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Fr, 07:32 Uhr
10.06.2016
Einmal um den Erdball

Vernichtet am Kohnstein (4)

2,5 Mio. Güterwagenladungen, rund 100 Mio. Tonnen Anhydrit wurden vom Kohnstein abtransportiert. Dabei ging viel Natur verloren. Bodo Schwarzberg betrachtet im vierten Teil seiner Reihe die Geschichte des Gipsabbaus am Kohnstein und spürt wieder zehn bedrohten Pflanzenarten nach...

Die Deutsche Bahn AG verfügte 2015 über rund 87.000 Güterwagons. Vom Kohnstein wurden hochgerechnet 2,5 Mio. Güterwagenladungen (vierachsige Fahrzeuge) abtransportiert. Die 100 Mio. Tonnen Anhydrit, die dem Berg insgesamt entrissen wurden, waren Teil unserer Landschaft und sie trugen u.a. eine einzigartige Vegetationsdecke, die sich über viele Jahrtausende und spätestens nach der letzten Eiszeit zu ihrer heute bekannten Zusammensetzung entwickelte.

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Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde am Kohnstein Anhydrit abgebaut. Um 1930 waren es täglich 1.500 bis 2.000 Tonnen Gestein. Zwischen 1918 und 1930 verließen 8 bis 10 Mio. Tonnen die Lagerstätte. (Quelle: Nordhäuser Allgemeine Zeitung vom 4.10.1930, in RÖMER, H. (o.J.): Kleine Kohnstein-Fibel. Nordhausen). Während die Fördermengen während des Zweiten Weltkrieges zurückgingen, erreichten sie während der DDR-Zeit jährliche Quoten von um die 2 Mio. Tonnen jährlich. Hochgerechnet könnten vom Berg demnach bis heute besagte 100 Mio.Tonnen abgesprengt worden sein. Wäre alles komplett in vierachsige Güterwagons mit einer Tragfähigkeit von 40 Tonnen und einer Länge von 14 Metern verfrachtet worden, ergäbe sich eine „Güterzuggesamtlänge“ aus 2,5 Mio.

Güterwagen mit sage und schreibe 35.000 Kilometern Länge. Das heißt, dieser Zug würde bald um den gesamten Erdball reichen.

Zu DDR-Zeiten lieferte die Kohnsteinindustrie laut wikipedia 45 % der Anhydrit-Weltproduktion!
Umso absurder mutet angesichts dieser Zahlen das Bestreben der Gipsindustrie an, den verbliebenen Kohnsteinrest „renaturieren“ zu wollen. Begrünen ist wohl das bessere Wort dafür, denn mit dem ursprünglichen Kohnstein hätte der „renaturierte“ logischerweise nichts zu tun.

Auch der stark gefährdete Kamm-Wachtelweizen (Melampyrum cristatum) war einst Teil der Kohnsteinflora (16.7.2012) (Foto: Bodo Schwarzberg) Auch der stark gefährdete Kamm-Wachtelweizen (Melampyrum cristatum) war einst Teil der Kohnsteinflora (16.7.2012) (Foto: Bodo Schwarzberg)

Auch der stark gefährdete Kamm-Wachtelweizen (Melampyrum cristatum) war einst Teil der Kohnsteinflora (16.7.2012)

Die lange Liste von heute bedrohten Pflanzenarten, die einst vorzugsweise am Kohnstein-Ostrand heimisch waren und die durch den Abbau vernichtet wurden, zeigt, dass es utopisch ist, den Schaden auch nur annähernd wieder, wie es heute im Amtsdeutsch so gern heißt, auszugleichen.

Im vierten Teil der Reihe „Vernichtet am Kohnstein“ folgen weitere zehn dieser Pflanzenarten. Sie wurden von VOCKE & ANGELRODT (1886) für den „Kohnstein“ angegeben und sind dort heute nicht mehr auffindbar.Die meisten Arten siedelten in Pflanzengesellschaften, wie sie am Ostrand des Berges recht großflächig vorkamen. Darunter befinden sich auch fünf Vertreter der Familie Orchidaceae (Orchideen), vor allem aber das Gips-Fettkraut, das weltweit nur am Südrand des Harzes gefunden wird. Einst gab es vier, vielleicht fünf Wuchsorte, heute sind es zwei. Mit Schmalblättrigem Brillenschötchen und Gips-Fettkraut hat der Kohnsteinsteinbruch damit Wuchsorte von zwei weltweit nur im Landkreis Nordhausen siedelnden Pflanzensippen auf dem Gewissen.

Die Angaben hinter dem deutschen Namen beziehen sich auf die aktuell gültige Thüringer bzw. auf die deutsche Liste gefährdeter Gefäßpflanzenarten (1=vom Aussterben bedroht, 2=stark gefährdet, 3=gefährdet, +=regional stärker gefährdet, -=regional schwächer gefährdet), ein § kennzeichnet den gesetzlichen Schutz nach der Bundesartenschutzverordnung.
  • 33-Melampyrum cristatum (Kamm-Wachtelweizen) 2/3
  • 34-Pedicularis sylvatica (Wald-Läusekraut) 2/3/§
  • 35-Orobanche caryophyllacea (Nelken-Sommerwurz) 2/3
  • 36-Marrubium vulgare (Gemeiner Andorn) 1/2
  • 37-Pinguicula vulgaris var. gypsophila (Gips-Fettkraut) 2/3+/§, die Gipsvarietät des Echten Fettkrautes ist weltweit nur am Südrand des Harzes nachgewiesen. Die Gefährdungsangaben beziehen sich auf das Echte Fettkraut i.w.S.. Von der Gipsvarietät sind lediglich noch zwei Wuchsorte bekannt. Beide befinden sich im LK Nordhausen, dem damit eine enorme Verantwortlichkeit für die globale Erhaltung der Sippe zukommt.
  • 38-Orchis purpurea (Purpur-Knabenkraut) -/3-/§
  • 39-Dactylorhiza majalis (Breitblättriges Knabenkraut) 2/3/§
  • 40-Platanthera bifolia (Weiße Waldhyazinthe) 3/-/§
  • 41-Platanthera chlorantha (Grünliche Waldhyazinthe)-/3/§
  • 42-Cephalanthera longifolia (Langblättriges Waldvöglein) 2/-/§
Die Reihe von am Kohnstein durch den Bergbau vernichteten Rote-Liste-Arten muss leider weiter fortgesetzt werden.
Bodo Schwarzberg

Literatur: LUDWIG, G., R. MAY & C. OTTO (2007): Verantwortlichkeit Deutschlands für die weltweite Erhaltung der Farn- und Blütenpflanzen - vorläufige Liste. BfN-Skripten 220, 2007.

KORNECK, D, SCHNITTLER, M. & VOLLMER, I. (1996): Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen (Pteridophyta et Spermatophyta) Deutschlands. – Schriftenreihe
Vegetationsk. 28: 21-187.

Korsch, H., W. Westhus, K. HORN & W. JANSEN (2011): Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen (Pteridophyta et Spermatophyta) Thüringens. - Naturschutzreport 26: 365-390.

KORSCH, H., WESTHUS, W. & ZÜNDORF, H.-J. (2002): Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Thüringens. Jena.

MEUSEL, H. (1939): Die Vegetationsverhältnisse der Gipsberge im Kyffhäuser und im
südlichen Harzvorland. – Hercynia 2: 1-372

VOCKE, A. & ANGELRODT, C. (1886): Flora von Nordhausen und der weiteren Umgebung. Berlin.
Autor: red

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