So, 12:22 Uhr
02.11.2003
Mein erstes Mal
Nordhausen (nnz). Irgendwann im Leben ist immer das erste Mal und so verlor auch ich am letzten Wochenende beim Besuch eines Freejazzkonzertes meine Unschuld.
Zwei junge Männer okkupierten anfänglich die provisorische Bühne, ergriffen ein bereitliegendes Banjo und einen Kontrabass und schon nach wenigen Tönen löste sich vor dem Veranstaltungshaus die Rotte Jugendlicher auf, die üblicherweise in Hörweite des Konzertraumes herumzulungern pflegt. Ein Fenster war nicht richtig verschlossen.
Den Bass traktierte ein vergeistigt wirkender Jüngling des Typs, dem außer Kindern, Autos und Haustieren auch Hydrokulturen nicht ohne weiteres anvertraut werden sollten. Sein Haarschnitt gemahnte an einen am Kopf verwundeten russischen Helden aus der Zeit, da die Frisuren mit Äxten und Heugabeln angefertigt wurden. Schon nach kurzer Zeit begann er neben seinem kräftigen Zugriff auf das riesige Instrument mehrere Halskrankheiten gleichzeitig zu imitieren und ihre Auswirkungen auf die menschliche Stimme im allgemeinen und den Geisteszustand der Betroffenen im besonderen darzustellen.
So entstanden Klangerzeugnisse, denen die Zuhörer hilflos ausgeliefert waren und die eine gewisse Ratlosigkeit hervorriefen. Mich beschlich das Gefühl, der Künstler habe nicht mehr alle Forellen im Bach.
Unterdessen prügelte der andere Mann mit einem kleinen Stöckchen fröhlich auf sein Banjo ein, dass sich jämmerlich quietschend gegen diese Pein zur Wehr zu setzen suchte. Warum er ein Banjo verwandte wurde mir im weiteren Verlauf nicht ganz klar, ein alter Blechtopf oder eine verbeulte Radkappe hätten es für diese Art zu musizieren sicherlich auch getan.
Große Teile des Konzertes können Sie übrigens leicht nachempfinden, wenn Sie angelegentlich der nächsten Festmahlsvorbereitungen in der heimischen Küche eine Reibe zur Hand nehmen und versuchen, einen möglichst großen Esslöffel hindurch zu raspeln.
Im zweiten Teil des Konzertabends trat ein Posaunist gegen einen Schlagzeuger an und um es gleich vorwegzunehmen - der Drummer hat gewonnen. Er war einfach schneller und trommelte scheinbar ungerührt vom Gebläse seines Partners ein enormes Pensum an Schlägen herunter.
Nachdem die Posaune gesäubert und mit vereinzelten scharfen Luftstößen zur Zufriedenheit des Musikers gereinigt war, begann er die Länge der Stäbe und Einsatzstücke zu vermessen, während er weiterhin Luft in die Röhren pumpte. Das ergab ein Geräusch, dass einer mittelschweren Kollision auf dem Rangierbahnhof täuschend echt nachempfunden war.
In einem winzigen Augenblick, da ich meine Aufmerksamkeit auf die einsetzenden heftigen Kopfschmerzen gelenkt hatte, schien der Ärmste versehentlich das Mundstück seines Instrumentes verschluckt zu haben und bemühte sich in der Folge verzweifelt und laut, es wieder zu erbrechen. Nachdem ihm das gelungen war, nahm er wild entschlossen eine Art hölzerner Trompete zur Hand, in die er so intensiv hineinblies, dass ich nicht überrascht gewesen wäre, riesige Schlangen auf dem Boden züngeln zu sehen. In einem Finale furioso posaunte er in sein Horn, als gelte es eine Herde hysterisch trompetender Elefantenkühe zu übertönen.
Die Jugendlichen, die normalerweise vor den Fenstern des Konzertsaales ihr abendliches Domizil haben und laut krakeelend die Nachbarschaft im Umkreis von mehreren Straßenzügen in Trab halten, kamen die ganze Nacht nicht wieder. Angesichts dieser verblüffenden Tatsache frage ich mich, wozu - oder richtiger wogegen - Freejazz sonst noch überall eingesetzt werden könnte.
Anmerkung: Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich hierbei nicht um einen Tatsachenbericht vom eben zu Ende gegangenen 20. Nordhäuser Jazzfest handelt. Es diente nur als Inspiration.
Olaf Schulze
Autor: oschZwei junge Männer okkupierten anfänglich die provisorische Bühne, ergriffen ein bereitliegendes Banjo und einen Kontrabass und schon nach wenigen Tönen löste sich vor dem Veranstaltungshaus die Rotte Jugendlicher auf, die üblicherweise in Hörweite des Konzertraumes herumzulungern pflegt. Ein Fenster war nicht richtig verschlossen.
Den Bass traktierte ein vergeistigt wirkender Jüngling des Typs, dem außer Kindern, Autos und Haustieren auch Hydrokulturen nicht ohne weiteres anvertraut werden sollten. Sein Haarschnitt gemahnte an einen am Kopf verwundeten russischen Helden aus der Zeit, da die Frisuren mit Äxten und Heugabeln angefertigt wurden. Schon nach kurzer Zeit begann er neben seinem kräftigen Zugriff auf das riesige Instrument mehrere Halskrankheiten gleichzeitig zu imitieren und ihre Auswirkungen auf die menschliche Stimme im allgemeinen und den Geisteszustand der Betroffenen im besonderen darzustellen.
So entstanden Klangerzeugnisse, denen die Zuhörer hilflos ausgeliefert waren und die eine gewisse Ratlosigkeit hervorriefen. Mich beschlich das Gefühl, der Künstler habe nicht mehr alle Forellen im Bach.
Unterdessen prügelte der andere Mann mit einem kleinen Stöckchen fröhlich auf sein Banjo ein, dass sich jämmerlich quietschend gegen diese Pein zur Wehr zu setzen suchte. Warum er ein Banjo verwandte wurde mir im weiteren Verlauf nicht ganz klar, ein alter Blechtopf oder eine verbeulte Radkappe hätten es für diese Art zu musizieren sicherlich auch getan.
Große Teile des Konzertes können Sie übrigens leicht nachempfinden, wenn Sie angelegentlich der nächsten Festmahlsvorbereitungen in der heimischen Küche eine Reibe zur Hand nehmen und versuchen, einen möglichst großen Esslöffel hindurch zu raspeln.
Im zweiten Teil des Konzertabends trat ein Posaunist gegen einen Schlagzeuger an und um es gleich vorwegzunehmen - der Drummer hat gewonnen. Er war einfach schneller und trommelte scheinbar ungerührt vom Gebläse seines Partners ein enormes Pensum an Schlägen herunter.
Nachdem die Posaune gesäubert und mit vereinzelten scharfen Luftstößen zur Zufriedenheit des Musikers gereinigt war, begann er die Länge der Stäbe und Einsatzstücke zu vermessen, während er weiterhin Luft in die Röhren pumpte. Das ergab ein Geräusch, dass einer mittelschweren Kollision auf dem Rangierbahnhof täuschend echt nachempfunden war.
In einem winzigen Augenblick, da ich meine Aufmerksamkeit auf die einsetzenden heftigen Kopfschmerzen gelenkt hatte, schien der Ärmste versehentlich das Mundstück seines Instrumentes verschluckt zu haben und bemühte sich in der Folge verzweifelt und laut, es wieder zu erbrechen. Nachdem ihm das gelungen war, nahm er wild entschlossen eine Art hölzerner Trompete zur Hand, in die er so intensiv hineinblies, dass ich nicht überrascht gewesen wäre, riesige Schlangen auf dem Boden züngeln zu sehen. In einem Finale furioso posaunte er in sein Horn, als gelte es eine Herde hysterisch trompetender Elefantenkühe zu übertönen.
Die Jugendlichen, die normalerweise vor den Fenstern des Konzertsaales ihr abendliches Domizil haben und laut krakeelend die Nachbarschaft im Umkreis von mehreren Straßenzügen in Trab halten, kamen die ganze Nacht nicht wieder. Angesichts dieser verblüffenden Tatsache frage ich mich, wozu - oder richtiger wogegen - Freejazz sonst noch überall eingesetzt werden könnte.
Anmerkung: Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich hierbei nicht um einen Tatsachenbericht vom eben zu Ende gegangenen 20. Nordhäuser Jazzfest handelt. Es diente nur als Inspiration.
Olaf Schulze

