eic kyf msh nnz uhz tv nt
Sa, 18:30 Uhr
12.12.2020
Eine nnz-Betrachtung von Olaf Schulze

Na dann wählen wir mal

Ende April nächsten Jahres soll der Thüringer Landtag neu gewählt werden. Auch wenn das in der momentanen Corona-Aufregung unterzugehen droht, steht der Termin fest. Wie aber ist der Zustand der Parteien und was kann dabei herauskommen? …


Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Die SPD - um mit der greisen alten Großtante der deutschen Parteien zu beginnen - befindet sich spätestens nach der Inthronisierung des Spitzenduos Esken und Walter-Borjans auf der Intensivstation was ihre Handlungsfähigkeit und vor allem Wählbarkeit betrifft. Ihre linken Wähler nehmen lieber gleich das Original, ihre gemäßigten suchen nach liberalen Alternativen. Der hinterbliebene Rest merkt das jedoch nicht, weil er um die zu besetzenden Posten kämpft. Wolfgang Tiefensee verkündete sein Karriereende als Parteivorsitzender wie ein Profifußballer, der nach seiner politischen Entdeckung erst in Leipzig spielen durfte (OB), dann in die Bundesliga wechselte (Minister in Berlin) und nun in der heimatlichen Provinz als Wirtschaftsminister in Thüringen abtrainiert.

Der neue Hoffnungsträger der Genossen als Parteivorsitzender heißt Georg Maier, ist ein Import aus älteren Bundesländern und der Thüringer Innenminister, der sich gerade mit verschärftem „Kampf gegen rechts“ profilieren möchte. Dafür will er die AfD verbieten lassen. Das prädestiniert ihn eigentlich dafür, das Führungsduo auf Bundesebene zum Trio anschwellen zu lassen. Ehrgeiz genug scheint der Herr Maier zu haben. Vielleicht baut er seiner Karriere auch schon ein wenig vor, weil es unsicher ist, ob seine Partei in Thüringen weiterhin an der Regierung beteiligt sein wird. Und „Opposition ist scheiße“ wussten schon andere große Sozialdemokraten vor ihm.

Anzeige Refinery (lang)
DIE LINKE
Die LINKE ist seit 2014 stärkste Kraft in Thüringen. Vorher war sie das letztmalig von 1946 - 1989, aber noch unter einem anderen Namen und mit anderem Personal. Ministerpräsidenten-Amtsinhaber und Koalitionshäuptling einer Minderheitsregierung ist nach dem Kanzlerinnen-Interventionsruf aus Südafrika - und einem alles entscheidenden sechsten Wahlgang - der Stinkefingerzeiger Bodo Ramelow. Er muss im Wahlkampf aufpassen, dass er nicht wieder von irgendwelchen „fiesen Drecksäcken“ so provoziert wird, dass er vor Gericht landet.

Leider ist der eitle Landesfürst nicht nur cholerisch, sondern neigt auch zu Versprechungen, die er nicht immer einhalten kann, wie seine vollmundigen Ankündigungen und am Ende kleinlichen Änderungen in der Coronamaßnahmen-Verschärfungsorgie der letzten Wochen zeigten. Hinderlich könnte dem Genossen Ramelow bei seinem Siegeszug auch werden, dass seine Generalin (Frau Henning-Wellsow) sich inzwischen mehr für den Bundesparteivorsitz interessiert, als daran, Blumensträuße an den nächsten Thüringer Ministerpräsidenten zu verteilen.

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Die GRÜNEN werden sich wohl am Wahlwochenende wieder die Thüringer Jahresvorräte an Baldrian einwerfen. Wenn die ökologischen Erneuerer (und *_Innen) im grünen und landwirtschaftlich geprägten Herzen Deutschlands über fünf Prozent kommen, werden sie sich zu Recht als die größten Wahlgewinner „ever“ feiern. Richtig punkten konnten sie letztens jedenfalls nicht. Frau Siegesmunds Biosphärenreservat will in Nordthüringen immer noch keine Begeisterungsstürme auslösen, die „Feldhamsterrettung“ im Sommer geriet zur Posse und ihren Kampf gegen die Altverträge der Gipsindustrie gewinnt sie auch nicht.

Bewohner an den Rändern der Landkreise Kyffhäuser und Nordhausen staunen indes über eine grüne Umweltministerin im benachbarten Sachsen-Anhalt, die ein groß angelegtes Fischsterben im Stausee Kelbra verordnete. Auch das Drängen auf die freiwillige Aufnahme von mehr Flüchtlingen im Freistaat, wie es der für Migration zuständige grüne Minister Adams in Erfurt betreibt, wird die Sympathien für die Waldbesetzer und Autobahnbrückenabseiler nicht weiter steigern.

ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND
Puh, wie werden da die Funktionäre aller Parteien in Thüringen aufgeatmet haben, als die regionale AfD ihren längst verbrannten Vorsitzenden Björn Höcke wieder einmal als Chef bestätigte? Diese trotzige Entscheidung der Höcke-Fans sollte die Partei in Thüringen wenigstens fünf Prozent der Wählerstimmen kosten; es könnten aber auch mehr sein. Aus dem Parlament werden sie trotz ultrarechter Ausrichtung dennoch nicht fliegen. Und so gilt auch in der nächsten Legislaturperiode für die anderen Landtagsabgeordneten: Achtung, nicht mit den Schmuddelkindern stimmen!

Die AfD könnte sich das zu nutze machen und die perfide Taktik des Umkehrschubs anwenden. Einfach immer das Gegenteil von dem fordern, was man eigentlich will. Automatisch müssen die „echten Demokraten“ dagegen sein und die sogenannten „Alternativen“ hätten ihren Willen durchgesetzt. Außerdem können sie wieder endlos die Wahl des Ministerpräsidenten blockieren: sie brauchen nur in Teilen für den jeweiligen Kandidaten anderer Parteien stimmen und zack, schon kann der die Wahl nicht annehmen.

FREIE DEMOKRATISCHE PARTEI
Trotzig gibt sich auch die FDP, die Anfang des Jahres mal einen Eintagsministerpräsidenten stellte. Und es war eben nicht nur die Frau Merkel, die das rückgängig machte, sondern auch der aus Berlin herbeigeeilte Bundesvorsitzende der „Freien Liberalen“, Christian Lindner, der dem Thomas L. Kemmerich ausredete, eine Minderheitsregierung zu führen, die sich mit gezielter Sacharbeit und der Kabinettsbesetzung durch Fachexperten immer wieder neue Mehrheiten hätte suchen können.

Der Kemmerich will trotzdem einfach weiter Landesparteivorsitzender bleiben. Ministerpräsident kann er aber nicht wieder werden, denn der oben erwähnte freiheitsliebende Herr Lindner hat schon vorsorglich die Unterstützung durch die Bundes-FDP verwehrt, woraufhin Kemmerich auf eine Kandidatur als Ministerpräsident verzichtete. Da entwickelt sich scheinbar eine echte Männerfreundschaft. Möglicherweise wollen die Thüringer Wähler aber auch verhindern, dass ein solcher „demokratischer Eklat“ wie im Februar erneut passiert und ein Ministerpräsident von der Mehrheit der Abgeordneten gewählt wird. Dann wählen sie nämlich einfach nicht die FDP! Oder gerade.

FREIE WÄHLER
Ehemalige FDP-Wähler oder auch Grünen-Wähler oder auch SPD-, AfD- und CDU-Wähler könnten ihr Kreuz das nächste Mal bei den FREIEN WÄHLERN (FW) setzen. Die wollen landesweit antreten, sind noch unverbraucht frisch und könnten das berühmte Zünglein an der Waage werden, wenn GRÜNE und FDP (oder auch SPD?) die Fünfprozenthürde reißen. Allerdings müssten die Freien Wähler dann rechtzeitig ihre Wahlunterlagen, vor allem die Kandidatenlisten einreichen. Das hat beim letzten Urnengang eher suboptimal funktioniert und führte zur Abwesenheit der FW auf dem Wahlzettel.

CHRISTLICH DEMOKRATISCHE UNION DEUTSCHLANDS
Am schwersten von allen hat es wieder die CDU. Sie darf (noch) nicht mit den Linken regieren und in der Opposition nicht mit der AfD stimmen. Die Christdemokraten haben schon bei der letzten Landtagswahl gemerkelt, dass eine solche versuchte Kreisquadratur die Wähler verunsichert und Stimmen kostet.

In Thüringen erfreut sich die große Vorsitzende aus Berlin auch nicht einer solchen Beliebtheit wie anderswo, so dass sie mit ihrer Alternativlosigkeit nicht helfen kann. Außerdem war doch der Thüringer CDU-Spitzenkandidat Christian Hirte als Ostbeauftragter der Bundesregierung in Ungnade gefallen, weil er sich bei der vorletzten Ministerpräsidenten-Wahl in Erfurt zu früh und für den falschen gefreut hatte. Möglicherweise verzichtet er freiwillig - also, nicht auf den Posten des Ministerpräsidenten, aber auf die Wahlkampfhilfe der Kanzlerin. Spannend wird es, wenn es nach der Wahl im Landtag wieder darum geht, den Anführer der stärksten Partei (was mit Sicherheit die LINKE bleiben wird) ins Ministerpräsidentenamt zu wählen. Am schönsten wäre es für die Christdemokraten, wenn per Gesetz derjenige Ministerpräsident würde, der die meisten Stimmen bekommt und nicht mehr einer, der eine Mehrheit der Parlamentarier hinter sich bringen muss. Da könnte sich die CDU-Fraktion ganz mutig enthalten.

Prognose
Nach der letzten INSA-Umfrage zum Wahlausgang der nächsten Landtagswahl in Thüringen vom 6. November sieht die Vorausschau übrigens so aus:
  • Linke: 33 Prozent
  • AfD: 22 Prozent
  • CDU: 22 Prozent
  • SPD: 9 Prozent
  • Grüne: 6 Prozent
  • FDP: 5 Prozent
  • Alle anderen: 3 Prozent
Erfahrene Demoskopen unter den nnz-Lesern wissen ja schon, bei welcher Partei man eher ein Prozent abziehen und bei welcher eins draufschlagen sollte und können sich ihr eigenes Bild machen. Allerdings ändert das nicht viel an der momentanen Konstellation, die dem letzten Wahlergebnis ziemlich exakt entspricht:

Eine richtig starke Koalition wäre eine zwischen LINKE und AfD oder CDU. Auch die drei anderen Parteien könnten an die Macht mit einer Mehrheit gelangen, wenn sie mit CDU und AfD zusammengehen.
Keine Mehrheit hat nach wie vor das linke Bündnis, das gerade Thüringen regiert.

Sollten wir also am 25. April 2021 an die Urnen treten (oder unsere Brieftauben losschicken), wenn sich ohnehin nichts ändert? Oder ändert sich bis dahin doch noch etwas? Beeinflusst das Corona-Virus den Wahlausgang nachhaltig? Kann es denn überhaupt einen Wahlkampf geben im nächsten Frühjahr?

Viele Fragen, die relativ offen sind zum heutigen Zeitpunkt. Uns würde dennoch Ihre Meinung interessieren und wen Sie sich ab nächstes Jahr in der Verantwortung wünschen. Deshalb wollen wir ab Mittwoch wieder einmal eine Wahlumfrage starten. Wir sind gespannt auf Ihr Votum.
Olaf Schulze
Autor: osch

Anzeige symplr (6)
Kommentare
HeiKev
12.12.2020, 19:08 Uhr
Klingt irgendwie,
als würde laut der Institute die Wunschkoalition des Autors irgendwo unter ferner liefen dümpeln bzw von Mutti (übrigens auch meiner) nicht gewünscht sein.

Was die angedrohte Umfrage betrifft, da tippe ich mal auf 66 Prozent AfD, 10 Prozent NPD und 24 Prozent Andere. Es ist schließlich bald Weihnachten. Ho ho ho.
geloescht.20250302
12.12.2020, 19:15 Uhr
Fette Mehrheit...
...für Linke und AfD!

Links und Rechts ergibt Mitte...

Gegensätze ziehen sich an...Angeblich funktionieren viele Ehen auf dieser Basis...
geloescht.20250302
12.12.2020, 21:42 Uhr
Ja liebe AfD-Hasser...
...und Daumen-Runter-Fraktion!

CDU und Linke sind auch toll als Regierung und vor allem in Berlin, dem Zentrum des Föderalismus, wohlgelitten...

Solange nicht wieder ein FDP-Frisör dazwischenfunkt und aus merkelscher Basta-Anordnung aus Südafrika und mit Morddrohungen gegen ihn und seine Familie kastriert werden muss...

Es war doch nur ein Gedankenspiel von mir.
grobschmied56
12.12.2020, 22:58 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Verstoß gegen AGB.
20210305
13.12.2020, 00:10 Uhr
Na dann wählen wir mal.
Schön wenn die Linke noch 3-4% zulegen könnten. Die FDP braucht niemand. Und die rechten .... na, ja
Gut geschrieben Herr Schulze - AFD lässt grüßen ! Nichts für ungut, aber man kennt ja solche Artikel in dieser Online-Zeitung schon.
alterNeunordhäuser
13.12.2020, 09:52 Uhr
Wahl?
Wofür noch wählen gehen, Merkel bestimmt doch, selbst außer Landes, wie in Thüringen gewählt wird, bzw. was mit den Ergebnissen zu geschehen hat, regt sich aber über Trump auf.
mussmalsagen
13.12.2020, 09:55 Uhr
, objektive Bestandsaufnahme
Ich sehe hier dieses Mal auch keine AFD-freundliche Bemerkung.
Ich für mich finde leider keine echte Alternative. Die aus meiner Sicht 3 Hauptprobleme geht niemand an.
1. Die immer größer werdende Entfernung zwischen arm und reich, hier und global.
2. Verbrecher und Wirtschaft agieren global, Regierungen aber nicht.
3. Das seit Jahren fehlende Interesse an Bildungszugang für alle und die daraus resultierenden Blüten ( ein Drittel aller Deutschen glaubt laut neuester Erhebung an Verschwörungstheorien...)
Gerade der letzte Punkt trifft uns nun alle in der Pandemie, es hat also Auswirkungen für ALLE.
Also welche Partei kümmert sich glaubhaft? Oder liegt es nicht auch am verblödeten Wahlvolk, dass man Politiker jahrelang verunglimpft-ähnlich wie bei Lehrern- und sich dann wundert, dass vernünftig Denkende lieber in die Wirtschaft gehen? Ich kenne persönlich mehrere Menschen, die mehr als Frau Merkel verdienen, aber nicht mehr als 70 Angestellte haben...nur ein Beispiel.
Ihnen allen einen schönen 3. Advent und ein gesundes Weihnachtsfest!
Der-NDH-Mann
13.12.2020, 10:30 Uhr
Wählen wir mal :-)
Mir ist es egal wer regiert in Freistaat Thüringen, bloß bitte nicht die Grünen wählen.
Dankeschön.
Angenehmen 3 Advent noch :-)
Fönix
13.12.2020, 10:43 Uhr
Köstlich!
Eine perfekte Zustandsbeschreibung der politischen Landschaft in Thüringen und weitestgehend auch für ganz Deutschland zutreffend. Man muss den Mandatsträgern so oft wie nur möglich den Spiegel vor das Gesicht halten.
Weiter so!
pseudonym
13.12.2020, 11:40 Uhr
Zitat Horst Seehofer anno 2010:
"Diejenigen die entscheiden sind nicht gewählt, und diejenigen die gewählt werden haben nichts zu entscheiden."
Viel Spaß beim Wählen!
pseudonym
13.12.2020, 11:40 Uhr
Der Beitrag wurde gespeichert und die Freigabe beantragt.
Örzi
13.12.2020, 13:15 Uhr
Was soll schon dabei herauskommen?
Es wird wieder so lange gewählt bis Herr Ramelow Ministerpräsident ist.
Bodo Bagger
14.12.2020, 07:41 Uhr
Neue Demokratieform - Ministerpräsidentenrunde
Eingentlich sollte man, bei der jetzt etablierten neuen Demokratieform des Ministerpräsidentenzirkels mit Kanzlerinnengarnitur gar keine Wahlen mehr abnhalten.

Deutschland hat 16 Länderparlamente und einen Bundestag mit durchschnittlich 250 Abgeordneten (es kann sich gern jemand die Aufgabe machen, die genaue Anzahl zu ermitteln). Das macht in Summe 4000 Abgeordnete mit einem durchschnittlichen Monatsbezug von 10.000€ (auch hier kann jeder selber gern genau nachrechnen). Da kommen allein an Diäten und Abgeordnetengehältern rund 480 Millionen Euro im Jahr zusammen. Das Ganze kann man noch mal verdreifachen um die Kosten für Politsateliten, die sprichwörtlich wie die Santiärfliegen um ihre Wirte kreisen.

Mal im Ernst, welche Funktion nimmt denn derzeit der Landtag in Erfurt bzw. ein Bundestag in Berlin noch ein?

Dank eines Ermächtigungsgesetzes (die Mutter aller Ermächtigungsgesetze der Weimarer Republik kam übrigens von den Sozen um gleich jeglichen Bezug zu Adolfs Machtergreifung zuvor zu kommen), welches sich ziert trotz 25 maligen Wortlaut des Wortes "Ermächtigung" in ihm so genannt zu werden, sind doch jegliche demokratische Legitimierungsversuche obsolet geworden und der Landtag nur noch teue Staffage. Ein Landtag, der es nicht schafft sich bei seinem MP parlamentarisches Gehör zu verschaffen ist nutzlos.
Kommentare sind zu diesem Artikel nicht mehr möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (8)