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Do, 19:02 Uhr
20.10.2022
Dokumentation aus dem Schloss Heringen

Das älteste Dorf

Im Boden schlummert mancher Schatz und vor etwas mehr als zehn Jahren hatte man in der Goldenen Aue das Glück, einen eben solchen zu heben. Was man im "ältesten Dorf Thüringens" gefunden hat, dass zeigt das Schloss Heringen seit gestern auch im Film...

In der Goldenen Aue wurden zwischen 2011 und 2014 Spuren aus mehreren Jahrtausenden menschlicher Besiedlung entdeckt (Foto: agl) In der Goldenen Aue wurden zwischen 2011 und 2014 Spuren aus mehreren Jahrtausenden menschlicher Besiedlung entdeckt (Foto: agl)


Archäologie kann zwiespältig sein. Zum einen ist es die Aufgabe der Wissenschaft, die Zeugnisse der Vergangenheit aus dem Boden zu holen, zum anderen würde man die Artefakte heutzutage aber viel lieber dort belassen, wo sie tausende Jahre mehr oder minder unbeschadet überstanden haben. Doch manchmal geht das nicht, manchmal muss der Spaten ran bevor die Bagger kommen.

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In etwa so stellte sich die Situation auch im Jahr 2011 dar, als vor den Toren Nordhausen, ein Stück hinter Bielen, der Spatenstich zum „Industriegebiet Goldene Aue“ fallen sollte. Auf den Feldern sagen sich bis heute Hase und Igel Gute Nacht und die Industrie lässt weiter auf sich warten. Dennoch wurde durch die ganze Plackerei etwas von Wert gewonnen, denn was die Archäologen damals zu Tage förderten waren nichts weniger als Schätze und das nicht nur im wissenschaftlichen Sinn.

Rund 10.000 Objekte holte man zwischen 2011 und 2014 aus der Erde und man hätte gut und gerne noch fünf Jahre länger graben können, berichtete gestern Abend Dr. Mario Küßner, der Spatenforscher, der die Ausgrabungen damals geleitet hat. Die Spezialisten im Landesdenkmalamt können in den vielen Scherben lesen wie in einem Buch.

Dr. Mario Küßner konnte mit seinem Team über 10.000 Objekte vor dem Bagger retten und stand gestern im Heringer Schloss noch einmal Rede und Antwort (Foto: agl) Dr. Mario Küßner konnte mit seinem Team über 10.000 Objekte vor dem Bagger retten und stand gestern im Heringer Schloss noch einmal Rede und Antwort (Foto: agl) Sogenannte „Linienbandkeramiker“ waren es, die aus dem Süden kommend hier als erste Wurzeln schlugen. Die ersten Menschen zwischen Südharz und Kyffhäuser waren sie nicht, Jäger und Sammler hatte es hier schon vorher gegeben. Aber sie waren die ersten, die an Ort und Stelle blieben und vor über sieben Jahrtausenden das älteste bekannte Dorf Thüringens gründeten.

Den Vorgang, der sich über hunderte Jahre und unzählige Generationen hinstreckte, nennen wir heute die „Neolithische Revolution“, denn die Sesshaftwerdung des Menschen war nicht weniger als eine Revolution, vielleicht der bedeutendste Schritt, den die Menschheit je getan hat. Die Wiege der Zivilisation wie wir sie kennen, liegt hier, in der Jungsteinzeit.

Das älteste Dorf Thüringens
Gelockt wurden die kleinen Gruppen von Menschen, die meist kaum mehr als 20 oder 30 Individuen ausmachten, vom guten Boden der Goldenen Aue und der stabilen Wasserversorgung. Ihre ersten Siedlungen waren nicht groß, nur ein paar lange, ausladende Häuser aus in den Boden getriebenen Baumstämmen und Wänden aus Flechtwerk und Lehm, in denen Mensch wie Tier gemeinsam unterkamen.

Aber es muss viele dieser kleinen Dörfer in der Region gegeben haben. Dafür spricht die Kreisgrabenanlage, die man ebenfalls nahe Bielen fand. Mit viel Aufwand und körperlichem Einsatz trieben die Menschen hier einen Pfahl nach dem anderen in die Erde, bis eine Reihe konzentrischer Kreise entstand, die dann von einem irdenen Wall umgeben wurden. Zwischen den Palisaden ließen sie, genauestens platziert, Lücken durch die das Licht zu bestimmten Zeiten im Jahr direkt auf die Mitte des Platzes scheinen konnte, etwa zu den Sonnenwendzeiten.

Mit knapp 100 Hektar Grabungsfläche war das Vorhaben in der Goldenen Aue die zweitgrößte Ausgrabung ihrer Art, die es auf Thüringer Boden je gegeben hat (Foto: Landesamt für Denkmalpflege, 2012) Mit knapp 100 Hektar Grabungsfläche war das Vorhaben in der Goldenen Aue die zweitgrößte Ausgrabung ihrer Art, die es auf Thüringer Boden je gegeben hat (Foto: Landesamt für Denkmalpflege, 2012)


Eine solche Nutzung als astronomischer Kalender vermutet die gängige Theorie zu den Anlagen, die man bisher vor allem entlang der vermuteten Migrationsrouten, die sich aus Südosteuropa gen Mitte bewegten, entdeckt wurden. Doch viel weiß man mit Sicherheit nicht zu sagen, die Anlagen bleiben rätselhaft. In der Goldenen Aue wird das Areal schon nach knapp 200 Jahren aufgegeben, vermutlich sogar rituell zu Grabe getragen, bleibt aber für gute 2.000 Jahre sichtbar und wird in einem Fall nach der Aufgabe als Begräbnisstätte genutzt.

Man darf vermuten, dass es ein bedeutsamer Ort gewesen sein muss, ein Platz auch für Zusammenkünfte und Treffen der Menschen aus der Region. Wie weit sie tatsächlich gereist sind, dass bleibt reine Spekulation. Sicher ist, dass manch wertvolle Ware ihren Weg bis in die Aue fand und hier manche, womöglich hochgestellte, Persönlichkeit schmückte. Im Grab einer jungen Frau, die man inzwischen als die „Dame der Goldenen Aue“ bezeichnet, fanden sich hunderte Spondilus Muscheln, die zu einem prächtigen Schmuckwerk zusammengefügt worden waren sowie eine Kette aus unzähligen Hundezähnen. Die Muscheln kommen nur im Mittelmeer oder dem Schwarzen Meer vor, sie hatten also schon einen weiten Weg hinter sich, als sie bei Bielen in den Boden gelangten.

Wer die Dame wirklich war, wissen wir nicht. Wir wissen nicht, wie sich die Menschen nannten die hier lebten, welche Sprache sie gebrauchten, wie sie ihre Riten und Feste feierten, wie sie ihre neue, sesshafte Gesellschaft organisierten. Eine Schrift gibt es noch nicht, alles was auf uns kommt sind Dinge und Spuren, die der Zeit im Boden trotzen können.

Und doch können wir viel über unsere Vorfahren und ihre Lebensweise erfahren und berichten. Das Schloss Heringen, in dem vor drei Jahren eine Ausstellung mit den Funden aus der Region eröffnet wurde, hat das jetzt auch in Form einer Dokumentation getan. Die erzählt in knapp 27 Minuten noch sehr viel mehr, als es diese paar Zeilen könnten und soll demnächst auf YouTube frei zugänglich sein. Wer solange nicht warten mag, dem sei ein Besuch im Museum ans Herz gelegt, die kleine aber feine Ausstellung rund das „älteste Dorf Thüringens“ ist in jedem Falle sehenswert.
Angelo Glashagel
Autor: red

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