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So, 16:51 Uhr
12.08.2012

Sportlicher Hagelstange (2. Teil)

In dem Tagebuch über seine sportliche Entwicklung vermerkte Hagelstange am 26. 12. 1932: „Heute bin ich knappe einundzwanzig Jahre. Meine Bestleistungen sind 100 m in 12 Sek., 400 m in 62,4 Sek., 1500 m in 5:31 Min., 3000 m in 12:30 Min., Hochsprung 1,73 m.“...


Für die Hochsprungausstellung in der Kreissparkasse Nordhausen, die noch bis zum 31. August 2012 zu sehen ist, werden Fotos von Hagelstange gezeigt, die seine zweitälteste Tochter Regine Stolzke, in Nordhausen geboren, für diese Präsentation auslieh. Eines zeigt Hagelstange beim SC Charlottenburg in Berlin Anfang der 1930er Jahre beim Trainings-Paar-Springen.

Sportlicher Hagelstange (Foto: Archiv Kneffel) Sportlicher Hagelstange (Foto: Archiv Kneffel)

Vom 1.7.1933 bis zum 1.5.1934 unternahm der junge Mann mit zwei Freunden seine erste Faltbootreise donau- und marizaabwärts bis zum Ägäischen Meer. Von der Flussfahrt erzählt sein Gedicht „Die Donau“. Auf Kreta verbrachte er ein halbes Jahr. Seit dieser Zeit war neben dem Harz der Mittelmeerraum mit seiner Antike einer seiner Wurzelgründe. Über diese Bootsfahrt, die einem sportlich trainierten Menschen entgegenkommt, erzählt der Autor in dem Band „Tränen gelacht“ unter dem Titel „Gummischoner“. Dieses Gefährt beschreibt er so: „Ein Faltboot, hier Gummischoner genannt, beschränkt sich auf fünf Meter Länge, ... kann durch eine Spritzdecke vollkommen abgedichtet werden, wird durch Paddelschläge bewegt und hat … eine Haut, die sich über ein leichtes, zerlegbares Bootsskelett spannt.

Man kann diese Haut falten und in einen Rucksack und das zerlegte Skelett in eine Stabtasche verstauen.“ Trainiert hatte Hagelstange auf den Berliner Seen und Gewässern, denn er wollte eine Reise unternehmen, die ihn durch Länder führen sollte. „... Pläne, die freilich auf dem Hintergrund einer Arbeitslosenzahl von mehr als 6 Millionen zu werten waren: Zeit ... stand für junge und unternehmungslustige, auf die Welt neugierige Menschen, wie wir es waren ...“ zur Verfügung. Hagelstange war damals einer von diesen.

1934 kehrte er nach Nordhausen zurück, verdiente sich Geld mit Aushilfsjobs, trainierte ab Sommer 1934 bis zum Frühjahr 1935 einmal in der Woche mehrere Jugendliche des Jüdischen Frontkämpferbundes auf dem Schulhof am Altentor im Laufen und Weitspringen, veröffentlichte hin und wieder Gedichte und Artikel in der „Nordhäuser Zeitung“ der Verlegerfamilie Nebelung. Die zweite Faltbootreise führte den jungen Mann vom 1.7.1935 bis zum 1.1.1936 gleichfalls auf den Balkan, dieses Mal bis zum Schwarzen Meer.

Im Buch „Tränen gelacht“ erfährt der Leser: „Ehe ich mich auf die zweite Reise begab, erprobte ich … noch den erstandenen Zweier auf der Leine, Aller und Weser, wurde rasch noch stabhochspringender 'Gaumeister' (der thüringsche NS-Obermotz Saukel war nur 'Gauleiter') - … dann ging es … Donau-abwärts …“ (Anmerkung: Laut Statistik der Gau Mitte-Meisterschaften von Eike Blumenauer war Hagelstange 1935 nicht unter den drei Erstplatzierten. Aber für den Literaten gab dieser Einschub wohl dem Geschriebenen mehr Zeitcolorit.)

Zuerst fuhr er im Boot allein, dann mit dem Polen Slawek bis in die Gegend um Varna. Eigentlich wollte man bis nach Indien gelangen, aber die Einsicht, daß dies wohl etwas vermessen sei, ließ sie davon Abstand nehmen. Hagelstange suchte Einkehr in einem bulgarischen Kloster bei Schumen. Dort war er auf der Reise zu sich selbst, er war noch immer ohne Beruf.

Nach Nordhausen zurückgekehrt, war er in der Folgezeit Volontär, dann Feuilletonist bei der ihm vertrauten „Nordhäuser Zeitung“. Mit der Verlegerfamilie Nebelung, besonders mit Dr. Theodor Nebelung, war er befreundet. Das sportliche Training spielte nach wie vor eine wichtige Rolle. Er nahm als Mitglied des MTV (Männerturnverein) Nordhausen am Jugendzeltlager für talentierte Leichtathleten teil, das während der Olympischen Spiele im August 1936 in Berlin stattfand und war Zuschauer bei der Olympischen Entscheidung im Stabhochsprung. Am 19. und 20. Juni 1937 erreichte er mit 3,50 m Platz 3 bei den Gau Mitte-Meisterschaften in Halle/Saale. 1937 war Hagelstange Teilnehmer an den Deutschen Meisterschaften im Berliner Olympiastadion.

Am 19.06.1938 sprang er in Braunschweig 3,71 m, das war Kreisrekord, und stellt wahrscheinlich seine persönliche Bestleistung dar. Bei den Gau Mitte-Meisterschaften im Juni 1838 in Weimar sprang er 3,68 m. Im Juli 1938 wurde er Kreismeister im Kyffhäuserkreis mit 3,30 m, am 18. Deutschen Turn- und Sportfest in Breslau nahm er vom 26. bis zum 31. Juli 1938 teil.

Seine Leistungsentwicklung im Stabhochsprung stellt sich also folgendermaßen dar: 1930 - AK 18 - 3,35 m, 1932 - AK 20 - 3,43 m, 1936 - AK 24 - 3,50 m, 1937 - AK 25 - 3,50 m und 1938 - AK 26 - 3,71 m.

Ausstellung in der Kreissparkasse (Foto: Archiv Kneffel) Ausstellung in der Kreissparkasse (Foto: Archiv Kneffel)

Nach Beendigung seiner Ausbildung zum Journalisten in Nordhausen besuchte er ab 1939 die Reichspresseschule (RPS) in Berlin, eine „Erfindung“ der Nationalsozialisten. Nach erfolgreichem Beenden hatte Hagelstange eine Zusage für das Reise-Feuilleton an der Frankfurter Zeitung ab 1. Januar 1940. Zu diesem Datum wurde er aber zur Wehrmacht einberufen. Er überlebte in einer Nachrichtentruppe, zuerst als Mitarbeiter einer Soldatenzeitung und Kriegsberichterstatter in Frankreich, seit 1944 in Italien. Während des Krieges begann seine Laufbahn als Schriftsteller und Dichter.

Sein Sportinteresse fand nach dem Krieg als Publizist seine Fortsetzung. Hagelstange nahm an den Olympischen Spielen in Rom („Römisches Olympia Kaleidoskop eines Weltfestes“), Tokio („Die Spiele der XVIII. Olympiade Tokio 1964 - Das offizielle Standardwerk des Nationalen Olympischen Komitees“) und München (München '72“) teil, schrieb darüber, hielt Vorträge („Sport und Demokratie“, „Sport in Freiheit“, „Skisport als Volkssport“, „Was bedeutet Olympia heute? Zur Krise der olympischen Idee“), die auch gedruckt wurden, veröffentlichte Vor- und Nachworte in Sportbüchern, mischte sich in die Sportpolitik der Bundesrepublik und der Länder des Ostblockes kritisch ein.

Auf der 60. Session des IOC vom 14. bis 20. Oktober 1963 in Baden-Baden wurde Rudolf Hagelstange von Willy Daume mit dem Olympischen Diplom ausgezeichnet. Unter der Überschrift „Harter Job als Reporter“ stand in „Die Zeit“, Ausgabe 46/1968: „Ich saß in Tokio 1964 neben Hagelstange, als im flutlichtübergossenen Stadion der erbitterte Kampf im Stabhochsprung zwischen dem Amerikaner Hansen und dem Deutschen Reinhardt ausgetragen wurde. Es ging um Gold und Silber. Der letzte Sprung über 5,10 m entschied. Da sagte Hagelstange, wenn Hansen jetzt die Ständer nicht verstellen läßt, hat er verloren. In diesem erregenden Augenblick meldete sich der alte Sportler, nicht der Dichter. Eine Minute später ging Hansen langsam zum Absprung und ließ die Stabhochsprung-Ständer ein paar Zentimeter nach vorn rücken. Diese Zentimeter genügten ihm zum Sieg ... Hagelstange war in seiner Jugend ein hervorragender Stabhochspringer, in einer Zeit, die noch nicht den … Glasfiberstab kannte, sondern sich mit der natürlichen Elastizität des gewachsenen Bambusrohres begnügte. Später beschrieb er seine Impressionen von Tokio, sportlich und sprachlich über der Kritik stehend.“

Nachdem Rudolf Hagelstange 1984 in Hanau gestorben war, widmete ihm „Der Spiegel“ in der Nr. 33/1984 einen Nachruf, in dem neben der Würdigung als Schriftsteller auch vermerkt wurde „... der in seiner Jugend olympiareife Stabhochspringer“.
Heidelore Kneffel
Autor: nnz

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