So, 08:14 Uhr
16.11.2003
Inszenierte Wirklichkeit
Nordhausen(nnz). Er stand an der Front des Informationskrieges, erlebte die Einschläge ins Palestine Hotel, und schrieb ein Buch- Ulrich Tilgner, Reporter von ZDF und Schweizer Fernsehen. Gestern abend war er live in Erfurt zu erleben. nnz hat sich das nicht entgehen lassen.
"Aus dem Fenster meines Zimmers im 15. Stock erkenne ich im Süden der Stadt Rauch und Staubwolken und überlege, welches Ziel wohl getroffen wurde. Mir kommt der Luftwaffenstützpunkt Raschid in den Sinn, aber sicher bin ich nicht."
So beschreibt Korrespondent Ulrich Tilgner den Ausbruch des Irakkrieges. Dieser erste Angriff galt angeblich Saddam Hussein und seiner Führung, traf ihn aber nicht. Damit wäre nämlich der Kriegsgrund beseitigt worden, und das wollten die USA nicht. Ihnen geht es schließlich nicht nur um die Beseitigung des Diktators, sondern vor allem um eigene Interessen im Rahmen einer Neuordnung des gesamten Nahen Ostens.
Was soll man da noch glauben, als Journalist vor Ort und erst recht als Zuschauer, der Kriegsbilder in Echtzeit empfangen kann? "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit" diese alte Journalistenweisheit sei laut Tilgner überholt, denn Wahrheit würde immer relativer. Wenn Fernsehen live dabei ist, erlangen die Strategen der kriegführenden Staaten neue Möglichkeiten Einfluß auf die Meinungsbildung zu nehmen. Auch die Aufgaben der Berichterstatter ändern sich. Ein Beispiel ist das der "eingebetteten" Korrespondenten.
Ulrich Tilgner hat sich nicht einbetten lassen und einwickeln auch nicht. Nach wie vor leistet er sich eigene Gedanken zur Entwicklung des Nahen Ostens. In seiner fast 30 jährigen Reportertätigkeit hat er die Gegend und ihre Menschen kennengelernt. Er ließ gestern in der Erfurter Universität rund 500 Interessierte an seinem Wissen teilhaben, berichtete Neues aus dem Irak und beantwortete Fragen.
Wie er damit zurecht käme, von den kriegführenden Parteien zur Verbreitung von Desinformation genutzt worden zu sein? Dagegen könne man sich kaum wehren, meinte der Bagdad-Korrespondent. Beide "Regime" hätten Journalisten für ihre Zwecke eingespannt. Während die Bushregierung zumindest teilweise Informationen bekanntgegeben hätte, die einen gewissen Wahrheitsgehalt gehabt hätten, habe das Regime Saddam Husseins nur geblufft. Mit den Reden von vorhandenen chemischen Kampfstoffen, die weltweit gegen die USA eingesetzt werden könnten, habe die Regierung genau das getan, was sich die Amerikaner erhofft hatten. General Tommy Franks zufolge solle der Gegner nichts erfahren, aber er soll so manipuliert werden, daß er erwartungsgemäß reagiert. Den Gefallen hat Saddam Hussein den Amerikanern jedenfalls getan.
Was ist nun die Aufgabe eines Journalisten in einem solchen Informationskrieg, wo er sich der Manipulation nicht entziehen kann?Zuerst einmal müsse er sich Informationen über die Menschen aneignen. Militärisches Wissen nutze wenig, wenn jemand nichts darüber weiß, wie die Einheimischen denken. Aber auch politisch muß der Berichterstatter fit sein, muß einsehen, daß internationale Politik nur vor dem innenpolitischen Hintergrund der jeweiligen Länder verständlich ist. Deutschlands Antikriegshaltung sei schließlich zu einem Teil auch dem Wahlkampf geschuldet. Und der Irakkrieg muß als Folge des 11. September 2001 gewertet werden. Ohne den Anschlag auf die WTC-Zwillingstürme wären weder der Afghanistan- noch der Irakkrieg denkbar gewesen.
Darauf kam sofort eine Frage aus dem Publikum: Was Herr Tilgner von der Theorie halte, daß die Amerikaner selbst das World Trade Center zerstört hätten, wollte eine Frau wissen. Diese Ideen seien nicht nur verrückt, sondern auch gefährlich. Überdies sei es auch kaum möglich, so ein Netzwerk nur zum Zweck einer Selbstinszenierung aufzubauen. Sicher haben die USA Leute ausgebildet und mit Waffen versorgt, die jetzt Terroranschläge ausführen, doch die tun das von sich aus, aus Haß gegen Amerika. Viele Menschen im Nahen und Mittleren Osten wissen, daß der Westen ihnen Demokratie bringen könnte, aber es nicht tue. Das führt zu Frustration und Haß, erklärt der Reporter. Trotzdem wäre die USA nicht so mächtig, wie sie sich darstellen möchte, denn was jetzt im Irak abläuft, das sei nicht inszeniert, sondern tatsächlich Unfähigkeit.
Auch nach der Demokratiefähigkeit der Menschen und der Bedeutung des Öls für den Irakkrieg wurde gefragt. Ulrich Tilgner gab sich Mühe alle Fragen ausführlich zu beantworten. Obwohl sein Buch "Der inszenierte Krieg" bereits im Juli beendet worden war, hat er darin vieles beschrieben, was Wirklichkeit geworden ist.
Die neuen Aufgaben des Journalisten in einer solchen Ausnahmesituation sind laut Tilgner die Ordnung und Bewertung von Meldungen, die Analyse auf den Wahrheitsgehalt und auch die Berichterstattung über die zivilen Opfer eines Krieges. Wichtig sei immer zu verstehen, warum jemand log oder Medien manipulieren wollte.
Ans Aufhören denkt der Reporter aber auf keinen Fall. Er möchte auch in Zukunft seinen Beitrag für eine relative Wahrheit leisten. Ab Montag tut er das wieder für das ZDF. Ganz so live wie in der Universität in Erfurt ist es dann zwar nicht, aber live aus Bagdad.
Das Buch "Der inszenierte Krieg - Täuschung und Wahrheit beim Sturz Saddam Husseins" ist erschienen bei Rowohlt unter ISBN 3871344923. Für alle die mehr lesen wollen.
Autor: wf"Aus dem Fenster meines Zimmers im 15. Stock erkenne ich im Süden der Stadt Rauch und Staubwolken und überlege, welches Ziel wohl getroffen wurde. Mir kommt der Luftwaffenstützpunkt Raschid in den Sinn, aber sicher bin ich nicht."
So beschreibt Korrespondent Ulrich Tilgner den Ausbruch des Irakkrieges. Dieser erste Angriff galt angeblich Saddam Hussein und seiner Führung, traf ihn aber nicht. Damit wäre nämlich der Kriegsgrund beseitigt worden, und das wollten die USA nicht. Ihnen geht es schließlich nicht nur um die Beseitigung des Diktators, sondern vor allem um eigene Interessen im Rahmen einer Neuordnung des gesamten Nahen Ostens.Was soll man da noch glauben, als Journalist vor Ort und erst recht als Zuschauer, der Kriegsbilder in Echtzeit empfangen kann? "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit" diese alte Journalistenweisheit sei laut Tilgner überholt, denn Wahrheit würde immer relativer. Wenn Fernsehen live dabei ist, erlangen die Strategen der kriegführenden Staaten neue Möglichkeiten Einfluß auf die Meinungsbildung zu nehmen. Auch die Aufgaben der Berichterstatter ändern sich. Ein Beispiel ist das der "eingebetteten" Korrespondenten.
Ulrich Tilgner hat sich nicht einbetten lassen und einwickeln auch nicht. Nach wie vor leistet er sich eigene Gedanken zur Entwicklung des Nahen Ostens. In seiner fast 30 jährigen Reportertätigkeit hat er die Gegend und ihre Menschen kennengelernt. Er ließ gestern in der Erfurter Universität rund 500 Interessierte an seinem Wissen teilhaben, berichtete Neues aus dem Irak und beantwortete Fragen.
Wie er damit zurecht käme, von den kriegführenden Parteien zur Verbreitung von Desinformation genutzt worden zu sein? Dagegen könne man sich kaum wehren, meinte der Bagdad-Korrespondent. Beide "Regime" hätten Journalisten für ihre Zwecke eingespannt. Während die Bushregierung zumindest teilweise Informationen bekanntgegeben hätte, die einen gewissen Wahrheitsgehalt gehabt hätten, habe das Regime Saddam Husseins nur geblufft. Mit den Reden von vorhandenen chemischen Kampfstoffen, die weltweit gegen die USA eingesetzt werden könnten, habe die Regierung genau das getan, was sich die Amerikaner erhofft hatten. General Tommy Franks zufolge solle der Gegner nichts erfahren, aber er soll so manipuliert werden, daß er erwartungsgemäß reagiert. Den Gefallen hat Saddam Hussein den Amerikanern jedenfalls getan.
Was ist nun die Aufgabe eines Journalisten in einem solchen Informationskrieg, wo er sich der Manipulation nicht entziehen kann?Zuerst einmal müsse er sich Informationen über die Menschen aneignen. Militärisches Wissen nutze wenig, wenn jemand nichts darüber weiß, wie die Einheimischen denken. Aber auch politisch muß der Berichterstatter fit sein, muß einsehen, daß internationale Politik nur vor dem innenpolitischen Hintergrund der jeweiligen Länder verständlich ist. Deutschlands Antikriegshaltung sei schließlich zu einem Teil auch dem Wahlkampf geschuldet. Und der Irakkrieg muß als Folge des 11. September 2001 gewertet werden. Ohne den Anschlag auf die WTC-Zwillingstürme wären weder der Afghanistan- noch der Irakkrieg denkbar gewesen.
Darauf kam sofort eine Frage aus dem Publikum: Was Herr Tilgner von der Theorie halte, daß die Amerikaner selbst das World Trade Center zerstört hätten, wollte eine Frau wissen. Diese Ideen seien nicht nur verrückt, sondern auch gefährlich. Überdies sei es auch kaum möglich, so ein Netzwerk nur zum Zweck einer Selbstinszenierung aufzubauen. Sicher haben die USA Leute ausgebildet und mit Waffen versorgt, die jetzt Terroranschläge ausführen, doch die tun das von sich aus, aus Haß gegen Amerika. Viele Menschen im Nahen und Mittleren Osten wissen, daß der Westen ihnen Demokratie bringen könnte, aber es nicht tue. Das führt zu Frustration und Haß, erklärt der Reporter. Trotzdem wäre die USA nicht so mächtig, wie sie sich darstellen möchte, denn was jetzt im Irak abläuft, das sei nicht inszeniert, sondern tatsächlich Unfähigkeit.
Auch nach der Demokratiefähigkeit der Menschen und der Bedeutung des Öls für den Irakkrieg wurde gefragt. Ulrich Tilgner gab sich Mühe alle Fragen ausführlich zu beantworten. Obwohl sein Buch "Der inszenierte Krieg" bereits im Juli beendet worden war, hat er darin vieles beschrieben, was Wirklichkeit geworden ist.
Die neuen Aufgaben des Journalisten in einer solchen Ausnahmesituation sind laut Tilgner die Ordnung und Bewertung von Meldungen, die Analyse auf den Wahrheitsgehalt und auch die Berichterstattung über die zivilen Opfer eines Krieges. Wichtig sei immer zu verstehen, warum jemand log oder Medien manipulieren wollte.
Ans Aufhören denkt der Reporter aber auf keinen Fall. Er möchte auch in Zukunft seinen Beitrag für eine relative Wahrheit leisten. Ab Montag tut er das wieder für das ZDF. Ganz so live wie in der Universität in Erfurt ist es dann zwar nicht, aber live aus Bagdad.
Das Buch "Der inszenierte Krieg - Täuschung und Wahrheit beim Sturz Saddam Husseins" ist erschienen bei Rowohlt unter ISBN 3871344923. Für alle die mehr lesen wollen.

