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Mi, 15:31 Uhr
01.11.2006

Jammern auf hohem Niveau

Nordhausen (nnz). Der Otto-Normal-Bürger hat angesichts der protestierenden Apotheker kaum noch Verständnis. Für ihn jammern die Damen und Herren in den weißen Kitteln fast wie ihre nicht zu beneidenden „Kollegen“ in den Arztpraxen.


Sie sind wahrlich arm dran, diese beiden Berufsstände, die in den kommenden Jahren gar um ihren Stand fürchten müssen. Vielmehr ist es wohl ihr Besitzstand um den es geht, und das im wahrsten Sinne des Wortes. „Wir sind keine Lobbygruppe... . Wir sind als Heilberufler in erster Linie dem Wohlergehen der Patienten verpflichtet“, verkündete Apotheken-Sprecherin Julie Garke in der nnz am Montag und begründete damit die Teilnahme an der heutigen Demo. Der Otto-Normal-Patient hat da jedoch einen anderen Eindruck. In den Arztpraxen scheint der gesetzlich versicherte Patient kein Patient mehr zu sein, sondern lediglich als Abrechungseinheit herzuhalten. Er ist schon seit Jahren zum Kunden mutiert. Bekommen Sie mal als Kassenpatient einen Termin beim Facharzt? Unter zwei bis drei Monaten Wartezeit habe man keine Chance, berichten viele Nordhäuser.

Wer – nur mal so aus Spaß – einige Minuten später in der gleichen Praxis anruft und sich als Privatpatient ausgibt, der wird überrascht sein. Das Ergebnis dürfte hinlänglich bekannt sein.

Und bitte stellen Sie sich die Frage, wann Sie in einer Nordhäuser Apotheke beraten worden sind? Wer nicht gezielt nach Generika nachfragt, der erhält das teuere Mittelchen, für das im Schaufenster auch noch mit einem Aufsteller geworben wird. Selbst in punkto Dienstleistungen gibt es in den „Medikamentenabgabestellen“ ziemliche Unterschiede. Während man am Grimmel bequem mit der Ec-Karte bezahlen kann, geht es gegenüber dem Roland erst ab zehn Euro.

Und weil es den weißen Berufen so schlecht geht, kommen einige von ihnen mit dem verdienten Geld am Wohl des Patienten nicht mehr aus. Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" unlängst berichtete, sollen Apothekerverbände in einem Sonderrundschreiben ihre Mitglieder vor unangenehmen Polizeibesuchen gewarnt haben. Bundesweit wurde da über staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen Betrugsverdacht informiert.

Nach Informationen des Nachrichtenmagazins entdeckten die Ermittler den lukrativen Zuverdienst der Apotheker durch Zufall. Da die Hersteller von verschreibungspflichtigen Medikamenten in den vergangenen Jahren den Kassen einen staatlich verordneten Zwangsrabatt zahlen mussten, wurde jeder Apothekenverkauf von den Kassen an die Industrie gemeldet. Dabei stellte etwa das Pharmaunternehmen Hoffmann-LaRoche erstaunt fest, dass die Apotheker in Deutschland deutlich mehr von dem teuren Arzneimittel NeoRecormon mit den Kassen abgerechnet hatten, als überhaupt ausgeliefert worden war. Die Schäden, die allein den Herstellern durch zu viel bezahlten Rabatte entstanden sind, werden auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt.

Nach den bisherigen Ermittlungen sind diesmal nicht nur einige schwarze Schafe der Apothekerschaft betroffen. Die Zahl der Anklagen werde wohl, so heißt es bei den Ermittlern, eine dreistellige Größenordnung erreichen.

In Nordhausen müssen Apotheker von diesem fast Generalverdacht nicht betroffen sein. Was die Menschen stört ist die Tatsache, dass ihr Wohl als Patient immer dann herhalten muss, wenn es um vermeintliche Einbußen des Besitzstandes geht. Das war bereits so, als die ersten Internetapotheken in das deutsche Apotheker-Besitzstandsland einfielen. Und überhaupt: Warum muß ein Mensch, der ein Medikament gegen Grippe zu sich nimmt, es unbedingt in der Apotheke um die Ecke kaufen und nicht da, wo es billiger ist? Beispiel Aspirin. In einer Nordhäuser Apotheke (keine Beratung beim Kauf) kostet die 20-Tabletten-Packung 4,85 Euro, bei Doc Morris muß man 90 Cent weniger hinlegen. Dennoch gibt es einen Unterschied: Beim Internetversand gibt es die Apothekenzeitung nicht gratis mit. Na, wenn das mal kein Argument ist.

Spaß beiseite: Natürlich soll das deutsche Apothekerwesen auch weiterhin seine Berechtigung haben, nur: Den Vorteilsbonus müssen sich die Apotheker verdienen, immer nur heulen nützt da nicht viel. Eine Mitleidsdebatte nützt niemandem, eher wird es eine Neiddebatte.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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