So, 12:25 Uhr
03.05.2020
nnz-Forum: Betrachtungen zum 8. Mai 1945
Befreiung, Untergang, Tag der Erinnerung?
Zum 75. Mal jährt sich am Freitag der Tag, der den furchtbarsten Krieg der Menschheitsgeschichte beendete. Unser Leser Tim Schäfer hat sich dazu Gedanken gemacht, die wir Ihnen hör vorstellen wollen...
Der offizielle Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus vor 75 Jahren, am 08.Mai in Berlin als Feiertag zeigt besonders auf, dass Deutschland heterogen aufgestellt und weit davon entfernt ist, einheitlich und zukunftsgewandt sich dieser Zäsur in der deutschen Geschichte zu stellen. Missstand in Bildung und ein mangelndes Selbstverständnis der Deutschen sind der Zukunft abträglich, die dem heutigen Deutschland entsprechen würde, …
Nein es geht hier gar nicht darum, Meinungsbildung im Mainstream mitten im Teil eines down gelockten Germany zu betreiben. Es soll schlicht ein Blick auf verschiedene Punkte der Geschichte gegeben werden, ohne irgendein Dogma neu aufzumachen.
Am 9. Mai 1945 gegen 0.15 Uhr unterschrieb in Berlin-Karlshorst Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die Kapitulation der Wehrmacht formal endgültig. Was in Berlin als der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus begangen wird, ist für einige Mitbürger ein Tag der totalen Niederlage, der Kapitulation und der Tag der Schande. Ein Schmerzempfinden über die Niederlage des eigenen Vaterlandes fraß sich in die Seelen vieler Menschen. Schon gar kein Tag zum Feiern. Dabei folgte die totale Niederlage, der Untergang, auf den totalen Krieg mit allen Mitteln, gibt es den Bezug direkt zum 30. Januar 1933 und mehr. Nazi Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt! kapitulierte am 08.Mai endgültig. Die Alliierten übernahmen. Sozusagen erstand aus den Ruinen des Untergangs und dem Verwesungsgeruch des SS-Staates etwas anderes. Richtig ist aber auch, es war nicht alles der Zukunft zugewandt. Für manche folgte Unfreiheit, neues Leid, Gefangenschaft. Andere wollten den Aufbruch in eine neue, bessere Zeit ohne Krieg und Faschismus, Rassenhass.
Ein Held in diesem Zusammenhang ist Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker, seine historische Rede 1985. Er ähnelte nicht nur meinem aus Bonn stammenden Großvater in Rede und Wirkung, mein Großvater war Feldwebel der Wehrmacht und kam erst 1952 aus russischer Kriegsgefangenschaft in die DDR zurück. Wenig durfte und hat er davon berichtet. Heute wissen wir, dass es nicht nur die gute Wehrmacht gegeben hat, denn die Wehrmacht war in Verbrechen im Krieg verstrickt. Es war keinesfalls alles sauber, ehrenhaft und rechtlich in Ordnung. Es ist mithin also keineswegs ein Verrat an meinem Großvater, dies so zu sehen. Es ist keine Zuweisung von Schuld an ihn. Aber kann Krieg jemals frei von Unrecht sein? Verbrechen geschahen auch an der deutschen Bevölkerung oder an Wehrmachtsangehörigen. Das gehört auch zum 08. Mai und einem zukunftsgewandten Umgang damit.
1985 sagte Weizsäcker, es war der Tag der Befreiung vom NS-Regime. Der Präsident sprach aus, was der Großteil der jüngeren Generation dachte - die Rede hatte so in gewisser Weise eine befreiende Wirkung. Für viele ältere Menschen, die auf Hitler gesetzt hatten, mag dies noch 1985 befremdlich gewirkt haben. Er ging aber auch auf viele weitere Aspekte ein. Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten., sagte er auch. Viele Deutsche sind schlicht froh gewesen, überlebt zu haben. Großes Leid und Entbehrungen haben besonders diejenigen erleben müssen, die ausgebombt, Ihre Liebsten verloren hatten, krank waren, hungerten oder ganz Ihre Heimat aufgeben mussten… Die Menschen, die den 08.Mai 1945 bewusst erlebt haben, dachten an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück.
Noch deutlicher gemacht: Jeder, der Mein Kampf gelesen hat, das Buch war weit verbreitet, konnte klipp und klar lesen, wofür Hitler stand. Die Juden wurden öffentlich verfolgt und unterdrückt. Zitat R. v. Weizsäcker: Gewiss, es gibt kaum einen Staat, der in seiner Geschichte immer frei blieb von schuldhafter Verstrickung in Krieg und Gewalt. Der Völkermord an den Juden jedoch ist beispiellos in der Geschichte. Die Ausführung des Verbrechens lag in der Hand weniger. Vor den Augen der Öffentlichkeit wurde es abgeschirmt. Aber jeder Deutsche konnte miterleben, was jüdische Mitbürger erleiden mussten, von kalter Gleichgültigkeit über versteckte Intoleranz bis zu offenem Hass. Wer konnte arglos bleiben nach den Bränden der Synagogen, den Plünderungen, der Stigmatisierung mit dem Judenstern, dem Rechtsentzug, der unaufhörlichen Schändung der menschlichen Würde? Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten.
Bei Nordhausen entstand im totalen Krieg das KZ Mittelbau-Dora. Tagtäglich konnten die Kolonnen von Häftlingen beobachtet werden. Mittels Zwangsarbeit sollte der alliierte Bombenterror durch neue Waffen (in bombensicherer Untertageverlagerungsproduktion hergestellt) gebrochen und Vergeltungs- und Wunderwaffen (V1, V2-Raketen (A4), Luftabwehrraketen (wie Schmetterling, Taifun) und Junkers-Flugzeuge, Treibstoffanlagen und eine Tunnelstadt mit Krankenstation und Büro- Sanitäranlagen der Endsieg noch herbeigeführt werden. Für die Häftlinge oft bis zum Tod durch Erschöpfung unter den unmenschlichen Bedingungen und der Willkür der SS. Die SS ließ entkräftete Menschen bildlich und tatsächlich in Handschachtung sterben, bei jedem Wetter. Das war die große Befreiung davon. Aus anderem Blickwinkel war es auch für die Millionen Menschen in den bis zum Schluss besetzten Gebieten, allen Häftlinge in den Konzentrationslagern, galt für die Millionen Kriegsgefangene, die unter unmenschlichen Bedingungen in Lagern lebten, und die unzähligen Menschen, die zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppt und brutal ausgebeutet worden waren, war es Befreiung. Eine große Befreiung für Künstler, Kirche, Kommunisten und Homosexuelle. Offiziere und Soldaten, die den Wahnsinn überlebt hatten. Und andere mehr.
Der 08. Mai umfasst aber auch einen anderen Hintergrund. Viel zu wenige Deutsche haben sich damals in den Widerstand getraut, haben es erduldet oder nur an das eigene Überleben gedacht. Die Frage, was ist Widerstand und wann ist Widerstand geboten, ist aktueller in Deutschland denn je.
Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich. Unsere Großeltern haben uns diese Erbschaft vermacht, wir müssen das Annehmen und gerecht in der Gegenwart verwenden. Ich spreche nicht davon, diese Vergangenheit zu bewältigen, es lässt sich nicht ungeschehen machen. In diesem Sinne sollte der 08.Mai eben ein Tag der Erinnerung sein. In seiner Gesamtsicht. Damit Deutschland eben auch nicht anfällig für eine neue Ansteckung wird oder sich weiter um die Bedeutung dieses 08.Mai streitet.
Insbesondere aber, erinnert Euch und verinnerlicht die Notwendigkeit von Widerstand.
Autor: redDer offizielle Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus vor 75 Jahren, am 08.Mai in Berlin als Feiertag zeigt besonders auf, dass Deutschland heterogen aufgestellt und weit davon entfernt ist, einheitlich und zukunftsgewandt sich dieser Zäsur in der deutschen Geschichte zu stellen. Missstand in Bildung und ein mangelndes Selbstverständnis der Deutschen sind der Zukunft abträglich, die dem heutigen Deutschland entsprechen würde, …
Nein es geht hier gar nicht darum, Meinungsbildung im Mainstream mitten im Teil eines down gelockten Germany zu betreiben. Es soll schlicht ein Blick auf verschiedene Punkte der Geschichte gegeben werden, ohne irgendein Dogma neu aufzumachen.
Am 9. Mai 1945 gegen 0.15 Uhr unterschrieb in Berlin-Karlshorst Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die Kapitulation der Wehrmacht formal endgültig. Was in Berlin als der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus begangen wird, ist für einige Mitbürger ein Tag der totalen Niederlage, der Kapitulation und der Tag der Schande. Ein Schmerzempfinden über die Niederlage des eigenen Vaterlandes fraß sich in die Seelen vieler Menschen. Schon gar kein Tag zum Feiern. Dabei folgte die totale Niederlage, der Untergang, auf den totalen Krieg mit allen Mitteln, gibt es den Bezug direkt zum 30. Januar 1933 und mehr. Nazi Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt! kapitulierte am 08.Mai endgültig. Die Alliierten übernahmen. Sozusagen erstand aus den Ruinen des Untergangs und dem Verwesungsgeruch des SS-Staates etwas anderes. Richtig ist aber auch, es war nicht alles der Zukunft zugewandt. Für manche folgte Unfreiheit, neues Leid, Gefangenschaft. Andere wollten den Aufbruch in eine neue, bessere Zeit ohne Krieg und Faschismus, Rassenhass.
Ein Held in diesem Zusammenhang ist Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker, seine historische Rede 1985. Er ähnelte nicht nur meinem aus Bonn stammenden Großvater in Rede und Wirkung, mein Großvater war Feldwebel der Wehrmacht und kam erst 1952 aus russischer Kriegsgefangenschaft in die DDR zurück. Wenig durfte und hat er davon berichtet. Heute wissen wir, dass es nicht nur die gute Wehrmacht gegeben hat, denn die Wehrmacht war in Verbrechen im Krieg verstrickt. Es war keinesfalls alles sauber, ehrenhaft und rechtlich in Ordnung. Es ist mithin also keineswegs ein Verrat an meinem Großvater, dies so zu sehen. Es ist keine Zuweisung von Schuld an ihn. Aber kann Krieg jemals frei von Unrecht sein? Verbrechen geschahen auch an der deutschen Bevölkerung oder an Wehrmachtsangehörigen. Das gehört auch zum 08. Mai und einem zukunftsgewandten Umgang damit.
1985 sagte Weizsäcker, es war der Tag der Befreiung vom NS-Regime. Der Präsident sprach aus, was der Großteil der jüngeren Generation dachte - die Rede hatte so in gewisser Weise eine befreiende Wirkung. Für viele ältere Menschen, die auf Hitler gesetzt hatten, mag dies noch 1985 befremdlich gewirkt haben. Er ging aber auch auf viele weitere Aspekte ein. Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten., sagte er auch. Viele Deutsche sind schlicht froh gewesen, überlebt zu haben. Großes Leid und Entbehrungen haben besonders diejenigen erleben müssen, die ausgebombt, Ihre Liebsten verloren hatten, krank waren, hungerten oder ganz Ihre Heimat aufgeben mussten… Die Menschen, die den 08.Mai 1945 bewusst erlebt haben, dachten an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück.
Noch deutlicher gemacht: Jeder, der Mein Kampf gelesen hat, das Buch war weit verbreitet, konnte klipp und klar lesen, wofür Hitler stand. Die Juden wurden öffentlich verfolgt und unterdrückt. Zitat R. v. Weizsäcker: Gewiss, es gibt kaum einen Staat, der in seiner Geschichte immer frei blieb von schuldhafter Verstrickung in Krieg und Gewalt. Der Völkermord an den Juden jedoch ist beispiellos in der Geschichte. Die Ausführung des Verbrechens lag in der Hand weniger. Vor den Augen der Öffentlichkeit wurde es abgeschirmt. Aber jeder Deutsche konnte miterleben, was jüdische Mitbürger erleiden mussten, von kalter Gleichgültigkeit über versteckte Intoleranz bis zu offenem Hass. Wer konnte arglos bleiben nach den Bränden der Synagogen, den Plünderungen, der Stigmatisierung mit dem Judenstern, dem Rechtsentzug, der unaufhörlichen Schändung der menschlichen Würde? Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten.
Bei Nordhausen entstand im totalen Krieg das KZ Mittelbau-Dora. Tagtäglich konnten die Kolonnen von Häftlingen beobachtet werden. Mittels Zwangsarbeit sollte der alliierte Bombenterror durch neue Waffen (in bombensicherer Untertageverlagerungsproduktion hergestellt) gebrochen und Vergeltungs- und Wunderwaffen (V1, V2-Raketen (A4), Luftabwehrraketen (wie Schmetterling, Taifun) und Junkers-Flugzeuge, Treibstoffanlagen und eine Tunnelstadt mit Krankenstation und Büro- Sanitäranlagen der Endsieg noch herbeigeführt werden. Für die Häftlinge oft bis zum Tod durch Erschöpfung unter den unmenschlichen Bedingungen und der Willkür der SS. Die SS ließ entkräftete Menschen bildlich und tatsächlich in Handschachtung sterben, bei jedem Wetter. Das war die große Befreiung davon. Aus anderem Blickwinkel war es auch für die Millionen Menschen in den bis zum Schluss besetzten Gebieten, allen Häftlinge in den Konzentrationslagern, galt für die Millionen Kriegsgefangene, die unter unmenschlichen Bedingungen in Lagern lebten, und die unzähligen Menschen, die zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppt und brutal ausgebeutet worden waren, war es Befreiung. Eine große Befreiung für Künstler, Kirche, Kommunisten und Homosexuelle. Offiziere und Soldaten, die den Wahnsinn überlebt hatten. Und andere mehr.
Der 08. Mai umfasst aber auch einen anderen Hintergrund. Viel zu wenige Deutsche haben sich damals in den Widerstand getraut, haben es erduldet oder nur an das eigene Überleben gedacht. Die Frage, was ist Widerstand und wann ist Widerstand geboten, ist aktueller in Deutschland denn je.
Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich. Unsere Großeltern haben uns diese Erbschaft vermacht, wir müssen das Annehmen und gerecht in der Gegenwart verwenden. Ich spreche nicht davon, diese Vergangenheit zu bewältigen, es lässt sich nicht ungeschehen machen. In diesem Sinne sollte der 08.Mai eben ein Tag der Erinnerung sein. In seiner Gesamtsicht. Damit Deutschland eben auch nicht anfällig für eine neue Ansteckung wird oder sich weiter um die Bedeutung dieses 08.Mai streitet.
Insbesondere aber, erinnert Euch und verinnerlicht die Notwendigkeit von Widerstand.
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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