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Mo, 14:23 Uhr
13.08.2001

nnz-Forum: SED-Städtebaupolitik?

Nordhausen (nnz). Die Hüterstraße soll beseitigt werden! Zumindest sind das die Vorstellungen einiger Verantwortlicher der Landesgartenschau, meint nnz-Leser Markus Veit im nnz-Forum.


Die Hüterstraße ist eine der ganz alten Straßenzüge der Stadt. Sie gehörte zu der dörflichen Siedlung des um 780 gegründeten Fränkischen Reichshofes „Altnordhausen“. Die Gasse bildete seit dem 13. Jh. die Verbindungsachse über den südlichen Petersberg zwischen der Straße „Vor dem Vogel“ (jetzt Zufahrtsstraße der Gebäude der östlichen Rautenstraße) und der Frauenberger Stiege. Sie fungierte seit Jahrhunderten bis in die frühen Tage des Aprils 1945 als Straße der „kleinen Leute“. Handwerker, vornehmlich Hutmacher und arme Bürger wohnten dort.

Das Bombardement vom April 1945 machte dem beschaulichen Dasein der schmalen Straße jedoch ein Ende. Als im Mai 1997 ein Teilstück der um 1950 verschütteten Hüterstraße wieder ausgegraben wurde, besichtigte ich sofort diesen Bereich um einige Fotos zu machen. Dort angekommen musste ich feststellen, dass ich nicht alleine war. Viele Interessierte hatten den Weg gefunden um diese seit fast einem halben Jh. aus dem Stadtbild verschwundene Straße zu bewundern, u.a. stand dort auch eine ältere Dame, ihr standen Tränen im Gesicht. Sie fing an, davon zu erzählen, dass sie hier - genau den Kanaldeckeln gegenüber - in dem kleinen Häuschen mit der Nr. 4 gewohnt habe. Für mich war das ein sehr bewegender Moment in jenen Minuten dieser alten Frau zuhören zu können. Was für Emotionen müssen ihr Herz erregt haben?!

Die grundlegenden Veränderungen der topographischen Stadtstruktur in den Nachkriegsjahrzehnten bedeuteten für das Nordhäuser Straßennetz einen außerordentlich tiefen Einschnitt. Zwischen 1945 und 1989 wurden 31 uralte Straßen, deren Bebauung kriegszerstört war, aufgelassen. Teilweise waren im Stadtinneren die neuen Straßenfluchten anders gezogen, aber auch die ehemaligen Trassen in andere Straßenzüge integriert worden. Die Entscheidungen jener Zeit haben rigoros alte überlieferte Bezeichnungen getilgt und das Straßenverzeichnis grundlos modernisiert. In Anbetracht der Tatsache, daß wir infolge der innerstädtischen Umgestaltung und des zum Teil missglückten Wiederaufbaus in den Jahren der DDR derartig vielen Straßen, Treppen und Plätzen verlustig gegangen sind, ist das Wenige was blieb um so erhaltenswerter.

Wann, stellt sich mir hier die Frage, ist endlich Schluss mit derartigen Verfahrensweisen? Ich kann nicht verstehen das eine SPD-regierte Stadt fast mit ähnlichen Methoden verfährt wie sie einstige SED-Stadtplaner bei „Problemlösungen“ anwendeten. Infolge der Baumaßnahmen am künftigen Landesgartenschaugelände ist bereits im Juni diesen Jahres der letzte Rest der einstigen Mauerstraße verschwunden. An anderer Stelle liegt die Steingasse (an der Kutteltreppe) zwar halb ausgebuddelt da, doch weiter geht's da scheinbar nicht. Nun soll letztlich auch der freigelegte Teil der Hüterstraße weg. Besser wäre es, sie bis hinunter an die Zufahrtsstraße der Gebäude der Rautenstraße freizulegen und sie zu einem attraktiven Zugang zum Landesgartenschaugelände werden zu lassen. Dieses Stück Straße ist dort weit und breit - neben Stadtmauer, Petri- und Judenturm - der einzigste Bezugspunkt zur alten Stadt im Petersbergareal.

Ich möchte hier ganz konkret die zuständigen Personen im Rathaus darauf hinweisen, dass andere Städte und deren Verwaltungsapparate,wie z. B. Halberstadt, eine andere Einstellung zu ihrer Vergangenheit einnehmen als es hier die Regel ist. Das Halberstädter Zentrum wurde im Krieg ebenfalls völlig zerstört, auch dort ging im Sozialismus ein großer Kulturverlust einher, doch begann man dort in den letzten Jahren, die zu DDR-Zeiten beseitigten Straßenzüge wieder in das Stadtbild zu integrieren. Warum geht das nicht auch bei uns, dort wo es möglich ist? Und am Petersberg wäre es möglich!

Wir sind es kommenden Generationen schuldig, Anhaltspunkte zur alten Stadt vor 1945 zu garantieren. Es geht nicht darum, das Rad der Geschichte zurück drehen zu wollen, aber es muss für ein gesundes Verhältnis von alt und neu Sorge getragen werden. Umso mehr durch die Bürger der Stadt, wenn durch die Architekten zu wenig der ursprünglichen Stadtstruktur Berücksichtigung findet. Überhaupt stellt man sich langsam die Frage, ob eigentlich die untere Denkmalschutzbehörde in die Planungen zum Landesgartenschaugelände genügend einbezogen wurde. Vielleicht müsste dahingehend noch einmal bei den leitenden Gremien umdisponiert werden, da sie mit der Vergangenheit ihrer Stadt anscheinend nur unzureichend vertraut sind.

Es gibt viele Stellen, wo Historisches bedroht ist aber eigentlich in Verbindung mit der Landesgartenschau völlig neue Akzente setzen könnte. Sei es beispielsweise eine Nutzung des wieder verfallenden Judenturmes oder einfach das Aufstellen eines Straßenschildes mit der Bezeichnung „Rähmen“, der dem Gelände um den Turm einst seinen Namen gab. Moderne Eingriffe könnten im Wechselspiel der alten wiederentdeckten Stadtstrukturen kontrahieren und den Petersberg in ein reizvolles Ambiente tauchen. Eine Landesgartenschau kann dadurch nur an Attraktivität gewinnen. Anregungen könnten sich die Mitarbeiter der Landesgartenschau GmbH auch auf der derzeitigen Bundesgartenschau in Potsdam holen, wo sogar militärische Altlasten in konzeptionellen Einklang mit dem Gartenschaugelände gebracht und mit entsprechenden Hinweistafeln erläutert wurde. Wenn „unsere Stadtoberen im Rathaus“ dazu nicht in der Lage sind, sind wir als Bürger dieser Stadt in die Pflicht genommen darauf hinzuweisen.

Markus Veit, Schillerstraße 8, Nordhausen

Anmerkung der nnz-Redaktion: Die im nnz-Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht zwingend mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Autor: nnz

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