Di, 10:59 Uhr
10.08.2004
Wer ist das Volk?
Nordhausen (nnz). Wir sind das Volk!, so riefen es gestern rund 1.500 Menschen in Nordhausen zum Abschluß einer Demo gegen die Reformpläne der Bundesregierung. Wie die oben gestellte Frage schließlich beantwortet wird, davon hängt nicht nur die Zukunft der Demos ab...
Wir sind das Volk!, das war der zentrale Ruf der Leipziger Demos des Jahrgangs 1989. Die vier Worte machten Sinn, sie brachten die damalige Situaion der DDR genau auf den Punkt. Das Volk stand auf und wehrte sich gegen eine Diktatur. Heute wollen sich Menschen gegen Reformen, gegen Hartz IV und die Folgen wehren. Doch repräsentieren die, die da jeden Montag mobil machen wollen, auch das Volk?
So hart es klingt, sie sind nicht das Volk, wohl aber ein Teil dessen. Und geanu das macht es wohl auch künftig so schwierig. Man wird einen langen Atem haben müssen um durchzuhalten, um jeden Montag den Druck erneut aufzubauen. Rein rechnerisch betrachtet, betrifft Hartz IV ja nur etwas mehr als zehn Prozent der Menschen im Landkreis Nordhausen. Die Bürokratie in Landratsamt und in Agentur für Arbeit hat für diesen Volksteil schon einen Begriff gefunden: Die Betroffenen.
Doch der Zirkel der Betroffenheit muß weiter geschlagen werden. Allein nur die Kaufkraft betrachtet, wird der Einzelhandel im kommenden Jahr erhebliche Einbußen hinnehmen müssen. Da wird dann auch nicht mehr so viel wie bisher mit Straßenbahn oder Bus gefahren, da wird gespart. Gespart von dem Wenigen, das die Betroffenen dann noch in der Tasche haben.
Die künftigen Montags- oder Dienstagsdemos machen nur Sinn, wenn die Betroffenheit erweitert wird. In Magdeburg zum Beispiel ging ein Unternehmer mit auf die Straße und sprach zu den 15.000. Er habe Angst vor dem, was da im kommenden Jahr auf die Menschen und natürlich auch auf seine Firma zukommt. Der Kreis derjenigen, die sich für die Demos engagieren müssen, der muß größer sein, als das Umfeld von zwei arbeitslosen Frauen. Bei allem Respekt vor ihrem Mut, der in erster Linie die Folge einer Wut ist.
In die Demos muß Qualität hineingebracht werden, rausgehalten werden muß vor allem der Neidfaktor. Er war gestern am Abend schon zu spüren: Hier die Arbeitslosen, irgendwo – weit weg von uns – die Arbeithabenden. Eine solche Polarisierung könnte verheerende Folgen haben. Eine davon wäre, daß die Demos kein Ziel mehr hätten. Jetzt ist es noch die Rücknahme der Reformen,das Stoppen von Hartz IV. Wenn schon dieses Ziel abgesteckt ist, dann sollte man daran festhalten – und nur daran.
Der Aufstand der Normalos, so titelte heute Spiegel-Online. Das trifft den Punkt. Doch eines bleibt: Diejenigen, die da gestern in Nordhausen auf die Straße gingen, die sind nicht das ganze Volk. Bleibt vielleicht eine Frage: Wo war der Rest?
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnzWir sind das Volk!, das war der zentrale Ruf der Leipziger Demos des Jahrgangs 1989. Die vier Worte machten Sinn, sie brachten die damalige Situaion der DDR genau auf den Punkt. Das Volk stand auf und wehrte sich gegen eine Diktatur. Heute wollen sich Menschen gegen Reformen, gegen Hartz IV und die Folgen wehren. Doch repräsentieren die, die da jeden Montag mobil machen wollen, auch das Volk?
So hart es klingt, sie sind nicht das Volk, wohl aber ein Teil dessen. Und geanu das macht es wohl auch künftig so schwierig. Man wird einen langen Atem haben müssen um durchzuhalten, um jeden Montag den Druck erneut aufzubauen. Rein rechnerisch betrachtet, betrifft Hartz IV ja nur etwas mehr als zehn Prozent der Menschen im Landkreis Nordhausen. Die Bürokratie in Landratsamt und in Agentur für Arbeit hat für diesen Volksteil schon einen Begriff gefunden: Die Betroffenen.
Doch der Zirkel der Betroffenheit muß weiter geschlagen werden. Allein nur die Kaufkraft betrachtet, wird der Einzelhandel im kommenden Jahr erhebliche Einbußen hinnehmen müssen. Da wird dann auch nicht mehr so viel wie bisher mit Straßenbahn oder Bus gefahren, da wird gespart. Gespart von dem Wenigen, das die Betroffenen dann noch in der Tasche haben.
Die künftigen Montags- oder Dienstagsdemos machen nur Sinn, wenn die Betroffenheit erweitert wird. In Magdeburg zum Beispiel ging ein Unternehmer mit auf die Straße und sprach zu den 15.000. Er habe Angst vor dem, was da im kommenden Jahr auf die Menschen und natürlich auch auf seine Firma zukommt. Der Kreis derjenigen, die sich für die Demos engagieren müssen, der muß größer sein, als das Umfeld von zwei arbeitslosen Frauen. Bei allem Respekt vor ihrem Mut, der in erster Linie die Folge einer Wut ist.
In die Demos muß Qualität hineingebracht werden, rausgehalten werden muß vor allem der Neidfaktor. Er war gestern am Abend schon zu spüren: Hier die Arbeitslosen, irgendwo – weit weg von uns – die Arbeithabenden. Eine solche Polarisierung könnte verheerende Folgen haben. Eine davon wäre, daß die Demos kein Ziel mehr hätten. Jetzt ist es noch die Rücknahme der Reformen,das Stoppen von Hartz IV. Wenn schon dieses Ziel abgesteckt ist, dann sollte man daran festhalten – und nur daran.
Der Aufstand der Normalos, so titelte heute Spiegel-Online. Das trifft den Punkt. Doch eines bleibt: Diejenigen, die da gestern in Nordhausen auf die Straße gingen, die sind nicht das ganze Volk. Bleibt vielleicht eine Frage: Wo war der Rest?
Peter-Stefan Greiner



