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So, 07:09 Uhr
18.03.2012

Ich bin ein Echter Nordhäuser

Der Schriftsteller und Dichter Rudolf Hagelstange möchte sich mit diesem Text und seinem Namenszug bedanken, dass an seinem 100. Geburtstag in seiner Geburtsstadt mehrfach an ihn erinnert wurde und zeigt auf, warum er sich als “echter Nordhäuser” empfindet. Aufgeschrieben hat Hagelstange diesen Text Hagelstange im Jahr 1977...


Die Signatur (Foto: privat) Die Signatur (Foto: privat) Die einstige freie Reichsstadt Nordhausen wird, als urkundlich beglaubigtes Gemeinwesen, in diesem Jahr 1050 Jahre alt. Ich habe als Fünfzehnjähriger ihren tausendsten Geburtstag mitgefeiert.

Es gab ein gar gewaltiges Programm, das die etwa 35.000 Einwohner zählende Stadt im Festkleid absolvierte; schon Jahre voraus war mit den Restaurierungs- und Verschönerungsarbeiten begonnen worden. Die Finkenburg zum Beispiel, ein mächtiger aber verrotteter Fachwerkbau, wurde fast völlig neu erbaut und als „Haus des Handwerks“ installiert. Ebenso wurde der von Königin Mathilde, der Gemahlin des „Voglers“ Heinrich I. gestiftete Dom vielfältig veredelt und gesäubert.

Da ich in jenen Jahren als Meßdiener auf dem Wege zum Dom wohl um an die tausendmal die Finkenburg passierte, ist mir dieser Wechsel von schmutziger Armseligkeit zu repräsentativem Glanz im Gedächtnis geblieben. Die Stadtväter, zu denen auch mein die Zentrumpartei vertretender Erzeuger zählte, hatte tief in den Stadtsäckel greifen müssen, um diese ans Wunderbare grenzende Verjüngung zu ermöglichen.

Ein anderes Mitglied des Stadtparlaments, der liberale Studienrat Silberborth, hatte in zwei stattlichen Bänden die Geschichte der Tausendjährigen aufgezeichnet, die freilich reich ist an historisch buchenswerten Begebenheiten, an großen und ruhmesträchtigen Namen, an Kaiserbesuchen und Klostergründungen, an Reichstagen und Bürgeraufständen, an Bränden und Brandschatzung. Was löste nicht alles die Reformation Martin Luthers, der mit und ohne Familie in Nordhausen weilte, an Belagerungen, Einquartierungen, Plünderungen aus! Die Kanonen böllerten für Friedrich den Großen wie später für den König Jérome. Königin Luise trank hier Kaffee, und Kaiser Wilhelm II. genehmigte sich am 12. Mai 1881 auf dem Bahnhof sogar einen „kleinen Nordhäuser“! Und wenn Goethe auch auf seiner Harzreise an Nordhausen vorübergeritten war – seine Bewunderung für die schöne Lage der Stadt hatte er nicht verschwiegen.

Aller dieser Ereignisse und Namen wurde natürlich im Rahmen damaliger festlicher Veranstaltungen ausführlich gedacht, aber an diesem nahm ein Untersekundaner ja noch nicht teil. Auch ich mußte mich durch meinen Vater vertreten fühlen, der – festfreudig und trinkfroh wie er war – diesen tausendsten Geburtstag feierte wie keinen eigenen zuvor.

Zweifellos war es ein unvergleichliches Fest, auch, wenn mir nur Einzelheiten im Gedächtnis geblieben sind, freilich unauslöschliche; mein weinseliger Vater, wie er mit wehenden Frackschößen am Montagmorgen, als ich mich schon zum Schulgang rüstete, gerade heimkehrte, wie ein „Windjammer“ bei bewegter See gegen den Strom der erheiterten und witzelnden „Werktätigen“ ankreuzend … der eigens veranstaltete Karpfen- und Gänsemarkt, auf dem die Bürger für die Festtafel einkaufen konnten … der in frischen Lackfarben erstrahlende Nordhäuser Roland am Rathaus … die bis auf den letzten Stuhl besetzte, höchst renommierte Freßkneipe von Emil Aghte, in der mein Vater für eine Nachmittagsstunde zu uns stieß und mein Großvater, der Oberbahnhofsvorsteher, ihm das Versprechen abnahm, daß er „den Jungen“ nur Theologie studieren lassen würde, wenn dieser selbst es wolle … die denkwürdige, durch Format, Umfang und Inhalt beeindruckende Fest-Ausgabe der „Nordhäuser Zeitung“, von der mir nach fast einem halben Jahrhundert ein Landsmann noch ein Exemplar ins Haus schickte … ach, es gab des Staunenswerten genug, und die Nordhäuser verstanden sich darauf, Feste zu feiern.

Sie hatten ja einen beflügelnden „Stoff“ erfunden, durch den sie sich weit über Thüringen und Sachsen hinaus einen Namen gemacht hatten: den „Nordhäuser“.

Das ist – wie etwa der „Steinhäger“ aus Steinhagen – ein „Klarer“, reiner Kornschnaps also, ohne Geschmack, hochprozentig – ich weiß nicht, wie viele Brennereien ihn brannten. Jedenfalls war der Nordhäuser Korn neben dem Kautabak eine der Säulen, auf denen die heimische Wirtschaft ruhte, so seltsam dieser Vergleich auch anmuten möge für eine Flüssigkeit, die ihrerseits wiederum Bewegung und Schwanken, manchmal Volltrunkenheit und Zusammenbruch auslösen kann.

Als die trinkfreudigen Russen im Sommer 1945 die trostlos zerbombte Stadt von den Amerikanern übernahmen, war dies die erste Säule, für deren Wiederaufrichtung sie Sorge trugen. Ob freilich der „Nordhäuser“, der 1945 gebrannt wurde, immer ein „echter Nordhäuser“ war, dafür möchte ich keine Garantie übernehmen. Wie so vieles kann man natürlich auch den „Nordhäuser“ fälschen, das heißt: ihn zum Beispiel aus Kartoffeln brennen.

1912, also vor dem Ersten Weltkrieg, auf dem Höhepunkt eines vierzigjährigen Friedens in Nordhausen geboren, bin ich ein „echter Nordhäuser“
Notiert von Heidelore Kneffel
Autor: nnz

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