Di, 16:19 Uhr
14.06.2005
nnz-Jukebox: Die Schweden kommen!
Nordhausen/Schweden (nnz). Aus Schweden kommen nicht nur unaufbaubare Möbel, alkoholsüchtige Touristen und Panzerautos - nein, jetzt rollt auch noch eine Tangowelle auf uns zu. Schauen Sie selbst.
New Tango Orquesta
Bestiario
(Laika Records/Rough Trade)
Wenn es um Tango geht, denkt der Musikinteressierte in der Regel an Argentinien – oder an Finnland. Niemals aber an Schweden. Verblüffenderweise ist das New Tango Orquesta aber genau dort beheimatet. In Schweden. Nicht in Finnland. Möglicherweise bereitet das den Finnen etwas Verdruss, denn das New Tango Orquesta ist ein qualitativ überragender Generalangriff auf die finnische Tangohoheit in Nordeuropa.
In der klassischsten der klassischen Tangobesetzungen mit Geige, Bass, Gitarre, Flügel und selbstverständlich einem Bandoneon ziehen die Musiker um Per Störby auf ihrem zweiten Longplayer Bestiario alle Register ihres Könnens. Vorher hat Störby die Register seines Bandoneons gezogen und alle 144 Töne seines Instruments genutzt, um einen neuen Tango mit Jazz- und Folkelementen zu kreieren, der so avantgardistisch ist, dass sogar die Familie des verstorbenen Tango-Papstes Astor Piazolla den Schweden nicht nur Respekt zollte, sondern in freudige Begeisterung ausbrach.
Ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann sei der Tango, sagen die einen. Andere meinen, Tango wäre der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens. Beide Seiten kommen der Wahrheit wohl sehr nahe, nur muss angesichts des NTO angefügt werden, dass Tango auch eine prächtige Grundlage für musikalische Experimente auf höchstem künstlerischen Niveau sein kann. Das schwedische Quintett schafft in den acht Kompositionen auf Bestiario einen Spannungsbogen von Elegie und Klage bis zu fordernden, ja bisweilen aggressiv ekstatischen Klängen zu schlagen, ohne dabei eine feine Contenance aufzugeben. Ein grandioses, sehr abwechslungsreiches Album.
Das alles beherrschende Bandoneon wurde übrigens 1846 im Erzgebirge von einem Carl Friedrich Zimmermann aus der Konzertina entwickelt und später vom Krefelder Musikhändler Heinrich Band vertrieben, der Instrumente aus Böhmen und dem Erzgebirge aufkaufte und in seiner Band Union (Band o neon) verkaufte.
Ich erwähne das nicht wegen einer Ost-West-Brisanz, sondern nur für den Fall, dass Sie einmal bei Günter Jauch danach gefragt werden sollten.
Das Album erscheint am 4. Juli beim gut sortierten Plattenhändler (bestellen Sie es lieber gleich).
Olaf Schulze
Autor: oschNew Tango Orquesta
Bestiario
(Laika Records/Rough Trade)
Wenn es um Tango geht, denkt der Musikinteressierte in der Regel an Argentinien – oder an Finnland. Niemals aber an Schweden. Verblüffenderweise ist das New Tango Orquesta aber genau dort beheimatet. In Schweden. Nicht in Finnland. Möglicherweise bereitet das den Finnen etwas Verdruss, denn das New Tango Orquesta ist ein qualitativ überragender Generalangriff auf die finnische Tangohoheit in Nordeuropa.
In der klassischsten der klassischen Tangobesetzungen mit Geige, Bass, Gitarre, Flügel und selbstverständlich einem Bandoneon ziehen die Musiker um Per Störby auf ihrem zweiten Longplayer Bestiario alle Register ihres Könnens. Vorher hat Störby die Register seines Bandoneons gezogen und alle 144 Töne seines Instruments genutzt, um einen neuen Tango mit Jazz- und Folkelementen zu kreieren, der so avantgardistisch ist, dass sogar die Familie des verstorbenen Tango-Papstes Astor Piazolla den Schweden nicht nur Respekt zollte, sondern in freudige Begeisterung ausbrach.
Ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann sei der Tango, sagen die einen. Andere meinen, Tango wäre der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens. Beide Seiten kommen der Wahrheit wohl sehr nahe, nur muss angesichts des NTO angefügt werden, dass Tango auch eine prächtige Grundlage für musikalische Experimente auf höchstem künstlerischen Niveau sein kann. Das schwedische Quintett schafft in den acht Kompositionen auf Bestiario einen Spannungsbogen von Elegie und Klage bis zu fordernden, ja bisweilen aggressiv ekstatischen Klängen zu schlagen, ohne dabei eine feine Contenance aufzugeben. Ein grandioses, sehr abwechslungsreiches Album.
Das alles beherrschende Bandoneon wurde übrigens 1846 im Erzgebirge von einem Carl Friedrich Zimmermann aus der Konzertina entwickelt und später vom Krefelder Musikhändler Heinrich Band vertrieben, der Instrumente aus Böhmen und dem Erzgebirge aufkaufte und in seiner Band Union (Band o neon) verkaufte.
Ich erwähne das nicht wegen einer Ost-West-Brisanz, sondern nur für den Fall, dass Sie einmal bei Günter Jauch danach gefragt werden sollten.
Das Album erscheint am 4. Juli beim gut sortierten Plattenhändler (bestellen Sie es lieber gleich).
Olaf Schulze

