Mi, 18:40 Uhr
09.11.2016
Humboldt Gymnasium gestaltete Gedenken
Gedenken an die Pogromnacht
Es war spät in der Nacht, als sie loszogen. Mut hatten sie sich angetrunken bevor es los ging, zur Nordhäuser Synagoge. Vor 78 Jahren brannten die Nationalsozialisten das jüdische Gotteshaus nieder, benutzen die Bücher als Brennmaterial. Der Reichspogromnacht gedachte man heute Nachmittag auch in Nordhausen wieder...
Gedenken an die Pogromnacht 1938 in Nordhausen (Foto: nnz)
Die Feuerwehr war vor Ort, löschte den Brand nicht, man war da um ein Übergreifen des Brandes zu verhindern. Während die Flammen loderten, machten sich die Nazis auf in die Stadt, zertrümmerten jüdische Geschäfte, drangen in Wohnungen ein und zerrten die Bewohner auf die Straße. 150 Nordhäuser Juden wurden im Siechenhof gefangen gesetzt. Am nächsten Abend versammeln sich die Nordhäuserinnen und Nordhäuser zu ihrem traditionellem Martinsumzug. Der führt auch an der Synagoge vorbei. Die Trümmer qualmen noch.
Von einer Grenzüberschreitung sprach Oberbürgermeister Dr. Zeh heute anlässlich des Gedenkens zur Pogromnacht vom 9. November 1938. Das Land und auch die Nordhäuser Bevölkerung hätten damals ihre "moralische Unschuld" verloren. An Aktualität habe das Erinnern an die Geschehnisse nicht eingebüßt, im Gegenteil. Es gehe heute nicht mehr um die Schuldfrage, sagte Zeh, vielmehr sei es wichtig wachsam zu bleiben, gerade in diesen Zeiten, die von volatiler und gereizter Stimmung geprägt seien. Er habe Verständnis für diejenigen, die ihren Unmut äußerten, so Zeh, wo aber "schleichender Hass" Einzug halte, müssten Grenzen gezogen werden.
Gedenken an die Pogromnacht 1938 in Nordhausen (Foto: nnz)
Gestaltet wurde die Gedenkveranstaltung heute von Schülerinnen und Schülern des Humboldt-Gymnasiums. Seit gut zwei Monaten haben sie sich mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde Nordhausens auseinandergesetzt. Mit Musik, Zitaten, Gedichten und vor allem Einzelschicksalen konnten die Jungen und Mädchen die Veranstaltung vom üblichen ritualisierten Gedenken abheben.
Im Lesesaal der Bibliothek befasste sich die Stadthistorikerin Marie-Luis Zahradnik mit dem Leben der jüdischen Gemeinde im 19. Jahrhundert. Vor dem reichlich erschienen Publikum zeigte die Historikerin den Werdegang von den komplizierten (Neu-) Anfängen unter der napoleonischen Besatzung, über das Wachstum der Gemeinde und den Bau der Synagoge bis zu ihrem Ende.
Zahradnik stützte sich dabei nicht allein auf bekannte Quellen wie die Arbeit Heinrich Sterns, der anlässlich der Tausendjahrfeier der Stadt 1927 die Geschichte der Juden in Nordhausen niedergeschrieben hatte, sondern auch auf andere Quellen wie die Etataufstellungen der Gemeinde, Sterbe-, Geburts-, und Ehelisten, Personalaufstellungen oder auch Edikte der Verwaltungen.
Die Dokumente berichten vom religiösen Alltag in Nordhausen oder auch von Auseinandersetzungen zwischen reformorientierten und orthodoxen Strömungen innerhalb des Glaubens. Die Indizien deuteten für Nordhausen auf eine Reformgemeinde hin, sagte Zahradnik, etwa durch den Umstand das man sich nicht einer bestehenden Gemeinde anschließen musste, das es einen Chor gab oder auch das man die Bar Mitzva, zumindest Zeitweise, als Konfirmation bezeichnete und sie sowohl Jungen wie auch Mädchen zugänglich war. Auch Verbindungen zur liberalen "Freien Gemeinde" Eduard Baltzers finden sich, erklärte Zahradnik.
Ein Judenviertel gab es im 19. Jahrhundert nicht mehr, die Juden genossen dank der von den Franzosen erzwungenen Reformen Freizügigkeit, lebten inmitten der Stadt. Unter preußischer Herrschaft blieb die neue Ordnung bestehen, die Gemeinde florierte bald. Am Hagen entstand ein jüdisches Badehaus, in der Ritterstraße pachtete man einen Gebetsraum, außerhalb der Stadttore entstand in den 1820er Jahren der jüdische Friedhof.
Der Gebetsraum wurde in den 1830er Jahren zu klein, es gibt erste Überlegungen eine eigene Synagoge zu bauen. Unterstützung kam aus Hamburg, in Person von Salomon Heine. Über Spenden, Aktienausgaben an die Gemeinde und eine sogenannte "Leibrente" bekam man das Geld für den Neubau zusammen.
Am 12. und 13. September 1845 wurde das Haus endlich mit der Überführung der Tora-Rollen feierlich eröffnet. In den 1880er Jahren nutzte man Sanierungsmaßnahmen um den Tempel zu vergrößern und mit einer für die Zeit typischen Kuppel im orientalischen Stil zu versehen. Auf dem Gelände wurde auch das Gemeindehaus sowie eine Religionsschule eingerichtet, welche die Kinder der Gemeinde neben ihrer normalen Schule besuchen konnten. Gegen Ende des Jahrhunderts wird der Unterricht an das Realgymnasium verlegt. Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte diese Praxis schnell ein Ende, jüdische Kinder durften überhaupt keine "deutsche" Schule mehr besuchen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, neigt sich die Geschichte der Gemeinde ihrem gewaltsamen Ende zu. Um 2:15 kommen die Brandstifter. Für die Juden in Nordhausen sollte es erst der Anfang des Schreckens sein.
Angelo Glashagel
Autor: red
Gedenken an die Pogromnacht 1938 in Nordhausen (Foto: nnz)
Die Feuerwehr war vor Ort, löschte den Brand nicht, man war da um ein Übergreifen des Brandes zu verhindern. Während die Flammen loderten, machten sich die Nazis auf in die Stadt, zertrümmerten jüdische Geschäfte, drangen in Wohnungen ein und zerrten die Bewohner auf die Straße. 150 Nordhäuser Juden wurden im Siechenhof gefangen gesetzt. Am nächsten Abend versammeln sich die Nordhäuserinnen und Nordhäuser zu ihrem traditionellem Martinsumzug. Der führt auch an der Synagoge vorbei. Die Trümmer qualmen noch.
Von einer Grenzüberschreitung sprach Oberbürgermeister Dr. Zeh heute anlässlich des Gedenkens zur Pogromnacht vom 9. November 1938. Das Land und auch die Nordhäuser Bevölkerung hätten damals ihre "moralische Unschuld" verloren. An Aktualität habe das Erinnern an die Geschehnisse nicht eingebüßt, im Gegenteil. Es gehe heute nicht mehr um die Schuldfrage, sagte Zeh, vielmehr sei es wichtig wachsam zu bleiben, gerade in diesen Zeiten, die von volatiler und gereizter Stimmung geprägt seien. Er habe Verständnis für diejenigen, die ihren Unmut äußerten, so Zeh, wo aber "schleichender Hass" Einzug halte, müssten Grenzen gezogen werden.
Gedenken an die Pogromnacht 1938 in Nordhausen (Foto: nnz)
Gestaltet wurde die Gedenkveranstaltung heute von Schülerinnen und Schülern des Humboldt-Gymnasiums. Seit gut zwei Monaten haben sie sich mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde Nordhausens auseinandergesetzt. Mit Musik, Zitaten, Gedichten und vor allem Einzelschicksalen konnten die Jungen und Mädchen die Veranstaltung vom üblichen ritualisierten Gedenken abheben. Im Lesesaal der Bibliothek befasste sich die Stadthistorikerin Marie-Luis Zahradnik mit dem Leben der jüdischen Gemeinde im 19. Jahrhundert. Vor dem reichlich erschienen Publikum zeigte die Historikerin den Werdegang von den komplizierten (Neu-) Anfängen unter der napoleonischen Besatzung, über das Wachstum der Gemeinde und den Bau der Synagoge bis zu ihrem Ende.
Zahradnik stützte sich dabei nicht allein auf bekannte Quellen wie die Arbeit Heinrich Sterns, der anlässlich der Tausendjahrfeier der Stadt 1927 die Geschichte der Juden in Nordhausen niedergeschrieben hatte, sondern auch auf andere Quellen wie die Etataufstellungen der Gemeinde, Sterbe-, Geburts-, und Ehelisten, Personalaufstellungen oder auch Edikte der Verwaltungen.
Die Dokumente berichten vom religiösen Alltag in Nordhausen oder auch von Auseinandersetzungen zwischen reformorientierten und orthodoxen Strömungen innerhalb des Glaubens. Die Indizien deuteten für Nordhausen auf eine Reformgemeinde hin, sagte Zahradnik, etwa durch den Umstand das man sich nicht einer bestehenden Gemeinde anschließen musste, das es einen Chor gab oder auch das man die Bar Mitzva, zumindest Zeitweise, als Konfirmation bezeichnete und sie sowohl Jungen wie auch Mädchen zugänglich war. Auch Verbindungen zur liberalen "Freien Gemeinde" Eduard Baltzers finden sich, erklärte Zahradnik.
Ein Judenviertel gab es im 19. Jahrhundert nicht mehr, die Juden genossen dank der von den Franzosen erzwungenen Reformen Freizügigkeit, lebten inmitten der Stadt. Unter preußischer Herrschaft blieb die neue Ordnung bestehen, die Gemeinde florierte bald. Am Hagen entstand ein jüdisches Badehaus, in der Ritterstraße pachtete man einen Gebetsraum, außerhalb der Stadttore entstand in den 1820er Jahren der jüdische Friedhof.
Der Gebetsraum wurde in den 1830er Jahren zu klein, es gibt erste Überlegungen eine eigene Synagoge zu bauen. Unterstützung kam aus Hamburg, in Person von Salomon Heine. Über Spenden, Aktienausgaben an die Gemeinde und eine sogenannte "Leibrente" bekam man das Geld für den Neubau zusammen.
Am 12. und 13. September 1845 wurde das Haus endlich mit der Überführung der Tora-Rollen feierlich eröffnet. In den 1880er Jahren nutzte man Sanierungsmaßnahmen um den Tempel zu vergrößern und mit einer für die Zeit typischen Kuppel im orientalischen Stil zu versehen. Auf dem Gelände wurde auch das Gemeindehaus sowie eine Religionsschule eingerichtet, welche die Kinder der Gemeinde neben ihrer normalen Schule besuchen konnten. Gegen Ende des Jahrhunderts wird der Unterricht an das Realgymnasium verlegt. Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte diese Praxis schnell ein Ende, jüdische Kinder durften überhaupt keine "deutsche" Schule mehr besuchen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, neigt sich die Geschichte der Gemeinde ihrem gewaltsamen Ende zu. Um 2:15 kommen die Brandstifter. Für die Juden in Nordhausen sollte es erst der Anfang des Schreckens sein.
Angelo Glashagel

