Do, 20:26 Uhr
29.09.2016
Erfahrung und Können gefragt
Neuanfang oder Anfang vom Ende?
Verschleißerscheinungen in Hüft- und Kniegelenken sind eine weit verbreitete Erkrankung und können die Lebensqualität enorm einschränken. Betroffene leiden unter Schmerzen, die bis zur völligen Immobilität führen können. Das Ziel der modernen Endoprothetik ist eine schnelle und vor allem schmerzarme oder schmerzfreie Rückkehr des Patienten in seinen Alltag oder Beruf...
Doch was, wenn eine Endoprothese Lockerungserscheinungen aufweist oder zu neuen Schmerzen führt? Die Wechselchirurgie, auch Revisionsendoprothetik genannt, ist ein Schwerpunktgebiet der HELIOS Klinik Bleicherode und ist Fokus der nächsten Patientenakademie am Dienstag, den 4. Oktober. Dr. Steffen Kohler, Ärztlicher Direktor und Chefarzt für Orthopädie, erklärt, welche Schwierigkeiten sich hinter diesen Auswechseloperationen verbergen.
Dr. Kohler, was versteht man unter Wechselchirurgie und worin unterscheiden sich diese Eingriffe von den Erstoperationen? Wenn ein Kunstgelenk gegen ein Neues ausgetauscht werden muss, spricht man von einer Wechsel- oder Revisionsoperation. Diese wird notwendig, wenn Probleme mit der Endoprothese auftreten.
Im Vergleich zu Erstoperationen sind Auswechselungseingriffe schwieriger, weil zunächst analysiert werden muss, warum die Auswechseloperation nötig ist, bzw. warum die Endoprothese versagt. Wenn wir von Versagen sprechen, heißt das jedoch nicht in erster Linie, dass ein Materialfehler vorliegt. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Verschleiß- oder Abnutzungserscheinungen vorliegen.
Welche anderen Gründe gibt es für die Notwendigkeit einer Auswechseloperation?
Andere Gründe können Infektionen, auch Spätinfekte, also Erkrankungen, die erst ein Jahr nach der Primäroperation auftreten, sein, aber auch Unfälle und Brüche können eine Auswechseloperation begründen. Wirklich nur in ganz seltenen Fällen liegt ein Materialfehler vor. Das ist die große Ausnahme.
An welchen Symptomen erkennen Betroffene, dass eine Auswechseloperation notwendig sein könnte?
Ist etwas mit der Endoprothese nicht in Ordnung, treten Schmerzen auf, die dazu führen, dass die Beweglichkeit eingeschränkt ist. Ein Besuch bei einem Orthopäden ist dann sinnvoll. Bei begründetem Verdacht, wird dieser den Patienten bzw. die Patientin direkt einweisen oder in die Sprechstunde eines Spezialisten überweisen. Dort wird das weitere Vorgehen gemeinsam besprochen.
Aber: Nicht hinter jedem Schmerz, verbirgt sich eine Lockerung. Auch Funktionsstörungen, Muskelverspannungen oder ausstrahlende Schmerzen, z. B. von der Wirbelsäule sind Symptome, die ambulant mit Physiotherapie behandelt werden können und wo es keiner Operation bedarf. Grundsätzlich lege ich allen Endoprothesenträgern nahe, die jährliche Vorstellung beim Orthopäden, Unfallchirurgen oder Chirurgen wahrzunehmen. Dieses ist umso wichtiger, da man weiß, dass im Röntgen Lockerungen teilweise bereits ein bis zwei Jahre vor dem Auftreten von Schmerzen erkennbar sind. Das Wort Endoprothesen-TÜV trifft es ganz gut.
Verfügt jede Endoprothese nur über eine endliche Haltbarkeitsdauer?
In der Regel ja. Aus eigenen Nachuntersuchungen wissen wir, dass bei uns der Schaft eines künstlichen Hüftgelenkes nach 16 Jahren eine Überlebenswahrscheinlichkeit von 99% hat. Das haben wir veröffentlicht, man kann es in der Fachliteratur nachlesen. Die Haltbarkeit ist nicht unendlich, aber über einen sehr langen Zeitraum verbessert sie Lebensqualität der Patienten enorm. Es liegt in der Natur der Sache, dass niemand vorhersagen kann, wer der Eine ist, bei dem eine Lockerung auftritt, und wer die 99 sind, die sich bester Gesundheit erfreuen.
Gibt es Faktoren, wie beispielsweise Alter und Fitness eines Patienten, die die Haltbarkeit einer Endoprothese beeinflussen?
Es gibt eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen, die klar zeigen, dass Patienten, deren Erstendoprothese vor dem 50. Lebensjahr eingesetzt wird, eine höhere Lockerungsrate aufweisen. Das hängt mit der Beanspruchung und körperlichen Aktivität zusammen. Doch gerade Patienten in diesem Alter sind auf eine gut sitzende Endoprothese angewiesen, denn sie stehen noch mitten in der Arbeitswelt, müssen ihre Familien versorgen und sind sportlich aktiv.
Wie lange dauert die Rehabilitation von einer Auswechseloperation?
Ähnlich wie nach dem Ersteinsatz einer Endoprothese, beginnt die Rehabiliation nach der Operation in der Anschlussheilbehandlung, welche für gewöhnlich nach vier Wochen abgeschlossen ist. Nach deren Abschluss sind viele Patienten wieder körperlich belastbar. In sehr komplizierten Fällen dauert es aber auch länger.
Worin besteht die Schwierigkeit einer Auswechseloperation?
Vorab muss geklärt werden, warum eine Auswechseloperation notwendig ist. Hier besteht die Schwierigkeit, die Ursache der Beschwerden zu erkennen. Wechselimplantate sind zudem in vielen Fällen technisch sehr komplex und anspruchsvoll. Als nächstes ist die Operation an sich schwieriger, als die Primäroperation, weil man erstmal an das zu wechselnde Implantat herankommen muss. Die schonende Entfernung ohne die Beschädigung von Weichteilen oder Knochen bedarf Können und langjähriger Erfahrung. Nicht selten sind die an das bisherige Kunstgelenk angrenzenden Knochenbereiche geschädigt. Deshalb ist es von besonderem Vorteil, dass wir dank der in unserer Klinik verfügbaren Knochenbank solche Knochendefekte durch eine Knochenaufbauplastik auffüllen können. Solche Eingriffe gehören zu den technisch schwierigsten der Orthopädie und unsere Ärzte sowie unser Pflegepersonal verfügen auf diesem Gebiet über besondere Expertise.
Wie viele Wechseloperationen führen Sie im Jahr durch?
Wir führen im Schnitt zwischen 50 und 100 Auswechseloperationen durch. Im Vergleich dazu liegen wir bei den Primäroperationen bei 800 bis 900 Endoprotheseneinsätzen jährlich. Die Endoprothetik ist eines unserer medizinischen Schwerpunkte. Ich rate auch dazu, künstliche Gelenke in einem Krankenhaus einbauen zu lassen, welches über eine hohe Erfahrung bei Auswechseloperationen verfügt, denn nur wer Erfahrung bei Wechseloperationen hat, weiß auch, worauf es bei einer Primäroperation ankommt, nämlich dem schonenden Einsatz unter Berücksichtigung der Weichgewebe und Knochen. Dahinter steht ein ständiger Lern- und Weiterbildungsprozess. Auch ich operiere heute Endoprothesen anders, als noch vor 15 Jahren.
Nähere Informationen zur Wechselchirurgie von Hüft- und Kniegelenken erfahren alle Interessierten am Dienstag, den 4. Oktober um 19 Uhr im Café Barbara der HELIOS Klinik Bleicherode. Der Eintritt ist frei.
Autor: nnzDoch was, wenn eine Endoprothese Lockerungserscheinungen aufweist oder zu neuen Schmerzen führt? Die Wechselchirurgie, auch Revisionsendoprothetik genannt, ist ein Schwerpunktgebiet der HELIOS Klinik Bleicherode und ist Fokus der nächsten Patientenakademie am Dienstag, den 4. Oktober. Dr. Steffen Kohler, Ärztlicher Direktor und Chefarzt für Orthopädie, erklärt, welche Schwierigkeiten sich hinter diesen Auswechseloperationen verbergen.
Dr. Kohler, was versteht man unter Wechselchirurgie und worin unterscheiden sich diese Eingriffe von den Erstoperationen? Wenn ein Kunstgelenk gegen ein Neues ausgetauscht werden muss, spricht man von einer Wechsel- oder Revisionsoperation. Diese wird notwendig, wenn Probleme mit der Endoprothese auftreten.
Im Vergleich zu Erstoperationen sind Auswechselungseingriffe schwieriger, weil zunächst analysiert werden muss, warum die Auswechseloperation nötig ist, bzw. warum die Endoprothese versagt. Wenn wir von Versagen sprechen, heißt das jedoch nicht in erster Linie, dass ein Materialfehler vorliegt. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Verschleiß- oder Abnutzungserscheinungen vorliegen.
Welche anderen Gründe gibt es für die Notwendigkeit einer Auswechseloperation?
Andere Gründe können Infektionen, auch Spätinfekte, also Erkrankungen, die erst ein Jahr nach der Primäroperation auftreten, sein, aber auch Unfälle und Brüche können eine Auswechseloperation begründen. Wirklich nur in ganz seltenen Fällen liegt ein Materialfehler vor. Das ist die große Ausnahme.
An welchen Symptomen erkennen Betroffene, dass eine Auswechseloperation notwendig sein könnte?
Ist etwas mit der Endoprothese nicht in Ordnung, treten Schmerzen auf, die dazu führen, dass die Beweglichkeit eingeschränkt ist. Ein Besuch bei einem Orthopäden ist dann sinnvoll. Bei begründetem Verdacht, wird dieser den Patienten bzw. die Patientin direkt einweisen oder in die Sprechstunde eines Spezialisten überweisen. Dort wird das weitere Vorgehen gemeinsam besprochen.
Aber: Nicht hinter jedem Schmerz, verbirgt sich eine Lockerung. Auch Funktionsstörungen, Muskelverspannungen oder ausstrahlende Schmerzen, z. B. von der Wirbelsäule sind Symptome, die ambulant mit Physiotherapie behandelt werden können und wo es keiner Operation bedarf. Grundsätzlich lege ich allen Endoprothesenträgern nahe, die jährliche Vorstellung beim Orthopäden, Unfallchirurgen oder Chirurgen wahrzunehmen. Dieses ist umso wichtiger, da man weiß, dass im Röntgen Lockerungen teilweise bereits ein bis zwei Jahre vor dem Auftreten von Schmerzen erkennbar sind. Das Wort Endoprothesen-TÜV trifft es ganz gut.
Verfügt jede Endoprothese nur über eine endliche Haltbarkeitsdauer?
In der Regel ja. Aus eigenen Nachuntersuchungen wissen wir, dass bei uns der Schaft eines künstlichen Hüftgelenkes nach 16 Jahren eine Überlebenswahrscheinlichkeit von 99% hat. Das haben wir veröffentlicht, man kann es in der Fachliteratur nachlesen. Die Haltbarkeit ist nicht unendlich, aber über einen sehr langen Zeitraum verbessert sie Lebensqualität der Patienten enorm. Es liegt in der Natur der Sache, dass niemand vorhersagen kann, wer der Eine ist, bei dem eine Lockerung auftritt, und wer die 99 sind, die sich bester Gesundheit erfreuen.
Gibt es Faktoren, wie beispielsweise Alter und Fitness eines Patienten, die die Haltbarkeit einer Endoprothese beeinflussen?
Es gibt eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen, die klar zeigen, dass Patienten, deren Erstendoprothese vor dem 50. Lebensjahr eingesetzt wird, eine höhere Lockerungsrate aufweisen. Das hängt mit der Beanspruchung und körperlichen Aktivität zusammen. Doch gerade Patienten in diesem Alter sind auf eine gut sitzende Endoprothese angewiesen, denn sie stehen noch mitten in der Arbeitswelt, müssen ihre Familien versorgen und sind sportlich aktiv.
Wie lange dauert die Rehabilitation von einer Auswechseloperation?
Ähnlich wie nach dem Ersteinsatz einer Endoprothese, beginnt die Rehabiliation nach der Operation in der Anschlussheilbehandlung, welche für gewöhnlich nach vier Wochen abgeschlossen ist. Nach deren Abschluss sind viele Patienten wieder körperlich belastbar. In sehr komplizierten Fällen dauert es aber auch länger.
Worin besteht die Schwierigkeit einer Auswechseloperation?
Vorab muss geklärt werden, warum eine Auswechseloperation notwendig ist. Hier besteht die Schwierigkeit, die Ursache der Beschwerden zu erkennen. Wechselimplantate sind zudem in vielen Fällen technisch sehr komplex und anspruchsvoll. Als nächstes ist die Operation an sich schwieriger, als die Primäroperation, weil man erstmal an das zu wechselnde Implantat herankommen muss. Die schonende Entfernung ohne die Beschädigung von Weichteilen oder Knochen bedarf Können und langjähriger Erfahrung. Nicht selten sind die an das bisherige Kunstgelenk angrenzenden Knochenbereiche geschädigt. Deshalb ist es von besonderem Vorteil, dass wir dank der in unserer Klinik verfügbaren Knochenbank solche Knochendefekte durch eine Knochenaufbauplastik auffüllen können. Solche Eingriffe gehören zu den technisch schwierigsten der Orthopädie und unsere Ärzte sowie unser Pflegepersonal verfügen auf diesem Gebiet über besondere Expertise.
Wie viele Wechseloperationen führen Sie im Jahr durch?
Wir führen im Schnitt zwischen 50 und 100 Auswechseloperationen durch. Im Vergleich dazu liegen wir bei den Primäroperationen bei 800 bis 900 Endoprotheseneinsätzen jährlich. Die Endoprothetik ist eines unserer medizinischen Schwerpunkte. Ich rate auch dazu, künstliche Gelenke in einem Krankenhaus einbauen zu lassen, welches über eine hohe Erfahrung bei Auswechseloperationen verfügt, denn nur wer Erfahrung bei Wechseloperationen hat, weiß auch, worauf es bei einer Primäroperation ankommt, nämlich dem schonenden Einsatz unter Berücksichtigung der Weichgewebe und Knochen. Dahinter steht ein ständiger Lern- und Weiterbildungsprozess. Auch ich operiere heute Endoprothesen anders, als noch vor 15 Jahren.
Nähere Informationen zur Wechselchirurgie von Hüft- und Kniegelenken erfahren alle Interessierten am Dienstag, den 4. Oktober um 19 Uhr im Café Barbara der HELIOS Klinik Bleicherode. Der Eintritt ist frei.

