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Mi, 11:49 Uhr
25.02.2015

Glücksspiel, Alkohol und Drogen

Im Jahresbericht zeigte das Suchthilfezentrum der Diakonie vor kurzem, wie sich Alkohol- und Drogenabhängigkeit und andere Suchtformen in Nordhausen entwickelt haben. Die nnz sprach jetzt mit dem Leiter des Zentrums, Dirk Rzepus, über Sucht damals und heute, die Therapie heute und unliebsame Nachbarn...

Die nnz zu Besuch im Suchthilfezentrum der Nordhäuser Diakonie (Foto: Angelo Glashagel) Die nnz zu Besuch im Suchthilfezentrum der Nordhäuser Diakonie (Foto: Angelo Glashagel)

Die Suchtberatung der Diakonie Nordhausen wurde 1992 gegründet. Ein Jahr später stieß Dirk Rzepus zum Team. Inzwischen ist der Diplom-Sozialarbeiter Leiter des Suchthilfezentrums und erinnert sich noch gut an die Anfänge des Hauses. "Damals hatten wir es größtenteils, zu 80 bis 90%, mit Alkoholabhängigkeit zu tun. Die Drogen kamen erst später hinzu." Vor allem der Cannabiskonsum nahm Mitte der 90er Jahre zu, erzählte Rzepus, und mit den Abhängigkeiten stieg auch das Problembewusstsein.

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Mit Konsumenten der klassischen "harten Drogen" wie Heroin oder Kokain kamen die Sozialarbeiter indes selten in Kontakt, "das war eher ein Problem der größeren Städte. Inzwischen gehen die Trends in andere Richtungen". Die Welt hat sich verändert und mit ihr auch der Drogenkonsum. Das merkt man auch in Nordhausen. Zu Cannabis kamen Liquidecstasy und K.O.-Tropfen und seit einiger Zeit das Methamphetamin "Chrystal". Die größte Gruppe, die Hilfe bei Rzepus und seinen Kollegen sucht, sind zwar nach wie vor Menschen mit Alkoholproblemen, direkt darauf folgen aber die Chrystalabhängigen. Nachzulesen ist das im Jahresbericht der Suchthilfe.

Das Methamphetamin war lange Zeit vor allem ein Problem in den östlicheren Teilen des Landes, die Ausbreitung des Chrystalkonsums hat inzwischen auch die Rolandsstadt erreicht. Im Jahr 2014 verzeichnete das Suchthilfezentrum 550 Neudiagnosen, 100 davon hatten mit Chrystal zu tun. Das Methamphetamin hat einen hohen Wirkungsgrad und hält die Konsumenten lange wach. "Die Droge wirkt im Vergleich stärker und länger als andere, die Konsumenten sind körperlich fertig und es kommt, sicher auch bedingt durch den Schlafmangel, relativ schnell zu psychotischen Folgeerkrangungen", erklärt Rzepus.

Die Folgen seien häufig sozialer Abstieg, der Rückzug in die Subkultur der Drogengemeinschaft und Ausbildungsabbrüche, erklärte der Leiter der Suchthilfe weiter. Horrorbilder von völlig ausgemergelten Chrystalabhängigen wie sie aus den USA bekannt sind, hat Rzepus in Nordhausen bisher noch nicht gesehen, das soziale Netz in Deutschland sei dichter, sodass Abhängigen eher geholfen wird.

Dirk Rzepus ist Leiter des Nordhäuser Suchthilfezentrums und schon seit 1993 in der Suchthilfe tätig (Foto: Angelo Glashagel) Dirk Rzepus ist Leiter des Nordhäuser Suchthilfezentrums und schon seit 1993 in der Suchthilfe tätig (Foto: Angelo Glashagel) Vor allem bei jüngeren Abhängigen, die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahren alt, sei die Therapie allerdings schwierig. "Viele Therapeuten müssen sich heute erst einmal mehr mit Pädagogik als mit der tatsächlichen Therapie beschäftigen, weil man den Teilnehmern erst die elementarsten Dinge wie Körperhygiene oder das wahrnehmen von Terminen vermitteln muss", sagte Rzepus. Die Arbeit ist schwerer geworden. "Früher hatten wir es mit Menschen zu tun, die eine Substanz hatten, von der sie abhängig waren, heute ist Polytoxikomanie, der Mischkonsum, weiter verbreitet", so Rzepus. Am Wochenende heißt es mit Methamphetamin lange auf den Beinen bleiben, unter der Woche versucht man mit Cannabis schneller in den Schlaf zu kommen. Auch Mischkonsum in Verbindung mit Alkohol sei vielfach anzutreffen.

Für die Beratungsstelle heißt das, dass der gesamte Suchtmechanismus durchbrochen werden muss, anstatt nur die primäre Abhängigkeit zu therapieren. Wer die Hilfe annimmt, der durchläuft mehrere Stationen. Im Gespräch wird zunächst die Problemlage geklärt und eingeschätzt, ob bereits eine tatsächliche Erkrankung vorliegt. Darauf folgt eine mehrwöchige Entgiftung, die meist stationär durchgeführt wird und, je nach Fall, eine Therapie im Reha-Zentrum nach sich zieht. Das betreute Wohnen des Suchthilfezentrums dient als Rückfallprävention und der Stabilisierung der Abstinenz. Ein bis zwei Jahre können Betroffene hier bleiben und werden betreut.

Suchtkranke gibt es in jeder Gesellschaftsschicht. Eine Sucht geht dabei nicht zwingend einher mit Arbeitslosigkeit. Viele Betroffene, vor allem Ältere und Alkoholabhängige, seien noch voll integriert, hätten Beruf, Familie und Freunde, berichtete Rzepus. Wie wichtig bei der Entstehung einer Sucht soziale Probleme wie Bindungsstörungen, Missbrauch oder traumatische Erlebnisse im Vergleich zu von vornherein vorhandenen Anlagefaktoren sind, ist umstritten. "Am Ende müssen wir immer den Einzelfall betrachten", sagte Rzepus.

Neben Alkohol- und Drogensucht muss sich das Hilfezentrum auch mit anderen Formen wie der Glückspielsucht beschäftigen. 20 bis 30 Teilnehmer mit dieser Problematik betreut man derzeit, alle sind dem Glücksspiel am Automaten verfallen. Besonders ärgerlich für das Suchthilfezentrum ist in dieser Hinsicht die Nachbarschaft. Nur wenige Meter vom Hilfezentrum entfernt hat vor gut einem Jahr ein Wettbüro eröffnet, das dort gar nicht sein dürfte. Denn Glückspieleinrichtungen dürfen laut Gesetz eigentlich nicht um Umfeld von Schulen und Suchtberatungen betrieben werden. Man legte Beschwerde ein, erzählt Rzepus, doch so richtig zuständig fühlte sich keiner. Inzwischen liegt der Sachverhalt beim Landesverwaltungsamt, das Wettbüro hat weiterhin geöffnet.

"Mediensucht" - gemeint ist vor allem das Abtauchen in virtuelle Welten, ist indes noch kein großes Thema. Das Problem ist zwar bekannt, aber noch nicht als Krankheit offiziell anerkannt und wird von den Krankenkassen entsprechend behandelt. Bisher waren nur einmal besorgte Eltern Hilfesuchend an das Zentrum herangetreten, erzählt Rzepus.

Im Vergleich zu den 90er Jahren, als Bücher wie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" für Furore sorgten, befinde sich die Suchthilfe zunehmend im Rechtfertigungsdruck, meint Dirk Rzepus. "In Nordhausen haben wir es da noch gut", sagte der Leiter des Suchthilfezentrums, "in anderen Landkreisen ist die Suchthilfe inzwischen nicht viel mehr als ein Feigenblatt. Wir müssen deswegen immer wieder betonen, das die Suchthilfe nicht nur ein Kostenfaktor ist, sondern im Endeffekt den Sozialstaat sogar entlastet". Nämlich dann, wenn Betroffene den Weg aus der Sucht zurück in Leben und Beruf finden.

Hilfe suchen kann man nicht nur als Betroffener, sondern auch als Angehöriger. Das Hilfezentrum befindet sich im Schackenhof 2 und ist telefonisch unter 03631/4671-61 oder via E-Mail unter suchtberatung@diakoniewerk.com zu erreichen.

Wer grundsätzliches Interesse am Thema "Sucht" hat, der könnte sich für den Öffentlichkeitstag des Suchthilfezentrums interessieren. Der findet am 6. Mai ab 9 Uhr im St. Jakob Haus statt. Neben einem Fachvortrag zu "Resilienz" wird man auch dem Erfahrungsbericht einer jungen Frau lauschen können, die von der Alkoholsucht ihres Vaters berichtet.
Angelo Glashagel
Autor: red

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