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Di, 09:17 Uhr
06.07.2021
Gewerkschaft fordert bessere Arbeitsbedingungen

Gastgewerbe verlor jede achten Mitarbeiter

Supermarktkasse statt Biertheke: Im Zuge der Corona-Pandemie verzeichnen die Hotels und Gaststätten im Kreis Nordhausen eine dramatische Abwanderung von Fachkräften. Innerhalb des vergangenen Jahres haben im Landkreis rund 100 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte dem Gastgewerbe den Rücken gekehrt...

Servicekraft händeringend gesucht: Viele Hotels und Gaststätten finden aktuell kein Personal – weil während der Lockdowns ein großer Teil der Beschäftigten die Branche verlassen hat. Die Gewerkschaft  (Foto: NGG) Servicekraft händeringend gesucht: Viele Hotels und Gaststätten finden aktuell kein Personal – weil während der Lockdowns ein großer Teil der Beschäftigten die Branche verlassen hat. Die Gewerkschaft (Foto: NGG)

Das ist jeder achte Beschäftigte der Branche, wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) unter Berufung auf jüngste Zahlen der Arbeitsagentur mitteilt.
Angesichts weiterer Lockdowns bis in den Mai hinein dürfte sich der Personal-Schwund bis heute nochmals zugespitzt haben, befürchtet Jens Löbel, Geschäftsführer der NGG-Region Thüringen. „Viele Menschen schätzen es, nach langen Entbehrungen endlich wieder essen zu gehen oder zu reisen. Aber ausgerechnet in der Sommersaison fehlt einem Großteil der Betriebe schlicht das Personal, um die Gäste bewirten zu können“, so Löbel. Für die Lage macht der Gewerkschafter insbesondere die Einkommenseinbußen durch die Kurzarbeit verantwortlich: „Gastro- und Hotel-Beschäftigte arbeiten sowieso meist zu geringen Löhnen. Wenn es dann nur noch das deutlich niedrigere Kurzarbeitergeld gibt, wissen viele nicht, wie sie über die Runden kommen sollen.“

Wenn die gut ausgebildeten Fachkräfte in Anwalts- oder Arztpraxen die Büroorganisation übernehmen oder in Supermärkten zwei Euro mehr pro Stunde verdienen als in Hotels und Gaststätten, dürfe es niemanden überraschen, dass sich die Menschen neu orientierten. „Schon vor Corona stand das Gastgewerbe nicht gerade für rosige Arbeitsbedingungen. Unbezahlte Überstunden, ein rauer Umgangston und eine hohe Abbruchquote unter Azubis sind nur einige strukturelle Probleme. Die Unternehmen haben es über Jahre versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt“, kritisiert Löbel.

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Wirte und Hoteliers hätten nun die Chance, die Branche neu aufzustellen. Zwar seien viele Firmen nach wie vor schwer durch die Pandemie getroffen. Doch wer künftig überhaupt noch Fachleute gewinnen wolle, müsse jetzt umdenken und sich zu armutsfesten Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen bekennen. Dazu seien Tarifverträge unverzichtbar, unterstreicht Löbel: „Am Ende geht es um einen Kulturwandel. Auch Servicekräfte haben ein Recht darauf, vor dem Dienst zu wissen, wann Feierabend ist. Sie haben Anspruch auf eine anständige Bezahlung – unabhängig vom Trinkgeld. Und auf eine faire Behandlung durch den Chef.“

Gastronomen, die das Mittagessen so günstig anböten, dass sie davon das Personal nicht mehr bezahlen könnten, machten ohnehin grundsätzlich etwas falsch. „Viele Gäste sind durchaus bereit, ein paar Cent mehr für die Tasse Kaffee zu bezahlen – gerade jetzt, wo den Menschen bewusst geworden ist, dass der Besuch im Stammlokal ein entscheidendes Stück Lebensqualität ist“, so Löbel.

Die Gewerkschaft NGG verweist zudem auf die umfassenden Finanzhilfen des Staates für angeschlagene Betriebe. So können sich Hotels und Gaststätten im Rahmen der Überbrückungshilfen in diesem Monat bis zu 60 Prozent der Personalkosten bezuschussen lassen, wenn sie Angestellte aus der Kurzarbeit zurückholen (Restart-Prämie). „Klar ist: Köchinnen, Kellner & Co. freuen sich darauf, endlich wieder Gäste empfangen zu können. Viele arbeiten mit großer Leidenschaft im Service. Auf diese Motiviation können die Betriebe bauen – und sollten das Personal nicht erneut durch prekäre Löhne und schlechte Arbeitszeiten verprellen“, so Löbel weiter.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit beschäftigte das Hotel- und Gaststättengewerbe im Landkreis Nordhausen zum Jahreswechsel 757 Menschen. Genau ein Jahr zuvor – vor Ausbruch der Coronavirus-Pandemie – waren es noch 868. Damit haben innerhalb von zwölf Monaten 13 Prozent der
Autor: red

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Kommentare
Leser X
06.07.2021, 16:23 Uhr
Zechpreller
Es ist aus Sicht der Betroffenen völlig in Ordnung, Jobs mit einem Sklavenlohn den Rücken zu kehren. Corona war da für viele sicher nur der letzte Auslöser.

Das Gastgewerbe ist das wohl krasseste, wenn auch leider nicht das einzige Beispiel, wie Angestellte um ein menschenwürdiges Einkommen betrogen werden. Und insofern hält sich mein Mitleid mit den Chefs als Zechpreller in engen Grenzen.
Kama99
06.07.2021, 17:13 Uhr
Besucht ....
mal Gaststätten oder Hotels im Gebiet zu Tschechien oder Polen. Dort findet man überwiegend nur ausländisches Personal. Die deutschen Mitarbeiter haben schon länger aufgegeben für den Mindestlohn zu arbeiten.
Boris Weißtal
06.07.2021, 17:49 Uhr
Leider wahr Mister X
Aber erhält der Kellner 15€ plus Zulagen, kostet der halbe Liter halt 5€. Nur wer dann der Gastro treu bleibt, darf jetzt auch meckern.
Paulinchen
06.07.2021, 18:13 Uhr
Der Verkauf...
.... von Kaffee to go, belegten Brötchen über die Straße, Döner und vieles andere, muss verboten werden. Dann haben die Städte und Gemeinden saubere Straßen und Plätze und die richtigen Gastronomen haben mehr Gäste, welche ihre Speisen und Getränke mit Niveau, im Sitzen genießen können.

Ach du je, es könnte alles so einfach sein, wenn man nur wollte.
Mitternacht
06.07.2021, 18:42 Uhr
@paulinchen
"Der Verkauf Café To Go und belegten Brötchen über die Straße müsste verboten werden", schreiben Sie.

Nun, ich habe mir witzigerweise ausgerechnet heute zum Frühstück ein belegtes Brötchen und einen Cafè To Go zum Frühstück in der Bäckerei Hengstermann (neben Buchhaus Rose) gekauft, und weil es zum Mittag schnell gehen musste, habe ich mir in der Schnapspassage bei Jacobsohn einen Puten-Wrap geholt (ja, war ein teurer Tag, das kommt davon, wenn man nicht vorkocht...)

Jetzt gehen Sie mal bitte hin, Paulinchen, und verbieten Hengstermann und Jacobsohn, Snacks für den schnellen Hunger zu verkaufen.
Beiden Bäckern wären allein an mir heute um die 3 bis 5 Euro Umsatz entgangen, und das in Zeiten, wo jede Bäckerei gegen das Billigbrot vom Discounter ankämpfen muss.

Wie begründen Sie den beiden Bäckereien gegenüber Ihr Verbot des To-Go-Verkaufs? Erklären Sie mal.
Trüffelschokolade
06.07.2021, 19:03 Uhr
Verbot?
Ein Verbot von Kaffee to go, Döner, etc. würde kaum dem restlichen Gastgewerbe helfen. Nur weil ich mir nicht mehr etwas auf die Hand kaufen kann, heißt das nicht, dass ich dann in eine andere Lokalität einkehre!

Was man damit nur erreichen würde wäre noch mehr Arbeitsplätze zu vernichten und sinnlos und aus reiner Boshaftigkeit etwas verboten zu haben.
Toll!
Boris Weißtal
06.07.2021, 19:30 Uhr
Na dolle Paulinchen,
Komischerweise habe ich Sie noch nie in einer "richtigen" Gastronomie sitzen sehen und ich kenne Ihren Klarnamen...
Aber Verbieten scheint ja ihre Stärke zu sein...
Wie Bitte
06.07.2021, 19:35 Uhr
Geschrumpftes Gastgewerbe -
- hat Nullkommanix mit der "Konkurrenz" durch den Straßenverkauf von Snacks und Kaffee-To-Go zu tun. Die hatten nämlich erstens im gleichen Zeitraum coronabedingt ebenfalls zu, und zweitens: wer auf dem Weg zur Arbeit einen "Schnellen Hunger" verspürt oder Energie mit einem Kaffee auftanken will, der setzt sich nicht bequem in eine Gaststätte. Kaffee- und Snacks To-Go, Döner- und Nudelbuden einerseits und Gaststätten andererseits bedienen zwei völlig unterschiedliche Klientels. Wenn ich in eine Gaststätte gehe, habe ich Zeit und will genießen. Wenn ich "To Go" mache, habe ich einfach nur "Knast", wie man früher sagte. Ich werte Paulinchens Kommentar deshalb als typischen "Ich muss meine Finger auf der Tastatur schneller bewegen, als mein Gehirn sich zuschalten kann".

Ich sehe das tatsächliche Problem auch an anderer Stelle. Ja, natürlich mussten sich viele Beschäftigte der Gastronomie irgendwie geldmäßig über Wasser halten und haben daher den Beruf wechseln müssen. Ich kenne jemanden, der von leitender Position in einer Kneipe zum Kabelzieher in ICE-Waggons zu wechseln genötigt war. Staatliche Hilfen kamen entgegen blumigster Versprechungen zu spät, zu knapp, zu bürokratisch oder überhaupt nicht. "Rücklagen" zu bilden, wie es so schön heißt, ist im Gastgewerbe kaum möglich, und hier kommt das wirklich große Problem der Lockdowns zum Tragen: die fast schon selbstverständliche Unterbezahlung in der Gastronomie, die Ersparnisse für Krisenzeiten gar nicht möglich macht.

Aber wie auch: Miete, Nebenkosten, Versicherungen, Lohn und Lohnnebenkosten - wollte man den Angestellten wirklich gute Löhne zahlen, müsste man die Preise für Speisen und Getränke so hoch setzen, als säße man nicht in einer Kneipe, sondern im Nobel-Restaurant oder wäre auf der Münch'ner Wies'n (da werden solche Preise klaglos akzeptiert).
Also hier der Gast, der bei zu hohen Preisen die Augenbrauen rollt und die Gaststätte verlässt, dort der Angestellte, der kaum etwas verdient und während Corona nicht weiß, wovon leben, und den Beruf wechselt.

Dieses folgt aus jenem.
Piet
06.07.2021, 23:25 Uhr
Wo
Waren den die Gastronomen? Niemand ist auf die Straße gegangen. Niemand hat sich zusammengeschlossen, und irgendwas unternommen.
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