Mo, 16:00 Uhr
10.09.2001
Reemtsma-Aus: Erste Reaktionen
Nordhausen (nnz). Zur beabsichtigten Schließung des Nordhäuser Reemtsma-Standortes erhielt die nnz erste Stellungnahmen. Hier die Zusammenfassung. Neu: Statements von Landrat Joachim Claus (CDU), der SPD-Landtagsfraktion sowie von CDU-Landtagsabgeordneten Dr. Klaus Zeh
Ich bin entsetzt über die ankündigte Schließung und darüber, daß ich von den Plänen aus den Medien erfahren mußte, sagte Nordhausens SPD-Oberbürgermeisterin Barbara Rinke zu der Nachricht, daß das Nordhäuser Reemtsma-Werk geschlossen werden soll. Es ist schlimm, daß der Traditionsstandort Nordhausen aufgegeben werden soll. Wir sind stolz auf unsere gut ausgebildeten Spezialisten, auf die lange Geschichte der Tabakherstellung in Nordhausen. Eine Schließung werden wir nicht unwidersprochen hinnehmen - Unterstützung werde ich dabei sicherlich auch von der Landesregierung in Erfurt bekommen. Allerdings: Ich bin mir nicht sicher, inwieweit wir auf Entscheidungen global agierender Konzerne Einfluß nehmen können.
Die Nordhäuser OB: Hätten wir Signale für eine mögliche Schließung gehabt, wäre ich in die Hamburger Konzernzentrale gefahren und dort klargemacht, was für die Menschen in Nordhausen eine Schließung bedeutet. Noch in den letzten Wochen haben wir mit Reemtsma-Vertretern zusammengesessen, aber gesagt hat da niemand etwas. Barbara Rinke hätte sich für Reemtsma eine Entwicklung wie beim Nordhäuser Automobilzuliefer Eaton gewünscht: Dort gibt es mehr als 50 neue Arbeitsplätze. Dort bekennt man sich zum Standort Nordhausen, sieht dessen Vorteile. Dort qualifiziert man die Mitarbeiter - und dort hält man engen Kontakt zur Stadt!
Für mich ist das Maß der Schmerzen erreicht, meinte heute der Nordthüringer DGB-Chef Ullrich Hannemann gegenüber nnz. Es könne nicht sein, dass einer wirtschaftlich schwachen Region mit solch einer Standortaufgabe gänzlich das Rückgrat gebrochen werde. Für Hannemann ist es jetzt grundsätzlich notwendig, alle verfügbaren Kräfte zu bündeln, dazu wolle der DGB seinen Teil beitragen. Aktionen müsse es auch über die Thüringer Ländergrenzen hinaus geben.
Ein Sprecher des Thüringer Wirtschaftsministeriums kündigte heute in Erfurt an, mit dem Konzern über die Zukunft des Nordhäuser Standortes zu reden. Das Gespräch soll möglicherweise noch in dieser Woche stattfinden.
Für den PDS-Bundestagabgeordneten Gerhard Jüttemann ähnelt der Fall Reemtsma dem in Bischofferode. Hier erfolge lediglich eine Marktbereinigung, nach dem Fördergelder für den angeblichen Aufbau Ost abgefasst wurden. Damit habe man sich über Jahre hinweg die Märkte gesichert und die Produkte eingeführt. Insgesamt sei die Vorgehensweise von Reemtsma unverständlich, dagegen müsse sich nun Widerstand formieren. Jüttemann wolle die Nordhäuser Situation noch in dieser Woche im Bundestagsausschuß Neue Länder ansprechen und Bundeskanzler Schröder an seine einstige Chefsache erinnern.
Anke Siedentop von der Nahrungs- und Genussmittel Gewerkschaft in Nordthüringen: Wir sitzen heute mit dem Betriebsrat zusammen und überlegen, welche Möglichkeiten bestehen, diese Misere abzuwenden. Laut unserem Informationsstand schreibt die Reemtsma Nordhausen schwarze Zahlen. Wir verstehen deshalb nicht, warum das Werk zugemacht werden soll. Es müssen jetzt auch die Bundes- und Landesregierung mit diesem Problem beschäftigt werden. Es sind nicht nur die aktiven Arbeiter betroffen. Man darf nicht die Angestellten der Kantine oder Wache vergessen. Vor allem ist es hart für diejenigen, welche gerade Ferien machen oder sogar für die Mütter im Schwangerschaftsurlaub, so die Gewerkschafterin.
Udo Rockmann vom IHK-Servicecenter: Wir können derzeit keine Auskunft geben. Die IHK kann wenig machen. Wenn das Unternehmen nicht in Schwierigkeiten wäre, könnten wir eventuell helfen. Wir müssen die Betriebsversammlung am Mittwoch abwarten.
Landrat Joachim Claus (CDU) hatte sich heute in einem Gespräch mit der Geschäftsführerin über die Situation im Unternehmen informieren lassen. Nach seinem Kenntnisstand sei auch das Thüringer Wirtschaftsministerium in eine Lösung des Problems eingebunden. Die Fäden würden bei Referatsleiter Ludwig in Erfurt zusammenlaufen. Die Kommunalpolitik in Nordhausen wird alles unternehmen, um den Standort Nordhausen zu retten, ist sich Claus sicher. Bereits morgen werde es in Erfurt ein erstes Gespräch zu Reemtsma geben. Wie Joachim Claus weiter mitteilte, sei inzwischen auch Ministerpräsident Bernhard Vogel über die Situation in der Rolandstadt informiert.
Die SPD-Fraktion des Thüringer Landtages will die angekündigte Schließung nicht hinnehmen und fordert den Erhalt des Nordhäuser Standortes. Wirtschaftsminister Franz Schuster wurde aufgefordert, alles für den Erhalt des traditionsreichen Unternehmens zu tun. Landtagsabgeordnete Dagmar Becker will die Nordhäuser Oberbürgermeisterin bei ihrem Protest mit Nachdruck unterstützen. Becker: Reemtsma Nordhausen ist mehr als eine Arbeitsstätte für über 200 Menschen. Die Fabrik ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der ansonsten strukturschwachen Region.
Das ist ein Schock für die ganze Region, stellte der Nordhäuser CDU-Landtagsabgeordnete Dr. Klaus Zeh fest. Es ist deprimierend, wie mit dem Model- und Vorzeigebetrieb innerhalb der Reemtsmagruppe umgegangen wird. Die Schließung sei wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen, ohne Anzeichen und Vorankündigungen und aus den Medien! Das ist ein unerhörter Vorgang gegenüber der Belegschaft. Eine solche Nacht- und Nebelaktion ist nicht hinnehmbar. Außerdem sind die angebotenen Arbeitsplätze in Hannover und Berlin für viele keine wirkliche Alternative. Jeder weiß, dass eine große Zahl der Mitarbeiter Frauen sind und deshalb ein Pendeln oder gar Umziehen kaum möglich ist. Dr. Zeh hatte sofort Rücksprache mit Wirtschaftsminister Franz Schuster genommen. Dieser versicherte, dass er alles tun werde, um den Standort Nordhausen zu halten, aber es werde nicht einfach werden. Der Minister wird am Freitag nach Hamburg fahren und mit der Konzernleitung Gespräche führen, sagte Zeh abschließend.
Autor: nnzIch bin entsetzt über die ankündigte Schließung und darüber, daß ich von den Plänen aus den Medien erfahren mußte, sagte Nordhausens SPD-Oberbürgermeisterin Barbara Rinke zu der Nachricht, daß das Nordhäuser Reemtsma-Werk geschlossen werden soll. Es ist schlimm, daß der Traditionsstandort Nordhausen aufgegeben werden soll. Wir sind stolz auf unsere gut ausgebildeten Spezialisten, auf die lange Geschichte der Tabakherstellung in Nordhausen. Eine Schließung werden wir nicht unwidersprochen hinnehmen - Unterstützung werde ich dabei sicherlich auch von der Landesregierung in Erfurt bekommen. Allerdings: Ich bin mir nicht sicher, inwieweit wir auf Entscheidungen global agierender Konzerne Einfluß nehmen können.
Die Nordhäuser OB: Hätten wir Signale für eine mögliche Schließung gehabt, wäre ich in die Hamburger Konzernzentrale gefahren und dort klargemacht, was für die Menschen in Nordhausen eine Schließung bedeutet. Noch in den letzten Wochen haben wir mit Reemtsma-Vertretern zusammengesessen, aber gesagt hat da niemand etwas. Barbara Rinke hätte sich für Reemtsma eine Entwicklung wie beim Nordhäuser Automobilzuliefer Eaton gewünscht: Dort gibt es mehr als 50 neue Arbeitsplätze. Dort bekennt man sich zum Standort Nordhausen, sieht dessen Vorteile. Dort qualifiziert man die Mitarbeiter - und dort hält man engen Kontakt zur Stadt!
Für mich ist das Maß der Schmerzen erreicht, meinte heute der Nordthüringer DGB-Chef Ullrich Hannemann gegenüber nnz. Es könne nicht sein, dass einer wirtschaftlich schwachen Region mit solch einer Standortaufgabe gänzlich das Rückgrat gebrochen werde. Für Hannemann ist es jetzt grundsätzlich notwendig, alle verfügbaren Kräfte zu bündeln, dazu wolle der DGB seinen Teil beitragen. Aktionen müsse es auch über die Thüringer Ländergrenzen hinaus geben.
Ein Sprecher des Thüringer Wirtschaftsministeriums kündigte heute in Erfurt an, mit dem Konzern über die Zukunft des Nordhäuser Standortes zu reden. Das Gespräch soll möglicherweise noch in dieser Woche stattfinden.
Für den PDS-Bundestagabgeordneten Gerhard Jüttemann ähnelt der Fall Reemtsma dem in Bischofferode. Hier erfolge lediglich eine Marktbereinigung, nach dem Fördergelder für den angeblichen Aufbau Ost abgefasst wurden. Damit habe man sich über Jahre hinweg die Märkte gesichert und die Produkte eingeführt. Insgesamt sei die Vorgehensweise von Reemtsma unverständlich, dagegen müsse sich nun Widerstand formieren. Jüttemann wolle die Nordhäuser Situation noch in dieser Woche im Bundestagsausschuß Neue Länder ansprechen und Bundeskanzler Schröder an seine einstige Chefsache erinnern.
Anke Siedentop von der Nahrungs- und Genussmittel Gewerkschaft in Nordthüringen: Wir sitzen heute mit dem Betriebsrat zusammen und überlegen, welche Möglichkeiten bestehen, diese Misere abzuwenden. Laut unserem Informationsstand schreibt die Reemtsma Nordhausen schwarze Zahlen. Wir verstehen deshalb nicht, warum das Werk zugemacht werden soll. Es müssen jetzt auch die Bundes- und Landesregierung mit diesem Problem beschäftigt werden. Es sind nicht nur die aktiven Arbeiter betroffen. Man darf nicht die Angestellten der Kantine oder Wache vergessen. Vor allem ist es hart für diejenigen, welche gerade Ferien machen oder sogar für die Mütter im Schwangerschaftsurlaub, so die Gewerkschafterin.
Udo Rockmann vom IHK-Servicecenter: Wir können derzeit keine Auskunft geben. Die IHK kann wenig machen. Wenn das Unternehmen nicht in Schwierigkeiten wäre, könnten wir eventuell helfen. Wir müssen die Betriebsversammlung am Mittwoch abwarten.
Landrat Joachim Claus (CDU) hatte sich heute in einem Gespräch mit der Geschäftsführerin über die Situation im Unternehmen informieren lassen. Nach seinem Kenntnisstand sei auch das Thüringer Wirtschaftsministerium in eine Lösung des Problems eingebunden. Die Fäden würden bei Referatsleiter Ludwig in Erfurt zusammenlaufen. Die Kommunalpolitik in Nordhausen wird alles unternehmen, um den Standort Nordhausen zu retten, ist sich Claus sicher. Bereits morgen werde es in Erfurt ein erstes Gespräch zu Reemtsma geben. Wie Joachim Claus weiter mitteilte, sei inzwischen auch Ministerpräsident Bernhard Vogel über die Situation in der Rolandstadt informiert.
Die SPD-Fraktion des Thüringer Landtages will die angekündigte Schließung nicht hinnehmen und fordert den Erhalt des Nordhäuser Standortes. Wirtschaftsminister Franz Schuster wurde aufgefordert, alles für den Erhalt des traditionsreichen Unternehmens zu tun. Landtagsabgeordnete Dagmar Becker will die Nordhäuser Oberbürgermeisterin bei ihrem Protest mit Nachdruck unterstützen. Becker: Reemtsma Nordhausen ist mehr als eine Arbeitsstätte für über 200 Menschen. Die Fabrik ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der ansonsten strukturschwachen Region.
Das ist ein Schock für die ganze Region, stellte der Nordhäuser CDU-Landtagsabgeordnete Dr. Klaus Zeh fest. Es ist deprimierend, wie mit dem Model- und Vorzeigebetrieb innerhalb der Reemtsmagruppe umgegangen wird. Die Schließung sei wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen, ohne Anzeichen und Vorankündigungen und aus den Medien! Das ist ein unerhörter Vorgang gegenüber der Belegschaft. Eine solche Nacht- und Nebelaktion ist nicht hinnehmbar. Außerdem sind die angebotenen Arbeitsplätze in Hannover und Berlin für viele keine wirkliche Alternative. Jeder weiß, dass eine große Zahl der Mitarbeiter Frauen sind und deshalb ein Pendeln oder gar Umziehen kaum möglich ist. Dr. Zeh hatte sofort Rücksprache mit Wirtschaftsminister Franz Schuster genommen. Dieser versicherte, dass er alles tun werde, um den Standort Nordhausen zu halten, aber es werde nicht einfach werden. Der Minister wird am Freitag nach Hamburg fahren und mit der Konzernleitung Gespräche führen, sagte Zeh abschließend.

