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Di, 17:22 Uhr
07.02.2006

Was möglich war, das habe ich gesungen...

Nordhausen (nnz). Die nnz veröffentlicht heute das Porträt eines Sängers, der endlich Zeit für anderer Sänger Lieder hat. Von Evelyn Lange


Man wird jetzt ohne ihn auskommen müssen auf den Brettern, die die Welt bedeuten, ohne die vertraute Stimme, das bekannte Gesicht. Es ist für das Nordhäuser Theater-publikum kaum denkbar und vielleicht hat es manch einer noch gar nicht bemerkt: Der Bariton Wolfgang Lambertz hat nach 27 Nordhäuser Bühnenjahren seinen Hut genommen. Ob es ein Wiedersehen gibt? Vielleicht. Bis zum 102. Geburtstag möchte er aller-dings nicht auf der Bühne stehen...


Jetzt steht Wolfgang Lambertz in der Wohnungstür, groß, freundlich, entspannt. Mit einladender Geste grüßt er schon, während die Glaskabine des Lifts noch in die letzte Etage des gepflegten Mehrfamilienhauses im Nordhäuser Osten summt. „Sie haben Blumen mitgebracht? Doch nicht etwa für mich?“ schmunzelt der Gastgeber. Kaffeeduft zieht durch die weitläufige Wohnung. Im großen, gediegen eingerichteten Wohnzimmer sind die Gardinen zurückgezogen und geben den Blick frei auf die Dächer der Stadt. Die letzten zaghaften Sonnenstrahlen des Winternachmittages färben die Wolken am Horizont rot. „Das müssten Sie in der Silvesternacht sehen, eine tolle Kulisse für ein Feuerwerk“, sagt Wolfgang Lambertz. Da hinten, ein wenig versteckt, ist das Theater. Nur 800 Meter entfernt, kein langer Weg zur Arbeit.

Diesen Weg zur Arbeit wird der 63-Jährige nun nicht mehr gehen müssen. Wollen vielleicht, aber müssen - das ist seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag des vergangenen Jahres vorbei. Frau Siglinde geht hinaus, um einen Brief zu schreiben. Es gehe ja hier um ihren Mann, sagt sie ganz selbstverständlich. Sie kennt sich aus im Künstlerleben. Vor vielen Jahren hatte Wolfgang Lambertz die junge Sängerin aus Erfurt kennen gelernt, damals in Meiningen, in seinem ersten Engagement. Obwohl das Paar seither selten getrennt war, kann es erst jetzt vieles gemeinsam unternehmen. Ja, sie sind nun im Ruhestand – die beiden agilen Menschen müssen sich selbst erst einmal daran gewöhnen.

Wolfgang Lambertz lehnt sich zurück, schlägt die Beine übereinander. Seine kerzengerade Haltung gibt er nicht auf. Seit zwei Bandscheibenoperationen muss er auf seinen Rücken achten. Auf dem Tisch liegen Umschläge mit alten Fotos. „Das ist mein Großvater im „Barbier von Sevilla“, zeigt der Gastgeber eine vergilbte Fotografie mit dem Vorfahren in Kostüm und Pose. Die Ähnlichkeit ist augenfällig. Es ist die Nase, die berühmte Lambertz – Nase. Das tiefe Lachen füllt den ganzen Raum. Die haben sie alle, die Onkels und Tanten auf den alten Bildern, die ganze musikalische Großfamilie in Plauen im Vogtland, in die er 1942 hinein geboren wurde.

Ins Theater, wo der Vater seit Kriegsende als Chorsänger agiert, tragen Wolfgang Lambertz schon die kleinen Kinderbeine. Als für den Chor der Gassenjungen in „Carmen“ Kinder gesucht werden, ist der Junge nicht zu halten So sehr der Vater sich müht, sein Sohn ist infiziert mit dem Theater-Virus. Einen anständigen Beruf soll er lernen. Doch der Abiturient hält die Musik durchaus für respektabel, er weiß nichts Besseres für sich. Sicher, irgendwann finden sich die Eltern damit ab und irgendwann sind sie auch sehr stolz auf ihren Jungen.

Der merkt, dass sein Bass in die Höhe strebt, hinauf zum Bariton. Da kommt der Ruf nach Nordhausen 1978 gerade recht. „Ich dachte: König an einem kleinen Haus ist doch allemal besser als Diener in einem großen Haus und so wechselten wir in diese damals noch sehr graue Stadt.“ Wolfgang Lambertz richtet sich ein im kleinen Theater im kleinen Nordhausen. Da gib es keine Machtkämpfe unter Mehrfachbesetzungen, hier ist die Besetzungsliste klar. Jedenfalls die letzten 10 bis 15 Jahre. Die Arbeit gut zu machen, das ist sein Ehrgeiz, nicht von Haus zu Haus zu hetzen, eines immer größer und berühmter als das andere. 27 Jahre singt der bodenständige Künstler an seiner Bühne, wie er sagt, wo jeder jeden kennt. Die Berechenbarkeit hat Vorteile, gewiss. Aber ein frischer Wind so ab und an lüftet auch mal durch.

Was vor 1990 so zementiert, so sicher ist, gerät danach ins Wanken. Wie wird die neue Freiheit mit Kultur umgehen? Sie kostet Geld und kann sich nicht allein tragen. Sie konnte das nie, nur war das in der DDR geregelt. Lambertz ist froh, fest engagiert zu sein. Das Klima verändert sich. Wie ein Fels in der Brandung übersteht er diese Zeit, so wie er das Lampenfieber immer wieder übersteht.

Der gestandene Bariton singt mit Fünfzig den Papageno in der „Zauberflöte“. Das hätte er nicht gedacht. Und dann, nach 48 Jahren Wagner-loser Zeit in Nordhausen, geht ein Wunschtraum in Erfüllung: Der „Fliegende Holländer“ kommt auf die Bühne und Lambertz darf ihm seine Stimme geben. Eine tolle Geschichte, begeistert sich der Sänger, als hätte sie gerade erst geendet und nicht schon vor vier Jahren.

Er erzählt und erzählt, kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Ja, er sei mit Leib und Seele Bariton. Keine Rampensau, wie es im Theaterjargon heißt, bestimmt nicht. Er habe nur seine Arbeit gemacht. Wochenlang mit Akribie und ungeheurem Fleiß muss eine Partie einstudiert werden, wieder und wieder gesungen, auch zu Hause. Die Nachbarn? Sie machen das Radio aus und lauschen ihm, dem bekannten Opernsänger. Und wenn ihm auf der Bühne wirklich mal die Worte fehlen, denkt er sich was aus: zum Rhythmus muss es passen. „Da ist soviel Krawall ringsherum, das merkt kein Mensch“, lacht Lambertz schallend.

Lang ist die Liste der Rollen, die er sang und spielte. „Was möglich war, das habe ich gesungen“, sagt er. Nein, es gab mitnichten nur Sonnenschein am Bühnenhimmel. Die glücklose „Othello“-Inszenierung 2003 fällt ihm ein. Es ist nicht jeder Schauspielregisseur auch ein guter Opernregisseur. Wenn den die Musik nicht wirklich interessiert, tun ihm, dem Sänger, die Werke wie das Ensemble und das Publikum gleichermaßen leid. Opern haben doch ein Eigenleben, wurden für Sänger geschrieben – nicht gegen sie. Das sind so Gelegenheiten, bei denen er ans Aufhören denkt.

Als der Vorhang dann wirklich für ihn fällt, hat der liebenswürdige, bescheidene Mime den fiesen Scarpia in der „Tosca“ gesungen, seine 127. Rolle. Nun hat er Zeit zum Reisen, sich Wagner-Opern anzuschauen, wo er möchte. Singen? Mal sehen. Auf der Homepage des Theaters Nordhausen steht jedenfalls noch immer: Wolfgang Lambertz – Bariton.
Evelyn Lange
Autor: nnz

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