Fr, 16:08 Uhr
27.10.2017
Briefe aus der Haft
Im Land der Gottlosen
Geschichte kann man nicht nur aus Büchern lernen, sei es nun die große historische Erzählung oder das Schicksal des einzelnen Menschen. Am Schiller-Gymnasium Bleicherode lud man die 10. bis 12. Klassen heute in die Turnhalle. Auf dem Programm stand das Leben des Helmuth James von Moltke...
Geschichte kann trocken und zäh sein, wenn man sie nur aus Schulbüchern kennt. Jürgen Larys und Susanne Hocke haben deswegen einen anderen Weg gewählt. In der Turnhalle des Schiller-Gymnasiums Bleicherode präsentierten die beiden Schauspieler mit Unterstützung der Kreissparkasse Nordhausen heute ihr Stück "Im Land der Gottlosen".
Anhand von Briefen und Tagebucheinträgen zeichnen die beiden die letzten Tage und Wochen des Helmuth James von Moltke nach, dem führenden Kopf des "Kreisauer Kreises", einer Widerstandsgruppe die sich während des zweiten Weltkriegs Gedanken um ein Deutschland nach dem Ende des Faschismus machte.
Erfolg war dem Kreisauer Kreis nicht beschieden, mit der Verhaftung von Moltkes zerbricht die Gruppe, einzelne Mitglieder schließen sich der Verschwörung rund um den Grafen von Staufenberg an. Das Theaterstück befasst sich denn auch nicht mit dem direkten Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sondern mit den Erfahrungen des Herrn von Moltke während seiner Haft.
Larys und Hocke ordnen ihr Stück im besten Brecht'schen Sinne, man lässt sich viel Zeit in die Erfahrungen des Gefangenen einzutauchen, nutzt wenig Requisiten. Nicht komfortabel und unterhaltend soll die Darstellung sein, sondern zum Nachdenken anregen.
Von Moltke ist kein üblicher politischer Häftling, der Gefangene entstammt altem Adel, dessen Namen auch im dritten Reich noch Gewicht besaß. Kleidung darf er mit in die Haft nehmen, Briefe und Pakete empfangen, darf ein Tagebuch führen, zumindest zu Beginn. Die ersten Tage bringen ihre eigene Routine mit sich, von Moltke vertreibt sich die Zeit mit dem Studium der Bibel, sportlicher Aktivität und "Spaziergängen" in seiner Zelle. Die Gemütsverfassung des Gefangenen leidet jedoch mit jeder Woche, die weiter ins Land geht. Solange er in Berlin verhört wird, sind es immer wieder Bombenangriffe, der Kriegsalltag, der ihn bis in die Zelle verfolgt und um den Schlaf bringt. Später wird von Moltke nach Ravensbrück verlegt, verbringt Zeit im berüchtigten Frauen-KZ.
Seine Berichte werden zunehmend erratischer, von Moltke verliert immer wieder seine Gemütsruhe, findet aber Ablenkung in seiner Bibel. In der Haft vertiefte Moltke seine Beziehung zum Christentum. Die Aufführung ist somit auch Dokument eines theologisch fundierten unbeugsamen geistigen Widerstands gegen die Unmenschlichkeit.
Ein gutes Jahr dauert von Moltkes Haft, am 23. Januar 1945 wird er schließlich auf Beschluss des Volksgerichtshofs durch den Strick hingerichtet.
Mit zwei Stunden Laufzeit die von keiner Pause unterbrochen werden, gelingt es dem Larys und Hocke eine Art von Paralellität zu der Ungewissheit dieser Monate aufzubauen. Das Stück zieht sich wie von Moltkes Haft in die Länge, unterbrochen nur von gelegentlicher Aufregung. Wie der Häftling sind auch die Zuschauer gefangen und können nichts anderes tun, als dem unausweichlichem Ende entgegenzugehen.
Angelo Glashagel
Autor: redGeschichte kann trocken und zäh sein, wenn man sie nur aus Schulbüchern kennt. Jürgen Larys und Susanne Hocke haben deswegen einen anderen Weg gewählt. In der Turnhalle des Schiller-Gymnasiums Bleicherode präsentierten die beiden Schauspieler mit Unterstützung der Kreissparkasse Nordhausen heute ihr Stück "Im Land der Gottlosen".
Anhand von Briefen und Tagebucheinträgen zeichnen die beiden die letzten Tage und Wochen des Helmuth James von Moltke nach, dem führenden Kopf des "Kreisauer Kreises", einer Widerstandsgruppe die sich während des zweiten Weltkriegs Gedanken um ein Deutschland nach dem Ende des Faschismus machte.
Erfolg war dem Kreisauer Kreis nicht beschieden, mit der Verhaftung von Moltkes zerbricht die Gruppe, einzelne Mitglieder schließen sich der Verschwörung rund um den Grafen von Staufenberg an. Das Theaterstück befasst sich denn auch nicht mit dem direkten Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sondern mit den Erfahrungen des Herrn von Moltke während seiner Haft.
Larys und Hocke ordnen ihr Stück im besten Brecht'schen Sinne, man lässt sich viel Zeit in die Erfahrungen des Gefangenen einzutauchen, nutzt wenig Requisiten. Nicht komfortabel und unterhaltend soll die Darstellung sein, sondern zum Nachdenken anregen.
Von Moltke ist kein üblicher politischer Häftling, der Gefangene entstammt altem Adel, dessen Namen auch im dritten Reich noch Gewicht besaß. Kleidung darf er mit in die Haft nehmen, Briefe und Pakete empfangen, darf ein Tagebuch führen, zumindest zu Beginn. Die ersten Tage bringen ihre eigene Routine mit sich, von Moltke vertreibt sich die Zeit mit dem Studium der Bibel, sportlicher Aktivität und "Spaziergängen" in seiner Zelle. Die Gemütsverfassung des Gefangenen leidet jedoch mit jeder Woche, die weiter ins Land geht. Solange er in Berlin verhört wird, sind es immer wieder Bombenangriffe, der Kriegsalltag, der ihn bis in die Zelle verfolgt und um den Schlaf bringt. Später wird von Moltke nach Ravensbrück verlegt, verbringt Zeit im berüchtigten Frauen-KZ.
Seine Berichte werden zunehmend erratischer, von Moltke verliert immer wieder seine Gemütsruhe, findet aber Ablenkung in seiner Bibel. In der Haft vertiefte Moltke seine Beziehung zum Christentum. Die Aufführung ist somit auch Dokument eines theologisch fundierten unbeugsamen geistigen Widerstands gegen die Unmenschlichkeit.
Ein gutes Jahr dauert von Moltkes Haft, am 23. Januar 1945 wird er schließlich auf Beschluss des Volksgerichtshofs durch den Strick hingerichtet.
Mit zwei Stunden Laufzeit die von keiner Pause unterbrochen werden, gelingt es dem Larys und Hocke eine Art von Paralellität zu der Ungewissheit dieser Monate aufzubauen. Das Stück zieht sich wie von Moltkes Haft in die Länge, unterbrochen nur von gelegentlicher Aufregung. Wie der Häftling sind auch die Zuschauer gefangen und können nichts anderes tun, als dem unausweichlichem Ende entgegenzugehen.
Angelo Glashagel




