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Di, 06:30 Uhr
13.06.2017
Diskussion mit Platzeck, Lochthofen und Lemme

Sag, wie hälst du es mit Russland?

Sag, wie hälst du es mit Russland - es könnte die Gretchenfrage unserer Zeit sein, oder zumindest eine von mehreren faustischen Abwägungen, vor die uns der Lauf der Welt in diesen Tagen stellt. Über das Verhältnis Deutschlands zur Russischen Föderation, unsere Rolle im Spannungsfeld von EU und NATO und die Verfassung der russischen Seele wurde heute mit prominenter Besetzung im Nordhäuser Bürgersaal diskutiert...


Eine gute Geschichte, darauf gibt einem jeder Schriftsteller und Literaturprofessor Brief und Siegel, lebt vom Konflikt, von sich widerstrebenden Motivationen der Handelnden. Die einfachste und effektivste Art Konflikt zu erzeugen liegt in der Gegenüberstellung zwei klar abgegrenzter Pole, das Gute auf der einen, das Böse auf der anderen Seite. Erzählungen in Grautönen finden auch ihre Liebhaber, zuweilen sogar über Zeitalter hinweg, die populärsten Geschichten einer Epoche, seien es nun Superhelden oder Weltmächte die gegeneinander streiten, treten in ihrer einfachsten Form meist bipolar, zweiseitig, zu Tage. Die strahlende Polis gegen das dekadente Großreich, der freiheitsliebende Arminius gegen das diktarorische Imperium, der seelige Luther gegen gierige Papisten, die Tugend gegen den Sittenverfall, der Mut gegen die Niedertracht, Schwarz gegen Weiß, Harry gegen Voldemort, Wir gegen Die.

Die politische Rhetorik liebt den Kontrast von Schwarz und Weiß ebenso wie es die großen und kleinen Literaten dieser Welt tun, liebt die Erzählung von den Werten und der Moral, das bipolare, einfache, klar abzugrenzende. Auch dann noch, wenn die Realität in den Hinterzimmern der Macht schon lange eine andere ist. Nachdem "der Russe" mit dem Ende des Kalten Krieges für ein paar Jahre als Antagonist westlichen Wertedenkens ausgefallen war hat der Kontrast zwischen Russland und "dem Westen" spätestens seit der Besetzung der Krim wieder an narrativer Popularität gewonnen.

Im Ratssaal des Nordhäuser Bürgerhauses versuchte man sich am Montagabend daran, wieder mehr Grautöne in die Geschichte einfließen zu lassen. Gekommen waren weit über 120 Zuhörer, der Saal wurde entgegen den Erwartungen der Organisatoren bis auf den letzten Platz gefüllt. Gelegen haben dürfte dass nicht nur am Thema des Abends, sondern auch an den Disputanten. Mit Matthias Platzeck, ehedem brandenburgischer Ministerpräsident aus den Reihen der SPD und Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums, nahm einer Platz den mancher hierzulande schon als fünfte Kolonne Moskaus bezeichnen würde, einer der gewillt ist Russland und seine Befindlichkeiten zumindest zu verstehen ohne dabei gleich den Apologeten russischer Grenzüberschreitungen zu geben. Ihm gegenüber fand sich Steffen-Claudio Lemme wieder, der als Bundestagsabgeordneter der SPD für den Nordthüringer Raum in Berlin an der aktuellen Politik Deutschlands aktiv teilnimmt. Als moderierende Instanz hatte man Sergej Lochthofen gewonnen. Der in Thüringen wohlbekannte Journalist mit russischen Wurzeln zeigte sich gewohnt spitz, gut informiert und kritisch in der Auseinandersetzung mit den beiden Politikern.

Platzeck zeichnete das Bild eines stolzen aber verwundeten, eines entäuschten Landes, in dem Vladimir Putin nach Jahren der entfesselten Ausbeutung wieder staatliche Ordnung geschaffen habe. Die russische Geschichte mitsamt der psychologischen Wunden der 90er Jahre habe einen anderen Weg genommen und zu anderen Lösungen geführt als hierzulande und das gelte es zu respektieren, erklärte der ehemalige Ministerpräsident, der als Junge in Potsdam mit Russen in der direkten Nachbarn aufwuchs.

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"Der kluge Gewinner bleibt sensibel weil er weiß: es gibt immer den Tag danach", so Platzeck, eine Weisheit die man auf der eigenen Seite des Kalten Krieges zu Gunsten eines westlichen "Triumphalismus" seiner Ansicht nach nicht berücksichtigt habe. Nachdem man Anno 1991 noch beteuerte, die Zeit der Eskalation sei nun vorbei, erlebe man inzwischen eine Situation, die so explosiv sei wie zuletzt vor 30 Jahren.

Die Schuld laste dabei nicht auf den Schultern einer Partei, irrationales und inkonsistentes Handeln, politische Fliehkräfte und unterschiedliche Interessensgruppen fänden sich auf der einen wie auf der anderen Seite. Wenn es in Russland ein Interesse am Zerfall der Europäischen Union gäbe, dann nur bei einigen wenigen Akteuren, insgesamt habe das Land von mehr Instabilität auf dem Kontinent keinerlei Mehrwert, so die Einschätzung Platzecks.

Dem hielt Sergej Lochthofen entgegen das Russland sehr wohl versuche seine Einflussphäre zu erweitern und bei einigen europäischen Ländern wie etwa Ungarn auch Gehör finde. Divide et impera, teile und herrsche. Die Russen würden sich die Partnerschaften suchen, die ihnen nützten, entgegnete Platzeck, wäre man eher auf das Land zugegangen, so könnte die Situation heute eine ganz andere sein.

Lochthofen tritt als kritischere Stimme auf, geht auch auf die deutlichen Schwächen des vermeintlichen Riesen Russlands und die Verfehlungen der letzten Jahrzehnte ein. Der Rohstoffreichtum habe den Blick auf die Notwendigkeit gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Reformen verstellt, 25 Jahre Entwicklung habe man leichtfertig vertan. Über deutsche Windräder hätte mancher Besucher aus Russland nur gespottet. Die eigentliche Botschaft, die Lösung Deutschlands aus notwendigen Abhängigkeiten, die sei nicht gesehen worden. Militärtechnik, das könnten die Russen noch, alles andere nicht. "China ist heute Handelspartner Nummer Eins, die russische Föderation kommt erst auf Platz 15", sagte der Journalist, man möchte gerne Weltmacht sein und auf Augenhöhe behandelt werden, der eigentliche aufstrebende Stern sei aber China. Aus dieser Schwäche Russlands seien über die Jahre viele der heutigen Spannungen entstanden.

Im Kern finden beide als Kenner des Landes mehr als nur den kleinsten gemeinsamen Nenner. Eine Wertediskussion wie sie der Westen gerne und mit unterschiedlichen Maßstäben führe, gehöre in der Russlandfrage hintangestellt. "So wichtig die Werte auch sind, dass wichtigste ist es den Frieden zu erhalten", sagt Platzeck und erntet dafür viel Applaus vom Publikum. Willy Brandt und Egon Bahr dienen ihm als Vorbild. Nach den Tumulten der 60er Jahre, nach Kuba Krise und Prager Frühling, riefen der damalige Bundeskanzler und sein "Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit" nicht nach Sanktionen sondern konnten mit ihrer Doktrin vom "Wandel durch Annäherung" ein neues Kapitel der Beziehungen zur Sowjetunion einleiten. Die Realitäten die damals gegolten haben, scheinen heute vergessen. Leonid Breschnew, mit dem Brandt den Dialog begann, sei um einiges schlimmer gewesen als Putin dieser Tage, so Platzecks Einschätzung.

Heute würde aber der Dialog beider Seiten schon enden bevor er überhaupt angefangen habe, "meist nach den Einführungsreden", sagte der Vorsitzende des Deutsch-Russichen Forums. Es sei an der Zeit unlösbare Konflikte, wie etwa den Status der Krim, an die Seite zu stellen um weiter zu kommen und den nächsten Schritt zu machen.

Und viel Zeit bleibe dafür nicht. Man befinde sich in einem Prozess der Entfremdung, der es sowohl auf der deutschen wie auch auf der russischen Seite schwerer mache, die Beweggründe des Gegenübers noch zu verstehen, so Sergej Lochthofen. Die Sanktionen gegen Russland, auch da war sich die drei Herren weitestgehend einig, hätten ihre Wirkung nicht nur verfehlt sondern nutzten noch eher den nationalistischen Kräften im Land.

Die Lösung des Dilemmas lautet am Abend: mehr Dialog. Den Prozess der Entfremdung stoppen. "Ohne Russland kann es in Europa keine Sicherheit geben", sagte Platzeck und Sergej Lochthofen plädierte für mehr Unterstützung und weniger Antagonismus. Größtenteils ausgeklammert wurde derweil die Rolle der USA. Sträflich möchte man meinen, allein was in den Vereinigten Staaten im Moment die Marschrichtung in Sachen Außenpolitik ist, dass dürfte wohl nur eine handvoll Menschen im weißen Haus bekannt sein. Der Rest der Washingtons und der übrigen Welt muss sich aufs rätselraten verlegen. Die griffige Beschreibung hierzu lieferte Steffen-Claudio Lemme, der jüngst in der amerikanischen Hauptstadt weilte. Ein Berufskollege aus dem amerikanischen Kongress habe ihm gesagt: "Was wissen wir denn schon was um drei Uhr morgens aus dem Weißen Haus getweetet wird".

Die weite Welt macht das nicht eben zu einem Hort der Sicherheit. Umso beruhigender ist es zu sehen dass man in Deutschland, abseits vom Rauschen im Blätterwald und Wahlkampfgetöse, noch dazu in der Lage ist, sachliche Diskussionen zu führen. "Putin-Trolle" und eingefleischte Transatlantiker waren im Nordhäuser Bürgersaal jedenfalls nicht zu finden. Es wäre zu wünschen das die nüchterne Attitüde des Abends auch in der bundesdeutschen Politik noch einmal ihren Niederschlag finden möge, etwa in Form einer ehrlichen Abrüstungsdebatte, wie Matthias Platzeck vorschlug.

Konflikte mögen sich bestens für eine gute Geschichte eignen. Aber nicht jede gute Geschichte muss auch in der Realität spielen. Gelebte Geschichte könnte sich aus Sicht derer die sie erleben, also auch gerne ganz und gar langweilig lesen.
Angelo Glashagel
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Kommentare

13.06.2017, 07.25 Uhr
Leser X | Verräterische Sprache
Gern wird in der deutschen Politik von Besetzung/Annexion der Krim gesprochen. Doch: weit über 90 % der Bewohner wollten zu Russland.

Die meisten Ostdeutschen, wenn auch sicher weniger als 90 %, wollten damals in ein größeres Deutschland.

War das dann auch eine Besetzung/Annexion?

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13.06.2017, 12.32 Uhr
Joerg B. | So sollten Leitartikel sein!
Auch ich verliere mich gern in langen Einleitungen;–). Manchmal muss man aber leider manche provinzielle Schwarz-Weiß-Denker mit etwas mehr „differenziertem Denken“ immer wieder extra daran erinnern, dass wir nur ein vereinfachtes Modell der sehr viel komplexeren Welt in uns tragen.

Ohne dabei gewesen zu sein, würde ich nach dem Bericht am meisten Sergej Lochthofen zustimmen, dessen Biografie auch am engsten mit der deutsch-russischen Konfliktgeschichte verbunden ist.

Dringend notwendig scheint mir Deutschlands Emanzipation von den USA zu sein – auch von dem Inselchen;–) das immer schon fast nur an sich selbst gedacht hat und nun hoffentlich bald – auf eigenen demokratischen Wunsch hin – aus der EU raus ist.

Apropos "Putin-Trolle":
Woher wollen Sie, „Leser X“, wissen, wie eine Abstimmung auf der Krim unter UN-Kontrolle ausgegangen wäre. Ich kenne gebürtige Ukrainer, die das Stimmenverhältnis genau umgekehrt sehen, was ich allerdings auch wieder nicht glaube.

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