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Fr, 16:30 Uhr
02.10.2020
Neues Führungsgespann für die Gedenkstätte

Zurück in die Mitte der Gesellschaft

Um die Gedenkstätte Mittelbau-Dora war es lange Zeit still geworden, dafür hatten Streitigkeiten zwischen der ehemaligen Führung der Nordhäuser Gedenkstätte und der Stiftungsleitung in Weimar gesorgt. Der Neustart wurde diese Woche in beiden Institutionen eingeläutet - mit bekannten Gesichtern…

Neues Dreiergespann: (v.l.) Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, Dr. Karsten Uhl, M.A. Anett Dremel (Foto: agl) Neues Dreiergespann: (v.l.) Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, Dr. Karsten Uhl, M.A. Anett Dremel (Foto: agl)

Mitte vergangenen Jahres musste der bisherige Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Herr Dr. Stefan Hördler, seinen Hut nehmen. Die Hintergründe zum Bruch zwischen dem Historiker und der Leitung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora waren lange undurchsichtig, der Streit endete schließlich vor Gericht.

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In dieser Woche wurde nun sowohl in Nordhausen wie auch in Weimar der Neustart vollzogen. Seit gestern ist Prof. Dr. Jens-Christian Wagner neuer Stiftungsdirektor. Wagner ist in Nordhausen alles andere als ein Unbekannter, hatte er doch die Geschicke der Gedenkstätte Mittelbau-Dora als deren Leiter von 2001 bis 2014 maßgeblich geprägt. Die neue Aufgabe sei für ihn somit auch eine Art „nach Hause kommen“, sagte der Historiker heute. Ihn begleiten zwei Weggefährten, die sich ihre wissenschaftlichen Sporen ebenfalls an der Gedenkstätte Dora verdient haben: Dr. Christian Uhl, der zwischen 2003 und 2006 zunächst als Volontär später dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Dora tätig war und Anett Dremel, die ihre ersten Schritte in der Gedenkstätte noch als Praktikantin absolvierte und zwischen 2012 und 2018 in verschiedenen Positionen tätig war.

Die gebürtige Nordhäuserin folgt Dr. Regina Heubaum als Leiterin der Dokumentationsstelle nach, die sich im Juni aus persönlichen Gründen aus der Gedenkstättenarbeit zurückgezogen hatte und sowohl 2014/15 sowie 2019 die Leitung der Gedenkstätte kommissarisch übernommen hatte. Für die ehemalige Kollegin hatte Wagner viele Lobesworte übrig, Frau Heubaum habe maßgeblich zu Erfolg und Ansehen der Gedenkstätte beigetragen, ohne sie beginne die Rückkehr auch mit einem weinenden Auge.

Es sei an der Zeit für einen „Neustart“, der auf der bisherigen, hervorragenden Basis aufbauen könne, meinte Wagner. Dem neuen Anfang liegt aber auch eine gewisse Kontinuität inne: als Arbeitsschwerpunkte hebt der neue Leiter, Dr. Uhl, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hervor, welche die Verbrechen des KZ-Systems erst möglich gemacht haben, sowie die Verzahnungen der Lager mit dem „normalen“ Leben der Menschen in der Gesellschaft des Nationalsozialismus. Themen, die so auch schon Wagner in seiner Zeit als Leiter der Gedenkstätte Dora immer wieder in die Öffentlichkeit getragen hat.

Unter Dr. Hördler hatte man den Blick auf die Täterschaft, speziell der SS, intensiviert. Nun wolle man sich wieder mehr der Breite zuwenden, erklärte Uhl. Die „Bindungskraft“ der NS-Gesellschaft sei durch eine offen propagierte „Verheißung der Ungleichheit“ gestärkt worden. Derartige „völkische Ideologien“ seien auch heute wieder zu beobachten, dem müsse man sich mit soliden, wissenschaftlichen Betrachtungen in der Mitte der Gesellschaft entgegenstellen.

Neben der Geschichte des Nationalsozialismus hat sich Dr. Uhl auch als Technikexperte etabliert. Die sei ebenfalls durchaus kritisch zu beleuchten, erläuterte der Historiker, moderne, wissenschaftliche Technikgeschichte, sei in der Lage, „High-Tech“ und Zwangsarbeit in ihrer Gesamtheit zu betrachten.

Der Gedenkstätte steht also eine Neuausrichtung mit Rückbesinnung bevor. Zur Zukunft des neuen Teams werde aber auch eine deutliche Zäsur gehören - das Ende der „Zeitzeugenschaft“. Noch leben zwar einige derer, die in Dora gelitten haben, am Ort ihrer einstigen Leiden wird man die altgewordenen Herren aber nur noch sehr selten begrüßen können. Für die Arbeit am Opfergedenken bringt das neue Herausforderungen mit sich. Man werde den „Rahmen“ der erweitern, ohne dabei den zentralen Ursprung der Arbeit und die europäische Dimension des Ortes zu vergessen, versprach Uhl.

Dazu gehört auch die Forschungs- und Sammlungstätigkeit, die nun in der Hand von Anett Dremel liegen wird. Die exzellente Arbeit ihrer Vorgängerin sei ein Glücksfall, sie werde nun auf einer sehr guten Basis loslegen könne, erklärte die designierte Sammlungsleiterin. Zu ihren Aufgaben gehört unter anderen der Kontakt zu Überlebenden und ihren Angehörigen, die Bearbeitung von Anfragen und die weitere Überführung des Archivwesens in das digitale Zeitalter.

An der Dauerausstellung werde man in den kommenden Jahre nur „sanfte“ Veränderungen vornehmen, wolle aber grundsätzlich dafür sorgen, dass Dora aus dem Schatten von Buchenwald heraustritt und beide Institutionen gleichberechtigt nebeneinander existieren. In diesem Sinne könnte auch der Außenstandort Ellrich-Juliushütte aus dem Schatten des Hauptlagers am Kohnstein hinaustreten. Der Förderverein des Ellricher Gedenkortes hat die neue Leitungsebene bereits kontaktiert, die sich wiederum über die Initiative von außen freut. Seit vor gut anderthalb Jahren bei Ellrich Massengräber mit den Überresten von gut 1.000 im Krematorium und auf Scheiterhaufen verbrannten Personen gefunden wurden, sei eine angemessene Gestaltung des bisher lediglich rudimentär erschlossenen Geländes überfällig. In diesem Zusammenhang verwies Wagner auch auf das ehrenamtliche Engagement der „Jugend für Dora“. Eine Organisation wie diese gebe es in der deutschen Gedenkstättenlandschaft kein zweites Mal.

Zur Neugestaltung in Ellrich wurde bereits ein Gestaltungswettbewerb angeschoben, der mit der niedersächsischen Seite koordiniert wird. Wagner, der in der vergangenen sechs Jahren als Leiter der dortigen Stiftung am ehemaligen KZ Bergen-Belsen beschäftigt war, unterhält gute Kontakte zu den Nachbarn und kündigte eine engere Zusammenarbeit mit den Überlebenden-Verbänden der Gedenkstätte Bergen-Belsen an. Beibehalten werden soll zudem die schrittweise „Sichtbarmachung“ des umfangreiches Lagerkomplexes am Kohnstein.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
ArreeTim
02.10.2020, 16:52 Uhr
Eine wichtige Aufgabe
Zu deren zielfuhrender Verrichtung man nur die besten Wünsche adressieren möchte.
Alex Gösel
02.10.2020, 17:56 Uhr
Der Beitrag wurde gespeichert und die Freigabe beantragt.
DDR-Facharbeiter
02.10.2020, 19:33 Uhr
Von Zwangsarbeit für Nazi-V-Waffen zum Apparatebau für sowjetische Sputnik-Raketen in der Montania.
Von Zwangsarbeit für Nazi-V-Waffen zum Apparatebau für sowjetische Sputnik-Raketen in der Montania.
"Neben der Geschichte des Nationalsozialismus hat sich Dr. Uhl auch als Technikexperte etabliert.
Die sei ebenfalls durchaus kritisch zu beleuchten, erläuterte der Historiker, moderne, wissenschaftliche Technikgeschichte, sei in der Lage, „High-Tech“ und Zwangsarbeit in ihrer Gesamtheit zu betrachten." Zitat.
Die Technikgeschichte des Mittelwerks Dora führt über Nordhausen und Bleicherode zu den sowjetischen und amerikanischen Weltraumraketen.
Neben 6000 Zwangsarbeitern, KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen produzierten bis Ende März 1945
3000 deutsche Techniker im Mittelwerk V-Waffen-Aggregate und Strahltriebwerke. Aus der Zwangsarbeit für Nazi- High-Tech-Fernraketen im Mittelwerk Dora wurden von Nordhäuser Arbeitern unter strikter Geheimhaltung 1945/46 Aggregate für sowjetische Sputnik-Raketen in der Montania, Halle 2, Nordhausen gebaut . Unter Leitung des Ingenieurs Göttrup, zusammen mit dem genialen Konstrukteur Kowaljow. entstand daraus die Sputnik-Rakete.
In den USA konstruierte das ehemalige Ilfelder/Bleicheröder Entwicklungsbüro Wernher von Brauns und Stuhlingers die Atlas-Mondrakete .
Neben der Gedenkstätte Lager Dora sollte auch die Geschichte der Nordthüringer Weltraum-Raketen im IFA-Museum ins Rampenlicht gerückt werden.
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