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Mi, 06:43 Uhr
25.04.2012

Menschenbilder (36)

Der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg wird den im Dezember 2011 erschienenen ersten Band der Reihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" durch einen zweiten Band ergänzen, der im kommenden Jahr mit wiederum rund 200 Texten erscheint...

Diplom-Agraringenieur (FH) Udo Förster

Agrarproduktion Zorgeland GmbH
Hinter dem Dorf 1
99765 Windehausen
Telefon: (0 36 31) 6 74-0
Internet: www.zorgeland.de


„Indianer gibt es viele, Häuptlinge dagegen nicht!“, schmunzelt Udo Förster und spielt damit auf seinen beruflichen Lebensweg in der Landwirtschaft an, an deren Gestaltung er im Gebiet der Goldenen Aue bis heute an vorderster Front mitwirkt. Damit setzte und setzt er als „echter Bielscher“ (= gebürtiger Bielener) nicht einfach „nur“ eine Familientradition fort, sondern war Zeuge und Akteur im Rahmen ihrer vielfältigen Umgestaltung in den vergangenen vier Jahrzehnten.

Heute führt er die Agrarproduktion Zorgeland GmbH in Windehausen, einen sauberen, wohlgeordneten und leistungsfähigen Betrieb der modernen Landwirtschaft. Bereits sein Großvater mütterlicherseits, Richard Heise, war in Bielen Landwirt und führte die in den 60-er Jahren gegründete LPG Zorgetal. Sein Großvater väterlicherseits, Karl Förster, hingegen betrieb seinen Hof in Steinbrücken. Durch die Heirat des Vaters von Udo Förster, Otto Förster (geb. 1923), wurde auch der Grundstein für den Lebensweg des am 07.01.1953 in Bielen geborenen, heutigen Geschäftsführers der Agrarproduktion Zorgeland GmbH gelegt.

Er wuchs in einer Zeit auf, als es in der einst selbstständigen Ortschaft noch drei LPG gab: Frieden, Einigkeit und Zorgetal. Er beschreibt die LPG-Bildung als unausweichlichen und wirtschaftlich damals unbedingt notwendigen Prozess: „Nach dem Krieg setzte in der Landwirtschaft eine nie dagewesene Industrialisierung ein. Plötzlich gab es große und leistungsfähige Maschinen, wie die bekannten Mähdrescher E 512, K („Kirowetz“) 700 und den ebenso legendären Trecker ZT 300. Sie konnten auf den traditionell kleinen Feldern nicht mehr effektiv eingesetzt werden. Zugleich aber fehlten auf dem Land Arbeitskräfte, weil in der sich ebenfalls entwickelnden Industrie höhere Löhne gezahlt wurden, so dass die kleinen Bauernhöfe personell regelrecht ausbluteten. Der Druck auf die Landwirte, in die LPG einzutreten, hatte seine Ursache weniger in der Politik der SED, als vielmehr in den sich drastisch verändernden wirtschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen“, beschreibt er die damalige Situation.

Dennoch erinnert sich Udo Förster auch noch an die Lautsprecherwagen, die durch Bielen fuhren, und von denen aus die letzten unentschlossenen Bauern aufgefordert wurden, in die LPG einzutreten.

Er selbst entschied sich nach der zehnten Klasse für eine Ausbildung zum Agrotechniker im VEG Tierzucht Nordhausen. Ein anderer Beruf, so sagt er, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Außerdem verfügte er schon über weitgehende Erfahrungen aus seiner Kindheit auf dem Bauernhof seiner Eltern. 12 Kühe standen damals im heimischen Stall, die er bereits als Junge melken musste. Er half beim Einbringen von Heu und Stroh und denkt überhaupt sehr gern an seine Kindheit zurück. „Sie war frei und bunt und voller Abenteuer“, sagt er. Viele unvergessliche Stunden verbrachte er unter anderem auch im damals neu geschaffenen Bielener Jugendklub gemeinsam mit Gleichaltrigen.

Nach dem Ende seiner Berufsausbildung absolvierte Udo Förster von 1970 bis 1973 in Naumburg ein Studium zum Agraringenieur. Nie hätte er während dieser Zeit daran gedacht, später anderswo, als in der Goldenen Aue, berufliche Wurzeln zu schlagen. Mit dem Diplom in der Tasche und nach einem praktischen Jahr beim VEG (Z) Saatzucht Sundhausen qualifizierte er sich auch auf pädagogischem Gebiet, wodurch er sich den Weg zu einer längjährigen Tätigkeit in der Berufsausbildung eröffnete.

Als Lehrmeister für Agrotechnik machte er bis Mitte der 80-er Jahre hunderte Lehrlinge fit für ihre anschließende Tätigkeit in den LPG der Region. Seinen Wehrdienst bei den Grenztruppen in Berlin Mitte der 70-er Jahre betrachtet er mit dem Wissen um den Mauerfall vor mehr als zwei Jahrzehnten differenziert: „Das geschichtlich Interessante daran ergibt sich aus der heutigen Situation“, sagt er dazu. 1978 wurde er Mitglied der SED. „Wenn Du schon in eine Partei gehen möchtest, dann gehe im Hinblick auf Deine beruflichen Pläne in die Richtige“, hatte damals ein Genosse zu ihm gesagt.

Einen hohen Stellenwert misst Udo Förster auch seiner Tätigkeit als Vorsitzender der „Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe“ (VdgB) in Bielen ab Mitte der 80-er Jahre bei, die er als langjähriges Mitglied des Bezirkstages Erfurt (bis zur Wende) vertrat. Deren Bedeutung für die Entwicklung des Lebens auf dem Land war bedeutend größer, als gemeinhin bekannt. Sie engagierte sich insbesondere für die Verbesserung der Versorgungssicherheit mit den unterschiedlichsten, oftmals begehrten Produkten über die Bäuerlichen Handelsgenossenschaften (BHG), z.B. im Baubereich.

„Unter anderem initiierten wir in Bielen den Bau einer BHG-Stelle und einer Bauernstube, in der die LPG-Mitglieder einen Teil ihrer Freizeit verbringen konnten. Auch das Erntefest führten wir als Teil der Rückbesinnung auf traditionelle Werte wieder ein.“ –

In den 80-er Jahren endete der berufliche Lebensabschnitt von Udo Förster in der Berufsausbildung beim VEG (Z) Saatzucht Sundhausen. Dies hatte zum einen mit seinem Wunsch nach einem neuen Betätigungsfeld zu tun, zugleich aber auch mit den neuen historischen Veränderungen in der Landwirtschaft: Die LPG Zorgeland Bielen, Windehausen, Urbach und Görsbach sowie das VEG (Z) Sundhausen bildeten die so genannte Kooperativen Abteilung Landwirtschaft (KAP), in die sie ihre Nutzflächen, ihre Mitarbeiter und ihre Technik mit dem Ziel einbrachten, die Arbeitsabläufe in der nun gemeinsamen Pflanzenproduktion zu effektivieren.

Eine wesentliche Aufgabe der KAP bestand auch in der Bereitstellung von Futtermitteln für jene Genossenschaften, die sich künftig ausschließlich auf die Tierproduktion konzentrierten. Ein weiterer weitreichender Entwicklungsschritt bestand schließlich in der Zusammenführung der KAP-Betriebe in der LPG (P) Goldene Aue Bielen.

Zunächst war Udo Förster in der LPG Goldene Aue mit für die Berufsausbildung von rund 30 Lehrlingen verantwortlich, bevor er 1985 zum Produktionsleiter berufen wurde. Das Ziel der großräumigen Veränderung in der Landwirtschaft bestand in einer noch effektiveren Umsetzung der so genannten industriemäßigen Produktion. Allerdings, so der Diplomagraringenieur, gingen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. „Die notwendigen Strukturen hatten wir. Das Problem war die materiell-technische Basis“, denkt er zurück.

Andererseits, so will er festgehalten wissen, seien seine und die anderen LPG 1989 ihrer Zeit wohl deutlich voraus gewesen. Nach der Wende fanden wir in Deutschland keinen Hersteller von so großen Maschinen, wie wir sie auf unseren großen Schlägen benötigten“, sagt er. Die Wendezeit bedeutete für Udo Förster in erster Linie Stress, wie er sagt. „Es war viel Unruhe in der LPG. Während wir im Herbst 1989 Rüben fuhren, stauten sich bei Duderstadt die Trabis bis in unsere Region.“

Erst beim US-Produzenten CASE erhielten sie die gewünschte Technik. Mit der Wiedervereinigung kamen erneut drastische Veränderungen auf die ostdeutsche Landwirtschaft zu. „Einerseits wünschte ich mir mehr ökonomische Gestaltungsmöglichkeiten. Andererseits jedoch hatte ich Angst vor dem großen Knall Währungsunion“, sagt er. Und tatsächlich fand die LPG danach kaum noch Abnehmer für Erdbeeren, Frühkartoffeln und andere Produkte. Die Handelsketten aus dem Westen brachten all das schon mit.

Für ihn selbst stand felsenfest, dass er trotz der unsicheren Zukunft in der Landwirtschaft bleiben wollte. „Auf Biegen und Brechen“, wie er sagt. Vor allem wollte er Bielen als Standort der Pflanzenproduktion erhalten, zumal die LPG Goldene Aue hervorragende wirtschaftliche Ergebnisse vorweisen konnte.

1991 schlossen sich die LPG Thomas Münzer Görsbach und Goldene Aue Bielen zur Bauernland AG zusammen. Nachdem die Aktionäre ausbezahlt worden waren und auch die früheren Miteigentümer ihre Inventarbeiträge auf der Grundlage des Landwirtschaftsanpassungsgesetzes zurückerhielten (2004 abgeschlossen), erfolgte an den Standorten der einstigen LPG die Gründung mehrerer GmbHs. Im Bereich Bielen wurde die Agrarproduktion Zorgeland GmbH als reiner Pflanzenproduktionsbetrieb gegründet, der seinen Sitz fortan in Windehausen hatte. Acht Mitarbeiter verdienen dort heute ihr Geld. Sie bewirtschaften 1.000 Hektar Ackerland und arbeiten mit modernster Technik.

Neben Weizen, Wintergerste und Raps werden auch Exoten, wie Udo Förster sagt, angebaut. Dazu zählt er Zuckerrüben, Kartoffeln und vor allem Spargel. Alljährlich im Frühjahr bevölkert sich das Gelände der Zorgeland GmbH mit vielen Menschen, die das begehrte Edelgemüse kaufen möchten.

Udo Förster ist nicht unzufrieden mit der Entwicklung der vergangenen 20 Jahre. Allerdings beklagt er den Verlust von sage und schreibe 420 Hektar Ackerland, die er seit der Wende für Straßen- und Siedlungsbau sowie für Kiesschächte und Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen abgeben musste. „Der Flächenverlust durch Versiegelung ist deutschlandweit ein Riesenproblem für die Landwirte. Unter dem Strich bleiben massive finanzielle Verluste“, sagt er.

Udo Förster ist mit Brigitte Förster verheiratet. Sein Sohn Erik (geb. 1973) ist diplomierter Landwirt und wird die Agrarproduktion Zorgeland GmbH einst weiterführen.
Zu seinen Hobbys zählt der Agraringenieur das Reisen und die Imkerei.

Mit dem Text über Udo Förster aus dem ersten Band der Reihe "Menschenilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg wird die Online-Publikation von Ausschnitten des Buches in der nnz fortgesetzt. Das mit mehr als 1.000 Fotos und Dokumenten illustrierte 1.200-Seiten-Werk ist im Autohaus Peter und im Buchhaus Rose erhältlich. Kommentare bitte nur mit Klarnamen
Autor: nnz

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