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Do, 07:00 Uhr
04.04.2019
LAND IST EIN BEGRENZTES GUT

Wohnentwicklung und eine sorgenvolle Statistik

Nordhausen im Wandel der Zeiten. Einheimische wie Besucher erlebten ihn in den letzten Jahrzehnten anschaulich. Prägend vor allem die vielen neuen Wohnviertel an der Peripherie der Stadt...

Wo sich ehemals Hopfenfelder befanden, erstreckt sich heute das Wohngebiet Nordhausen-Ost mit zahlreichen Eigenheimen (Foto: Kurt Frank) Wo sich ehemals Hopfenfelder befanden, erstreckt sich heute das Wohngebiet Nordhausen-Ost mit zahlreichen Eigenheimen (Foto: Kurt Frank)
Wo sich ehemals Hopfenfelder befanden, erstreckt sich heute das Wohngebiet Nordhausen-Ost mit zahlreichen Eigenheimen. Foto: Kurt Frank

Nordhausen. Wo einst unweit des Krankenhauses Kirschbäume blühten und nur wenige Meter weiter auf der Wiese zum Gumpetal Kühe weideten, haben sich Häuslebauer ihr trautes Heim geschaffen. Dort, wo sich Hopfen in die Höhe rankte, findet sich heute das Wohngebiet Nordhausen-Ost. Geschichte sind die Kleingärten im Bereich Kastanienweg in Salza. Schmucke Eigenheime an ihrer Stelle.

Beispiele, beliebig ergänzbar. Der Stadt kann nicht vorgeworfen werden, nicht genügend Bauland zur Verfügung gestellt zu haben. Ganz im Gegenteil! Die Kehrseite: Landentzug, der es in sich hat. Das beweist erschreckend eine Statistik, die uns Lutz Fischer, Pressesprecher der Stadt, auf Anfrage übermittelte: In der Kernstadt Nordhausen (ohne Eingemeindungen) sind seit 1991 für Einfamilienhäuser mindestens auf 85 Hektar (Bruttofläche) Baugebiete für mehr als 700 Einfamilienhäuser ausgewiesen worden. Zahlen und Fakten im Detail:
  • Wohngebiet Nordhausen-Ost (Einst Hopfenfelder): Bebauungsplan 50 „Am Töpfer- oder Handwege“: Baugebiet mit insgesamt 23 Hektar. Bis jetzt knapp 300 Wohnhäuser von 313 möglichen errichtet. Bebauungsplan 10 „Nordhausen-Ost“, Teilfläche von zwei Hektar: 43 von etwa 50 Einfamilienhäuser gebaut.
  • Wohngebiet Kirschenweg/Richtung Gumpetal (Einst Weidefläche): Bebauungsplan Nr.7 „Kirschweg“: Zwei Hektar, 33 von 33 WE gebaut. Bebauungsplan Nr. 60 „Kirschweg II“, 3,8 Hektar: 38 von 41 WE gebaut.
  • Bebauungsplan „Rüdigsdorfer Weg“, Nr. 66: 10,5 Hektar, etwa 75 von 105 möglichen Wohneinheiten stehen.
  • Wohngebiet Salza, Bereich Friedhof, Kastanienweg (Einst Kleingartenanlage bzw. Acker). Bebauungsplan Nr. 31 „Flurstraße“: 6,2 Hektar, etwa 82 von 94 WE gebaut. VE-Plan Nr. 15 „Theo-Neubauer-Straße“: 2,9 Hektar, 52 von 52 WE gebaut. Bebauungsplan 22 „B.-Brecht-Straße einschließlich Änderung: 2,3 Hektar, 16 von 16 WE fertig.
  • Wohngebiet Salza/Richtung Herreden (Ehemals Ackerfläche): Bebauungsplan 30 „Herreder Straße“: 1,1 Hektar, 12 von 12 Wohneinheiten errichtet. Bebauungsplan 59 „Herreder Straße II“: Zwei Hektar, drei von drei WE gebaut.
  • Wohngebiet Sonnenwinkel/Straße der Genossenschaften: Bebauungsplan 40 „Schleifmühle“: Ein Hektar, 14 von 15 WE geschafft (ehemals Konsum-Backwaren). Bebauungsplan 110 „Straße der Genossenschaften“: 1,3 Hektar Fläche, 11 von 15 WE im Bau bzw. in Bauvorbereitung.
  • Bebauungsplan „Am Holungsbügel“, westlich von Niedersalza (Einst Ackerfläche). Bebauungsplan 78: 2,7 ha, 36 von 38 WE gebaut.
Zu beachten sei, verlautet aus dem Rathaus, dass eine Kommune sparsam mit ihren Ressourcen umgehen müsse. Ansiedlungen sollten primär dort vorgenommen werden, wo schon etwas erschlossen sei.

Doch Investoren fordern von der Stadt mehr Mut für weitere Wohn-Entwicklung. Das Thema Einfamilienhäuser sieht Investor Axel Heck stiefmütterlich behandelt. Es brauche attraktive Angebote für Familien und Besserverdienende, findet er. Eine Stadt müsse Interesse haben, Eigentumsbildung zu fördern, meint Landrat Matthias Jendricke. Der Präsident der Hochschule, Jörg Wagner, weiß sogar von einigen Professoren, die lange nach Häusern oder Grundstücken suchen mussten.

Ginge es nach einigen Prominenten, blieben auch die restlichen Grüngürtel um die Stadt nicht von einer Bebauung verschont. Professoren und Begüterte wollen möglichst im Grünen ihre attraktiven Anwesen errichten, von Bäumen umsäumt. Wo aber ist das Land, das sich dafür eignet?

Keine Kühe weiden mehr auf der Wiese Kirschenweg/Richtung Gumpetal. Ein neues Wohngebiet entstand dort. (Foto: Kurt Frank) Keine Kühe weiden mehr auf der Wiese Kirschenweg/Richtung Gumpetal. Ein neues Wohngebiet entstand dort. (Foto: Kurt Frank)
Keine Kühe weiden mehr auf der Wiese Kirschenweg/Richtung Gumpetal. Ein neues Wohngebiet entstand dort. Foto: Kurt Frank

Wie zu lesen war, sieht es Heike Umbach von der Sollstedter Wohnungsbaugenossenschaft so: Wir müssen schauen, dass wir aus dem Bestand das Nötige rausholen, statt Land weiter zu versiegeln. Stadtplanerin Beate Meißner meint, man müsse das richtige Maß finden, was Stadt und Landkreis an Flächen vorhalten. Was aber ist das richtige Maß? Ob Axel Heck und Co. den Stein des Weisen finden?

Gewiss, man könnte die Lücke zwischen dem Roller-Möbelmarkt und Bielen mit einem weiteren Wohnviertel schließen. Oder in Richtung Petersdorf ab Schöner Aussicht. Aber: Ob Wiese oder Ackerfläche - Land ist ein begrenztes Gut! Die Frage wird sein, wie wird es optimal genutzt: Flächen sparend für Mehrfamilienhäuser (auch mit Wohneigentum). Für Reihenhäuser? Für Eigenheime mit weitaus größerem Landverlust?

Verschwunden sind Kleingärten und Ackerfläche in Salza, Bereich Friedhof/Kastanienweg. Schmucke Einfamilienhäuser heute. (Foto: Kurt Frank) Verschwunden sind Kleingärten und Ackerfläche in Salza, Bereich Friedhof/Kastanienweg. Schmucke Einfamilienhäuser heute. (Foto: Kurt Frank)
Verschwunden sind Kleingärten und Ackerfläche in Salza, Bereich Friedhof/Kastanienweg. Schmucke Einfamilienhäuser heute. Foto: Kurt Frank

Nach Schätzungen werden Tag für Tag in Deutschland 69 Hektar landwirtschaftlicher oder natürlich geprägter Fläche in Siedlungs-, Bau- und Verkehrsfläche umgeändert und versiegelt. Pro Tag allein in Thüringen acht Hektar. Da bleibt biologische Vielfalt auf der Strecke. Ist das der Preis für den wirtschaftlichen Aufschwung? Ackerland gerät mehr und mehr unter Beton.

Einen anschaulichen Beweis liefert auch unser Landkreis: 100 Hektar wertvoller Fläche ging für das Industriegebiet Goldene Aue verloren. Derzeit gedeiht dort nur eins: Unkraut! Durch den Bau der Autobahn 38 verlor die Landwirtschaft hierzulande einschließlich der Ausgleichsflächen 1000 Hektar, besagte eine Statistik des Landwirtschaftsamtes Bad Frankenhausen. Die Neutrassierung der B 243 zieht auf einer Länge von 15 Kilometern eine Schneise durch die Landschaft des Südharzes. Landverlust alles in allem: 100 Hektar.

Landverlust ohne Ende? Die Landwirte sehen die Entwicklung voller Sorge. Ihr Hauptproduktionsmittel, der Boden, schwindet. Mehr und mehr Beton statt grüner Wiesen und Ackerland. Wo soll das hinführen? Was sagen eigentlich die Grünen? Wer soll künftig Lebensmittel erzeugen? Es soll aber Leute geben, die sehen die Zukunft ganz pragmatisch:

Milch könnten künftig die Scheiche aus Saudi Arabien liefern. Ein Witz? Mitnichten. 50 000 Milchkühe haben die in der Wüste unter Sprinkleranlagen stehen. Das ist die derzeit größte Molkerei der Welt. 800 000 Liter Milch produziert und verarbeitet die Anlage in Al Safi am Tag. Rindersteaks könnten gleich mitgeliefert werden. Obst und Gemüse? Kommt aus Übersee oder aus Ländern, wo die Zitronen blühen. Kartoffeln? Die liefert Ägypten. Fleischprodukte? Züchten die USA ihren Laboren.
Kurt Frank
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Kommentare

04.04.2019, 07.58 Uhr
Leser X | Alternativen
Kleiner Tipp: Im als Industriegebiet Goldene Aue geplanten und nicht nachgefragten Gewerbegebiet ist noch jede Menge Platz für neue Häuser.

Aber mal ganz im Ernst: Wer es gern grün und ruhig haben will, kann doch auch gerne auf eines der peripheren Dörfer ziehen.

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04.04.2019, 08.27 Uhr
A.kriecher | Darrweg
Warum wurde am Darrweg wo die Wohnblöcke standen jetzt eine Halle errichtet? Da hätte man doch einige Eigenheime hinbauen können. Schließlich war das doch mal bebaute Wohnfläche und Richtung Görsbach haben wir genug Gewerbefläche teuer erschlossen.

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04.04.2019, 13.19 Uhr
gandalf | Eng ist modern
Durch die veränderten Gepflogenheiten der modernen Gesellschaft wird nun mal mehr Wohnraum als früher benötigt. Zudem steigen natürlich die Ansprüche. Beiweitem nicht jeder möchte für sein sauer verdientes Geld in einer 51qm-Plattenbauwohnung hausen.

NACHVERDICHTUNG heisst das Zauberwort des modernen Immobilienmarktes. Da, wo bereits viele Menschen leben, werden noch mehr Wohnungen hingepflastert...ist ja schliesslich einfacher und billiger, als neues Bauland am Stadtrand zu erschliessen. Selbstredend verschwinden dabei Pkw-Stellplätze, Grünflächen oder auch Spielplätze. Und wo mehr Menschen aufeinander hocken, nehmen auch die sozialen Spannungen zu.

Natürlich gibt es Alternativen. In den Dörfern rund um Nordhausen gibt es so manches freie Haus oder kurzfristig verfügbare Baugrundstück. Wenn da das Problem mit der mangelnden Infrastruktur nicht wäre. Natürlich könnten Bund, Länder und Kommunen dem entgegensteuern....aber so lange man an steigenden Bau- und Immobilienpreisen gut mitverdienen kann, dürfte daran wohl wenig Interesse bestehen.

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08.04.2019, 20.03 Uhr
Schultze | Sorry
Die namentlich genannten hängen alle zusammen und begünstigen den Wohnungsmarkt zu ihrem eigenem Nutzen. Dritte Anbieter werden von der Stadt abgewürgt.

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