mit kosmetischen Korrekturen ist es nicht getan.“ Ausführungen des Bundespräsidenten zur Bildungsmisere in Deutschland.


Gehalten wurde diese Grundsatzrede, aus der dies ein Auszug ist, nicht von Johannes Rau und auch nicht in den vergangenen Tagen - gehalten wurde sie von Roman Herzog am 5. November 1997 im Berliner Schaupielhaus. Was aus diesem Aufruf wurde, zeigt die Pisa-Studie, die ja seit ihrem Erscheinen Anfang Dezember 2001 für viel Aufregung und Diskussionen sorgte. Warum nur? So überraschend können die Ergebnisse doch gar nicht gekommen sein - der vormalige Bundespräsident hatte schon damals auf die Schwachstellen im bundesdeutschen Bildungssystem hingewiesen und - siehe oben - Abhilfe angemahnt.

Nun, vier Jahre später, forderte am Donnerstag unter dem Eindruck dieser Pisa-Studie Bundespräsident Johannes Rau Reformen. Hieß es nämlich im Jahre 1997, dass „das Plädoyer des Bundespräsidenten für eine neue große nationale Bildungsdebatte bei den Parteien und Organisationen auf überwiegend positives Echo stieß“, ohne dass darauf auch wirklich entsprechende Maßnahmen folgten, beteuert man auch heute angesichts der ernüchternden Ergebnisse jener Studie die Notwendigkeit entsprechender Maßnahmen. Inzwischen kennt man auch eine Vielzahl von Vorschlägen, nur scheitert die Umsetzung bislang an der Koordination und wohl auch am Willen der Länder, zugunsten einheitlicher Maßnahmen auf eigene Kompetenzen zu verzichten.

Bundespräsident Johannes Rau gab in seiner Ansprache anlässlich des Abschlusskongresses „Forum Bildung“ in Berlin seiner Auffassung Ausdruck, dass die Bildung zu den wichtigsten Angelegenheiten der deutschen Politik gehören müsse. Die Beschäftigung mit dem, was Kindergärten, Schulen und Hochschulen bieten und leisten sollen, sei zu lange vernachlässigt worden. Die Teilhabe an Bildungschancen sei begrenzter als nötig. Nun müssten sich die politisch Verantwortlichen dieser Herausforderung annehmen. Rau wies darauf hin, dass andere Mitgliedstaaten der OECD sechzig bis neunzig Prozent mehr Geld für Grundschulen ausgäben als Deutschland. Hierzulande unterrichte im Elementarbereich eine Lehrerin etwa 24 Kinder - nur in Mexiko und Korea seien es noch mehr. Die Faustregel: Je kleiner die Kinder, desto größer die Klasse, sei „falsch und schädlich".

Das „Forum Bildung“ hatte bei dem erwähnten Kongress nach zweijähriger Arbeit einen zwölf Punkte umfassenden Katalog von Forderungen zur Reform des Bildungssystems vorgelegt, an denen sich der Bundespräsident in seiner Ansprache orientierte. Danach muss das Lernen schon im Kindergarten beginnen. Zusammen mit der Grundschule seien sie Hauptorte für das Erlernen der deutschen Sprache und für die Integration von Kindern ausländischer Eltern. In Städten wie Frankfurt oder Berlin habe schon heute fast jedes zweite Vorschulkind Eltern, die im vergangenen Jahrzehnt nach Deutschland gekommen sind. Der Bundespräsident forderte, mehr Ganztagsschulen anzubieten. Er habe Verständnis für Bedenken, dass Kindererziehung auf diese Weise verstaatlicht werde. In einer Gesellschaft, in der immer mehr Frauen erwerbstätig seien, brauchten Eltern - vor allem auch Alleinerziehende - jedoch mehr Unterstützung. Er plädiere „für weniger Ideologie und mehr praktischen Realismus“. Schulpolitiker dürfen nicht länger so tun, als sei die Gruppe berufstätiger Frauen eine „exotische Minderheit“.

Rau hob in seiner Rede auch die Notwendigkeit hervor, das Lernen als lebenslange Aufgabe zu begreifen. In Deutschland bildeten sich viel weniger Berufstätige fort als in Dänemark, Großbritannien oder Australien. Neben der Fortbildung im Erwerbsleben misst der Bundespräsident auch der Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer Bedeutung bei. Die Lehrenden bräuchten, so Rau, die Unterstützung der Gesellschaft. Wenn Ressentiments gegen Pädagogen die öffentliche Debatte beherrschten, sei „etwas faul“. Die Notwendigkeit von Reformen sei erkannt, sagte Rau, nun sei die Politik an der Reihe: „Der Schwung ist da. Jetzt muss aus dem Schwung neues Gestalten entstehen“.

Nun konnte sich der frühere Bundespräsident im Jahre 1997 in seiner Grundsatzrede - die in Auszügen der Redaktion vorliegt - auf keine Pisa- Studie berufen. Und auch auf keine Vorschläge eines „Forums Bildung“. Was er damals aber sagte, beinhaltet alles das, was heute (erneut) an Erkenntnissen angeboten und an Notwendigkeiten gefordert wird. Bleibt also abzuwarten, ob den nunmehr vorliegenden konkreten Ergebnissen von Studien und den daraus abgeleiteten Forderungen wirklich Maßnahmen folgen werden. Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz ist derzeit Thüringens Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski. Sie scheint am ehesten befähigt, Konsens zwischen den Ländern und die Umsetzung von Vorschlägen zu einer Bildungsreform bewirken zu können.
Autor: nnz

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