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Mo, 21:40 Uhr
27.03.2017
Verfassungsschutz zu Gast beim Integrationsbeirat

Islam, Islamismus, Salafismus

Ein unangenehmes Thema würde man behandeln, kündigte der Vorsitzende des Integrationsbeirat Mohamed Sayed zur heutigen Sitzung an. Über Gewalt und Islamisierung sollte gesprochen werden, zu Gast war dabei auch ein Vertreter des Verfassungsschutzes, der in seinem Vortrag auch die Lage in Thüringen in den Blick nahm...


Im letzten Jahr, nach mehreren Besuchen in Flüchtlingsunterkünften, mutmaßte man im Beirat das die Zustände in den Unterkünften und lange Wartezeiten erst zu Frustration und letztlich zu Gewalt führen könnten. Es ist ein heikles Thema in Zeiten, in denen es vor allem der islamistische Terror ist, der immer wieder für Schlagzeilen sorgt.

Dem Islam als Religion könne man als solchem keine Schuld an Gewalt und Terrorismus geben, meint Sayed, wohl aber dem Missbrauch und der Instrumentalisierung der Religion. Als Beirat wolle man Aufklärungsarbeit leisten, die Aufgabe müsse sein "gemeinsam einen besseren Weg für die Gesellschaft finden", sagte der Vorsitzende des Beirates. Das geschehe auch in Zusammenarbeit mit Institutionen wie der Polizei und dem Verfassungsschutz.

Letzteren hatte man sich heute eingeladen. Richard Willsch, seit neun Jahren beim Verfassungsschutz, referierte über Islam, Islamismus und Salafismus. Der Verfassungsschutz sei kein "Gesinnungs-TÜV", meinte Willsch Eingangs, eine der Hauptaufgaben sei die Überwachung politisch extremer Tendenzen. Dazu gehört inzwischen auch der Islamismus, wobei der in Thüringen neben Rechts- und Linksextremismus bisher eher eine untergeordnete Rolle spiele, das stellte der Verfassungsschützer gleich zu Beginn klar. Im Freistaat habe man es mit rund 100 sogenannter "Salafisten" zu tun, keiner davon wird von Seiten des Thüringer Staatsschutzes als Gewaltätig eingestuft.

Formen des Extremismus

"Der Islam ist nicht das Problem", sagt Willsch, und auch die Moscheen sind es per se erst einmal nicht. Für Muslime seien ihre Gotteshäuser nicht nur Ort des Gebets, sondern hätten auch eine bedeutende kulturelle Funktion. Das der islamische Glaube auch mit demokratischen Strukturen zu vereinen sei, sehe man an Ländern wie Indien und Indonesien, die zu den Ländern mit dem weltweit größten Anteil an Muslimen gehören.

Islamismus fange da an, erklärte Willsch, wo der Koran aus dem Kontext gerissen werde. Die theologischen Kommentare und Bearbeitungen zur heiligen Schrift könnten problemlos mehrere Regalmeter füllen, meint der Verfassungsschützer, kein Stoff also, den man sich in ein, zwei Jahren aneignen und interpretieren könne, wie es einige der hiesiegen "Popstars" der Szene versuchen würden.

"Nur weil jemand so tut, als würde er den Koran kennen, muss man das noch lange nicht für bare Münze nehmen", sagte Willsch. Extremistische Ideologen würden vielfach Suren zitieren, die im diametralen Gegensatz zu anderen Stellen der Schrift stehen. Gefährlich wird es dann, wenn den Quellen Gestaltungsspielraum im öffentlichen Leben eingeräumt werde, etwa bei der Stellung der Frau, dem Verhältniss zum Staat oder der Behandlung von "Ungläubigen", und wenn die Religion als Vehikel für politische Ziele genutzt wird.

Die Formen, die das annehmen kann, unterscheiden sich nicht wesentlich von denen anderer ideologischer Extreme, referierte Willsch. Zum einen gibt es legalistische Gruppierungen, also solche, die versuchen über das bestehende politische System an die Macht zu kommen und selbiges dann nach ihren Vorstellungen zu demontieren und umzubauen. Bekanntestes Beispiel hierfür dürfte die Muslimbruderschaft sein, die in Ägypten im Zuge des arabischen Frühlings Wahlen gewann und schließlich in einem Militärputsch wieder vom Thron gestoßen wurde.

Eine zweite Ausformung lehnt das bestehende politische System als solches ab, ist aber darauf aus möglichst viele Menschen von ihrer Sicht der Dinge zu überzeugen. In Sachen Islamismus trifft das in Deutschland vor allem auf die salafistische Szene zu. Die Radikalen propagieren eine Rückkehr zum ursprünglichen Islam, wie er zur Zeit des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert gelebt wurde, betrachtet die Demokratie als eine Form der Religion und lehnt den demokratischen Urnengang somit als Götzenverehrung ab, die dem wahren Muslim verboten sein muss. Nur Gott kann Gesetze erlassen, nicht der Mensch.

Der Salafismus nimmt für sich einen Alleinvertretungsanspruch an und bildet hierzulande die Vorstufe zum gewalttätigen Dhjihadismus. "Salafismus ist der Durchlauferhitzer", nennt Willsch das, die Zahlen der in diesem Bereich tätigen Personen habe sich zwischen 2010 und 2017 von rund 3000 auf schätzungsweise 9700 erhöht. Das liegt auch daran, das die salafisitische Szene äußerst umtriebig ist und "da'wa" propagiert, die Missionsarbeit vom Marktplatz bis in die digitale Sphäre.

Zuletzt identifiziert der Verfassungsschützer noch eine dritte Form des Extremismus, diejenigen, die nicht einmal mehr das Gespräch mit dem Gegenüber suchen, sondern allein auf Gewalt als Durchsetzung ihrer Ziele setzen. Im Islamismus sind das die Dhjihadisten, Organisationen wie der "Daesh" etwa, besser bekannt als IS, der in Syrien und im Irak Angst und Schrecken verbreitet.

Ziele und Ursprünge

Allen Formen gemein ist das Ziel: die Errichtung eines islamischen Staates, der möglichst weltumspannend sein soll. Ebenso gemein sind die Ausprägungen auch in ihrem Ursprung, den religiösen Erneurungsbewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die sich einer Welt gegenüber sahen, in der Kolonialmächte wie England und Frankreich die Politik im Herzen des Islam bestimmten und der Glanz der islamischen Reiche längst verblasst war.

Über Jahrhunderte hinweg waren es die islamischen Länder, die kulturell aufblühten, während im Westen der religiöse Dogmatismus waltete. Die griechischen Philosophen der Antike etwa, wurden erst von muslimischen Gelehrten übersetzt, bevor sie wieder ihren Weg in den westlichen Kanon fanden und die Grundlagen für die Erneuerung des Abendlandes gelegt werden konnten.


Auf die Sinnkrise antwortete mancher mit der Rückkehr zur "guten, alten Zeit" und propagierte ein Leben nach dem Vorbild der ersten Generation der Gläubigen, das inzwischen gut 1.400 Jahre zurück liegt. Ein Ergebnis war der Wahabismus, der ab den 60er Jahren aus Saudi Arabien heraus von wohlhabenden Scheichs populär gemacht wurde. Die Wahabiten, die letztlich den Export des Salafismus in den Westen erst ermöglichten, glauben das alles vermieden werden müsse, was den Menschen von Glauben und Gebet ablenkt. Das reicht von der Blume bis zur Tanzveranstaltung, erklärte der Verfassungsschützer.

Lücken der Gesellschaft

Zuspruch finden extreme Positionen heute vor allem bei jungen Menschen zwischen 15 und 30 Jahren, sagt Willsch, wer älter ist, würde tendentiell eher aus dem Salafismus "herauswachsen", wenn sich die Bezugsrahmen des eigenen Lebens ändern. Der Täter von London sei als über 50jähriger zuletzt eine Ausnahme gewesen.

Die jüngeren, Migrantennachkommen in der zweiten und dritten Generation, säßen häufig "zwischen den Stühlen". Auf der einen Seite Elternhäuser, die sich oft nie wirklich integriert hätten, auf der anderen Seite die deutsche Kultur, die man in der Schule oder auf der Arbeit erlebe. Auf der Suche nach der eigenen Identität würden Leute wie der deutsche Salafist Pierre Vogel in "Lücken vorstoßen, welche die Gesellschaft lässt". Das Abdriften in radikale Kreise vollzieht sich in der Folge nicht plötzlich. Am Anfang stehen oft kleinere Aktionen, wie Infostände oder das Verteilen von "Informationsmaterialien". Die Einflüsterer bemühen sich darum, die Idenität als Muslim in den Vordergrund zu rücken, geben halt, Gruppenzugehörigkeit. Die Erklärung, wie man als echter Muslim zu sein hat, wird dann nach und nach mitgeliefert.

Im Integrationsbeirat sorgt man sich, das es im Flüchtlingsbereich ähnliche "Lücken" gibt. Noch immer sitzen Menschen in Gemeinschaftsunterkünften fest, warten zum Teil sehr lange auf Entscheidungen der Behörden und sind, mehr oder minder, zur Inaktivität verdammt. Die Frustration könnte ein Einfallstor für Extremisten sein, warnt Willsch, eigentlich müsste es mehr Angebote geben.

Aufmunitionieren gegen die Großmäuler

Ein Patentrezept radikale Islamisten zu erkennen gebe es nicht, das Erscheinungsbild allein könne in jedem Fall kein Zeichen von Radikalisierung sein, erklärte der Beamte, da es auch strenge islamische Ausprägungen gebe, die nicht im Konflikt mit dem Grundgesetz stehen.

Sicher ist, dass die Situation in Thüringen im Vergleich zu anderen Bundesländern weitaus weniger signifikant ist, erklärt der Beamte. Rund 100 Salafisten identifiziert der Verfassungschutz zur Zeit, keiner davon wird von den Behörden als Gewalttätig eingestuft. Der "Hotspot" für die Aktivitäten der Thüringer Szene ist Erfurt. Die Nordhäuser Moschee sei hingegen kein Beobachtungsobjekt mehr.

Der Verfassungsschutz kann, aus Gutem Grund, nicht viel mehr tun, als die Lage im Auge zu behalten und zu informieren. Die Präventionsarbeit aber gestalte sich schwierig, berichtet Willsch, es gibt kaum Ansprechparnter, die für sich in Anspruch nehmen könnten, für alle, oder auch nur die Mehrheit, der Muslime zu sprechen. Dafür sind die diversen Ausprägungen zu unterschiedlich in ihren Ansichten. Unter den Flüchtlingen gebe es sehr viele, die vor den radikalen Ideologien in ihren eigenen Ländern geflohen seien, konzediert der Verfassungschützer, die Ablehnung werde aber kaum externalisiert.

Es gebe wenige Beispiele, in denen muslimische Verbände vehement Front machten gegen die Extremisten und diejenigen die es tun, vertreten immer nur Teile der Gläubigen. Der staatlichen Seite fehle es an Glaubwürdigkeit, hier müsse noch viel passieren, so Willsch. Auch in den Schulen komme das Thema Extremismus viel zu kurz, man müsse "gegen die Großmäuler aufmunitionieren".

Bleibt die Zivilgesellschaft. Extremismusprävention bedeutet aus Sicht der Verfassungschützer auch mehr Integrationsbemühungen. Es gelte, die Leute mit ins Boot zu nehmen, "wenn die Politik nicht so schnell ist, dann muss das die Gesellschaft auffangen". Tendentiell müsste also eher mehr in Integrationsprojekte investiert werden, als weniger. In der Realität regiert, zumindest vor Ort, zur Zeit eher der Rotstift.

Nach gut 90 informationsreichen Minuten kommt Willsch zum Ende, hat aber noch nicht alles erzählt und verspricht gerne wiederzukommen. Auch der Beirat will das Thema weiter bearbeiten, die heutige Sitzung soll lediglich ein Auftakt gewesen sein. Man darf gespannt sein.
Angelo Glashagel
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Kommentare

28.03.2017, 07.52 Uhr
Gothe | Moschee Nordhausen
Ich kann mich an einen Bericht im MDR erinnern in dem gesagt wurde das die Nordhäuser Moschee vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

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28.03.2017, 08.36 Uhr
U. Alukard | „...die Ablehnung werde aber kaum externalisiert.“
Da verstehe ich nicht warum ein solcher Experte nur im kleinen Kreis spricht!
Eine erweiterte Öffentlichkeit muß sowas erfahren!!!
Die kampffähigen allein reisenden jungen Männer müssen jetzt zurück, die Zukunft ihrer Länder aufbauen, dann geht auch die Feindseeligkeit der Deutschen zurück.
Niemand von uns versteht, warum diese Männer alle noch hier sind und deutsche Soldaten dort, in deren Heimat, für Ordnung sorgen sollen!!!

Vielen Dank für den Bericht.

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28.03.2017, 10.48 Uhr
Mueller13 | Es gibt keine Unterscheidung Islam-Islamismus
Typische Verschleierungs- und Beschwichtigungsversuche.
Es gibt keine Islamisten. Es sind alles Moslems. Die häufig propagierte Unterscheidung zwischen "islamisch" und "islamistisch" ist ein intellektueller Hirnschuss. Diese Unterscheidung gibt es nur im Feuilleton, und wird nur aus Propagandazwecken verwendet.

Zur Wahrheit gehört: Nicht alle Moslems sind Terroristen aber alle Terroristen der letzten Zeit waren Moslems.
Insofern gilt: keine Moslems = kein Terror. Wem das zu profan ist: keine Moslems = kein islamischer Terror.

Gerade Indien und Indonesien als positive Beispiele für Demokratie und Islam aufzuführen ist ein Hohn. In Teilen Indonesiens gilt die Scharia als Gesetzeswerk (inkl. Steinigung und Co). Das Schlimme an dieser Geschichte: die Tendenz. Es findet eine zunehmende Radikalisierung statt. Wo es vor 10 Jahren nur ein Kopftuch gab, finden wir jetzt in einer Gruppe nur noch eine ohne Kopftuch...

In Indien gibt es regelmäßig Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Hindus mit tausenden Toten. Diese beiden Staaten werden uns als positive Beispiele hingestellt? Na danke.

Wir haben in Europa die Zeit der Aufklärung hinter uns gebracht. Wir haben uns einen säkularen Staat erkämpfen müssen mit Millionen Toten. Es gibt keinen Grund massenhaft Menschen in unser Land zu lassen, die hier ihre Kultur leben wollen und genau die Errungenschaften der Aufklärung ablehnen.

Aus dem Text: ""Der Islam ist nicht das Problem", sagt Willsch, und auch die Moscheen sind es per se erst einmal nicht. Für Muslime seien ihre Gotteshäuser nicht nur Ort des Gebets, sondern hätten auch eine bedeutende kulturelle Funktion. "

Und genau das will ich nicht. Moscheen sollen dem Gebet dienen und nicht als kulturelles Zentrum. Diese Leute haben aus diversen Gründen ihre Kultur verlassen. Es gibt keine Gründe, diese Kulturen in Europa zu importieren.

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28.03.2017, 11.43 Uhr
ReconNDH | richtig Müller13
Sie haben es erkannt @Müller13, suchen Sie den Begriff "Islamismus" mal im Koran.... ich will Ihnen die Spannung nicht verderben, aber Sie werden ihn nicht finden. Ebenso finden Sie diesen Begriff in keinem arabischen Wörterbuch. Den Terroristen dient als Handbuch und Legitimation zum Töten, der Koran. Es handelt sich dabei um den selben Koran, nach dem alle Muslime leben. Allein deshalb fällt mir persönlich eine Unterscheidung zwischen gutem und schlechtem Koran äußerst schwer.

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28.03.2017, 19.40 Uhr
Liane Enzinger | @müller13 Aufklärung notwendiges Kriterium aber kein hinreichendes
Völlig richtig, @Müller, die westlichen “Kulturen“ haben die Aufklärung durchlaufen und ich glaube, auch viele Muslime. So gründet ja die empirisch angelegte Medizin im Orient. Die Aufklärung war ein Gewinn, ohne Zweifel. Sie ist somit ein notwendiges Kriterium für das “richtige“ Leben. Doch es ist eben kein hinreichendes. Der Holocaust zum Beispiel ging vom Mutterland der Aufklärung aus!
Der Mensch braucht immer auch das Extra des Sinngebens, er braucht , den irrationalen Faktor, Zuflucht nehmen zu können, Trost oder Anerkennung zu finden als Seelenbrot. Je instabiler die sozialen Beziehungen oder die Schutzgebenden Strukturen, je mehr die Anerkennung der Gemeinschaft fehlt, desto stärker wächst die Sehnsucht nach dem Irrationalen. Es mündet im Fanatismus und im Morden. Fehlt dann noch die ethische Richtschnur und das moralische Fundament, endet es mit Auschwitz.

Der “atomisierte“ Mensch ist das Grundübel. Doch wir gestalten unsere Gesellschaft eben selbst. Die Verantwortung für “die Verhältnisse“ können wir niemandem in die Schuhe schieben.

Liane Enzinger, M.A.

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