Mi, 17:07 Uhr
22.05.2013
Sarah Kirsch ist tot
Wer den Juni-Pfad geht, der bleibt grün – ewig
So schrieb es Sarah Kirsch in ihrer unvergleichlichen Schrift auf ein Aquarell, das sie den Mitgliedern des Fördervereins Dichterstätte Sarah Kirsch schenkte. Wohlverwahrt ist es dort zu sehen. Bereits am 5. Mai 2013 ist die große deutschsprachige Dichterin im hohen Norden gestorben...
Detail eines Aquarells von Sarah Kirsch (Foto: Archiv Kneffel)
Die Mitglieder des Fördervereins sind mit Trauer erfüllt, aber, wie die Kirsch es geschrieben hat, sie bleibt ewig grün, denn sie ist den Pfad hin zum Wald in Limlingerode, ihrem Geburtsort, mehrere Male gegangen. Wir sind dankbar, dass wir der weltbekannten Lyrikerin mehrere Male unmittelbar begegnet sind, sei es in Münster, sei es in ihrem Geburtsort Limlingerode, sei es in ihrem Wohnort Tielenhemme an der Eider.
Mit ihrem Einverständnis, mit ihrer ideellen und materiellen Unterstützung trug sie entscheidend dazu bei, die Dichterstätte auf dem Hügel des Dorfes an der Sete Wirklichkeit werden zu lassen. Ein kleiner Auszug aus dem Briefwechsel zwischen Ihr und uns soll daran erinnern.
Porträt S. K. von Goltzsche (Foto: Archiv Kneffel)
Mitte 1996 erhielt Sarah Kirsch einen Brief aus Nordhausen. Kurze Zeit später antwortete sie:
Sehr geehrte Frau K.
vielen Dank für Ihre Post! Es kann also im nächsten Jahrbuch gern etwas von oder über mich gedruckt werden. Ich hab nur keine Zeit, etwas zu schreiben. Sitze an Poetik-Vorlesungen für die Frankfurter Goetheuniversität. Aber Blaue Kugel" aus dem Band Katzenleben ist z. B. ein Gedicht, welches innerlich in Limlingerode angesiedelt ist, dort war die blaue Kugel im Rosenbeet meiner Großeltern, wie man mir erzählte.
Und: ganz in der Nähe von Limlingerode, also wohl in Nordhausen, würde ich schon mal lesen. Was mich aber sehr interessiert, ist, was aus dem alten Pfarrhaus wird. Ich sah es vor zwei Jahren, sehr desolat. Es ist ja mein wirkliches Geburtshaus, da ich nicht in der Klinik, nein, in diesem Haus geboren bin. Hat man ja nicht mehr so oft: Sein Geburtshaus! Wenn Sie mir dazu was sagen könnten, wär ich sehr dankbar. Ich war als Kind öfter in Limlingerode bei meiner Tante, die dort einen Bauernhof hatte, bis die Familie zur DDR-Zeit dann weggehen mußte … Ich freue mich über diese Verbindung. Und sagen Sie mir etwas über das Haus! Hoffentlich bleibt es. Ich würde es gern einmal sehen, von innen!
Liebe Sarah Kirsch,
in der Zwischenzeit war es möglich, mit dem zuständigen Pfarrer in Ihr Geburtshaus einzusteigen. Die Fotos zeigen Ihnen, in welchem Zustand es sich befindet. Sicherungsarbeiten sind vorgenommen. Die Kirchgemeinde würde das Haus für 25 Jahre an die politische Gemeinde verpachten, denn sie sieht sich nicht imstande, es aufrecht" zu erhalten. Wissen Sie etwas vom barocken Taufengel aus der Limlingeröder Kirche? Er hängt, genauer liegt auf einem Dachboden eines Kirchengemeindemitgliedes und ist ziemlich zerschunden. Ich sende Ihnen als Gruß von hier einige Aufnahmen von ihm, weil ich Gestalt und Gesicht sehr einprägsam finde.
Liebe Frau K.,
vielen Dank für Ihre liebevolle bebilderte Post, was mir dennoch das Herz umdreht, der schnelle Verfall! Eben ist noch das Vordach über der Treppe des Hauses auszumachen, ein paar Monate weiter ist es verschwunden. Hätte ich Geld - aber ich habs nicht.
Wie schade, daß es nicht unter Denkmalschutz geriet. Wär verlockend: Alles ist OK, ich kann da jederzeit ne Weile sein. Und der Engel! Der muß ja auch über mir schon geschwebt sein. Vielleicht zur Taufe! Ich danke Ihnen sehr für die Fotos. Deprimierend sind sie halt auch. Ich war bis zu meinem 3. Jahr in Limlingerode, dann ging es in ein anderes Pensionisten-Pfarrhaus mit meinen Eltern und Großeltern im Kreis Naumburg, von dort bald schon nach Halberstadt, wo der Großvater mütterlicherseits ein großes Haus hatte und mein Vater Arbeit auf dem Flugplatz (!) bekam. Ich weiß noch gar nicht, ob ich mir den Zerfall da in L. anschauen soll, da doch alles unrettbar ist. Ja, wenn es bei mir der Nobel-Preis gewesen wär. Dann hätte man es in einem Jahr wundersam herstellen können. Das Haus in Halberstadt ist eines Silvesters zusammengerauscht als ich 18 war. Weil es ja auch keine Baustoffe und Handwerker gab. Also, ich frage noch mal nach dem Denkmalschutz. Aber ich kann mir das Dorfsäckel und das Kirchensäckel lebhaft und leer vorstellen.
1997 bekamen wir von ihr ein Fax, darauf kopiert einen Ausschnitt aus einer weit verbreiteten deutschen Zeitung. Die Dichterin sollte den Annette von Droste-Hülshoff-Preis der Stadt Münster erhalten. Wörtlich heißt es im Zeitungstext: Droste-Preis für tote Dichterin. Eine Würdigung für die verstorbene Dichterin Sarah Kirsch zum 200. Geburtstag ... Die Kirsch schrieb im Fax dazu: Wenn ich auch so lange schon tot bin, ein Geburtshaus brauche ich dennoch! 1000 Grüße auf die Füße Ihre Sarah K.
Es wurde vollbracht! Seit Ende 2002 ist das restaurierte Geburtshaus eine Stätte für die Dichtkunst.
Heidelore Kneffel
Autor: redSo schrieb es Sarah Kirsch in ihrer unvergleichlichen Schrift auf ein Aquarell, das sie den Mitgliedern des Fördervereins Dichterstätte Sarah Kirsch schenkte. Wohlverwahrt ist es dort zu sehen. Bereits am 5. Mai 2013 ist die große deutschsprachige Dichterin im hohen Norden gestorben...
Detail eines Aquarells von Sarah Kirsch (Foto: Archiv Kneffel)
Die Mitglieder des Fördervereins sind mit Trauer erfüllt, aber, wie die Kirsch es geschrieben hat, sie bleibt ewig grün, denn sie ist den Pfad hin zum Wald in Limlingerode, ihrem Geburtsort, mehrere Male gegangen. Wir sind dankbar, dass wir der weltbekannten Lyrikerin mehrere Male unmittelbar begegnet sind, sei es in Münster, sei es in ihrem Geburtsort Limlingerode, sei es in ihrem Wohnort Tielenhemme an der Eider. Mit ihrem Einverständnis, mit ihrer ideellen und materiellen Unterstützung trug sie entscheidend dazu bei, die Dichterstätte auf dem Hügel des Dorfes an der Sete Wirklichkeit werden zu lassen. Ein kleiner Auszug aus dem Briefwechsel zwischen Ihr und uns soll daran erinnern.
Porträt S. K. von Goltzsche (Foto: Archiv Kneffel)
Mitte 1996 erhielt Sarah Kirsch einen Brief aus Nordhausen. Kurze Zeit später antwortete sie: Sehr geehrte Frau K.
vielen Dank für Ihre Post! Es kann also im nächsten Jahrbuch gern etwas von oder über mich gedruckt werden. Ich hab nur keine Zeit, etwas zu schreiben. Sitze an Poetik-Vorlesungen für die Frankfurter Goetheuniversität. Aber Blaue Kugel" aus dem Band Katzenleben ist z. B. ein Gedicht, welches innerlich in Limlingerode angesiedelt ist, dort war die blaue Kugel im Rosenbeet meiner Großeltern, wie man mir erzählte.
Und: ganz in der Nähe von Limlingerode, also wohl in Nordhausen, würde ich schon mal lesen. Was mich aber sehr interessiert, ist, was aus dem alten Pfarrhaus wird. Ich sah es vor zwei Jahren, sehr desolat. Es ist ja mein wirkliches Geburtshaus, da ich nicht in der Klinik, nein, in diesem Haus geboren bin. Hat man ja nicht mehr so oft: Sein Geburtshaus! Wenn Sie mir dazu was sagen könnten, wär ich sehr dankbar. Ich war als Kind öfter in Limlingerode bei meiner Tante, die dort einen Bauernhof hatte, bis die Familie zur DDR-Zeit dann weggehen mußte … Ich freue mich über diese Verbindung. Und sagen Sie mir etwas über das Haus! Hoffentlich bleibt es. Ich würde es gern einmal sehen, von innen!
Liebe Sarah Kirsch,
in der Zwischenzeit war es möglich, mit dem zuständigen Pfarrer in Ihr Geburtshaus einzusteigen. Die Fotos zeigen Ihnen, in welchem Zustand es sich befindet. Sicherungsarbeiten sind vorgenommen. Die Kirchgemeinde würde das Haus für 25 Jahre an die politische Gemeinde verpachten, denn sie sieht sich nicht imstande, es aufrecht" zu erhalten. Wissen Sie etwas vom barocken Taufengel aus der Limlingeröder Kirche? Er hängt, genauer liegt auf einem Dachboden eines Kirchengemeindemitgliedes und ist ziemlich zerschunden. Ich sende Ihnen als Gruß von hier einige Aufnahmen von ihm, weil ich Gestalt und Gesicht sehr einprägsam finde.
Liebe Frau K.,
vielen Dank für Ihre liebevolle bebilderte Post, was mir dennoch das Herz umdreht, der schnelle Verfall! Eben ist noch das Vordach über der Treppe des Hauses auszumachen, ein paar Monate weiter ist es verschwunden. Hätte ich Geld - aber ich habs nicht.
Wie schade, daß es nicht unter Denkmalschutz geriet. Wär verlockend: Alles ist OK, ich kann da jederzeit ne Weile sein. Und der Engel! Der muß ja auch über mir schon geschwebt sein. Vielleicht zur Taufe! Ich danke Ihnen sehr für die Fotos. Deprimierend sind sie halt auch. Ich war bis zu meinem 3. Jahr in Limlingerode, dann ging es in ein anderes Pensionisten-Pfarrhaus mit meinen Eltern und Großeltern im Kreis Naumburg, von dort bald schon nach Halberstadt, wo der Großvater mütterlicherseits ein großes Haus hatte und mein Vater Arbeit auf dem Flugplatz (!) bekam. Ich weiß noch gar nicht, ob ich mir den Zerfall da in L. anschauen soll, da doch alles unrettbar ist. Ja, wenn es bei mir der Nobel-Preis gewesen wär. Dann hätte man es in einem Jahr wundersam herstellen können. Das Haus in Halberstadt ist eines Silvesters zusammengerauscht als ich 18 war. Weil es ja auch keine Baustoffe und Handwerker gab. Also, ich frage noch mal nach dem Denkmalschutz. Aber ich kann mir das Dorfsäckel und das Kirchensäckel lebhaft und leer vorstellen.
1997 bekamen wir von ihr ein Fax, darauf kopiert einen Ausschnitt aus einer weit verbreiteten deutschen Zeitung. Die Dichterin sollte den Annette von Droste-Hülshoff-Preis der Stadt Münster erhalten. Wörtlich heißt es im Zeitungstext: Droste-Preis für tote Dichterin. Eine Würdigung für die verstorbene Dichterin Sarah Kirsch zum 200. Geburtstag ... Die Kirsch schrieb im Fax dazu: Wenn ich auch so lange schon tot bin, ein Geburtshaus brauche ich dennoch! 1000 Grüße auf die Füße Ihre Sarah K.
Es wurde vollbracht! Seit Ende 2002 ist das restaurierte Geburtshaus eine Stätte für die Dichtkunst.
Heidelore Kneffel


