Mi, 15:45 Uhr
15.03.2006
Am Anfang war der Schuh
Nordhausen (nnz). Die Liebe zu Schuhen wird eher bei Frauen vermutet. Wenn ein kleiner Junge diesen Tick hat, ist er wohl nicht normal. Felix ist eben anders, er ist Autist. Aus seiner Vorliebe für Schuhe entwickelte sich ein Förderzentrum. Das bot heute Einblicke.
Am Anfang war der Schuh (Foto: nnz)
Yvette Schatz und Silke Schellbach hatten heute die Türen des Heilpädagogischen Förderzentrums geöffnet. Kinder mit autistischer Behinderung finden hier Unterstützung. Jeder Mensch ist anders, auch mit dieser Behinderung. Darauf baut das neue Förderungskonzept der beiden Frauen auf. Angefangen hat die Arbeit vor sieben Jahren mit Felix, einem fünfjährigen Jungen, der sich ausschließlich für Schuhe interessierte. Seine Eltern nahm der Kleine nur soweit zur Kenntnis, daß sie es waren, die ihm neue Schuhe beschaffen konnten. Normale Beziehungen mit anderen Menschen konnte er nicht aufbauen.
Wir müssen bei den Interessen der Kinder ansetzen. Erklärte Silke Schellbach beim Rundgang durch das Objekt in der Albert-Träger-Straße 3. Felix haben wir vermittelt, daß wir uns genauso für Schuhe interessieren wie er. Dann konnten wir ein Lernprogramm entwickeln, welches auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist. In jeder Übung fand er sein Lieblingsspielzeug wieder. Inzwischen hat er auch andere Interessen. Das ist wie bei gesunden Kindern auch, irgendwann wird auch das schönste Spiel langweilig. Von diesem ersten Patienten ist der Schuh geblieben, als Logo des Autismuszentrums.
Inzwischen ist die Arbeit von Kleine Wege anerkannt und sehr begehrt. Nicht nur aus Nordhausen und der näheren Umgebung kommen Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Aus ganz Thüringen, aber auch aus den angrenzenden Bundesländern, werden Autisten von ihren Eltern hergebracht. Die Therapie dauert in der Regel zwei bis vier Jahre. Vieles kann und soll im Alltag zuhause, in der Schule oder der Behindertenwerkstatt umgesetzt werden. Zum Konzept der Kleinen Wege gehört es nämlich, billige Alltagsgegenstände als Lernmittel zu verwenden. Diese Dinge sprechen gesunde wie autistische Kinder an und motivieren sie zum lernen und ausprobieren.
Autismus ist nicht so selten, wie man vielleicht vermutet, denn die Betroffenen sehen oft nicht behindert aus. 20 bis 25 von 10.000 Menschen haben diese Kontaktstörung, die in unterschiedlichen Formen auftritt. Bei den vom frühkindlichen Autismus Betroffenen sind 60-75 % geistig behindert. Sie werden meist von Anfang an in entsprechenden Tagesstätten und Schulen betreut und gefördert, brauchen aber zusätzlich noch Hilfe, um besser mit der Umwelt in Kontakt zu kommen. Rund die Hälfte der Autisten lernt nie sprechen. Die Therapeuten versuchen dann, die Kinder zur Kommunikation mit Bildmappen zu motivieren. Silke Schellbach zeigte einige Beispiele für Mappen und Tagespläne, die für Autisten ganz wichtig sind, weil sie Angst haben vor unbekannten Dingen und Abläufen. Sie brauchen feste Strukturen.
Eine weitere Form ist der Asperger oder hochfunktionale Autismus. Die Betroffenen sind normal oder sogar hochintelligent. Sie können auf einem Gymnasium lernen, haben es aber dort nicht leicht. Ein Junge hat sich in den Therapiestunden dazu Gedanken gemacht und auf einem Plakat festgehalten. Wegen seines Verhaltens eckt er immer wieder bei Mitschülern an. Sie machen sie über ihn lustig und grenzen ihn aus. Es stört ihn, immer das Opfer zu sein. Ein Therapeut und die Sozialgruppe helfen ihm, diese Rolle zu überwinden. In der Gruppe lernen Autisten gemeinsam soziales Verhalten.
Rund 90 Kinder, Jugendliche und Erwachsene zwischen 2 und 54 Jahren werden in Nordhausen gefördert. Sechs Therapeuten kümmern sich um sie. Zuhause sollen die Eltern ihre Kinder weiter unterstützen. Seit drei Jahren sei die Nachfrage nach passendem Material gestiegen. Daraus entstand der Verlag Kleine Wege, der Bücher und Spiele von und für Autisten entwickelt und vertreibt. Zwei Jungen absolvieren hier ihr Praktikum. Sie besuchen die Werkstufe in Schulen für geistig Behinderte. Silke Schellbach sagte, sie möchte damit einen Beitrag leisten, die Betroffenen in den ersten Arbeitsmarkt einzugliedern. Das sei derzeit noch sehr selten.
Momentan suchen die beiden Initiatorinnen nach einem größeren Lager für das Fördermaterial und nach geeigneten Seminarräumen. Da das Konzept der Kleinen Wege so großes Interesse und entsprechende Anerkennung gefunden hat, expandieren die Frauen und wollen im September eine Außenstelle in Erfurt ausbauen. Fördermittel bekommen sie dafür nicht. Mehr zur Behandlung der autistischen Störung finden sie unter diesem Link. Zum Förderzentrum geht es hier entlang.
Autor: wf
Am Anfang war der Schuh (Foto: nnz)
Yvette Schatz und Silke Schellbach hatten heute die Türen des Heilpädagogischen Förderzentrums geöffnet. Kinder mit autistischer Behinderung finden hier Unterstützung. Jeder Mensch ist anders, auch mit dieser Behinderung. Darauf baut das neue Förderungskonzept der beiden Frauen auf. Angefangen hat die Arbeit vor sieben Jahren mit Felix, einem fünfjährigen Jungen, der sich ausschließlich für Schuhe interessierte. Seine Eltern nahm der Kleine nur soweit zur Kenntnis, daß sie es waren, die ihm neue Schuhe beschaffen konnten. Normale Beziehungen mit anderen Menschen konnte er nicht aufbauen.
Wir müssen bei den Interessen der Kinder ansetzen. Erklärte Silke Schellbach beim Rundgang durch das Objekt in der Albert-Träger-Straße 3. Felix haben wir vermittelt, daß wir uns genauso für Schuhe interessieren wie er. Dann konnten wir ein Lernprogramm entwickeln, welches auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist. In jeder Übung fand er sein Lieblingsspielzeug wieder. Inzwischen hat er auch andere Interessen. Das ist wie bei gesunden Kindern auch, irgendwann wird auch das schönste Spiel langweilig. Von diesem ersten Patienten ist der Schuh geblieben, als Logo des Autismuszentrums.
Inzwischen ist die Arbeit von Kleine Wege anerkannt und sehr begehrt. Nicht nur aus Nordhausen und der näheren Umgebung kommen Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Aus ganz Thüringen, aber auch aus den angrenzenden Bundesländern, werden Autisten von ihren Eltern hergebracht. Die Therapie dauert in der Regel zwei bis vier Jahre. Vieles kann und soll im Alltag zuhause, in der Schule oder der Behindertenwerkstatt umgesetzt werden. Zum Konzept der Kleinen Wege gehört es nämlich, billige Alltagsgegenstände als Lernmittel zu verwenden. Diese Dinge sprechen gesunde wie autistische Kinder an und motivieren sie zum lernen und ausprobieren.
Autismus ist nicht so selten, wie man vielleicht vermutet, denn die Betroffenen sehen oft nicht behindert aus. 20 bis 25 von 10.000 Menschen haben diese Kontaktstörung, die in unterschiedlichen Formen auftritt. Bei den vom frühkindlichen Autismus Betroffenen sind 60-75 % geistig behindert. Sie werden meist von Anfang an in entsprechenden Tagesstätten und Schulen betreut und gefördert, brauchen aber zusätzlich noch Hilfe, um besser mit der Umwelt in Kontakt zu kommen. Rund die Hälfte der Autisten lernt nie sprechen. Die Therapeuten versuchen dann, die Kinder zur Kommunikation mit Bildmappen zu motivieren. Silke Schellbach zeigte einige Beispiele für Mappen und Tagespläne, die für Autisten ganz wichtig sind, weil sie Angst haben vor unbekannten Dingen und Abläufen. Sie brauchen feste Strukturen.
Eine weitere Form ist der Asperger oder hochfunktionale Autismus. Die Betroffenen sind normal oder sogar hochintelligent. Sie können auf einem Gymnasium lernen, haben es aber dort nicht leicht. Ein Junge hat sich in den Therapiestunden dazu Gedanken gemacht und auf einem Plakat festgehalten. Wegen seines Verhaltens eckt er immer wieder bei Mitschülern an. Sie machen sie über ihn lustig und grenzen ihn aus. Es stört ihn, immer das Opfer zu sein. Ein Therapeut und die Sozialgruppe helfen ihm, diese Rolle zu überwinden. In der Gruppe lernen Autisten gemeinsam soziales Verhalten.
Rund 90 Kinder, Jugendliche und Erwachsene zwischen 2 und 54 Jahren werden in Nordhausen gefördert. Sechs Therapeuten kümmern sich um sie. Zuhause sollen die Eltern ihre Kinder weiter unterstützen. Seit drei Jahren sei die Nachfrage nach passendem Material gestiegen. Daraus entstand der Verlag Kleine Wege, der Bücher und Spiele von und für Autisten entwickelt und vertreibt. Zwei Jungen absolvieren hier ihr Praktikum. Sie besuchen die Werkstufe in Schulen für geistig Behinderte. Silke Schellbach sagte, sie möchte damit einen Beitrag leisten, die Betroffenen in den ersten Arbeitsmarkt einzugliedern. Das sei derzeit noch sehr selten.
Momentan suchen die beiden Initiatorinnen nach einem größeren Lager für das Fördermaterial und nach geeigneten Seminarräumen. Da das Konzept der Kleinen Wege so großes Interesse und entsprechende Anerkennung gefunden hat, expandieren die Frauen und wollen im September eine Außenstelle in Erfurt ausbauen. Fördermittel bekommen sie dafür nicht. Mehr zur Behandlung der autistischen Störung finden sie unter diesem Link. Zum Förderzentrum geht es hier entlang.

