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Di, 19:20 Uhr
09.06.2015

Auf das die Namen nicht getilgt werden

Hermann Bacharach, Karoline Steinberg und Paula Speier - sie sollten, wie so viele andere, vernichtet und vergessen werden. Die drei Namen und mit ihnen drei Menschen wurden mit der Verlegung ihrer Stolpersteine heute dem Dunkel der Geschichte entrissen. In der Bahnhofstraße hatten sich dazu nicht nur Politik und Zivilgesellschaft versammelt, sondern auch ihre Nachkommen...

Hermann Bacharach, Paual Speier, Karoline Steinberg - drei neue Stolpersteine für Nordhausen (Foto: Angelo Glashagel)
Er war wohl der erste Nordhäuser Jude, der den Nazis zum Opfer fiel - Hermann Bacharach, geboren 1859, war Pferdehändler und lebte in seinem Haus in der Bahnhofstraße 2. Als die Nazis an die Macht kamen, und sich der lange schwelende Antisemitismus endgültig bahn brach, da war Hermann Bacharach schon über 70 Jahre alt, verwitwet und Vater dreier Kinder.

Auf die Hilfe seiner Haushälterin konnte und wollte der alte Herr nicht mehr verzichten, auch nicht als die Nazis 1935 das sogenannte "Blutschutzgesetz" erließen. Das Gesetz verbot nicht nur Eheschließungen zwischen Juden und Nicht-Juden, sondern auch die Beschäftigung "arischer" Frauen in jüdischen Haushalten. Bacharach ignoriert das Gesetz. Die Reaktion der Nordhäuser Nazis folgt prompt: am 12. August 1935 marschiert ein brauner Mob vor der Bahnhofstraße 2 auf, holt Bacharach aus seinem Haus und treibt ihn unter Schlägen und Verhöhnungen bis zum Kornmarkt. Dort wird Bacharach einer "Taufe" unterzogen und sein Kopf in das Wasser des Neptunbrunnens getaucht.

Am 10. November 1938 wird Bacharach schließlich, wie alle Nordhäuser Juden derer man noch habhaft werden konnte, verhaftet und in den Siechenhof gebracht und von dort nach Buchenwald deportiert. Die Lagerhaft muss er nicht lange ertragen, er stirbt bereits am 24. November 1938.

Tochter Paula Speier und Sohn Georg können nach Amerika fliehen. Seine zweite Tochter, Karoline Steinberg hofft in den Niederlanden Schutz zu finden, stattdessen findet sie 1943 den Tod in Auschwitz.

Für Hermann Bacharach und seine Töchter verlegte heute der Künstler Günther Demnig drei Stolpersteine am Eingang des Hauses in der Bahnhofstraße, das immer noch die Initialten Bacharachs trägt. Insgesamt gibt es damit 25 dieser kleinen Mahnmale in Nordhausen.

Zur Verlegung der Stolpersteine sprach Oberbürgermeister Zeh vor Zivilgeselschaft, den Kirchen, der jüdischen Gemeinde und der Politik (Foto: Angelo Glashagel) Es sei ein wichtiges Ritual, sagte Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh, um dem Leid, dem Terror und dem Tod zu Gedenken. Diktatoren und Verbrecher würden danach streben die Namen ihrer Opfer zu tilgen, so Zeh weiter. Indem man den Namen wieder einen Ort gibt, soll verhindert werden, dass sie in Vergessenheit geraten.

Denn hinter den Namen stecken Schicksale, Geschichten von einfachen Menschen und Mitbürgern, die in den reinen, schrecklichen Opferzahlen der Nazidiktatur nicht mehr auszumachen sind. "Wir tragen keine Schuld an diesen Verbrechen", sagte Zeh, "aber wir tragen die Verantwortung für den Umgang damit". Und Verantwortung dafür, dass man "nicht ins Nichtstun verfalle", sondern mahne, gedenke und dafür sorge trage, dass so etwas nie wieder geschehe.

Neben vielen Vertretern der Politik, der Kirchen, der jüdischen Gemeinde und der Zivilgesellschaft nahmen an der Stolpersteinverlegung auch Gäste aus Übersee teil. Hermann Bacharachs Urenkel, Paul Growald, war mit seinen beiden Vettern Marc und Kenneth Louria und seinem Sohn Daniel Speier Growald nach Nordhausen gekommen, um der Gedenkveranstaltung beizuwohnen.

Hermann Bacharach, Paual Speier, Karoline Steinberg - drei neue Stolpersteine für Nordhausen (Foto: Angelo Glashagel)
"Mein Urgroßvater Hermann Bacharach, ein im 1. Weltkrieg ausgezeichneter Frontsoldat, war stolzer Deutscher und frommer Jude, der in der jüdischen Gemeinde eine führende Rolle hatte und auch von den anderen Mitbürgern der Stadt sehr respektiert war.", sagte Growald, aber er erinnterte auch daran, dass die Nazis nicht nur Juden ermordeten, sondern auch Sinit und Roma, Homosexuelle und Andersdenkende. Das Deutschland der Nachkriegszeit lobte er für seine Auseinandersetzung mit seiner Geschichte und bedankte sich besonders bei Oberbürgermeister Zeh und dem ehemaligen Bürgermeister Dr. Manfred Schröter, der in seinem Buch "Die Verfolgung der Nordhäuser Juden" auch das Schicksal Hermann Bacharachs beleuchtet hatte. Auch Künstler Demnig galt Herr Growalds Dank.

Er selbst sei stolz auf seine deutschen Wurzeln und er ermutigte auch die Nordhäuser und Thüringer Stolz zu zeigen für die guten Seiten ihrer Kultur. "Wir, Deutsche und Amerikaner, Juden und Christen, sind über unsere Kultur und nationale Erbschaft stolz. Aber zur gleichen Zeit sollen wir die Kulturen und Traditionen anderer Völker ehren, gegen Hass aller Art und für Vielfältigkeit kämpfen. Jeder von Gunter Demnig verlegte Stolperstein ist eine Aufforderung an uns als Menschen, ein neues Kapitel der Geschichte zu schreiben und die Vielfältigkeit der Farben, Glauben, Kulturen und Traditionen zu fördern.", sagte Growald.

Hermann Bacharachs Nachkomme, Paul Growald, haben die Stolpersteine dazu inspiriert eine ähnliche Gedenkkultur auch in seiner Heimat den USA zu ermöglichen (Foto: Angelo Glashagel) Growald hatte Nordhausen zusammen mit seiner Familie bereits vor einem Jahr besucht und bei dieser Gelegenheit mit Oberbürgermeister Zeh sprechen können. Die Idee der Stolpersteine kannte er da schon von frühreren Besuchen in Deutschland. Nach ihrem Gespräch habe OB Zeh die heutige Stolpersteinverlegung auf eigenes Betreiben arrangiert.

Die Idee der Stolpersteine habe ihn dazu bewogen, sagte Growald der nnz, zu versuchen eine ähnliche Gedenkkultur auch in den USA anzustoßen. Denn hier würde insbesondere die Geschichte der Sklaverei nur selten angesprochen. Gerade einmal ein privates Museum gäbe es zu dem Thema. Mit der Art und Weise, wie man sich hier zu Lande mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt, könne auch als Muster für andere Völker dienen, einschließlich seiner Heimat.

Die gesamte Rede Paul Growalds lesen sie hier.
Angelo Glashagel
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