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Fr, 09:20 Uhr
05.08.2016
International Summer Camp Dora

Vergessenes sichtbar machen

Menschen aus 48 Nationen durchlebten und durchlitten vor mehr als 70 Jahren die Hölle von Dora. Heute arbeitet ein internationales Team von Freiwilligen daran, auch die Stellen des Konzentrationslagers wieder sichtbar zu machen, die fast schon vergessen sind...

Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel) Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)

Dem Gelände der Gedenkstätte Mittelbau-Dora dürften die meisten Einheimischen mit einer gewissen Vertrautheit begegnen. Das Lager und seine Geschichte gehört zu Nordhausen, zum Erbe der Stadt und seiner Bewohner. Was tatsächlich sichtbar ist, ist aber nur ein Teil des alten Lagerkomplexes. Industriebereich, das Areal der SS, der zentrale Platz und natürlich ein Teil der unterirdischen Anlagen sind beräumt, erschlossen, sichtbar und für den Besucher greifbar. Rund 2/3 des Lagers liegen hingegen noch im Wald des Kohnstein verborgen. Es sind vor allem die Grundmauern der rund 50 Häftlingsbaracken, die von der Natur überwuchert worden sind. Gras, Gestrüpp und Bäume haben über die eigentliche Größe des KZ beinahe den Schleier des Vergessens gelegt.

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Seit einigen Jahren ist man in der Gedenkstätte dabei auch diese Spuren der Vergangenheit wieder sichtbar zu machen. Seinen Anfang nahm das Projekt mit dem Engagement der "Jugend für Dora", der Nachwuchsorganisation der Gedenkstätte. Die Jugendlichen schichteten weiße Steine auf, um die Grundrisse eines Gebäudes am Waldrand wieder hervorzuheben.

Inzwischen gibt es einen kompletten B-Plan für das Gelände, erzählt Museologe Torsten Heß, Ziel sei es, Schritt für Schritt alle Baracken wieder sichtbar zu machen und den Wald dort wo es geht, ein wenig zu lichten. Das dass Thema "sichtbar machen" die Arbeit an der Gedenkstätte bestimmen würde, dass hat auch Gedenkstättenleiter Dr. Stefan Hördler in der Vergangenheit immer wieder hervorgehoben.

Tatkräftige Unterstützung bekommt man dieser Tage dabei bereits zum zweiten mal vom "Service Civil International" (SCI). Die Organisation, die schon 1920 in der Schweiz gegründet wurde, engagiert sich weltweit in der Freiwilligenarbeit. Allein in Deutschland werden in diesem Jahr über 50 "Workshops" angeboten, kurze Aufenthalte mit Engagement und Sinn für Menschen aller Altersklassen, erzählt Martina Hussmann, die über den SCI zur Zeit eines dieser Angebote in Dora begleitet.

Dragana aus Serbien ist nach Dora gekommen um mehr über das Schicksal und das Leben der Häfltinge zu erfahren (Foto: Angelo Glashagel) Dragana aus Serbien ist nach Dora gekommen um mehr über das Schicksal und das Leben der Häfltinge zu erfahren (Foto: Angelo Glashagel)

18 vornehmlich junge Menschen aus Mexiko, Italien, Spanien, Schweden, Taiwan, Russland, Serbien und auch Deutschland schuften im Wald der Gedenkstätte und führen die Arbeit des "sichtbar machens" fort. Zwei Wochen werden sie hier sein und neben der rein körperlichen Arbeit auch jede Menge über Deutschland, seine Geschichte und natürlich den Nationalsozialismus und das KZ Mittelbau-Dora lernen.

Ihre Beweggründe sind dabei ganz unterschiedlich. Da ist zum Beispiel Dragana aus Serbien. Sie wollte wissen, wie die Menschen im KZ gelebt haben, erzählt sie, wie Gefangene und Wärter miteinander umgegangen sind, wie die Beziehungen zueinander aussahen. Sie habe zwar schon viele Geschichten gehört und auch in der Schule habe man über die Konzentrationslager gesprochen, die Details habe sie aber nicht gekannt, sodass sie vieles überrascht und auch verstört habe. Details wie die Existenz des Lagerbordells etwa.

Rita ist schon zum zweiten Mal dabei - ihr Peace Zeichen hat sie immer bei sich (Foto: Angelo Glashagel) Rita ist schon zum zweiten Mal dabei - ihr Peace Zeichen hat sie immer bei sich (Foto: Angelo Glashagel) Rita aus Russland ist schon zum zweiten mal da. Die Geschichtsaffine junge Dame interessiert sich unter anderem sehr für Wernher von Braun und hätte am liebsten Geschichte studiert. Der Pragmatismus habe dann doch gewonnen, heute studiert sie im russischen Tula Fremdsprachen und Pädagogik und spricht fließend Deutsch. Ihr sei wichtig zu spüren was hier passiert ist, eine Ahnung davon zu bekommen, was Menschen hier gemacht haben. "Ich brauche das um es anderen Menschen vermitteln zu können. Das ist mir wichtig, so etwas darf nie, nie, niemals wieder geschehen", sagt die junge Russin, die ihr Peace-Zeichen immer bei sich trägt.

Sean und Amanda sind aus ganz anderen Gründen hier. Das junge Paar kommt vom anderen Ende der Welt, aus Taiwan. Der zweite Weltkrieg, Nazi-Deutschland - das alles hat, so weit entfernt vom Ort des Geschehens, einen anderen Stellenwert als hierzulande. Sie seien hier, weil sie den "German way of life", das deutsche Leben kennen lernen wollten und sich für die deutsche Kultur interessieren. Der Trip nach Nordhausen habe zeitlich gut gepasst und die Kleinstadt, so ihre Hoffnung, würde wohl das Leben in Deutschland auch authentischer erlebbar machen, als die üblichen Reiseziele. Für die Nazi-Zeit hätten sie sich schon im Vorfeld interessiert, abseits von ein wenig Bücher- und Schulwissen hätten sie aber nicht sehr viel gewusst. Was sie hier in den Gesprächsrunden und Führungen erfahren haben, hätte sie schockiert aber auch ihr Interesse für die Zeit und die Schicksale der Menschen weiter angefacht.

Sean und Amanda aus Taiwan wollen Deutschland erleben - und waren schockiert von dem, was sie gelernt haben (Foto: Angelo Glashagel) Sean und Amanda aus Taiwan wollen Deutschland erleben - und waren schockiert von dem, was sie gelernt haben (Foto: Angelo Glashagel)

Denn auch darum geht es beim "sichtbar machen", um die Menschen, nicht allein die Reste der Lagerarchitektur. Neben der physischen Hervorhebung der alten Umrisse leiste man auch weiter Grundlagenarbeit, erzählt Nadine Jenke, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte. Man forscht nach, wer in den Baracken gelebt hat, was in den Gebäuden selbst geschehen ist und was aus den Häfltingen geworden ist.

Bevor das ganze Ausmaß von Dora wieder sichtbar ist, werden noch Jahre ins Land gehen. Man macht langsam, Schritt für Schritt. Die Herangehensweise ist dem behutsamen Umgang mit dem historischen Erbe und der Gründlichkeit der Historiker geschuldet. Wenn man sich mit den jungen Leuten aus den verschiedensten Winkeln der Welt unterhält weiß man, dass sich der Ansatz bezahlt macht, dass die Geschichte des Lagers und damit auch die Geschichte Nordhausens einen Platz findet in den Köpfen der Menschen. Den Nutzen haben am Ende nicht nur diejenigen, die am Ort selbst arbeiten, sondern auch die, die ihn allein erkunden. Egal wo sie herkommen und wieviel sie schon wissen von dem, was damals war.
Angelo Glashagel
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Geschichte sichtbar machen - International Summer Camp an der Gedenkstätte Mittelbau Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Autor: red

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