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Sa, 13:26 Uhr
28.11.2015
Abbau Winkelberg

Unglaubliche Vernichtung

Ein Gipsabbau am Winkelberg würde einen unglaublichen Reichtum von Wuchsorten geschützter und bedrohten Pflanzenarten vernichten und wahrscheinlich noch nicht absehbare, negative Einflüsse auf die unmittelbar benachbarten, ebenfalls hochgradig schützenswerten Flächen im NSG Rüdigsdorfer Schweiz haben. Anmerkungen von Bodo Schwarzberg...


2014 - Sattelköpfe - Hohe Schleife - Standort Anemone  sylvestris (Foto: Bodo Schwarzberg) 2014 - Sattelköpfe - Hohe Schleife - Standort Anemone sylvestris (Foto: Bodo Schwarzberg) Auch Bestände der Orchidee Braunroter Sitter (Epipactis atrorubens) drohen einem Steinbruch am Winkelberg zum Opfer zu fallen.

Darüber hinaus stünde ein unwiederbringliches, über Jahrhunderte gewachsenes Mosaik an Pflanzengesellschaften vor dem Aus.

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An der gestrigen Veranstaltung der Firma Casea in Niedersachswerfen zum geplanten Winkelbergsteinbruch konnte ich aus beruflichen Gründen nicht teilnehmen; ich sah mir aber mit großem Interesse die in der nnz publizierten Karten zum Abbauvorhaben an. Mit absolutem Unverständnis: Denn hier verbietet sich einfach jedes Schönreden der Ellricher Firma: Was hier vorgesehen ist, ist nur mit dem Wort Zerstörung angemessen zu beschreiben.

Wenn Arbeitsplätze nur mit derartigen Eingriffen in Landschaften von europäischer Bedeutung erhalten werden können (Stichwort: FFH-Gebiet), so ist dies ein weiteres Armutszeugnis für Politik, Wirtschaft und System.

Wenn dieses unsägliche Vorhaben nicht verhindert werden kann, dann rechtfertigte dies den Verlust auch des letzten Vertrauens in verantwortungstragende Institutionen von Kommunen, Land, Justiz bis hin zur EU in diesem Land. Denn dann würden sich die Worthülsen zur angeblichen Nachhaltigkeit der modernen Marktwirtschaft wie schon so oft, als Lüge erweisen. Auszugleichen, das sei betont, sind derartige Devastierungen nicht. Solche Steinbrüche zerstören unwiederbringlich.

Das in der nnz veröffentlichte Kartenmaterial erlaubt mir einen recht detaillierten Abgleich mit meinen Unterlagen aus der Floristischen Kartierung Thüringens im Auftrag der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie. Seit dem Jahre 2000 wurde diese zur Kartierung der Rote-Liste- und FFH-Arten spezifiziert.

Die Ergebnisse des Kartenvergleichs sind erschreckend: Rund um den Winkelberg zählte ich Mitte der 90er Jahre rund 500 Exemplare der thüringen- und deutschlandweit gefährdeten Orchidee Stattliches Knabenkraut (Orchis mascula) an mehreren Wuchsorten. Fast alle der damals kartierten Wuchsorte der auch nach BNatSchG geschützten Spezies würden von einem Abbau vernichtet, oder recht sicher, beeinträchtigt werden. Hinzu kommt die drohende Abgrabung von Wuchsorten weiterer gesetzlich geschützter Orchideenarten wie beispielsweise Braunrote Sitter (Epipactis atrorubens) und Weißes Waldvöglein (Cephalanthera damasonium), die am Winkelberg zerstreut siedeln.

Allein die genannten Vorkommen müssten einen Abbau vollkommen ausschließen, wenn die Worte „politische Verantwortung“ und „Glaubwürdigkeit“ noch in einem Atemzug genannt werden sollen.

Wie bereits in einem kürzlich in der nnz publizierten Beitrag erwähnt, erschöpft sich die geplante Vernichtung aber nicht mit den genannten Orchideenarten: Die in Thüringen stark gefährdeten und sehr seltenen, unscheinbaren Arten Veronica verna (Frühlings-Ehrenpreis) und Scleranthus polycarpos (Triften-Knäuel) wurden ebenfalls im Zuge der erwähnten Kartierung erfasst. Die Fruchstände der gefährdeten Rispigen Flockenblume (Centaurea stoebe) sind zum Teil jetzt noch zu sehen. Auch von diesen Arten liegen Vorkommen direkt im vorgesehenen Steinbruchgebiet.
Nicht zuletzt stünden Halbtrockenrasen und naturnahe, wärmeliebende Laubwald- und Gebüschgesellschaften vor dem Aus, die in Thüringen fast alle in den 2011 veröffentlichten Roten Listen zu finden sind.

Der Druck auf die Artenvielalt und Struktur unsere Trocken- und Halbtrockenrasengesellschaften ist an sich bereits durch die fast flächendeckende Nutzungsaufgabe, und, wie in der Rüdigsdorfer Schweiz, durch Rinderweide erhöht worden. Wir können uns weitere Verluste daher absolut nicht leisten. Der Managementplan für das FFH-Gebiet Nr. 6 weist aber eindeutig und entgegen den Angaben von Casea in der nnz derartige Pflanzengesellschaften im geplanten Abbaugebiet aus.

Apropos FFH: Als äußerst fragwürdig erscheint überhaupt, dass sich Teile des geplanten Abbaufeldes im genannten FFH-Gebiet („Rüdigsdorfer Schweiz-Harzfelder Holz-Hasenwinkel“) befinden sollen. Wird das in der FFH-Richtlinie formulierte „Verschlechterungsverbot“ in den FFH-Gebieten an sich schon wenig wörtlich genommen, so würde es von einem Gipsabbau in der Rüdigsdorfer Schweiz geradezu konterkariert.

Die Auswirkungen der unmittelbaren Nähe von Abbauflächen zum NSG und damit zu weiteren, wertvollsten Pflanzengesellschaften ist noch gar nicht absehbar. Niemand wird garantieren können, dass sich Gesteinsstäube, ob sichtbar oder unsichtbar, nicht auf die benachbarte Vegetation auswirken oder dass sich lokalklimatische Parameter nicht ändern.

Schauen Sie sich die nächste Umgebung anderer aktiver Gipssteinbrüche, oder auch des Steinbruchs Unterberg an, dann wissen Sie, was ich meine. Im angrenzenden NSG aber siedeln zahlreiche weitere bedrohte Arten wie Viola collina (Hügel-Veilchen), Orchis militaris (Helm-Knabenkraut), Anemone sylvestris (Wald-Windröschen) u.a. sowie hochempfindliche Erdflechten und extrem seltene Pilze, wie der Zierliche Braunsporstacheling (Sarcodon lepidus) und der Königs-Röhrling (Boletus regius).

Zudem könnte Gefahr durch invasive Neophyten drohen, die randlich in das NSG eindringen, so beispielsweise durch das Landreitgras (Calamagrostis epigejos), die Orientalische Zackenschote (Bunias orientalis), die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) und, an feuchten Stellen, das extrem invasive Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera). Das sind Arten, die sich in Steinbrüchen bzw. auf anthropogen stark veränderten Standorten rasend schnell ausbreiten können.

Und schließlich ist da noch das „Schutzgut“ Landschaftsbild: Eine Mondlandschaft bei Petersdorf voller „Unkraut“ wäre nicht mehr die Rüdigsdorfer Schweiz, die wir alle lieben.

Wie eingangs geschrieben: Ist das Desaster Winkelbergsteinbruch nicht zu verhindern, wird erneut klar, wer hier wirklich das Sagen hat und auch, welche Umdeutung der Begriff „Gemeinwohl“ erfahren kann, wenn es um die Generierung von Profiten geht.

Artenvernichtung aus Ellrich hat Tradition

Der bis dato letzte verbliebene, einzige DDR-Wuchsort des Glazialrelikts Alpen-Gänsekresse (Arabis alpina) bei Ellrich, wurde im Frühjahr 1979 durch Überschütten des Flächennaturdenkmales mit Abraum zerstört. Dafür verantwortlich gemacht wurde damals der Ellricher Werkleiter vom damaligen Rottleberöder Stammwerk. Er musste 100 Mark bezahlen.

1980 wurde ein weiterer, heute als natürlich geltender Wuchsort im Gebiet entdeckt, der jedoch nur durch regelmäßige Pflege erhalten werden kann. Der Grund: Das Vorkommen befindet sich inmitten eines ehemaligen Steinbruchs: an einem stehengebliebenen, natürlichen Gipsfelsen.
Bodo Schwarzberg
Autor: red

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