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Mo, 15:21 Uhr
15.05.2006

Der Mann war hier!

Nordhausen (nnz). Die Stadt Nordhausen am Fuße des Südharzes steht in der Feiningerlandschaft Thüringens verzeichnet! Und vielleicht auch deshalb wird es noch in diesem Monat ein außergewöhnliches Kunstereignis geben. Dazu ein Vorgeschmack – aufgeschrieben in der nnz von Heidelore Kneffel.


Am 27. Mai 2006 wird es in Nordhausen in und an der Blasiikirche ab 20.30 Uhr den Abschluss des Festivals der Künste und Sinne - „Erlebnis Feininger“ - geben, initiiert von der Landesmusikakademie Sondershausen vom 25. bis 27. Mai. Die Veranstaltung in der Kirche „St. Blasii“ steht unter dem Motto: “ Kirche - Kunst - Musik“, und um 22.00 Uhr beginnt die Lichtinszenierung an dem Gotteshaus mit Musik von Silke Gonska.

Erinnern wir uns! Dass der deutsch-amerikanische Maler und Grafiker Lyonel Feininger sich auch in Nordhausen aufgehalten und ein mittelalterliches Kirchenmotiv mehrmals gezeichnet hatte, war Anfand der 1990er Jahre nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Erst als ein Kunsthändler aus Hamburg der Leitung des Meyenburgmuseums Ende 1992 ein Aquarell der St.-Blasii-Kirche anbot, erinnerten sich einige Bürger, dass man davon schon einmal erfahren hatte.

Herbert Gerhardt, jahrelang an der Herausgabe des „Kirchliches Mitteilungsblattes“ für die evangelischen Gemeinden der Stadt Nordhausen - Harz beteiligt, brachte mir nach Bekanntwerden des Aquarellangebotes die Nr. 8/9 1972 der Publikation, auf deren Titelblatt eine schwarz-weiß Reproduktion eines Bildes zu sehen ist, die beiden ungleichen Türme der Blasiikirche darstellend, erblickt durch zwei angeschnittene Häuser. Darunter stand: Kirche St. Blasii Nordhausen, Gemälde von Lyonel Feininger (1871 - 1956). In der Zwischenzeit ist bekannt, dass es sich um das dritte Aquarell dieses Motives handelt, das Feininger 1947 schuf, als er wieder in den USA lebte. Es hängt in einer öffentlichen Kunstsammlung in den Vereinigten Staaten, und zwar in Chicago.

Auch darüber liegt eine Veröffentlichung vor. Die „Nordhäuser Nachrichten“, eine von ehemaligen Nordhäusern in der Bundesrepublik Deutschland herausgegebene Zeitschrift, nach der Vereinigung vom Stadtarchiv Nordhausen fortgeführt, brachte in der Ausgabe Nr. 93 von 1979 eine Abbildung des Blasiikirchen-Bildes von 1947 nebst eines Briefes von Achim von Lorne. Er schreibt, dass er auf einer Konzertreise durch die USA bei einem Gang durch das „Art Institute“ in Chicago ein Bild entdeckte, das ihn ins Staunen versetzte. “Erst traute ich meinen Augen nicht, dann erkannte ich sie: Die Blasiikirche, in der ich konfirmiert wurde - und dazu gemalt von Lyonel Feininger... Bis dahin wußte ich nicht, daß ein solches existiert, und vielleicht wäre es wissenswert auch für andere Nordhäuser...“

Von Ruth Volke aus Oldenburg, auch einer ehemaligen Nordhäuserin, bekam ich durch Vermittlung der Buchhändlerin Rose eine farbige Postkartenkopie, so dass man eine Ahnung von der Farbgestaltung dieses dritten Aquarelles bekam. Auf der Rückseite steht: Steeples of St. Blaise, Lyonel Feininger, American, 1871 - 1956, Gift of Annie Swan Coburn, The Art Institute of Chicago. Leider erhielt ich auf meine Nachfrage dort, auf welche Art das Bild wann in das Museum kam, keine Antwort.

Die Neugier bei Kunstinteressierten in Nordhausen war also Anfang 1993 geweckt, und die Leitung des Meyenburgmuseums und der Förderverein „Forum der Künste“ wandten sich an den Feininger-Experten der Galerie Moritzburg in Halle, Herrn Wolfgang Büche. Der sagte seine Hilfe bei der Suche nach dem Termin von Feiningers Aufenthalt in Nordhausen zu, denn der Künstler schuf seine farbigen Ansichten von Bauwerken nur, wenn er vor Ort Skizzen angefertigt hatte, seine Natur-Notizen, Feiningers „Erinnerungsarchiv“. Es gibt davon mehr als 6000 Blätter, aufbewahrt im Busch-Reisinger Museum, Havard University Art Museums, Cambridge, Mass., darunter auch die aus Nordhausen.

Im März 1993 hielt Wolfgang Büche im Meyenburgmuseum einen Vortrag über Feiningers berühmte Kirchenturmbilder und die Gekommenen erfuhren, dass der Künstler am 1. April 1932 in Nordhausen gewesen sein musste, denn mit diesem Datum hatte er vier Natur-Notizen gekennzeichnet, die das Viertel um „St. Blasii“ und besonders die ungleichen Türme dieser mittelalterlichen Kirche zeigen. Bereits kurze Zeit danach schuf Feininger zwei Aquarelle von diesem Motiv, und zwar am 22. und 23. Mai 1932. Das dritte, wie eingangs dargelegt, entstand 15 Jahre später, als er seit 10 Jahren wieder in den USA lebte, da er aus Deutschland flüchtete, weil ihn die nationalsozialistischen Machthaber als „entarteten Künstler“ diffamiert hatten und seine Kunstwerke aus den Museen entfernen ließen. An diesem Märzabend 1993 zeigte Wolfgang Büche die vier Natur-Notizen Feiningers und die drei bekannt gewordenen Aquarelle von Nordhausen.

Damit viele Nordhäuser Gelegenheit hatten, von Lyonel Feiningers Kunst Kenntnis zu erhalten, gestaltete das Buchhaus Rose von März bis Mai 1993 eine größere Schaufenster-Ausstellung mit Reproduktionen, darunter auch zwei der Nordhausen-Aquarelle. Es war klar, die Stadt Nordhausen konnte den Kaufpreis nicht allein auf ihre Schultern nehmen. Deshalb wurde ein Spendenkonto eingerichtet. Aber die Bürgerschaft der Rolandstadt war damals für den ideellen und materiellen Wert von Weltkunst noch nicht genug sensibilisiert. Die große Kunstschenkung der Künstlerin Ilsetraut Glock hatte die Kunstlandschaft Nordhausens noch nicht verändert, die Kreissparkasse begann erst mit ihrem bemerkenswerten Kunstsponsoring.

Heute, ja heute im vielbeachteten Feiningerjahr 2006 sähe das Bemühen der Stadt und der Bewohner wohl anders aus, andere Städte zeigen es zur Zeit! Sparsam gefüllte kommunale Kassen sind ja nicht wirklich das Aus für Kunst- und Kulturengagement! Bürgerinitiative vermag sehr viel, wie Beispiele auch in unseren Breiten beweisen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein! Zitiert wird dieser Satz sehr oft, aber man sollte ihn auch, Widerständen zum Trotz, praktizieren. Der Mensch braucht mehr denn je „Schönheit und Lust und Zuckererbsen nicht minder“, wie es der Dichter Heinrich Heine ausdrückte.
Heidelore Kneffel
Autor: nnz

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