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Sa, 10:30 Uhr
27.01.2018
Bertelsmann-Studie

Fachkräfte ohne Qualifikation

Fachkräfte werden händeringend gesucht. Dabei werden heute schon viele Fachkraftstellen von Menschen ohne formale Qualifikation erfolgreich ausgefüllt. Diese ungelernten Fachkräfte verdienen allerdings deutlich weniger als ihre qualifizierten Kollegen. Eine neue "Anerkennungskultur" könnte helfen, so eine Studie der Bertelsmannstiftung...

Außerdem befürchten sie Nachteile beim Jobwechsel, weil sie ihre Fähigkeiten nur schwer nachweisen können. Mit einer neuen Anerkennungskultur wäre ihnen geholfen und der Fachkräftemangel gelindert.

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Rund 21 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten auf Stel­len, für die sie nicht die erforderliche formale Qualifikation mitbringen. Sie sind „formal unter­quali­fiziert“. So übernimmt mehr als jeder zweite Arbeitnehmer ohne Ausbildungsabschluss (54 Pro­zent) Tätigkeiten von gelernten Fachkräften. Aber auch fast jede fünfte gelernte Fach­kraft übt Tätigkeiten auf Meister- oder Akademikerniveau aus. Ihre Fähigkeiten hierzu erlan­gen sie in­formell am Arbeitsplatz oder durch Weiterbildungen ohne formalen Abschluss.

Auf ihren Stel­len leisten sie häufig die gleiche Arbeit wie ihre formal entsprechend qualifizierten Kollegen. Ein gutes Viertel aller angestellten Männer arbeitet über ihrem formalen Qualifikati­onsniveau, bei den Frauen sind es 16 Prozent. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung der Ruhr-Universität Bochum im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

Für den Geldbeutel der betroffenen Arbeitnehmer hat dies unmittelbare Konsequenzen: Wer ohne formale Qualifikation eine höherwertige Tätigkeit ausübt, erhält zwar häufig einen höhe­ren Lohn als Gleichqualifizierte. Im Vergleich zu ihren formal adäquat qualifizierten Kollegen haben sie allerdings einen Lohnabschlag von 7 bis 11 Prozent. So verdient eine ungelernte Fachkraft zum Beispiel durchschnittlich 9 Prozent weniger als ihre Kollegen mit Ausbildungs­abschluss. Für Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, ist deshalb klar: „Das Know-how und Fachwissen von ungelernten Fachkräften wird nur unzureichend anerkannt.“

Mehrheit der Ausbildungslosen arbeitet als Fachkraft
Schon heute arbeitet jeder zweite Arbeitnehmer ohne Ausbildungsabschluss auf einer Stelle, für die normalerweise eine Ausbildung erforderlich ist. In den ausbildungsstarken Branchen Handwerk und Handel wird schon jede zehnte Fachkraftstelle von einer Person ohne Ausbil­dung ausgeübt. Diese ungelernten Fachkräfte kompensieren die fehlenden Formalia nicht sel­ten durch langjährige Berufserfahrung, besondere Softskills und hohe Lernbereitschaft. Das zeigt sich auch daran, dass sie häufiger in interaktiven und analytischen Tätigkeiten arbeiten, in denen hohe Kommunikations- und Problemlösungsfähigkeiten gefragt sind. „Die Betriebe pro­fitieren von den Fähigkeiten ungelernter Fachkräfte“, so Dräger. Er fordert deshalb, den Betroffenen den Weg zu einem formalen Vollabschluss zu erleichtern.

Eine neue Anerkennungskultur ist notwendig
Der hohe Anteil von Arbeitnehmern, die über ihrer formalen Qualifikation beschäftigt sind, deckt sich mit der Einschätzung von Personalabteilungen und Vorgesetzen, dass die on-the-job erworben Fähigkeiten die wichtigste Kompetenzquelle im Betrieb sind. Für Studienabbre­cher oder Ausbildungslose ist das zunächst eine positive Nachricht. „Praxiswissen ist für die persön­liche Entwicklung im Unternehmen die wichtigste Währung, bei Bewerbungen wird aber trotz­dem vor allem auf den Abschluss geschaut,“ analysiert Dräger die geringere Arbeits­platzmobi­lität von ungelernten Fachkräften. So empfinden es laut der vorliegenden Untersu­chung auch die Betroffenen. Sie sind pessimistischer als ihre qualifizierten Kollegen, eine zu­mindest gleich­wertige Stelle bei einem neuen Arbeitgeber zu finden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Arbeitnehmer ohne formales Zertifikat im Vergleich zu ihren qualifizier­ten Kollegen beim Arbeitsplatzwechsel verschlechtern – wodurch wichtiges Humankapital volkswirtschaftlich un­genutzt bliebe. Für Dräger ist deshalb klar: „Wir brauchen eine neue An­erkennungskultur für Fähigkeiten, die on-the-job erworben wurden. Das ist gerecht und volkswirtschaftlich sinnvoll.“

Unterqualifizierte können ihre informell erworbenen Kompetenzen nur dann zur Verbesse­rung ihrer Arbeitsmarktchancen nutzen, wenn sie auch formal anerkannt werden. Anerken­nungs- und Qualifizierungsverfahren sollten deshalb an beruflichen Tätigkeitsfeldern (zum Beispiel Ausbil­dungsbausteine) ansetzen. Bereits bestehende Fähigkeiten können so leichter erfasst und er­gänzt werden – möglichst mit dem Ziel eines Vollabschlusses. Gerade mit Blick auf er­fahrene Arbeitnehmer macht Dräger deutlich: „Die Anerkennung der beruflichen Kompeten­zen ist auch eine Anerkennung von Lebensleistung.“

Die vorliegenden Ergebnisse wurden von Prof. Bauer und seinen Mitarbeitern des Lehrstuh­les für Empirische Wirtschaftsforschung der Ruhr-Universität Bochum berechnet. Sie basieren auf repräsentativen Stichproben der deutschen Wohnbevölkerung. Zur Identifikation der for­malen Unterqualifikation wurde der Bildungsstand von Befragten des Sozio-oekonomischen Panels mit den Anforderungsniveaus ihrer Berufe verglichen, die sich aus der Klassifikation der Berufe von 2010 (KldB 2010) ablesen lassen.
Autor: red

Kommentare
Andreas Dittmar
27.01.2018, 10.50 Uhr
Beispiel, um den Unsinn der Studie vor Augen zu führen
Bestimmt sucht man auch beim Kampfmittelräumdienst noch Leute, die für das ein oder andere Bildungsdefizit gern eine Hand oder ein Bein oder sich eben komplett opfern würden. Gute Ausbildung kostet Geld und das möchte man sicher einsparen, allerdings geht das nur, wenn man auf bestimmte Standarts verzichtet.
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