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Mo, 17:14 Uhr
13.04.2015

nnz-Betrachtung: Es sind diese Tränen

Seit 1993, immer um diesen 11. April herum, berichte ich als Journalist über das Gedenken zur Befreiung des ehemaligen KZ Mittelbau-Dora. Man müsste meinen, dass da eigentlich eine gewisse Routine einzieht. Doch weit gefehlt...

Oto Konstein - einer der Überlebenden der "Hölle Dora" (Foto: nnz) Oto Konstein - einer der Überlebenden der "Hölle Dora" (Foto: nnz) Oto Konstein berichtet über seinen Leidensweg

Ich berichtete für eine gedruckte Zeitung, jahrelang für einen Thüringer Radiosender und seit 2001 auch für diese Online-Zeitung.

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Eigentlich ist es immer das gleiche Szenario, abgesehen von der Grundsteinlegung für das Lern- und Dokumentationszentrum im Jahr 2003 und doch bleibt für mich immer wieder kurz die Geschichte stehen. Jedes Mal an einem 11. April. Es scheint so, als sei für Augenblicke die Gravitationskraft aufgehoben, als könne man schweben und dann wieder zurückkehren, hoffend, alles sei anders.

Doch es ist nicht anders. Warum auch? Da stehen und sitzen sie, die immer weniger werdenden Überlebenden der Hölle Dora. Historiker nennen sie Zeitzeugen, ich nenne sie Menschen, ausgestattet mit Erinnerungen, Gefühlen und Tränen. Sie vergießen sie immer wieder, immer noch - beim Gedanken an 20.000 Mitgefangene, Genossen, Freunde, die für den einstigen deutschen Wahn und Irrsinn ihr Leben lassen mussten. Die erschlagen, verbrannt, ertränkt, erschossen, erhängt oder einfach dem Hunger-Tod überlassen wurden.

Sie, die Zeitzeugen um den Vorsitzenden des Häftlingsbeirates, Albert van Hoey, sind es, die für mich alles andere der alljährlichen Zeremonien ausblenden helfen, zur Staffage machen. All diese Reden der Politiker, die Betroffenheitsbekundungen der dafür Bezahlten. Für einen Tag.

Wer, wie ich, sich auch nur wenige Minuten mit den Zeitzeugen unterhalten konnte, der wird das nie vergessen. Er wird das Leid erahnen können, das so weit weg und für den Moment so nah ist. Er wird die menschliche Größe erfahren, dass diese Männer immer wieder daran erinnern, dass dieses systemische Monster, dieser Nationalsozialismus, nicht wiederkehren darf. Er genießt aber auch die Freude derjenigen, die die Hölle Dora überlebten, wenn sie mit jungen Menschen sprechen, wenn sie sie in den Arm nehmen und mit dieser Geste mehr ausdrücken, als es hunderte Seiten wohlgefeilter Manuskripte je vermögen.

Ja, ich genieße diese Situationen. Sie geben mir Kraft im Glauben an die menschliche Größe, an den menschlichen Verstand, an Wärme und Gefühle. Und sie geben mir die Kraft alles zu tun, dass sich diese Art von Barbarei nicht wiederholen darf.

Nein, ich bin nicht verantwortlich für das, was die "Hölle Dora" war, meine Eltern auch nicht. Aber meine Generation und die meiner Kinder tragen Verantwortung dafür, dass es sich nicht wiederholt. Nur dann haben die Tränen der Männer, wie heute die des Albert van Hoey, die in einigen Jahren nicht mehr nach Nordhausen kommen werden, einen Sinn. Die Tränen in der Zeit des Krieges und des Grauen, die Tränen in der Zeit der Erinnerung, der Mahnung und des Gedenkens. Denn: es waren und sind immer Tränen der Menschlichkeit und deren mächtiger Größe.
Peter-Stefan Greiner
Autor: red

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