Sa, 15:49 Uhr
19.01.2013
… den Wald vor lauter Bäumen nicht...
Die zur Redewendung gewordene Zeile … den Wald vor lauter Bäumen nicht sehn können. stammt aus Werken des Dichters, Übersetzers, Philosophen und Journalisten Christoph Martin Wieland, 1733 in Oberholzheim bei Biberach in Baden-Württemberg geboren, den man in unseren Breiten mit den Orten Erfurt, Weimar und Oßmannstedt, unweit von Weimar gelegen, verbindet...
Wielandbüste im Park Oßmannstedt (Foto: H. Kneffel)
Am 20. Januar 1813, also vor 200 Jahren, starb er mit 79 Jahren und ist in Oßmannstedt, wo er mit seiner Familie von 1797 bis 1808 lebte, im Grab seiner Frau und der Brentano-Tochter Sophie unter einem mit Reliefs verzierten dreiseitigen Obelisken nahe der Ilm beigesetzt worden.
Bevor Wieland im September 1772 nach Weimar übersiedelt, wurde er im Februar 1769 an der kurmainzischen Universität in Erfurt zum Kurmainzischen Regierungsrat und ersten Professor der Weltweisheit ernannt. Am Weimarer Hof wird es dann Erzieher des Erbprinzen Carl August und gibt die Zeitschrift Der Teutsche Merkur heraus. Mit der Herzogin Anna Amalia ist er befreundet und mit ihm ziehen die Musen in Weimar ein.
Wieland, der in seiner Zeit, der Spätaufklärung, die hin zur Klassik führt, ein vielgelesener Autor war, ist aus dem heutigen Lesekanon für die meisten gestrichen. Dies heißt jedoch nicht, dass seine Werke so verstaubt sind, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sehn könnte. Den Mitgliedern der Dichterstätte Sarah Kirsch ist Dichtkunst Programm, also kommt der Wegbereiter eines Goethe und eines Schiller in seinem Gedenkjahr im Programm in Limlingerode vor.
Karin Kisker Musarion oder die Philosophe der Grazien (Foto: H. Kneffel)
Wir verlegen sein Erscheinen dort in die Zeit der 16. Limlingeröder Diskurse, dem literarischen Höhepunkt im Literaturjahr der Dichterstätte. Am Sonntag, dem 30. Juni,wird er ab 10.00 Uhr von Mitgliedern des Fördervereins vorgestellt. Karin Kisker hat es übernommen, dass Programm zu gestalten, denn sie kennt sich in den Gefilden der Kunst, Literatur und Philosophie aus.
Damit der Weg zu Wieland für sie geebnet wird, schuf sie für sich und andere eine Farbgrafik: Musarion oder die Philosophie der Grazien. So heißt eines der Wielandwerke. In diesem Gedicht in drei Büchern steht der Satz: Die Herren dieser Art blendet oft zu viel Licht, sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht. Da haben wir also die eingangs zitierte Redewendung in einem Kontext. Dieses Buch, so schrieb der Dichter, ...ist gewissermaßen eine neue Art von Gedichten, welche zwischen dem Lehrgedicht, der Komödie und der Erzählung das Mittel hält ... Philosophie, Moral und Satire vereinen sich.
Und nach Leipzig an einen Kreissteuereinnehmer schreibt er: Ich wollte, daß eine getreue Abbildung der Gestalt meines Geistes, die von einigen, teils aus Blödigkeit ihres eigenen, mißkannt worden ist, vorhanden sein sollte ... Die in dem Buch dargestellte Denkart, die Grundsätze, der Geschmack, die Laune entsprächen der seinen. Also ist dieses Buch ein Schlüssel zum Dichter. Wieland hat das Gedankenspiel um den Wald und um die Bäume, das er bei antiken Dichtern entdeckt hat, auch noch in einem anderen Buch verwendet: Es ist, als ob die närrischen Menschen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehn könnten; sie suchen, was ihnen vor der Nase liegt, und was sie bloß deswegen nicht finden, weil sie sich in einer Art von Schneckenlinie immer weiter davon entfernen. Dieses Zitat stammt aus Aristipp und einige seiner Zeitgenossen, ein Briefroman.
Der Benannte war ein griechischer Philosoph und jüngerer Zeitgenosse des Philosophen Sokrates. Neben den antiken Autoren und Philosophen, die er auch übersetzte, hat er sich William Shakespeare zugewandt und sich große Verdienste um die Übersetzung von dessen Tragödien und Komödien gemacht. Der Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis wird alle zwei Jahre in der Wielandstadt Biberach an der Riß an herausragende Übersetzer verliehen.
In Limlingerode wird am 30. Juni auch Die Geschichte der Abderiten zur Sprache kommen. Sie erschien zunächst als Fortsetzung in Wielands Zeitschrift Der Teutsche Merkur und 1781 als Buch. Abderiten heißen die Bewohner der Stadt Abdera in Thrakien. Das ist eine Landschaft auf der östlichen Balkanhalbinsel, die heute zu den Staaten Bulgarien, Griechenland und Türkei gehört. Die Abderiten sind in etwa vergleichbar mit unseren Schildbürgern. Wieland sagte dazu: Abdera ist allenthalben, und - wir sind alle gewissermaßen alle da zu Hause.
Ein Auszug verdeutlicht das: Ein andermal erhandelten sie eine sehr schöne Venus von Elfenbein ... Sie war ungefähr fünf Fuß hoch, und sollte auf einen Altar der Liebesgöttin gestellt werden. Als sie angelangt war, geriet ganz Abdera in Entzücken über die Schönheit ihrer Venus; denn die Abderiten gaben sich für feine Kenner und schwärmerische Liebhaber der Künste aus. 'Sie ist zu schön, ... um auf einem niedrigen Platze zu stehen; ein Meisterstück, das der Stadt so viel Ehre macht und so viel Geld gekostet hat, kann nicht hoch genug aufgestellt werden; sie muß das Erste sein, was den Fremden beim Eintritt in Abdera in die Augen fällt.' Diesem glücklichen Gedanken zufolge stellten sie das kleine niedliche Bild auf einen Obelisk von achtzig Fuß; und wiewohl es nun unmöglich war zu erkennen, ob es eine Venus oder eine Austernymphe vorstellen sollte, so nötigten sie doch alle Fremden zu gestehen, daß man nichts vollkommneres sehen könne.
Heidelore Kneffel
Autor: nnz
Wielandbüste im Park Oßmannstedt (Foto: H. Kneffel)
Am 20. Januar 1813, also vor 200 Jahren, starb er mit 79 Jahren und ist in Oßmannstedt, wo er mit seiner Familie von 1797 bis 1808 lebte, im Grab seiner Frau und der Brentano-Tochter Sophie unter einem mit Reliefs verzierten dreiseitigen Obelisken nahe der Ilm beigesetzt worden. Bevor Wieland im September 1772 nach Weimar übersiedelt, wurde er im Februar 1769 an der kurmainzischen Universität in Erfurt zum Kurmainzischen Regierungsrat und ersten Professor der Weltweisheit ernannt. Am Weimarer Hof wird es dann Erzieher des Erbprinzen Carl August und gibt die Zeitschrift Der Teutsche Merkur heraus. Mit der Herzogin Anna Amalia ist er befreundet und mit ihm ziehen die Musen in Weimar ein.
Wieland, der in seiner Zeit, der Spätaufklärung, die hin zur Klassik führt, ein vielgelesener Autor war, ist aus dem heutigen Lesekanon für die meisten gestrichen. Dies heißt jedoch nicht, dass seine Werke so verstaubt sind, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sehn könnte. Den Mitgliedern der Dichterstätte Sarah Kirsch ist Dichtkunst Programm, also kommt der Wegbereiter eines Goethe und eines Schiller in seinem Gedenkjahr im Programm in Limlingerode vor.
Karin Kisker Musarion oder die Philosophe der Grazien (Foto: H. Kneffel)
Wir verlegen sein Erscheinen dort in die Zeit der 16. Limlingeröder Diskurse, dem literarischen Höhepunkt im Literaturjahr der Dichterstätte. Am Sonntag, dem 30. Juni,wird er ab 10.00 Uhr von Mitgliedern des Fördervereins vorgestellt. Karin Kisker hat es übernommen, dass Programm zu gestalten, denn sie kennt sich in den Gefilden der Kunst, Literatur und Philosophie aus. Damit der Weg zu Wieland für sie geebnet wird, schuf sie für sich und andere eine Farbgrafik: Musarion oder die Philosophie der Grazien. So heißt eines der Wielandwerke. In diesem Gedicht in drei Büchern steht der Satz: Die Herren dieser Art blendet oft zu viel Licht, sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht. Da haben wir also die eingangs zitierte Redewendung in einem Kontext. Dieses Buch, so schrieb der Dichter, ...ist gewissermaßen eine neue Art von Gedichten, welche zwischen dem Lehrgedicht, der Komödie und der Erzählung das Mittel hält ... Philosophie, Moral und Satire vereinen sich.
Und nach Leipzig an einen Kreissteuereinnehmer schreibt er: Ich wollte, daß eine getreue Abbildung der Gestalt meines Geistes, die von einigen, teils aus Blödigkeit ihres eigenen, mißkannt worden ist, vorhanden sein sollte ... Die in dem Buch dargestellte Denkart, die Grundsätze, der Geschmack, die Laune entsprächen der seinen. Also ist dieses Buch ein Schlüssel zum Dichter. Wieland hat das Gedankenspiel um den Wald und um die Bäume, das er bei antiken Dichtern entdeckt hat, auch noch in einem anderen Buch verwendet: Es ist, als ob die närrischen Menschen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehn könnten; sie suchen, was ihnen vor der Nase liegt, und was sie bloß deswegen nicht finden, weil sie sich in einer Art von Schneckenlinie immer weiter davon entfernen. Dieses Zitat stammt aus Aristipp und einige seiner Zeitgenossen, ein Briefroman.
Der Benannte war ein griechischer Philosoph und jüngerer Zeitgenosse des Philosophen Sokrates. Neben den antiken Autoren und Philosophen, die er auch übersetzte, hat er sich William Shakespeare zugewandt und sich große Verdienste um die Übersetzung von dessen Tragödien und Komödien gemacht. Der Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis wird alle zwei Jahre in der Wielandstadt Biberach an der Riß an herausragende Übersetzer verliehen.
In Limlingerode wird am 30. Juni auch Die Geschichte der Abderiten zur Sprache kommen. Sie erschien zunächst als Fortsetzung in Wielands Zeitschrift Der Teutsche Merkur und 1781 als Buch. Abderiten heißen die Bewohner der Stadt Abdera in Thrakien. Das ist eine Landschaft auf der östlichen Balkanhalbinsel, die heute zu den Staaten Bulgarien, Griechenland und Türkei gehört. Die Abderiten sind in etwa vergleichbar mit unseren Schildbürgern. Wieland sagte dazu: Abdera ist allenthalben, und - wir sind alle gewissermaßen alle da zu Hause.
Ein Auszug verdeutlicht das: Ein andermal erhandelten sie eine sehr schöne Venus von Elfenbein ... Sie war ungefähr fünf Fuß hoch, und sollte auf einen Altar der Liebesgöttin gestellt werden. Als sie angelangt war, geriet ganz Abdera in Entzücken über die Schönheit ihrer Venus; denn die Abderiten gaben sich für feine Kenner und schwärmerische Liebhaber der Künste aus. 'Sie ist zu schön, ... um auf einem niedrigen Platze zu stehen; ein Meisterstück, das der Stadt so viel Ehre macht und so viel Geld gekostet hat, kann nicht hoch genug aufgestellt werden; sie muß das Erste sein, was den Fremden beim Eintritt in Abdera in die Augen fällt.' Diesem glücklichen Gedanken zufolge stellten sie das kleine niedliche Bild auf einen Obelisk von achtzig Fuß; und wiewohl es nun unmöglich war zu erkennen, ob es eine Venus oder eine Austernymphe vorstellen sollte, so nötigten sie doch alle Fremden zu gestehen, daß man nichts vollkommneres sehen könne.
Heidelore Kneffel


