Mo, 11:36 Uhr
01.08.2005
Briefe aus Bayern (1)
Nordhausen (nnz). Ein Teil der nnz-Redaktion ist wieder mal im Urlaub. Wieder in Bayern, diesmal nicht in Bad Füssing. Hier bleibt zwischen Sonne und Gewitter doch noch viel Zeit, um dem gewollten Müßiggang zu entgehen. Briefe schreiben ist eine Möglichkeit. Im ersten geht es um einen Jahrestag in Nordhausen...
Briefe aus Bayern (1) (Foto: nnz)
nnz-Mitarbeiter und Leser haben die Möglichkeit, sich im Rückspiegel immer wieder mal ein Jahr zurückversetzen zu lassen. Und in der vergangenen Woche gab es den ersten Jahrestag einer Veranstaltung, die klein begann und die immer mehr an Bedeutung gewinnen sollte. Gemeint waren die Montagsdemos. Die erste Demo war keine Montagsdemos, sie fand in Nordhausen am 28. Juli 2004 statt, an einem Mittwoch.
Der Auftakt mit einigen Hundert Leuten war noch recht bescheiden. Aufgerufen hatten zwei Frauen und die Junge Union, eine Vereinigung der besonderen Art, die auch nur für diesen einen Tag lang bestand. Die Montagsdemos jedenfalls entwickelten sich in Nordhausen – wie in vielen anderen Städten Ostdeutschlands - zu einer Instanz, die auch von der Politik in Beschlag genommen wurde. Die einen sprangen dezent mit auf den Zug auf, die anderen setzten sich damit auseinander.
Schon das allein war bemerkenswert, denn es wurde plötzlich in allen politischen Sphären und Etagen nachgedacht. Wie soll man damit umgehen? Soll man als Redner auftreten? Kommunale Politiker aus Rathaus und Landratsamt traten nicht auf, dachten aber darüber intensiv nach. Landespolitiker von CDU und SPD standen abseits und betrachteten das Geschehen aus sicherer Distanz. Was sie nicht merkten war der Umstand, dass ihnen mit diesen Demos ein Teil der Wählerschaft abhanden kam. In Berlin, in der SPD ganz oben, da wollte man die Signale nicht wahr- und auch nicht ernst nehmen. Man hatte ja schließlich Superminister Clement, der immer noch zusätzlich mit Sprüchen agierte, die die Menschenmenge aufheizte.
Die Montagsdemos brachten seit Jahren wieder die Menschen auf die Straße, doch sie änderten nichts. Nicht wirklich, sie hatten keinen Einfluß, es gab keine Gegenreaktion außer der, dass die Bundesregierung weiter an Hartz IV festhielt. Fast könnte man meinen, die Regierenden vertrauten dem Motto, das eine Revolution irgendwann ihre Kinder fressen wird, und dass man so was in einer funktionierenden Demokratie aussitzen kann. In dem Fall war das nur oberflächlich so. Im Innern blieben den Menschen, die Ende Juli das erste Mal auf die Straße gegangen waren, doch Ideen. Hartz IV hinterließ in den Köpfen – nicht nur in den Geldbörsen - der Menschen deutliche Spuren, die jetzt zum Teil auch in den aktuellen Umfrageergebnissen zu sehen.
Profiteure – wie auch immer man das beurteilen mag – waren die WASG und die PDS, die sich jetzt Linkspartei nennt, in Sachsen die NPD. Sie alle haben die Ängste und Sorgen der Menschen aufgenommen, ob sie bei ihnen gut aufgehoben sind, darüber kann man sich trefflich streiten, wie man sich überhaupt streiten kann, ob Parteien ein Sammelbecken für Sorgen von Menschen sein können.
Von den Montagsdemos ist in Nordhausen das Bündnis für soziale Gerechtigkeit übriggeblieben, das ist alles – nicht mehr aber auch nicht weniger. Die PDS, die bereits vor einem Jahr den Protestierenden finanziell unter die Arme geholfen hatte, unterstützt die Anliegen des Bündnisses auch heute weiter. PDS-Sprecher Rainer Bachmann sagte erst kürzlich in einem Gespräch mit der nnz, dass er im Landkreis Nordhausen nicht ein einziges WASG-Mitglied kenne, wohl aber die Akteure des Bündnisses für soziale Gerechtigkeit.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz
Briefe aus Bayern (1) (Foto: nnz)
nnz-Mitarbeiter und Leser haben die Möglichkeit, sich im Rückspiegel immer wieder mal ein Jahr zurückversetzen zu lassen. Und in der vergangenen Woche gab es den ersten Jahrestag einer Veranstaltung, die klein begann und die immer mehr an Bedeutung gewinnen sollte. Gemeint waren die Montagsdemos. Die erste Demo war keine Montagsdemos, sie fand in Nordhausen am 28. Juli 2004 statt, an einem Mittwoch.Der Auftakt mit einigen Hundert Leuten war noch recht bescheiden. Aufgerufen hatten zwei Frauen und die Junge Union, eine Vereinigung der besonderen Art, die auch nur für diesen einen Tag lang bestand. Die Montagsdemos jedenfalls entwickelten sich in Nordhausen – wie in vielen anderen Städten Ostdeutschlands - zu einer Instanz, die auch von der Politik in Beschlag genommen wurde. Die einen sprangen dezent mit auf den Zug auf, die anderen setzten sich damit auseinander.
Schon das allein war bemerkenswert, denn es wurde plötzlich in allen politischen Sphären und Etagen nachgedacht. Wie soll man damit umgehen? Soll man als Redner auftreten? Kommunale Politiker aus Rathaus und Landratsamt traten nicht auf, dachten aber darüber intensiv nach. Landespolitiker von CDU und SPD standen abseits und betrachteten das Geschehen aus sicherer Distanz. Was sie nicht merkten war der Umstand, dass ihnen mit diesen Demos ein Teil der Wählerschaft abhanden kam. In Berlin, in der SPD ganz oben, da wollte man die Signale nicht wahr- und auch nicht ernst nehmen. Man hatte ja schließlich Superminister Clement, der immer noch zusätzlich mit Sprüchen agierte, die die Menschenmenge aufheizte.
Die Montagsdemos brachten seit Jahren wieder die Menschen auf die Straße, doch sie änderten nichts. Nicht wirklich, sie hatten keinen Einfluß, es gab keine Gegenreaktion außer der, dass die Bundesregierung weiter an Hartz IV festhielt. Fast könnte man meinen, die Regierenden vertrauten dem Motto, das eine Revolution irgendwann ihre Kinder fressen wird, und dass man so was in einer funktionierenden Demokratie aussitzen kann. In dem Fall war das nur oberflächlich so. Im Innern blieben den Menschen, die Ende Juli das erste Mal auf die Straße gegangen waren, doch Ideen. Hartz IV hinterließ in den Köpfen – nicht nur in den Geldbörsen - der Menschen deutliche Spuren, die jetzt zum Teil auch in den aktuellen Umfrageergebnissen zu sehen.
Profiteure – wie auch immer man das beurteilen mag – waren die WASG und die PDS, die sich jetzt Linkspartei nennt, in Sachsen die NPD. Sie alle haben die Ängste und Sorgen der Menschen aufgenommen, ob sie bei ihnen gut aufgehoben sind, darüber kann man sich trefflich streiten, wie man sich überhaupt streiten kann, ob Parteien ein Sammelbecken für Sorgen von Menschen sein können.
Von den Montagsdemos ist in Nordhausen das Bündnis für soziale Gerechtigkeit übriggeblieben, das ist alles – nicht mehr aber auch nicht weniger. Die PDS, die bereits vor einem Jahr den Protestierenden finanziell unter die Arme geholfen hatte, unterstützt die Anliegen des Bündnisses auch heute weiter. PDS-Sprecher Rainer Bachmann sagte erst kürzlich in einem Gespräch mit der nnz, dass er im Landkreis Nordhausen nicht ein einziges WASG-Mitglied kenne, wohl aber die Akteure des Bündnisses für soziale Gerechtigkeit.
Peter-Stefan Greiner

