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Mi, 13:26 Uhr
06.07.2016
nnz-Beitragsserie von Bodo Schwarzberg

Vernichtet am Kohnstein (5)

Auch mit dem Teil 5 der Reihe „Vernichtet am Kohnstein“ soll die kleine Serie noch nicht abgeschlossen sein. Ein weiterer Teil unternimmt den Versuch, sich einer „Psychologie des Kohnsteins“ zu nähern, also einer Psychologie des Verdrängens und Vergessens, und die Verluste bemerkenswerter Arten sollen ins Verhältnis zum Artenreichtum anderer, noch nicht abgebauter Naturschutzgebiete des Landkreises Nordhausen gesetzt werden...

Frauenschuh (Cypripedium calceolus) (Foto: Bodo Schwarzberg) Frauenschuh (Cypripedium calceolus) (Foto: Bodo Schwarzberg)
Auch der attraktive, in Thüringen stark gefährdete Frauenschuh (Cypripedium calceolus) verlor durch den Anhydritabbau am Kohnstein einen seiner letzten Wuchsorte im Landkreis Nordhausen. Einer der beiden im Landkreis Nordhausen verbliebenen Wuchsorte wird heute ebenfalls wieder vom Gipsabbau bedroht. Das Foto entstand 2015 im Kyffhäuserkreis.

Der Eisenbahnzug, 35.000 Kilometer lang, vollbeladen mit Anhydrit, abgebaut allein am Kohnstein, und der Verlust von rund 50 heute gefährdeten und teilweise auch geschützten Pflanzenarten unterstreichen eines: Der Südharzer Zechsteinrand hat ein für allemal genug zur Wirtschaftsförderung beigetragen. Jahrzehntelang dominierten die Wirtschaft und die Zerstörung durch die Wirtschaft. Neue Steinbrüche oder die Erweiterung bestehender müssen verhindert werden. Es gibt keine Argumente, die eine weitere Zerstörung unserer Landschaft rechtfertigen.

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Wir können uns nicht über Regenwaldabholzung und Betrügereien krimineller Autohersteller erregen, wenn wir vor unserer eigenen Haustür ein ökologisches Desaster schlimmsten Ausmaßes zulassen. Das scheint zumindest die Thüringer Politik erkannt zu haben.

Heute jedoch folgen zunächst die letzten sechs, heutzutage bedrohten Farn- und Blütenpflanzenarten, die die Nordhäuser Botaniker Adolf Vocke (1821-1901) und Johann Carl Angelrodt (1845-1913) in ihrer 1886 erschienenen „Flora von Nordhausen und der weiteren Umgegend“ für den Kohnstein erwähnten und die dem Tagebaubetrieb von rund 150 Jahren zum Opfer fielen.
Die Angaben hinter dem deutschen Namen beziehen sich auf die aktuell gültige Thüringer bzw. auf die deutsche Liste gefährdeter Gefäßpflanzenarten (1=vom Aussterben bedroht, 2=stark gefährdet, 3=gefährdet, +=regional stärker gefährdet, -=regional schwächer gefährdet), ein § kennzeichnet den gesetzlichen Schutz nach der Bundesartenschutzverordnung.
  • 43-Cypripedium calceolus (Frauenschuh) 2,3,§
  • Unser einheimischer Frauenschuh, der einzige „pflanzliche Frauenschuh“ Mitteleuropas kam einst zerstreut an mehreren Stellen im Landkreis Nordhausen vor. Die Vernichtung von dessen Wuchsorten setzte schon im 19. Jahrhundert ein: „Wird leider durch Ausgraben, wie viele Orchideen, immer seltener“, schrieben VOCKE & ANGELRODT 1886. Auch heute ziehen seine in Thüringen verbliebenen Bestände zahlreiche Besucher an. Geräubert wird er nach wie vor, wie man dem Internet entnehmen kann, teils sogar zu kommerziellen Zwecken. Darin unterscheiden wir uns nicht von den Orchideenhochburgen in Südostasien. Bei uns haben aber auch manche Orchideenschutzvereine eine Aktie daran, die regional öffentliche Orchideenexkursionen durchführen, punktgenaue Angaben zu Vorkommen in bunten Broschüren publizieren und hernach mitunter sogar öffentlich bedauern, dass sie womöglich zu viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben haben. Auch das ist im Netz nachzulesen!
  • Der Verlust der attraktiven Orchideenart am Kohnstein aber zeigt, dass die Gründe für ihr allmähliches Verschwinden vielschichtig sein können. Heute kommen auch noch eine ungeeignete, auf Masse und möglichst dichte statt lichte Wälder setzende Intensivfortwirtschaft als Rückgangsgründe hinzu. Einer der beiden noch verbliebenen Frauenschuhwuchsorte im Landkreis Nordhausen leidet ebenfalls unter zu starker Beschattung. Zudem wird auch er immer bekannter und wird trotz seiner Lage an einem Steilhang von zahlreichen Menschen aufgesucht. Fotovergleiche zeigen, dass wahrscheinlich auch hier ausgegraben wurde. Innerhalb von zwei Jahren (2014 bis 2016) ging die Individuenzahl um rund 20 Prozent zurück.
  • Der zweite Wuchsort der Art im Landkreis wird übrigens wieder vom Gipsabbau bedroht.
  • 44-Leucojum vernum (Märzenbecher)-/-/§
  • 45-Gagea minima (Zwerg-Goldstern) 2/-
  • 46-Carex elongata (Langährige Segge)3/-
  • 47-Stipa capillata (Pfriemengras) 3/3/§
  • 48-Asplenium trichomanes (Braunstieliger Streifenfarn) 3/-#
Bodo Schwarzberg

Literatur:
LUDWIG, G., R. MAY & C. OTTO (2007): Verantwortlichkeit Deutschlands für die weltweite Erhaltung der Farn- und Blütenpflanzen - vorläufige Liste. BfN-Skripten 220, 2007.
KORNECK, D, SCHNITTLER, M. & VOLLMER, I. (1996): Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen (Pteridophyta et Spermatophyta) Deutschlands. – Schriftenreihe Vegetationsk. 28: 21-187.
Korsch, H., W. Westhus, K. HORN & W. JANSEN (2011): Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen (Pteridophyta et Spermatophyta) Thüringens. - Naturschutzreport 26: 365-390.
KORSCH, H., WESTHUS, W. & ZÜNDORF, H.-J. (2002): Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Thüringens. Jena.
MEUSEL, H. (1939): Die Vegetationsverhältnisse der Gipsberge im Kyffhäuser und im
südlichen Harzvorland. – Hercynia 2: 1-372
VOCKE, A. & ANGELRODT, C. (1886): Flora von Nordhausen und der weiteren Umgegend. Berlin.
Autor: nnz

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Kommentare
Gips
06.07.2016, 17:52 Uhr
Mal ehrlich
Das will doch keiner wissen
U. Alukard
06.07.2016, 21:14 Uhr
Doch, ich! Ich freue mich über solche tiefgründigen Beiträge.
Vielen Dank Herr Schwarzberg, Ihre Beiträge sind sehr informativ und ausführlich.
Für jemand der seine Heimat liebt, echt wichtig.
Ich hoffe sie rütteln noch mehr Menschen auf, ihre Heimat mal genauer anzusehen und die Schönheiten auch zu entdecken und zu schützen bevor es zu spät ist.
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