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Di, 08:55 Uhr
04.12.2001

JS-Special: Mit der Bildung krankt es

Nordhausen (nnz). Über die mangelnde Bildung junger Menschen ist auch auf diesen Seiten schon wiederholt geklagt worden. In der Studie „PISA“, die heute offiziell vorgestellt wird, wird der Mangel offenkundig.


Was ist nur im Land der Dichter und Denker aus der Bildung geworden? Mit ihrer dürftigen Qualität taugt das deutsche Schulsystem in der Liga aus 32 OECD-Staaten gerade mal für Platz 25. Dagegen liegen sechs europäische Länder mit integrativen und ganztägigen Schulformen im Spitzenfeld. Obwohl der bisher weltweit größte Schulleistungstest unter dem Namen PISA offiziell erst heute vorgestellt wird, kursiert dessen Ergebnis in Fachgremien bereits seit Tagen.

Noch nie hat eine Studie so deutlich und schonungslos die inneren Schwächen des deutschen Schulsystems bloßgelegt wie diese: Fast jeder fünfte Schüler wird unzureichend vorbereitet ins Leben und in den Beruf entlassen - sie schafften gerade mal die niedrigste Schwierigkeitsstufe. Und gleichzeitig sind Deutschlands Schulen nach wie vor Spitzenreiter in der sozialen Selektierung. In kaum einem anderen Industriestaat ist die Herkunft so entscheidend über den Schulerfolg.

Getestet wurden in der von der OECD durchgeführten Studie die Fähigkeiten von insgesamt 200.000 Schülern im Alter von 15 Jahren. In der internationalen Wertung liegt Deutschland danach auf einer Niveaustufe mit Brasilien und Russland. Bei der Lesekompetenz - der Fähigkeit, den Sinn eines Textes zu erkennen und daraus Schlüsse zu ziehen - erreicht Deutschland nur einen der hintersten Plätze. Nur Lettland, Brasilien und Mexiko waren noch schlechter. Für den Test mussten die Schüler unter anderem Fahrpläne und Beipackzettel lesen und verstehen. Fast jeder zehnte deutsche Schüler (9,9 Prozent) erreichte nicht einmal das unterste Leistungsniveau. Weitere 12,7 Prozent kamen gerade noch damit zurecht. Das trifft auch auf die bereits durch frühere Studien bekannten Schwächen bei problemorientierten Aufgaben in Mathematik und Naturwissenschaften zu, die nicht mit formelhafter Routine zu lösen sind. Dagegen kommen Finnland, Großbritannien, Irland, Belgien, Norwegen und Schweden, die allesamt auf die Ganztagsschule setzen und - wenn überhaupt - erst spät in Schulzweige trennen, mit ausgezeichneten Noten für Lesekompetenz unter die ersten zehn PISA-Ränge. Die Mehrzahl der leistungsschwachen Schüler ist männlich und stammt aus sozial schwachen Milieu. Vor allem bei Kindern von Einwanderern sei die sprachliche Integration weitgehend unzureichend. Anders als in anderen Ländern gelingt es den deutschen Schulen nicht, herkunftsbedingte Nachteile auszugleichen. Insgesamt seien für Schüler aus der Unter- und Arbeiterschicht die Hürden in Deutschland ungleich höher als in den meisten anderen Industriestaaten.

Aber selbst die besten deutschen Schüler bleiben im internationalen Vergleich nur Mittelmaß. Die alte deutsche Begründung für das dreigliedrige Schulsystem, wonach zu viele schlechte Schüler die Klasse beim Lernen bremsen, wird durch den PISA-Test in Frage gestellt. In erfolgreichen Ländern wie Finnland, Schweden, Kanada, Irland, Großbritannien oder Japan lernen gute wie schlechte Schüler mindestens neun Jahre gemeinsam in einer Klasse. Die Ganztagsform bewirkt ein übriges. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) forderte in „Welt am Sonntag“ eine bessere und frühere Förderung der Kinder. Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Annette Schavan, forderte laut Focus als Konsequenz der Studie eine bessere Lehrerbildung und die Pflicht zur Fortbildung. Eine Zielvorstellung, die auch kürzlich Staatssekretär Wolf-Michael Catenhusen in einem Vortrag an der FH Nordhausen in den Raum stellte.

Der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände sprach von einer „neuen Bildungskatastrophe“. Die schlechten Ergebnisse seien umso gravierender, weil in der Studie nicht Faktenwissen, sondern die Anwendung von Wissen geprüft wurde.
Autor: nnz

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