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Do, 10:00 Uhr
10.06.2021
Antikörper-Therapie gegen Covid

Ein Netz unter dem Drahtseil

Die Corona-Pandemie scheint, für den Moment, abzuflauen. Die Zahl der Impfungen steigt stetig, die der aktiven Fälle nimmt ab. Wer sich dennoch infiziert, der hat dank neuer Therapiemethoden gute Chancen, die Sache glimpflich durchzustehen, wenn rechtzeitig gehandelt wird. In der Doceins Lungenklinik Neustadt kommt die „Antikörper-Therapie“ schon zum Einsatz...

An der Lungenklinik Neustadt wird Corona mit neuen Therapiemethoden bekämpft (Foto: Lungenklinik Neustadt) An der Lungenklinik Neustadt wird Corona mit neuen Therapiemethoden bekämpft (Foto: Lungenklinik Neustadt)

Das Prinzip ist relativ simpel und sollte aus dem Biologie-Unterricht bekannt sein: wird der Körper krankt, reagiert er mit der Produktion von Antikörpern. Das ist auch bei Corona nicht anders. Mit Fortschritten in der Gentechnik hat sich die Medizin den Mechanismus zu Nutze gemacht. Während das Immunsystem „multiklonale“ Antikörper produziert, die genetisch variabel sind und sich in kleinen Details unterscheiden, kann die Medizin „monoklonale“, also genetisch identische, Antikörper herstellen. Der Vorteil: Funktionalität und Wirksamkeit sind besser vorhersehbar. Allein, die Herstellung spezifischer Antikörper-Stränge braucht seine Zeit, gerade wenn es um neue Erkrankungen geht.

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Ganz und gar „neu“ ist das Verfahren derweil nicht, seit gut 20 Jahren kommt die Therapieform zum Einsatz, zunächst in der Krebsbekämpfung, später auch in der Rheumatologie, erklärt Dr. med. Bernd Kurz, Chefarzt der Lungenklinik Neustadt. Seit kurzem kann das Verfahren nun auch im Kampf gegen den Covid-Erreger genutzt werden und ist vor allem dazu gedacht, schweren Krankheitsverläufen vorzubeugen. Eine Impfung ersetzt die Antikörper-Therapie nicht. „Eine Impfung „simuliert“ im Körper eine Erkrankung ohne das man tatsächlich krank wird und regt das Immunsystem an, eigene Antikörper zu produzieren. In der Therapie werden direkt Antikörper gegeben, wenn die Krankheit bereits ausgebrochen ist. Wichtig ist, dass dies rechtzeitig geschieht. Liegt man erst einmal auf der ITS, ist es zu spät“.

Chefarzt Dr. Bernd Kurz (Foto: Lungenklinik Neustadt) Chefarzt Dr. Bernd Kurz (Foto: Lungenklinik Neustadt) Der gentechnische Aspekt des Verfahrens bezieht sich mehr auf die Herstellung der Antikörper als auf ihre Wirkweise. Es wird kein Erbgut verabreicht sondern lediglich Eiweiße, die sich an die Viren anheften und so die Immunabwehr aktivieren. Der körpereigenen Reaktion wird vorgegriffen, bevor sich die Situation verschlimmert. Gedacht ist die Behandlungsmethode vor allem für ältere Personen über 60 Jahre und Menschen mit Vor- und Nebenerkrankungen, die sich nicht impfen lassen können oder wollen. Die Anmeldung geschieht über den Hausarzt, die Antikörper-Gabe erfolgt teilstationär im Klinikum und dauert eine gute Stunde, gefolgt von zwei weiteren Stunden zur Beobachtung. „Die Therapie ist eine Art weiteres Netz unter dem Drahtseil, auf dem wir uns alle im Moment bewegen und eine zweite Möglichkeit Corona zu begegnen, die relativ wenig Nebenwirkungen hat. Langfristig ist die Impfung die bessere Lösung, da werden sie im Idealfall gar nicht erst krank. Die Antikörpertherapie sorgt nicht dafür, dass die Infektion verschwindet, sie soll primär den Verlauf abmildern.“, erläutert Dr. Kurz.

Seit Beginn der Pandemie habe man gelernt, besser mit der Krankheit umzugehen, sagt der Chefarzt, zudem habe sich das Spektrum hin zu jüngeren Patienten verlagert. Die letzten Monate waren dennoch hart für das Neustädter Klinikum, auch bei den unter 60jährigen habe man genug schwere Fälle gesehen, berichtet Dr. Kurz. Die Therapiemethode ist für die Lungenklinik nun ein weiterer Silberstreif am Himmel. „Wir wurden ordentlich durch die Mangel gedreht und sind froh, dass der Sommer kommt und die Welle abschwappt. Die Dauerbelastung für unsere Mitarbeiter war schon extrem. Wir hatten rund 100 Intensivfälle im Haus und nicht alle haben die Krankheit überstanden. Wenn man bis zum Letzten kämpft und dann doch verliert, das ist eine bittere Pille und eine hohe psychische Belastung, gerade für die Kollegen in der Pflege und der Physiotherapie“.

Das sich Corona ganz sicher nicht mit der gemeinen Grippe vergleichen lässt steht für die Mediziner fest. „Corona ist deutlich vielschichtiger als Influenza. Wir sehen Gefäßschädigung in den Organen, vor allem am Herzen und in den Bauchorganen, die Langzeitfolgen heben sich deutlich von anderen Erkrankungen ab. Grundsätzlich gilt: je schwerer der Verlauf, desto häufiger treten Langzeitfolgen auf. Das wir mit dem „Long Covid Syndrom“ umgehen müssen, zeichnet sich immer deutlicher ab“.

Ein tatsächliches „suffizientes“ Medikament gegen Covid gibt es noch nicht aber zumindest sollte man dank der Kombination aus Sommersonne und Impfungen aus dem Gröbsten heraus sein und der Herbst sanfter verlaufen als der letzte. „Wir wissen, dass der Erreger kein UV-Licht mag. Das beste was man jetzt abseits der Impfung tun kann, ist rausgehen und die Sonne genießen“, sagt Kurz. Wie überall hofft man in Neustadt nun auf ein wenig Normalität, ein wenig Entspannung. Keine unberechtigte Hoffnung, zumal man ein weiteres „Netz“ unter sich weiß.
Angelo Glashagel
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