eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige Refinery (c1)
So, 13:05 Uhr
06.12.2015
Wortklaubereien. Heute: Nikolaus

Manches hält sich ewig

Manche Sachen halten sich ewig. Zum Beispiel der Brauch, dass alljährlich am 6. Dezember der Nikolaus zu den Kindern kommt und ihnen Süßigkeiten und kleine Geschenke bringt oder, genauer: in die Schuhe schiebt.

Ewig hält sich auch die Legende von Nikolaus, dem Bischof zu Myra. Irgendwann im vierten Jahrhundert gab es diesen Mann, der zweierlei war: sehr gläubig und sehr reich. Da er an Jesus Christus glaubte, welcher sein kurzes Leben lang (er wurde nur 33 Jahre alt) auf eigenen Besitz verzichtet und das Wenige, das er geschenkt bekam, mit anderen geteilt hatte, entschied sich der reiche Nikolaus 300 Jahre später, es Jesus nachzumachen und seinen Besitz auch unter den armen Menschen aufzuteilen. Allerdings musste er dies heimlich tun, um nicht als Anhänger des Menschenfreundes Jesus erkannt und von den Besatzern ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Nikolaus verschenkte seinen Reichtum, indem er Gold und Silber durch die Fenster und die Rauchabzüge der Menschen warf, die nichts mehr zu essen hatten. Nun konnten sie etwas kaufen und durften darauf hoffen, dass die Kaufleute sie nicht wegen ihrer plötzlichen Liquidität verrieten und von den römischen Besatzern liquidieren ließen.

Vor dem Knast verschonte es Nikolaus nicht. Zehn lange harte Jahre saß er. Man bot ihm vorzeitige Haftentlassung an, wenn er seinem Glauben abschwören würde. Fehlanzeige. Er hatte nach dem Beispiel seines Helden Jesus Gutes getan, wie sollte das falsch sein? Er brummte seine volle Zeit im Kerker ab!

Seine Hartnäckigkeit sprach sich herum. Facebook vor 2000 Jahren: Mund zu Ohr und so weiter. Und das, bis es jeder, der es wissen wollte, wusste. Als er endlich aus dem Gefängnis kam, wollten ihn seine Glaubensbrüder und –schwestern zu ihrem Chef machen. Als Bischof wurde er in einen schicken Mantel gesteckt, bekam eine Mitra auf den Kopf gesetzt und einen Stab in die Hand gedrückt. Diese damals ganz toll (im Sinne von „hervorragend“) und heute ebenfalls noch toll (im Sinne von „etwas verrückt“ und „schräg“) aussehende Bekleidung gehört ebenfalls zu den Dingen, die sich ewig zu halten scheinen, wie wir alljährlich im Dezember sehen können.

Ist ja auch logisch. Welches Kind hätte Respekt vor einem Nikolaus in Jeans und T-Shirt, auf dessen riesiger Wölbung vorn vielleicht sogar noch steht: „Bier formte diesen schönen Körper.“ Und andersherum: Welcher Mann ist nicht froh, wenigstens zweimal im Jahr – als Nikolaus und Weihnachtsmann – seinen Respekt einflößenden Vorbau als Symbol der Macht unter einem mächtigen Mantel vor sich her schieben zu dürfen? Zweimal im Jahr kein süffisanter Hinweis der besseren Hälfte auf das ständige Wachsen des Bauches und der Kosten für Bier und neue, weitere Hosen! Zweimal im Jahr also macht der Mann alles richtig, ist seine stellenweise stattliche Erscheinung nicht nur geduldet, sondern erwünscht! Kein Wunder also, dass sich für diesen komischen Verkleidungs- und Ermahnungsbrauch selbst die ernsthaftesten Männer gewinnen lassen.

Ach so, noch etwas hält sich ewig: Seit dem 10. Jahrhundert die Gewohnheit, immer am 6. Dezember, zum Todestag des Heiligen St. Nikolaus, einen Keks aus Mehl, Zucker, Butter und Mandeln zu backen: den Spekulatius. Wobei das mit dem 6. Dezember inzwischen so aufgeweicht ist wie mein im Kaffee aufgeweichter Spekulatius. Weil die Leute zum Nikolaus immer schon Spekulatius essen wollten, buken sie ihn natürlich früher. Beziehungsweise ließen und lassen backen und kauften und kaufen ihn entsprechend zeitiger.

Manch einer lässt sich Spekulatius sogar schenken. Einer wie ich, der übrigens begeistert festgestellt hat, dass sich nicht nur die Tradition des Spekulatiusbackens lange hält, sondern auch das Gebäck selbst. Nachdem ich vorhin eine Dose geöffnet, den braunen Inhalt fleißig in Kaffee getunkt und systematisch in mich hineingeschlürft hatte, fiel mir plötzlich ein, dass ich in diesem Jahr ja noch gar keine Spekulatius geschenkt bekommen habe. Gekauft hatte ich auch noch keine. Also muss der Keksschlamm, den ich gerade mit dem Teelöffel aus dem Kaffee fische, vom vorigen oder, nach der Staubschicht auf dem Keksdosendeckel zu urteilen, eher vom vorvorigen Jahr gewesen sein. – Also wirklich: Manche Dinge halten sich echt lange.

Jochen Miche
Autor: jm

Anzeige symplr (6)
Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (8)