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Mo, 14:40 Uhr
16.07.2012

Offener Tabubruch

Gewalt gegen Kinder – für die meisten Menschen
unvorstellbar und doch in den unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen allgegenwärtig. Hinhören, wenn andere sich taub stellen, hinsehen, wenn andere die Augen verschließen, reden, wenn andere schweigen – das ist die Intention des Theaterstücks „Tabu“ der Erzieherklasse 10/2 der pro-vita-Akademie Nordhausen...


Protagonistin Paula lebt in intaktem Umfeld, wird geliebt und behütet, größere Dramen sind ihr glücklicherweise unbekannt. Der Teenager hält sich allerdings nicht immer an gemeinsam aufgestellte Regeln und bekommt Stubenarrest. Zutiefst überzeugt ist das Mädchen davon, „die schlimmsten Eltern der Welt“ zu haben und wünscht sich andere. Nachts erscheint der Geist der Wirklichkeit und nimmt Paula und die Zuschauer mit auf eine düstere und beklemmende Reise, auf der sie Kindern begegnen, die niemand liebt, tröstet oder beschützt, für die Angst, Schmerz und Hoffnungslosigkeit zum täglich Leben gehören.

Wie zum Beispiel für einen Jungen mit körperlichen Handicaps, der zum Betteln gezwungen wird. Irritiert, vielleicht sogar unangenehm berührt schauen einige Theaterbesucher zu Boden, als der Kleine durch die Reihen geht und schüchern um Geld bittet. Andere werfen ein paar Münzen in den Becher. Die allgemeine Anspannung ist körperlich zu spüren. Der Fall einer Stecknadel hätte wie Donnerhall gewirkt.

Darstellerin Beatrice Wendt sagt im Nachhinein: „Es ist ein beklemmendes Gefühl, andere um Geld zu bitten, sehr unangenehm. Sicher, es ist nur eine Rolle, aber für einig Kinder ist es Realität. Ich musste mich erst daran gewöhnen.“ Zum Gewöhnen indes bleibt Paula keine Zeit: Sie muss zusehen, wie das Bettelkind auf einem belebten Berliner Bahnsteig stirbt, misshandelt, gequält, allein. Allerdings nicht, ohne dass jemand Notiz davon nimmt! Ein Mann und eine Frau, die das Kind zum Geldsammeln geprügelt haben, nehmen das Geld an sich.

Szenenwechsel: „Ich brauche neue Ware, am besten kein Secondhand, eher was Frisches“, sagt der korrekt gekleidete Mann zu einer Frau im Businessoutfit. Ihre Antwort: „Kein Problem!“ Geld wechselt den Besitzer, viel Geld: für ein zehnjähriges Mädchen mit roten Haaren. Klein, mager, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, die Augen geweitet vor Angst presst die Kleine ihren Teddy an sich. Der zudringlichen Hand des Mannes jedoch kann sich das Kind nicht entziehen.

Afghanistan: „Kindersoldaten sind billig, leicht zu ersetzen, sich der Tragweite ihres Tuns nicht bewusst, hinterlassen keine Versorgungslücke und töten so gut wie Erwachsene.“ Die Kindheit endet, bevor sie beginnt. Bewegend und unter die Haut gehend die Interpretation des Songs von Christina Stürmer „Mama Ana Ahabak“, der Ruf nach der Mutter, die Schutz geben soll, wo kein Schutz möglich ist. Im Publikum sind einige den Tränen nah, fühlen Betroffenheit und Trauer.

Äthiopien: Samura gehört zu den 6000 Mädchen, die jährlich beschnitten werden. Jedes zehnte stirbt an den Folgen. Gehört sie dazu? Ihre imaginären Schreie hallen in den Ohren der Zuschauer nach. Überall: Scheidungskinder, die unter der Unfähigkeit der Eltern leiden, ihre Probleme zu lösen, die ihren Ausweg im Alkohol suchen. Kinder, die keine trendige Markengarderobe tragen, die kein Taschengeld haben, die anders sind, erleben Gewalt. Mobbing in der Schule. Eine gestresste Lehrerin ingnoriert die stummen Hilferufe; eine andere kommt zu spät.

Kinder, die mehr (er-)tragen müssen, als sie können, Kinder, die die Schuld für all' das, was andere ihnen antun, auch noch bei sich suchen. Kinder in Not – ohne helfende Hand, Kinder, denen keiner sagt: „Ich hab dich lieb!“ Paulas Eltern sitzen auf der Couch im Wohnzimmer und unterhalten sich. Gemeinsam planen sie, etwas mit ihrer Tochter zu unternehmen. Und der Zahnarztbesuch für Paula muss auch noch terminiert werden.

Abendgespräche in einer normalen Durchschnittsfamilie. Im selben Augenblick erwacht Paula im Nebenzimmer mit einem Schrei. Die Eltern eilen zu ihr, beruhigen ihr kleines Mädchen, nehmen es tröstend in die Arme. „Alles ist gut.“ Doch für viele Kinder dieser Welt ist nichts gut, gar nichts. Paula hat verstanden. Sie wird Augen und Ohren offen halten und wird reden, wenn andere schweigen.

„Wir hoffen, dass diese Botschaft rübergekommen ist“, macht Marco Schmelzer deutlich. Er hat den Pädophilen gespielt. Über seine Rolle sagt er: „Es ist schwierig, einen solchen Charakter darzustellen, das ist schon extrem.“

Durit Caduff, sie unterrichtet die Erzieherklasse 10/2 im Fach Medien, berichtet: „Die Klasse hat sich im Rahmen der Ausbildung dieses Thema selbst ausgesucht, innerhalb von zwei Jahren das Stück geschrieben und einstudiert, die Bühnendekoration entwickelt und gestaltet.“ Dieses brisante Thema, ein Tabu noch allzuoft, einmal mehr - und das nachhaltig - in den Focus er Öffentlichkeit zu stellen, sei dringendes Anliegen der angehenden Erzieher. Ziel erreicht. Das Stück hat Tiefgang und Nachgang – dem kann und will sich wohl kaum jemand, der es gesehen hat, entziehen.
Britta Gerstenberger

Aufgeführt wird das bewegende Stück zum vorerst letzten Mal am 17. Juli um 19 Uhr im Theatersaal der
Geschwister-Scholl-Straße 9 (Karten-Tel.: 03631/988665).
Autor: nnz

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Kommentare
Ktm-girl84
18.07.2012, 12:02 Uhr
Ein Danke an Alle die uns unterstützt haben !!!!!
Ich bin sehr stolz auf Alle die bei dem Theaterstück mitgewirkt haben.Trotz Höhen und Tiefen haben wir es geschafft ein sehr schönes Stück auf die Beine zu stellen.
Ich kann nur sagen:"Ich bin sehr stolz ein Mitglied dieser Klasse zu sein.........

Mfg ;-)
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