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Mo, 06:54 Uhr
04.04.2005

nnz-doku: Dantes Inferno

Nordhausen (nnz). Die nnz hatte gestern über den Beginn der Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Bombardierung von Nordhausen berichtet. An dieser Stelle veröffentlichen wir die Rede von Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD).


Sehr geehrte Herren und Damen, liebe Nordhäuserinnen und Nordhäuser,

am 4. April 1945, ab 9.30 Uhr morgens, gab es die Stadt Nordhausen nicht mehr. Innerhalb einer halben Stunde davor tragen hunderte von englischen Bombern den Tod in die Stadt getragen. Er fällt aus Richtung Westen kommend vom Himmel auf die Menschen herab, tausendfach - als Brand- und Sprengbomben, als Phosphorbehälter. Sie regnen auf die Frauen, Männer und Kinder hinab, auf die Flüchtlinge, die in die Stadt gekommen waren, um Schutz zu suchen, auf die Häftlinge des KZ- Dora, die von der SS in die Boelke-Kaserne am Rande der Stadt gepfercht wurde, um vor sich hin zu siechen.

Der Sturm der Verwüstung fegte über die Stadt. Er verwandelte die Petrikirche in eine lodernde Fackel und fegte die einst so prächtige Altstadt hinweg, er riss die Dächer von den Häusern, er verwandelte die Rautenstraße, die Töpferstraße, die Straße vor dem Vogel, Neustadtstraße, Lessersteige - ja die gesamte Innenstadt - in ein einziges grausig anzusehendes Inferno. Die tausendjährige Stadt war nur noch zu erkennen am Skellett von Rathaus und Theater und übrig gebliebenen Straßenschildern.

Erste Vorboten dieser Heimsuchung hatte es schon am Tag zuvor – es war ein Dienstag - gegeben: Heute vor 60 Jahren, etwa um diese Zeit, zu der wir jetzt hier stehen, hatte die erste Bombardierungswelle Nordhausen erschüttert – und eine Vorahnung von dem gegeben, was folgen sollte. Das Grauen bahnte sich auch am Folgetag den Weg durch die Stadt. Es nahm Kindern die Eltern, und löschte junges Leben aus, es setzte einen Schlusspunkt unter unzählige Familiengeschichten, weil es diese nicht mehr gab, es schlug tiefe Wunden in die Körper – vor allem aber auch in die Seelen so vieler Menschen in dieser Stadt. Diese Wunden tragen vor allem die älteren unter uns noch in sich – es sind unsere Eltern und Großeltern, die bis heute traumatisiert sind von dem, was sie im April vor 60 Jahren erleben mussten.

Und ich weiß auch aus meiner eigenen Familie, dass die Trauer über den Verlust von Freunden und Verwandten tief sitzt, aber auch des Elternhauses, der Straße, in der man aufwuchs, der vertrauten Heimstatt schwer wiegt. Das Erlebte war zu grausam - das Heulen der Sirenen, der Geruch des Verbrannten, die verzweifelten Rufe der Verletzten. Es war ausgerechnet ein britischer Bomberpilot, der es auf den Punkt brachte, als er auf die zerstörten Städte hinabblickte: „Ich sehe etwas Unbeschreibliches – es ist wie `Dantes Inferno´, eine weite Fläche voller Glut, sogar das Wasser brennt. Genauso muss die Hölle aussehen, wie wir Christen sie uns vorstellen.“ Er fügt später hinzu: „An diesem Tag wurde ich Pazifist.“

Als Nordhausen in Schutt und Asche gelegt wurde, war der Krieg für Deutschland längst verloren – das war auch und vor allem den Alliierten klar. Die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende breitet sich aus – auch unter der Zivilbevölkerung.

Doch wie Nordhausen traf es im Frühling 1945 noch 161 andere deutsche Städte. In den letzten Kriegstagen verloren noch 600.000 insgesamt Menschen – darunter 80.000 Kinder ihr Leben. Doch die Logik des Krieges fragt nicht nach dem Sinn. Sieben Tage vor der Befreiung des KZ Dora durch die Amerikaner waren diese Bombardierungen sinnlos, der Angriff auf Nordhausen war sinnlos.

Diese Bombardierungen waren sinnlos, der Angriff auf Nordhausen war sinnlos – denn welchen militärischen Sinn sollte es machen, Kirchen in die Luft zu sprengen odereine Kinderklinik zu bombardieren? Und was mit diesem so genannten „moral bombing“ erreicht werden sollte, trat nie ein – und auch dies wurde von den Alliierten erkannt: Es kam nicht zu dem gewünschten Aufstand der getroffenen Zivilisten gegen das Hitler-Regime. Denn im Mittelpunkt stand jetzt nur eines: Das ganze möglichst unversehrt zu überleben – das nackte Leben retten.

Der britische Premier Churchill ahnte zumindest, was seine Bomber anrichteten. Beim Betrachten von Luftaufnahmen zerstörter deutscher Städte sagte er:„Wir sind ja Bestien – muss das denn wirklich sein?“

Nein, es musste nicht sein, der Tod tausender Zivilisten musste nicht sein, die Angriffe waren nicht gerechtfertigt. „Die Nazi-Mörder in die gleiche Reihe mit dem ganzen deutschen Volk zu stellen bedeutet, die Barbarei voranzutreiben. Eine ganze Stadt auszulöschen, nur weil sich in einigen Gebieten wichtige Einrichtungen befinden, negiert die Verhältnismäßigkeit“ – so brachte es der englische Bischof George Bell im Februar 1944 vor dem Londoner Parlament auf den Punkt.

Liebe Nordhäuserinnen und Nordhäuser, sehr geehrte Herren und Damen,

die Angriffe waren nicht gerechtfertigt – doch waren sie auch ungerecht? Zwar kann es gerade hier in Nordhausen - und gerade heute – nicht unsere Aufgabe sein, Gründe für die Bombardierungen zu finden. Aber gerade hier in Nordhausen und gerade heute - 60 Jahre, nachdem diese Stadt und ihre Menschen unermessliches Leid erfahren haben - ist der richtige Zeitpunkt, uns Klarheit über die Ursachen der Zerstörung unserer Stadt zu verschaffen.

Wir müssen es tun, weil Nordhausen auch heute noch mit Stolz auf die lange Geschichte ihres freiheitlichen und selbstbewussten Bürgersinns verweist; wir müssen es tun, um unsere Kinder und Enkel vor dem Leid zu bewahren, dass uns und unseren Eltern vor 60 angetan wurde, wir müssen es tun, weil wir es den tausenden Menschen schuldig sind, die vor 60 Jahren hier umgekommen sind.

Wir müssen es auch tun, weil wir es denen schuldig sind, die gleich nach Kriegsende Nordhausen mit ihren Händen wieder aufgebaut haben, wir müssen es tun, weil es in einem Konzentrationslager vor den Toren unserer Stadt war, wo Menschen versklavt, geschunden und zu Tode gequält worden sind, wir müssen es deshalb tun, weil in diesem Konzentrationslager furchtbare Waffen hergestellt wurden, die über andere Menschen und Städte in ganz Europa das Verderben gebracht haben, wir müssen es tun, weil es sonst jene vermeintlich für uns tun, die gerade in diesen Tagen einen verderblichen– nämlich den braunen - Geist heraufbeschwören wollen, wir müssen es tun, weil aus all diesen Gründen gerade von dieser Stadt das Signal ausgehen muss: Nie wieder! Nordhausen will eine Stadt des Friedens sein. So hat es der 1. demokratisch gewählte Stadtrat nach der Wende beschlossen.

Unser Erinnern an das, was dieser Stadt vor 60 Jahren widerfuhr, und mit dem 9. November 1839 für alle sichtbar seinen tödlichen Verlauf nahm, darf nicht aufhören. Unser Erinnern, das wir an die Jungen weitergeben müssen, ist die einzige und beste Versicherung für die Zukunft dieser Stadt. Uns Klarheit zu verschaffen, heißt nicht, hier und jetzt die Opfer aufzurechnen oder gar die Frage nach der Schuld zu beantworten - das wäre ein Unterfangen, das für den heutigen Tag zu keinem Ergebnis führen würde. Uns Klarheit zu verschaffen, heißt aber eines: Die Ursachen erkennen. Und die hat einer unserer großen deutschen Schriftsteller, Thomas Mann, benannt: „Es ist der deutsche Vorsprung der Barbarei.“ Das Schicksal, das Deutschland im April 1945 ereilte, war schlicht und einfach eines: Die Rückkehr des Krieges an seinen Ausgangspunkt.

Wir müssen klar aussprechen: Deutschland hat die Handwerker des Todes in die Welt geschickt. Warschau und Belgrad; Coventry und Antwerpen, London und Stalingrad – und das spanische Guernica - sind Städte, denen wir uns heute besonders nah fühlen müssen, weil sie ein tragisches Schicksal mit uns teilen: Auch sie wurden durch Bomben zerstört. Denn lange bevor am Himmel über Deutschland die alliierten Flugzeuge auftauchten, hatten deutsche Bomber diese Städte heimgesucht.

Wir müssen uns eingestehen: Es war der Sportpalast in Deutschlands Hauptstadt Berlin, in dem Goebbels die Menschen aufpeitsche mit seiner Frage: „Wollt Ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?“ Diese Frage und vor allem das tausendfache „Ja!“ der Antwort, das den Sportpalast erbeben ließ, wurde in Washington, London, Paris Moskau wohl gehört. Jene, die damals im Februar 1943 jubelten, wussten nicht, was ihre Antwort einst bedeuten würde – Nordhausen hatte 24 Monate später zu spüren bekommen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir stehen heute hier, um an jene Menschen zu denken, deren Leben am 3. und 4. April ein Ende fand. Dieses Gedenken gehört uns – den Familienangehörigen der Opfer, ihren Freunden und Bekannten, ihren Nachkommen. Lassen wir uns das Gedenken nicht von jenen nehmen, die gerade jetzt unsere Geschichte umdeuten wollen. Sie beschwören den Geist jener, die sich in den Apriltagen 1945 feige im Keller der Reichskanzlei verkrochen - und sich aus der Verantwortung gestohlen haben, den Geist jener, die den Krieg entfacht und im Angesichts des Untergangs ihre Uniform aus- und den Mantel der Unschuld angezogen haben.

Liebe Nordhäuserinnen und Nordhäuser,

am 4. April 1945, ab 9.30 Uhr morgens, gab es die Stadt Nordhausen nicht mehr. Heute, am Nachmittag des 3. April 2005, gibt es ein Nordhausen – voller Leben und Lebendigkeit, und schön wie seit Kriegsende nicht mehr. Die Wunden des Krieges sind vernarbt und geheilt, manchmal nur überdeckt – aber nicht unsichtbar, weil sie in den Herzen vieler noch zu spüren sind.

Lassen Sie uns danken, dass wir heute hier gemeinsam mit unseren Kindern, Eltern und Freuden stehen dürfen – in Frieden. Wünschen wir uns, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird. Lassen Sie uns danken, dass aus feinden Freunde geworden sind. Dafür stehen unsere Städtepartnerschaften mit Ostrow-Wielkopolski in Polen, mit Charleville-Mezieres in Frankreis und mit Bet Shemesh in Israel.

Versichern wir uns jetzt und hier – und auch den Menschen außerhalb dieser Stadt – stets, und mit Mut und Entschlossenheit, dafür einzutreten, dass es niemals mehr einen Grund geben wird, Bomben auf diese Stadt zu werfen. Lassen Sie uns diese Verpflichtung eingehen, - auch und vor allem in Achtung vor den 8800 Menschen, die vor 60 Jahren in dieser Stadt den Tod fanden. Lassen sie uns ihnen jetzt gedenken.
Autor: nnz

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