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Mi, 11:10 Uhr
13.09.2006

nnz-Interview: Fußballspiel war Sahnehäubchen

Nordhausen (nnz). Seit etwa zwei Monaten liegen die drastischen Kürzungspläne der Landesregierung auf dem Tisch – die nnz sprach mit Wolfgang Schwerdtfeger von der Theater / Orchester GmbH über den Stand der bisherigen Aktionen zum Erhalt der Einrichtung.


nnz: Fünf „Nordthüringer Theaterdemos“, über 30.000 Unterschriften – welche Zwischenbilanz ziehen Sie?

Schwerdtfeger: Die Zwischenbilanz ist sehr erfreulich, auch wenn der Durchbruch ja noch aussteht. Fünf Kundgebungen mit jeweils 400-600 Teilnehmern und das teilweise in der Ferienzeit – das ist schon beachtlich. Aber die Kampagne insgesamt ist weitaus vielfältiger und sehr kreativ: Aus ganz Deutschland melden sich Leute zu Wort, ob in Briefen oder im Internet. Schüler haben in einer Protestaktion Zeugnis vor dem Theater abgelegt, Geschäftsleute, Vereine und Einzelpersonen sammeln Unterschriften gegen die Kürzungen – der derzeitige Stand hat die 30 000 bereits überschritten. In unserem Haus melden sich fast täglich Menschen, die sich in irgendeiner Form einbringen wollen beim Kampf um Theater und Orchester.

nnz: Zur Fußball-Weltmeisterschaft sind Autos mit Deutschlandfähnchen umhergefahren – jetzt sieht man viele mit der Aufschrift: „Theater – Macht- Zukunft. Für Chancengleichheit in Thüringen“

Schwerdtfeger: Am Anfang waren wir nicht sicher, ob die Aktion funktioniert. Aber die ersten 1000 Fähnchen waren im Nu vergriffen. Der Erfolg hat uns überrascht und sehr gefreut. Bei der Fußball-WM haben die Fähnchen Unterstützung für das Klinsmann-Team signalisiert – jetzt kann man „Flagge zeigen“ und die Solidarität Nordthüringens mit dem Theater und Orchester sichtbar machen. Nett ist es, wenn man manchmal auch in größerer Entfernung von Nordhausen und Sondershausen einem anderen Auto mit Fähnchen begegnet. Wir haben nachbestellt und nächste Woche gibt es die Fähnchen wieder für drei Euro zu kaufen.

nnz: Alle Maßnahmen zusammen in ihrer Vielfalt und Kreativität transportieren die Botschaft: „Wir geben unser Theater und Orchester nicht kampflos auf!“

Schwerdtfeger: Der Aktion haben sich inzwischen nicht nur Theaterfans angeschlossen – auch Sportler und Vereine bringen sich offensichtlich ein, wie die vergangenen Wochen gezeigt haben. Ganz persönlich hat mich das Benefizspiel außerordentlich beeindruckt. Nicht nur, dass die Erfurter aus der Landeshauptstadt kommen und sich durch ihre Teilnahme mit uns im Norden solidarisieren, sondern vor allem das wirklich historisch zu nennende gemeinsame Antreten der Erzrivalen Eintracht Sondershausen und Wacker Nordhausen. Das war nicht nur eine originelle und überzeugende Idee, sondern eine echte Sensation! Obendrein hat die Begegnung Symbolkraft, da die GmbH ja ihre beiden Standbeine in diesen beiden Städten hat: das Theater in Nordhausen und das Loh-Orchester in Sondershausen. Und nicht zuletzt können wir auch den Erlös von 1000 Euro sehr gut gebrauchen. Aber auch das Rock-Konzert auf dem Theaterplatz, war eine tolle Initiative der beteiligten Bands. Dafür noch mal ein herzliches Dankeschön.

nnz: Thema Geld: was kostet die Kampagne und wer bezahlt sie?

Schwerdtfeger: Auch wenn wir versuchen, Kosten durch Erlöse zu decken, auch wenn uns Unternehmen für den guten Zweck Sonderkonditionen gewähren und trotz der vielen ehrenamtlichen Helferstunden bei der Organisation: Bestimmte Sachen kosten Geld. Dieses Geld kann natürlich nicht aus dem Budget der GmbH kommen. Alle Beteiligten achten da auf eine saubere Trennung. Neben der Fußball-Spende haben bald nach Bekanntwerden der bedrohlichen Pläne auch die beiden Fördervereine finanzielle Hilfe zugesagt und auch Einzelpersonen haben schon für die Aktionen gespendet. Beträge will ich im Moment nicht in die Welt setzen, doch will ich die Gelegenheit nutzen und auch für finanzielle Unterstützung werben. Als Mitglied beider Fördervereine kann ich sagen: Auch kleine Spenden für die „Kampfkasse“ sind sehr willkommen. Wer die Kampagne unterstützen will, kann unter dem Verwendungszweck „Erhalt Theater und Orchester“ steuerlich abzugsfähig an die Fördervereine spenden.

nnz: Zurück zur Kampagne. Was kommt als nächstes?

Schwerdtfeger: Am Montag, dem 18. September , treffen sich alle Unterstützer zur „6. Nordthüringer Theaterdemo“ auf dem Marktplatz in Sondershausen. Das Loh-Orchester wird auch dabei sein. Und nachdem sich der Stadtrat von Nordhausen vor wenigen Tagen einstimmig hinter Theater und Orchester stellte, haben auch die Sondershäuser angekündigt, das Thema in ihrer nächsten Sitzung zu behandeln. Laufend ergänzt wird auch das virtuelle Standbein der Kampagne: die eigene Website mit Fotos, Pressemeldungen, Terminen und einer „elektronischen“ Unterschriftenaktion. Da kann man sich sozusagen weltweit über den Stand der Dinge kundig machen.

nnz: Wie würden Sie das inhaltliche Ziel der Kampagne unter dem Motto „Theater – Macht – Zukunft! Für Chancengleichheit in Thüringen.“ zusammenfassen?

Schwerdtfeger: Ganz grob drei Stoßrichtungen – Erstens: Deutlich zu machen, dass die Pläne des Kultusministers eine kulturelle Austrocknung des Freistaates nördlich von Erfurt bedeuten. Zweitens: neben dem „nur“ kulturellen Kahlschlag entstünden als Folgewirkungen einer Schließung weitere, irreparable negative Effekte für die Zukunft der wirtschaftlich gebeutelten Region Nordthüringen. Drittens: Die vorgelegten Zahlen überschreiten die Schmerzgrenze. Die Nordthüringer lassen sich diese Ungerechtigkeit nicht gefallen. Diese Stimmung kommt bisher gut rüber und wird übrigens auch von Menschen unterstützt, die eher selten ins Theater oder Konzert gehen, die aber um den Wert der traditionsreichen Einrichtungen wissen und sich auch deshalb gegen die drohende Schließung stellen.

nnz: Was sagen Sie denen, die daran erinnern, dass überall gespart werden muss und auch die Kultur einen Beitrag zu leisten hat?

Schwerdtfeger: Da stimme ich im Grundsatz zu. Als Steuerzahler habe ich ein natürliches Interesse, dass die öffentlichen Hände unser aller Geld vernünftig einsetzen. Allerdings gibt es zwischen „einen Beitrag leisten“ und der 70%-Schließungskeule einige Zwischentöne! Die Unausgewogenheit der Pläne stört mich persönlich am meisten. Und auch, dass damit ausgerechnet eine Kultureinrichtung aufs Spiel gesetzt wird, die in den letzten Jahren verantwortlich geplant hat und zahlreiche, teils sehr schmerzliche Beiträge zur Einsparung – und damit zum Erhalt – geleistet hat. So waren wir bei der Fusion von Theater und Orchester in 1992 eine der ersten Kultur-GmbHs, wodurch die Grundlage für flexibles und kostengünstiges Wirtschaften gelegt wurde.

Weitere Stichworte: Outsourcing und Verschlankung - von 302 Stellen in 1992 gibt es heute noch 201. Verlust der Schauspielsparte und Kooperation mit Rudolstadt, Lohnverzicht aller Mitarbeiter. – Kurz: Sowohl die kommunalen Träger als auch das Unternehmen haben ihre Hausaufgaben gemacht und diszipliniert gewirtschaftet. Dies wird nach meinem Empfinden in Erfurt bislang nicht ausreichend zur Kenntnis genommen.

Zur gelegentlich umherirrenden Frage „warum eigentlich Kultur?“ möchte ich erinnern an ein Wort unseres früheren Bundespräsidenten Johannes Rau. Er sagte: "Kunst und Kultur sind nicht wie die Sahne auf dem Kuchen, die man dazu nutzt, wenn es einem gut geht, sondern sie sind die Hefe im Teig. Wer diese Hefe nicht in den Teig tut, der bekommt Steine statt Brot." Das beschreibt die Rolle von Kultur in unserer schnelllebigen, aufregenden, wertearmen und Kräfte zehrenden Gesellschaft sehr gut.

nnz: Ihre Einschätzung der Kampagne und der Unterstützung klingt insgesamt dennoch positiv. Wendet sich also alles zum Guten?

Schwerdtfeger: Die Kampagne läuft tatsächlich prima und eine Wende zum Guten wünschen wir uns sehr. Aber wir sollten auf der Hut sein. Es ist viel zu früh, um Entwarnung zu geben. Die starken und doch bisher sehr sachlichen Aktionen der Bürger – die nicht zuletzt auch Wähler sind - zeigen Wirkung. Unsere Argumente und die Vorschläge der kommunalen Träger werden gehört und geprüft. Nicht mehr und nicht weniger. Wir brauchen aber einen langen Atem, sicher bis in den Herbst. Gern würde ich diese Gelegenheit nutzen, um auch im Namen von Intendant Tietje und der Belegschaft allen sehr herzlich und aufrichtig zu danken, die sich bisher eingebracht haben, die Kampagne unterstützt haben und Ihre Verbundenheit und Solidarität damit ausdrücken. Um mit Brecht zu sprechen: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“
Autor: nnz

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