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Fr, 18:58 Uhr
20.04.2001

Wir sind alle gegen rechts, auf jeden Fall und überhaupt, aber keiner geht hin

Nordhausen (nnz). Zuerst einmal ziehe ich meinen Hut vor den Vertretern der Behörden, die sich gestern abend in der Veranstaltung gegen rechts am Nordhäuser Theater quasi freiwillig der schimpfenden Masse auslieferten, sich selbst zur Schlachtebank führten. Zugegeben, die Masse bestand nur aus rund 50 Leuten (meist Jugendlichen, aber auch Sozialarbeitern, Rentnern, Touristen, einem ehrenamtlichen Beigeordneten, einem Stadtratsfraktionsvorsitzenden, einer Landtagsabgeordneten, ...), doch trotzdem war sie nicht zu unterschätzen. Deshalb muß man den Menschen, die sich dort auf dem Podium auslieferten, Respekt zollen. Diese Menschen waren: der stellvertretende Leiter der Nordhäuser Polizeidirektion, Polizeioberrat Thomas Unger, Kriminalhauptkommissar Karl-Heinz Schmid als Leiter des Staatsschutz-Kommissariats und der Chef des Nordhäuser Amtsgerichts, Berndt Appel. Die Stadtverwaltung wurde durch den ehrenamtlichen Beigeordneten Mattias Mitteldorf repräsentiert. Zu der Diskussion gegen rechts hatte der DGB eingeladen, weshalb auch der Nordthüringer DGB-Chef Ulrich Hannemann mit auf dem Podium saß. Ebenso wie Dr. Monika Pirklbauer als Theaterintendantin und Pfarrer Peter Kube.
Zunächst hatten die Vertreter der Behörden nichts zu befürchten, die Veranstaltung begann mit kleinen Ansprachen: Hannemann stellte das hohe rechte Wählerpotential als Ergebnis der Verunsicherung in der heutigen Zeit heraus, in der sich das Individuum einem ständigen Modernisierungsdruck unterwerfen müsse. Pirklbauer beschäftigte sich mit der Frage, warum wir Fremdes ablehnen. Mitteldorf beklagte die immer geringere Anzahl kultureller Angebote für die Jugendlichen. Kube fragte erst einmal laut, was sich die Anwesenden sicher schon leise gefragt hatten: Warum ist das Theater heute nicht voll? Eine Antwort konnte keiner geben.
Beiträge jugendlicher Theaterfreunde und von Ensemblemitgliedern wurden eingebracht. Rezitation, Tanz, Gesang. Am Ende des ersten Teils dann ein eingespieltes Interview, das mit einem jungen Ausländer vom Studienkolleg Nordhausen geführt worden war. Der erzählte, was ihm wiederum ein Freund erzählt hatte. Dem muß es wohl in Nordhausen dreckig ergangen sein. Seine Kleidung sei auf der Straße von einer Horde deutscher Jugendlicher zerschlitzt worden, wußte der Studienfreund des Betroffenen zu berichten. Aus einem Gespräch. Hinterher. Mit dabei an jenem besagten Abend war der Interviewpartner selbst nicht. Da fragt man sich, warum das Gespräch nicht mit dem Betroffenen selbst geführt worden war. Aber es mögen Gründe dagegen gesprochen haben, die ich nicht kenne.
Doch zurück zum Podium und einer Diskussion, für die eine halbe Stunde eingeplant war. Es sollte sich herausstellen, daß unter den wenigen Anwesenden so viele mitreden wollten, daß man die Diskussion bis 23 Uhr ausdehnen und die hinterher geplante Lesung absagen mußte. Und bei diesem verlängerten Programmpunkt wurde es wirklich ungemütlich für die Herren Unger, Schmid und Appel. Im Vergleich zu ihnen saßen Dagmar Becker und Winfried Theuerkauf auf den Publikumsplätzen doch recht komfortabel. Auch Matthias Jendricke, der aus dem Schutz der Mehrheit zum Rundumschlag gegen die Polizei ausholte. Unger mußte nun also Bekanntschaft mit der emotionalen Seite des Herrn Jendricke machen, wie sie vor Wochen im Kreistag schon der PD-Leiter Lierhammer kennenlernen durfte. Man könne nicht mal mehr ungestraft "Nazis raus!" rufen, ohne von Polizisten auf den Boden geworfen oder des Platzes verwiesen zu werden, so Jendricke. Die Polizei schütze die Rechten bei Demos, während sie Linke antaste. Das ließ Unger nicht auf seiner Behörde sitzen. Er verwehrte sich gegen die Aussage, die Polizei stehe auf der Seite der Rechten. Jendricke müsse schon der Polizei die Wahl der Mittel überlassen, um Demos unter Kontrolle zu halten. Aber nicht nur gegen Unger, auch gegen Appel richtete sich Jendrickes aufschäumende Wortmeldung. Die Justiz sei schon vor Jahren zu human mit jungen Straftätern der rechten Szene umgegangen, und heute habe man die Quittung. "Viel zu milde Urteile", monierte der SPD-Mann. Man könne die Arbeit der Justiz nicht in Bausch und Bogen schlechtmachen und ihr allein die Schuld zuschieben, gab Appel zurück.
Als sich dann auch noch Dagmar Becker über die seltsame Behandlung bei einer Demo äußerte - auch sie war von der Polizei auf den Boden geworfen worden, weil sie "Nazis raus!" gerufen hatte - mußte sie sich von Unger darüber aufklären lassen, daß die Politik den Handlungsrahmen für die Polizei vorgebe, und da sei sie als Landtagsabgeordnete doch am ehesten gefragt. Und außerdem wundere er sich, so Unger, warum Becker als SPD-Kreischefin eigentlich nicht mit im Präsidium säße.
Ein Fazit läßt sich aus diesem Abend nicht ziehen. Viele Möglichkeiten zur Bekämpfung des Rechtsextremismus sind aufgezeigt worden, mal sachlich, mal herausgepöbelt, mal mit Fakten unterlegt, mal inkompetent und im falschen Ton. Gut jedenfalls, daß das Thema überhaupt zur Sprache gekommen ist und die Eindrücke und Anregungen des Abends Stoff zum Nachdenken geben.
Simone Scheiding
Autor: ss

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