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Mo, 06:48 Uhr
28.01.2013

Der Wald stirbt nicht im Gehege

Die Baumfällungen im Nordhäuser Gehege nimmt nnz-Leser Bodo Schwarzberg zum Anlass, um den Blick über das Gehege hinaus zu wagen. Sein Blick geht dabei bis in den Kongo aber auch in das Nordhäuser Rathaus...


Ich erinnere an die relativ verheerende Windhose vom 30. Juni 1980: Damals lag das Gehege flach. Sie hatte Dutzende alter Rot-Buchen entwurzelt. Meine Oma sagte damals am Telefon: "Das Gehege steht nicht mehr". In den Folgejahren entwickelte sich unter dem Schirm der stehengebliebenen Buchen ein dichter Buchenjungwuchs. Junge Buchen gedeihen besser unter den von Altbäumen geschaffenen mikroklimatischen Bedingungen.

Und auch jetzt, wenn der Forst das Gehege durchforstet, werden wir uns um den Nordhäuser Stadtwald keinerlei Sorgen machen müssen. Das von Herrn Knobloch (siehe nnz von gestern) geforderte Aufforsten ist nicht nötig. Das erledigt die Natur, wie nach 1980, von selbst. Wir müssen lernen, längerfristig zu sehen und zu denken.

Kritisch muss dennoch hinterfragt werden, warum der Forst in den vergangenen Jahren so übermäßig eifrig ist. - Gewiss liegt die Quelle dieser Aktivitäten in den gestiegenen Profiten, die sich mit Holz erzielen lassen! Fast überall fallen Bäume - ob sie nun hohl sind oder nicht, auch im Stadtgebiet, so z.B. am Hagen, an der Kuckucksmühle oder im Großraum Stadtpark. Das halte ich schon für Frevelei, zumal die Begründungen der Zuständigen für das komplette Fällen meist recht dünn ausfallen.

Totholz am oberen Marktweg im Alten Stolberg (Foto: B. Schwarzberg) Totholz am oberen Marktweg im Alten Stolberg (Foto: B. Schwarzberg)

Ich wünsche mir Nachpflanzungen an den Orten der verbliebenen Stümpfe. Mit dem Fällen aber ist man oft bedeutend schneller in dieser Stadt als mit dem Nachpflanzen gerade von Alleebäumen. Hier sollten wir den Verantwortlichen konsequent auf die Finger schauen. Wir sollten auch hinterfragen, wie viel Totholz in den derzeit durchforsteten Wäldern verbleibt - für Insekten und andere Tiere.

Dennoch möchte ich zu bedenken geben, dass die Waldfläche in Deutschland laufend zunimmt. Um die 30 Prozent sind es gegenwärtig. Ich als aktiver Artenschützer schlage mich fast ständig mit Verbuschung auf Halbkulturformationen wie z.B. Halbtrockenrasen herum, die nicht mehr bewirtschaftet werden. Nicht zuletzt waren die Wälder von einst viel lichter als heute.

Viele Pflanzenarten unserer Roten Listen hatten ihre ursprünglichen Wuchsorte genau dort: Das fast verschwundene Preußisches Laserkraut und der Abbiss-Pippau z.B. und die ebenso so gut wie ausgestorbene Borstige Glockenblume. Heute sind die Wälder für deren Fortkommen viel zu dicht. Wisente und Auerochsen galten nach der so genannten Megaherbivorentheorie als Garanten für die einst lichten Wälder. Später, nach ihrer Ausrottung durch den Menschen war es die Art der Waldnutzung, die für lichte Strukturen sorgte.

Abgesehen von den langfristigen Folgen des menschgemachten Klimawandels z.B. auf die wichtigen Hauptbaumarten Fichte und Buche sehe ich persönlich für den deutschen Wald ein eher geringeres Problem. Der Harz wird niemals komplett abgeholzt. Auch das Gehege ist kein Problem. Kritisiert aber muss die Art der Forstwirtschaft von heute werden: Schwere, bodenverdichtende Maschinen kommen zum Einsatz, um möglichst schnell, möglichst viel Stämme zu bergen.

Übergreifendes Denken wäre aber ebenso sinnvoll: Zum Beispiel zum Warenbestand unserer Baumärkte aus zweifelhafter Herkunft: teils nicht zertifiziert oder mit fragwürdiger Zertifizierung von Holzprodukten oder vernebelnder Bezeichnung des wahren, ursprünglichen Wuchsortes. Der Wald stirbt nicht bei uns in Deutschland, sehr geehrter Herr Knobloch: Das tat er hier bereits zur Zeit der großen Rodungen im Frühmittelalter. Heute stirbt er in Brasilien, Indonesien und im Kongo, damit wir uns schicke Gartenmöbel, Zellstofftaschentücher, Kopierpapier und Klopapier kaufen können - und natürlich Biodiesel - angebaut in Pflanzenform auf abgeholzten Tropenwaldflächen.

Hiergegen sollten wir sein und und vor allem gegen Jene, die dafür die Verantwortung tragen: die Eurokraten in Brüssel und Straßbourg und gegen die behäbigen Entscheider im Bund, die z.B. ein Importverbot für Tropenhölzer noch immer nicht forcieren - den Profiten einiger Weniger zuliebe. Und wir sollten gegen unsere Stadtoberen mit Kritik zu Felde ziehen, die eine Biomethananlage bauen möchten, welche im Verein mit hundertern anderen ihrer Art in Deutschland, anderswo die Armut der Armen und die Waldrodung verschärft. Schließlich werden in solchen Anlagen Nahrungspflanzen "verheizt", die nun in den Tropen angebaut werden - auf Rodungsflächen, wie mehrfach bewiesen.

Unsere winzigen deutschen Rodungen zu kritisieren heißt, sich den Blick auf das wahre Geschehen zu vernebeln. Und in der Zwischenzeit werden im Rathaus, in Baumarktkonzernen und bei zahlreichen korrupten Politikern und Gouverneuren der Tropenländer Nägel mit Köpfen gemacht, wenn Sie wissen, was ich meine.

Auf jeden Fall finde ich es gut, dass sich Menschen wie Herr Knobloch (siehe nnz von gestern) Gedanken über die Art der Waldbewirtschaftung machen. Das ist wichtig, damit die zuständigen Ämter stets in dem Bewusstsein handeln, dass ihr Tun kritisch beobachtet und hinterfragt wird.
Bodo Schwarzberg
Autor: red

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare
gutefreundin
28.01.2013, 08:19 Uhr
14 Tage früher
Diese stürmische Nacht vom 14. zum 15. Juni
1980 ist mir als hochschwangere Frau
(damals )noch sehr gut in Erinnerung.Zum Glück kam unsere Tochter später auf die Welt.
Unserer Natur müssen wir mehr Aufmerksamkeit widmen, gleichzeitig viel mehr Artenschutz betreiben und nicht gleich jeden-unliebsamen?-Baum fällen.
Boris Weißtal
28.01.2013, 09:29 Uhr
ja was denn nun?
erst verteidigt er (überraschenderweise)die Fällarbeiten der Stadt, dann ist die Stadt mal wieder an allem Bösen dieser Welt schuld... Stichwort: Biogasanlage. Auch kann ich die Art der Formulierungen "wie bewiesen ist..." nicht mehr ertragen. Wer die öffentliche Diskussion im Audimax scheut und hier im Netz stets den Besterwisser gibt, ist unglaubwürdig.

Die Bevölkerung Westeuropas schrumpft. Weniger Ackerfläche wird daher benötigt. Warum hier keine Energiepflanzen anbauen? Steigende Nahrungsmittelpreise resultieren im Übrigen aus den zunehmenden Spekulationen an den Börsen.
Daher in aller Offenheit:
1.Moderne Biogasanlagen stinken nicht!
2.Ich will, dass die EVN eine solche Anlage baut und damit Gewinne ins Stadtsäckel schaufelt und zwar schnell!
3. Wer neben einem Gewerbegebiet (schwarz) baut, soll sich Mal ganz bedeckt halten, wenn dort Gewerbe entsteht.
Ist doch alles nur egoistisches "ja nicht vor meiner Tür"-Gejammer.
Habe fertig!
andreas66
28.01.2013, 10:40 Uhr
Danke @gutefreundin,
für die Bekanntgabe der Daten von dem damaligen Sturm von 1980. Ich habe nur noch den Anblick vor mir, als ich am Tag nach dem Sturm das Gehege wiedersah. Aber so sieht es jetzt wieder aus. Wir müssen aber erst abwarten bis die Bäume wieder richtig belaubt sind. Damals vor über 30 Jahren war dem so im Juni. Dann im Juni 2013 werden die vom Herrn Knoblauch in seinem Beitrag erwähnten Schneisen so richtig zum Vorschein kommen. Lassen wir alle botanischen und forstwirtschaftlichen Gesichtspunkte außen vor. Beim Gehege handelt sich nun mal um ein Erholungsgelände, eine grüne Lunge mitten in einer Kreisstadt. Ob die kleinen, meist nur fingerdicken "Nachkömmlinge" von Buchen usw. die Kraft unter dem dichten Blätterdach ihrer Nachbarn finden um zu wachsen, dies mag ich zu bezweifeln. Sonst wären die Stammdurchmesser von den "Nachkömmlingen" in den letzten Jahren schon mehr angewachsen. Gerade deswegen erscheint mir eine "Ausgleichspflanzung" mit kräftigeren Bäumen sinnvoll. Bei den Einnahmen durch die Holzverkäufe sollte sich das ja finanzieren lassen.
Flitzpiepe
28.01.2013, 10:41 Uhr
Oberlehrerhaft
Bei mir ist es auch so, Herr Weißtal: Ich kann das oberlehrerhafte geschriebene Wort des Herrn Schwarzberg auch kaum ertragen. Insbesondere das Fernbleiben beim Energieforum im Audimax hat mich zutiefst enttäuscht. Warum er nicht da war und den Rednern paroli bot aber zeitgleich hier seine Ratschläge zum Besten gab, weiß nur er. Den Mann nehme ich nun nicht mehr ernst.

Aber nun zu ihnen. Ich finde ihr uneingeschränktes Pro zur Agrargasanlage auch daneben.
Zu 1: Es stimmt Agrargasanlagen sollten im Normalbetrieb nicht stinken. Was stinkt oder riecht ist aber die Lagerung des Substrates. Je nach der Art und der Witterung.
Könnte man eigentlich Lagerung und Anlage räumlich trennen?
zu 2: Die EVN kann von mir aus eine Anlage bauen, aber nicht an den beiden bisher bekannten Standorten. Diese sind zu wohnortnah.
zu 3: Das verstehe ich nicht. Nähere Erläuterung wäre da notwendig.

Und zu dem "ja nicht vor meiner Tür"-Gejammer sage ich nur, dass z.B. der Pro-Experte beim Energieforum genau das gleiche gesagt hat. Nämlich, dass er neben so einer Anlage nicht wohnen möchte.
Ist das nicht bezeichnend?
Wolfi65
28.01.2013, 12:08 Uhr
Datum Falsch
Der Tornado war garantiert vor dem 22 Juni 1980, denn meine Geburtstagsgäste aus Sachsen-Anhalt(damals Bez.Magdeburg) konnten nicht über dem Harz anreisen, weil Harzbahn und F4 (heute B4) unpassierbar waren.
Eine Tanzveranstaltung im Gehege war am Unglückstag, wie durch einen Zufall früher zu Ende.
Dadurch sind wahrscheinlich Menschenleben gerettet wurden.
Harzer_Wolf
28.01.2013, 13:17 Uhr
Waldsterben
Richtig ist, das der Wald nicht im Gehege stirbt, sondern an den weltweit größeren Wunden. Allerdings sind auch kleine Wunden schmerzhaft. Übrigens waren die Bäume auch Wohngegend für einige heimische Singvögel. Die haben sich bestimmt darüber gefreut, das mitten im eiskalten Winter ihre Nester mit zerstört wurden. Aber das dürfte ja keinen weiter interessiert haben.
G. Meskalowski
28.01.2013, 16:51 Uhr
Zitat B. Schwarzberg
" Und in der Zwischenzeit werden im Rathaus, in Baumarktkonzernen und bei zahlreichen korrupten Politikern und Gouverneuren der Tropenländer Nägel mit Köpfen gemacht, wenn Sie wissen, was ich meine."
Dann nennen Sie doch einmal Namen und Fakten die Sie auch belegen können. Das ist das was mich jetzt interessiert, sonst würde ich sagen, alles nur lauwarme Luft die Sie von sich geben.

Giselher Meskalowski
Marie 2010
28.01.2013, 17:22 Uhr
Herr Schwarzberg
hat ja sehr oft Recht. Aber die Art und Weise stößt nicht immer auf Sympathie , schade!
Mir fällt dazu ein Zitat ein.


Wenn du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer. (Antoine de Saint-Exupéry)

LG Marie
Retupmoc
29.01.2013, 07:50 Uhr
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