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Sa, 11:41 Uhr
03.03.2001

Der zerschlagene Kleist

Nordhausen (nnz). Im niederländischen Provinznest Huisum ist das Unterste zuoberst gekehrt. Der Fußboden ist oben, die Decke unten (Bühne und Kostüme von Jasenko Conka). Am Fußboden (also der Decke) angebrachte Neonleuchten werfen ein spärliches Licht auf den verlotterten Amtsraum. Hier quält sich der Amtsrichter Adam (Bernhard Schmidt a.G.) nur mühsam von seinem Nachtlager, schon ahnend, dass es besser wäre, diesen Tag im Bett zu verbringen. Doch daraus wird nichts, denn der Gerichtsrat Walter (Rüdiger Hellmann als distinguierter, die Szenerie stets scharf beobachtender und treffend einschätzender Regierungsvertreter) ist im Anmarsch, mit der Maßgabe die Rechtssprechung in der finsteren Provinz zu überprüfen. Vor der Tür steht auch schon eine Schar Kläger, denn es ist Gerichtstag in Huisum. Wo bei Kleist, den die Herren Goethe und Schiller ob seines dramatischen und vor allem sprachlichen Potenzials regelrecht fürchteten, eine langsam aber unaufhaltsam anlaufende Dynamik in Bewegung gerät, tritt die Nordhäuser Inszenierung schon auf der Stelle. Dem müden Richter gelingt es in keiner Weise, die Fäden der Handlung in den Griff zu bekommen, ein ums andere Mal wird er überrumpelt - von der Situation, vom Text, von den inszenierten Pausen, welche den Rhythmus und die Metrik der Kleistschen Verse immer wieder aufhalten. Der ganze Facettenreichtum bauernschlauer Verhinderungstaktik, der die Figur des Adam zur Traumrolle eines jeden Schauspielers macht, kommt nicht zum Tragen. In der folgenden Verhandlung kann Sigrid Herforth als Marthe Rull glänzen. Stinksauer angesichts des zerbrochenen Kruges und aufgehend in ihrem gerechten Zorn lässt sie die Hoffnung aufkeimen, dass nun die Inszenierung an Fahrt gewinnen würde, aber ach...
Während sich das Ensemble auf der Bühne redlich müht, beschreibt Christian Poewe als Schreiber Licht Türen und Wände des spartanischen Bühnenbildes und hat die Lacher auf seiner Seite. Wohlgemerkt, das vergnügungssüchtige Premierenpublikum folgt weniger der Handlung als vielmehr der Kritzelei des Schreibers, der sich auf diese Art aus dem Geschehen herausspielt und die Funktion des Harlekins übernimmt. Auch die anderen Prozessteilnehmer geben ihr Bestes, Anja Lenßen als bedrückte und von Zweifeln geplagte Eve, Peter Dreessen als Bauer Veit Tümpel und Thomas Tucht als dessen etwas einfältiger Sohn Ruprecht. Höhepunkte verbaler Auseinandersetzungen ist immer wieder lautes Schreien, dessen Sinn sich mir erschloss, als ich den einen oder anderen gerade eingenickten Premierenbesucher schuldbewusst in seinem Sessel hochfahren sah.
So schleppt sich die Handlung hin, bis endlich die Zeugin Frau Brigitte (Uta Haase überzeugend als kleinbürgerliche Tratschtante) den Richter Adam endgültig überführt.
Nun ist es vollbracht, denkt der beanspruchte Premierenbesucher und rutscht schon unruhig auf seinem Stuhle hin und her: doch nein, jetzt schlägt die Regie (Thomas Janssen) zu und unterbreitet uns eine nicht enden wollende Schlussfassung des Stückes, die Kleist seinerzeit schon selbst gestrichen hatte. Vermutlich, weil sie sich als bühnenuntauglich erwies. Anja Lenßen, die als Eve im Mittelpunkt dieses überflüssigen Epilogs steht, entledigt sich der Aufgabe mit Bravour. Dem Betrachter bleibt es allerdings verborgen, was uns die Regie mit der anrührenden Geschichte um verkaufte Landessöhne, die zum Militär müssen, sagen will. Vielleicht sind die Theatermacher dagegen, dass unsere Bundeswehrsoldaten in den Kosovo müssen oder sie sprechen sich mit dieser Variante überhaupt gegen die allgemeine Wehrpflicht aus. Ich werde es wohl nie erfahren. Auch warum die Kostüme von ausgesuchter Scheußlichkeit sein mussten und in welcher Zeit und warum die Inszenierung angesiedelt wurde, blieb mir verborgen.
In Kleists Stück ist ein Krug zerbrochen, am Nordhäuser Theater (wo ohnehin schon eine Menge Porzellan zerschlagen wurde in letzter Zeit) ein Stück Hoffnung auf bessere Zeiten im Schauspiel. Sehr schade und man möchte den Machern zurufen: "Das war wohl Nix?!". Doch das wäre unfair, denn der kann diesmal wirklich nichts dafür.
Autor: osch

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