Di, 09:04 Uhr
31.01.2012
Menschenbilder (31)
Aus dem Ende vergangenen Jahres erschienenen reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.
Bar, Restaurant und Café Felix, Gaststätte Wurmberg-Alm, Berggaststätte Hausberg in Bad Lauterberg
99734 Nordhausen
Wir können nur Disco – wir kaufen das ganze Objekt, sagten sich Karl Diedrich, Frank Kunze und Ulrich Schwedhelm im Herbst 1994 und legten mit dieser Entscheidung den Grundstein für eine Nordhäuser Erfolgsgeschichte: Denn die Diskothek Alte Weberei, die das Unternehmertrio ein Jahr später eröffnete, dürfte zur Entwicklung der Rolandsstadt zu dem Harzer Kultur- und Freizeitzentrum wesentlich beigetragen haben. Dafür ist insbesondere der Ideenreichtum ihrer Betreiber ursächlich, mit diesem Haus etwas ganz Besonderes, Einmaliges und weithin Unverwechselbares aufzubauen: Der Hauptraum mit Mainstream-Musik und der Klub Sputnik mit elektronischer Musik, der im Volksmund auf Grund seines dunklen Bronx-Stils später liebevoll Bunker genannt wurde, machten die Alte Weberei berühmt.
Nicht nur aus dem gesamten Harz, sondern aus weiten Teilen Norddeutschlands fanden sich feier- und tanzwütige junge Leute ein – bis zu 600 Autos aus 45 unterschiedlichen Landkreisen zählte das Trio auf dem Weberei-Parkplatz an jedem Öffnungstag. Die Diskothek wurde zu einer der zehn Top-Discos Deutschlands. Sie stand in einer Reihe mit berühmten Häusern in Berlin, Hamburg und München und war in der Szene als Das Flaggschiff des Ostens bekannt. Fünf Deutsche Diskotheken-Oscars, verliehen vom Bund Deutscher Diskothekenbetriebe für das einmalig gelungene Nebeneinander von Technik, Ambiente, Musik, Professionalität und Marketing unterstrichen diese Sonderstellung. Bis zu 2.000 Menschen drängten sich im Haus, wenn es voll war, das heißt rund ein Besucher pro Quadratmeter.
Die Alte Weberei war der vorläufige Höhepunkt des unternehmerischen Engagements von Karl Diedrich, Frank Kunze und Ulrich Schwedhelm, deren Besonderheit es ist, dass sie sich alle drei bereits seit ihrer Kindheit kennen und sich trotz zunächst ganz unterschiedlicher beruflicher Entwicklungen nie aus den Augen verloren: Karl Diedrich (geb. am 31.07.1964 in Duderstadt) und Ulrich Schwedhelm (geb. am 23.08.1965 in Göttingen) kennen sich seit 1969.
Seitdem wohnten ihre Familien in Werxhausen nur wenige Meter voneinander entfernt. Frank Kunze (geb. am 14.02.1963 in Münster) zog mit seinen Eltern 1971 ebenfalls ins Geburtshaus der Mutter nach Werxhausen zurück, wo das Trio dieselbe Schule besuchte. Sie wuchsen im Angesicht der nur drei Kilometer entfernten Grenze auf. Ich ging an der Grenze joggen und warf als Kind immer mal einen Stein in der Hoffnung über den Zaun, eine Mine zu treffen. Auch erinnert er sich an die Grenzsoldaten, die mitunter heimlich auf das Winken der Jungen mit einer verstohlenen Handbewegung reagierten.
Karl Diedrich denkt an einige Fahrten im roten Ford gemeinsam mit seiner Tante in die DDR zurück. Warum gucken die Leute nur so? fragte er sich schon damals, wenn sie durch die Ortschaften des Eichsfelds fuhren. Heute kennt er den Grund: Natürlich war ein Westwagen im Osten etwas Besonderes. Im Einheitsgrau der DDR fiel das Auto aber auch allein schon wegen seiner Farbe auf, sagt er. Auch erinnert er sich an Folgendes: Wenn bei jemandem die Kleidung ein wenig nach Rauch muffelte, wurde er unwillkürlich gefragt, ob er drüben gewesen sei. Denn der Geruch der Abgase aus der Braunkohlenverfeuerung in der DDR setzte sich in den Jacken und Pullovern der saubere Luft gewohnten Westdeutschen fest und wurde von ihren Nasen sofort wahrgenommen, denkt er zurück.
Karl Diedrich machte Abitur, absolvierte eine Ausbildung bei einem Steuerberater und studierte anschließend in Berlin BWL. Zeitweilig lebte er in England. Er hatte als erster die Idee zur gemeinsamen Selbstständigkeit: Weil ich als Steuerfachmann sah, was Unternehmer so alles machen, sagt er.
Bei Frank Kunze machte es hinsichtlich seines Leistungswillens erst nach der Schulzeit klick, wie er bemerkt. Die sich anschließende Ausbildung zum Schornsteinfeger beendete er vorzeitig mit einem Notendurchschnitt von 1,5. Mit 23 Jahren war er bereits Schornsteinfegermeister. Sein Markenzeichen ist der riesige Freundeskreis: Wenn ich meinen Geburtstag feierte, kamen erst 50 und in späteren Jahren bis zu 450 Freunde und Bekannte, und das ganz ohne Facebook, schmunzelt er. Und er entwickelte angesichts der damit verbundenen Kosten bereits einen Geschäftssinn: Mitunter hatte ich nach der Geburtstags-Party mehr Geld als vorher in der Tasche, sagt er.
Ulrich Schwedhelm verließ das Gymnasium nach der 11. Klasse und absolvierte anschließend in Duderstadt eine Ausbildung zum Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten. Schon während der Ausbildung machte er sich als Finanzdienstleister selbstständig und besuchte gemeinsam mit seinem Freund Frank Kunze Fachvorträge: Ich lernte, auf Menschen zu- und einzugehen, erkannte den gravierenden Unterschied zwischen dem echten Berater und nur seine Einnahmen im Blick habenden Verkäufer und kam zu der Erkenntnis, dass es am besten für mein eigenes Geld ist, wenn ich es selbst verwalte, sagt er.
Die Idee zur Selbstständigkeit beschäftigte Frank Kunze und Ulrich Schwedhelm ebenso wie ihren Freund Karl Diedrich, der damals noch in Berlin weilte:
Der wirklich zündende, und erste Aktivitäten generierende Gedanke kam ihnen im Jahre 1988, als sie in Bad Lauterberg eine Disco mit einem ehemals schlechten Ruf übernahmen: Mit den Worten Wir haben eine Disco!, setzten sie ihren damals in England weilenden Freund Karl über das freudige Ereignis in Kenntnis. Sie gaben ihr den Namen She und erhielten nach mehreren vergeblichen Versuchen einen Bankkredit, mit dem es ihnen möglich war, grundlegende Sanierungs- und Ausbauarbeiten vorzunehmen.
Vor allem aber verstanden es die drei Jungunternehmer, das ramponierte, von gewalttätigen Auseinandersetzungen gekennzeichnete Image des Hauses innerhalb kürzester Zeit vergessen zu machen: durch konsequente Einlasskontrolle, ausgewähltes Personal und eine genaue Musikauswahl. Die Rüpel kamen nicht, weil wir ganz einfach keine Rüpelmusik spielten, sagt Frank Kunze. Auf besonders reges Interesse stieß der Independent Day Donnerstag, dessen Programmgestaltung allein dem Publikum oblag. Entscheidend für unseren Erfolg war die Musik und die Tür, bringt er das Konzept auf den Punkt.
Die Disco betrieben Karl Diedrich, Frank Kunze und Ulrich Schwedhelm zunächst ausschließlich während ihrer Freizeit. Karl Diedrich allerdings nahm sich zum Einstieg in die Selbstständigkeit ein Urlaubssemester, während sein Freund Ulrich nebenbei seinen Zivildienst absolvierte und Frank Kunze als Schornsteinfeger auf den Dächern seiner Kunden stand. Im April 1991 verkaufte das Trio She und wandte sich, ausgestattet mit vielen Erfahrungen, neuen Herausforderungen zu. Der Einstig in die Selbstständigkeit indes war ihm gelungen.
Den geschäftlichen Durchbruch erreichten sie mit dem Kauf der beliebten Northeimer Disco Orly im Januar 1989. Aber die positive Entwicklung wurde knapp zwei Jahre später jäh unterbrochen, als von einem Mitbewerber beauftragte Täter das beliebte Haus in Brand steckten. Zu einem Wiederaufbau kam es nicht mehr.
Veränderungen mussten her. Ein großes Projekt mit Zukunftspotential. Denn im Herbst 1991 besaßen die Unternehmer lediglich noch die im Juli 1991 erworbene Disco Gecko in Osterode, von der allein sich das Dreigespann noch keine sichere und unabhängige Existenz aufbauen konnte. Wir strotzten vor lauter Kraft, beschreibt der damals gerade eine Stelle als Steuerberater antretende Karl Diedrich die herrschende Expansionsstimmung.
Auf Grund einer Zeitungsannonce, in der Räumlichkeiten für eine Disko offeriert wurden, erhielten sie erstmals Kontakt zu den Nordhäuser Bau- und Immobilienunternehmern Axel Heck und Knut Fleischhammer, mit denen zusammen sie die Alte Weberei zu einem Freizeitzentrum ausbauen wollten. Doch aus der geplanten Freizeitfabrik Alte Weberei als Komplettlösung mit vielfältigen Angeboten wurde nichts, nachdem sich dem Projekt mehrere Banken verweigert hatten:
In dieser schwierigen Situation sorgten Karl Diedrich, Frank Kunze und Ulrich Schwedhelm dafür, dass die Alte Weberei doch noch zu einer Erfolgsgeschichte wurde: Sie kauften kurzum das gesamte Objekt und wussten ganz genau, wofür sie es verwenden wollten: Wir konnten nur Disko, sagt Ulrich Schwedhelm. Aber das, was so einfach klingt, war mit einem längeren Entwicklungsprozess verbunden, weil zunächst der Flächennutzungsplan der Stadt Nordhausen angepasst werden musste.
Drei Millionen DM investierten die Drei schließlich in den Abriss mehrerer Nebengebäude, in die Sanierung und in den Bau eines Parkplatzes sowie eines Outdoorbereiches mit Pool. Die Option Misserfolg gab es nicht und sie durfte es auch nicht geben, betont er. Wir waren zum Erfolg verdammt. Außerdem wussten wir um die Einmaligkeit unseres Konzeptes. Dass es klappen würde, stand für uns nicht eine Minute lang in Frage! Daher sahen sich die drei Unternehmer auch in mehreren Ländern Europas mit dem Ziel um, Lösungen für ein gelungenes Nebeneinander von Alt und Neu zu finden: Der Charme der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Weberei sollte ebenso zur Geltung kommen, wie die Möglichkeiten der modernen Technik und der zeitgemäßen Gestaltungsmöglichkeiten.
Die Einrichter sind an uns verzweifelt, denkt Frank Kunze zurück, ganz einfach, weil wir Perfektionisten sind, die sich mit halben Sachen nicht zufrieden geben. Die Arbeitsteilung, die sich von Beginn an herauskristallisierte, entsprach den individuellen Kenntnissen, Erfahrungen und Interessen der Unternehmer. Ulrich Schwedhelm fungierte als Personalchef und führte die Verhandlungen mit der Wirtschaft, Karl Diedrich und Frank Kunze hingegen übernahmen den kreativen Part bei der Gestaltung der drei künftigen Räume der Diskothek. Karl Diedrich wurde berufsbedingt der Finanzexperte der neu gegründeten GbR, während sich Frank Kunze auch dem Marketing und der Öffentlichkeitsarbeit zuwandte.
Stets zogen sie dabei als unschlagbares Team an einem Strang, zusammengeschmiedet von ihrer schon jahrzehntealten Freundschaft und natürlich von Konzept für die Alte Weberei. Zur damaligen Zeit erlebten Großraumdiskos einen Boom, worauf sich unser Konzept u.a. gründete, sagt Karl Diedrich. Sie waren sich sicher, Erfolg zu haben, trotz der Warnung aus der Nordhäuser Szene, dass in der Rolandstadt die meisten Discos erfahrungsgemäß pleitegingen oder nicht gut liefen.
Die Alte Weberei wurde sofort nach ihrer Eröffnung im Jahre 1995 vom Publikum angenommen. Gewalttätige Auseinandersetzungen gab es selten, wofür ein gemeinsam mit der Polizei ausgearbeitetes Deeskalationskonzept ebenso Sorge trug, wie das alarmgesicherte Zugangssystem. Nicht willkommenen Partygästen blieb so der Zugang verwehrt.
Im Jahre 2008 plante das Trio vorausschauend umfangreiche Veränderungen: Als die Zahl der Besucher im Haus bedingt durch den Geburtenknick nach der Wende und infolge der Abwanderung allmählich zurückging, überlegten wir, ob wir uns generell von der Diskothek als Geschäftsmodell lösen sollten, sagt Frank Kunze. Als diese Pläne konkreter wurden und der Verkauf der Alten Weberei im Jahre 2010 bevorstand, stimmte das viele der langjährigen Partygäste sehr traurig.
Aber ein so großes Haus konnte nur durch eine hohe Auslastung überleben. Karl Diedrich benennt für diese Entscheidung auch noch eine weitere Ursache: Früher war die Disko der Treffpunkt für die Jugendlichen. Im Handy- und Facebookzeitalter gibt es dafür viel mehr Möglichkeiten.
Bereits 1998 hatte das Unternehmertrio mit Felix in der Barfüßer Straße eine der bekanntesten Bars, Cafés und Restaurants Nordhausens eröffnet. Ursprünglich lediglich als Ergänzung zur Alten Weberei gedacht, ist es heute das zentrale Betätigungsfeld der Diedrich / Kunze / Schwedhelm GbR. Schon im Rahmen der Sanierung des baufälligen Gebäudes pflegte das Unternehmen engen Kontakt zum Eigentümer Axel Heck.
Während er die baulichen Voraussetzungen für das Felix schuf, bestimmten die Betreiber vor allem über die Ausgestaltung der Räumlichkeiten. Zu seinen unverwechselbaren Markenzeichen wurde der unverstellte Blick vom Biergarten weit hinaus auf die Unterstadt und die vorgelagerte Landschaft. Seit etwa einem Jahr entwickelt die GbR gemeinsam mit Nadine Schmidt und Steffen Siebert vom Felix vor allem den Restaurantcharakter des Hauses weiter. Heute ist das Felix im deutschen Gourmetführer eine feste Größe. Immer mehr junge Familien entdecken das Restaurant für sich. Eine Kinderecke lässt dabei auch unter den kleinsten Gästen erst gar keine Langeweile aufkommen.
Vollkommen unvollständig wäre ein Text über die Diedrich / Kunze / Schwedhelm GbR ohne die zweite Säule ihres Engagements zu erwähnen: Denn hoch oben auf dem Wurmberg im niedersächsischen Harz betreiben sie seit 2008 das einzige gastronomische Zentrum dieses im wahrsten Wortsinne herausragenden Sport- und Natur-Kleinods. In der Alten Weberei konzentrierten wir uns auf Gäste der Altersgruppe zwischen 16 und 25. Da dieses Segment mittelfristig wegzubrechen drohte, suchten wir nach Möglichkeiten, das gesamte Altersspektrum abzudecken. Dafür bot die Wurmberg-Alm hervorragende Chancen, so Ulrich Schwedhelm.
Der Berg mit der größten Sprungschanze Norddeutschlands und einem beliebten Aussichtsturm wird im Sommer von Wanderern und Mountainbikern bevölkert. Im Winter kommen Ski-, Schlitten- und Snowboardfahrer. Das große Altersspektrum der Gäste, die herausgehobene geografische Lage und die Perspektiven der Region im Wintersport lassen die Nordhäuser GbR weit in die Zukunft planen:
Wir möchten das Objekt Wurmberg-Alm weiter ausbauen und vergrößern. Die positive Entwicklung der vergangenen Jahre lässt uns optimistisch in die Zukunft blicken, sagt Frank Kunze, der zugleich einräumt, das ihm und seinen beiden Mitstreitern die innere Loslösung von ihrer geliebten Alten Weberei nicht leicht fiel und sich über einen längeren Zeitraum vollzog.
Bereits 2009 hatte das Trio zudem die auf dem imposanten Burgberg (=Hausberg von Bad Lauterberg) gelegene Gaststätte Berggaststätte Hausberg gekauft und weiter verpachtet. Seit 2009 befindet sie sich im Eigentum der GbR. Eine Besonderheit ist die Erreichbarkeit des Restaurants über einen Sessellift, der praktischerweise ebenfalls der Diedrich Kunze Schwedhelm GbR gehört.
Die drei Unternehmer sind ledig und bewohnten bis 2010 gemeinsam ein Haus in Nordhausen. Frank Kunze lebt mit einer Partnerin zusammen und ist Vater von zwei Kindern. Auch Ulrich Schwedhelm hat eine Partnerin. Drei Kinder gehören zu seiner Familie.
Wie schon vor 20 Jahren arbeiten Frank Kunze, Karl Diedrich und Ulrich Schwedhelm nicht nur zusammen, sondern verbringen nach wie vor auch einen Teil ihrer Freizeit miteinander, so beim Joggen, Golfen, Radfahren oder Wandern. Traditionsgemäß fahren sie auch ab und zu gemeinsam in den Urlaub.
Das Buch wurde von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
Das Buch gibt es auch zu kaufen: Im Autohaus Peter sowie im Nordhäuser Buchhaus Rose
Autor: nnzKarl Diedrich, Frank Kunze, Ulrich Schwedhelm
Diedrich/Kunze/Schwedhelm Gastro GbRBar, Restaurant und Café Felix, Gaststätte Wurmberg-Alm, Berggaststätte Hausberg in Bad Lauterberg
99734 Nordhausen
Wir können nur Disco – wir kaufen das ganze Objekt, sagten sich Karl Diedrich, Frank Kunze und Ulrich Schwedhelm im Herbst 1994 und legten mit dieser Entscheidung den Grundstein für eine Nordhäuser Erfolgsgeschichte: Denn die Diskothek Alte Weberei, die das Unternehmertrio ein Jahr später eröffnete, dürfte zur Entwicklung der Rolandsstadt zu dem Harzer Kultur- und Freizeitzentrum wesentlich beigetragen haben. Dafür ist insbesondere der Ideenreichtum ihrer Betreiber ursächlich, mit diesem Haus etwas ganz Besonderes, Einmaliges und weithin Unverwechselbares aufzubauen: Der Hauptraum mit Mainstream-Musik und der Klub Sputnik mit elektronischer Musik, der im Volksmund auf Grund seines dunklen Bronx-Stils später liebevoll Bunker genannt wurde, machten die Alte Weberei berühmt.
Nicht nur aus dem gesamten Harz, sondern aus weiten Teilen Norddeutschlands fanden sich feier- und tanzwütige junge Leute ein – bis zu 600 Autos aus 45 unterschiedlichen Landkreisen zählte das Trio auf dem Weberei-Parkplatz an jedem Öffnungstag. Die Diskothek wurde zu einer der zehn Top-Discos Deutschlands. Sie stand in einer Reihe mit berühmten Häusern in Berlin, Hamburg und München und war in der Szene als Das Flaggschiff des Ostens bekannt. Fünf Deutsche Diskotheken-Oscars, verliehen vom Bund Deutscher Diskothekenbetriebe für das einmalig gelungene Nebeneinander von Technik, Ambiente, Musik, Professionalität und Marketing unterstrichen diese Sonderstellung. Bis zu 2.000 Menschen drängten sich im Haus, wenn es voll war, das heißt rund ein Besucher pro Quadratmeter.
Die Alte Weberei war der vorläufige Höhepunkt des unternehmerischen Engagements von Karl Diedrich, Frank Kunze und Ulrich Schwedhelm, deren Besonderheit es ist, dass sie sich alle drei bereits seit ihrer Kindheit kennen und sich trotz zunächst ganz unterschiedlicher beruflicher Entwicklungen nie aus den Augen verloren: Karl Diedrich (geb. am 31.07.1964 in Duderstadt) und Ulrich Schwedhelm (geb. am 23.08.1965 in Göttingen) kennen sich seit 1969.
Seitdem wohnten ihre Familien in Werxhausen nur wenige Meter voneinander entfernt. Frank Kunze (geb. am 14.02.1963 in Münster) zog mit seinen Eltern 1971 ebenfalls ins Geburtshaus der Mutter nach Werxhausen zurück, wo das Trio dieselbe Schule besuchte. Sie wuchsen im Angesicht der nur drei Kilometer entfernten Grenze auf. Ich ging an der Grenze joggen und warf als Kind immer mal einen Stein in der Hoffnung über den Zaun, eine Mine zu treffen. Auch erinnert er sich an die Grenzsoldaten, die mitunter heimlich auf das Winken der Jungen mit einer verstohlenen Handbewegung reagierten.
Karl Diedrich denkt an einige Fahrten im roten Ford gemeinsam mit seiner Tante in die DDR zurück. Warum gucken die Leute nur so? fragte er sich schon damals, wenn sie durch die Ortschaften des Eichsfelds fuhren. Heute kennt er den Grund: Natürlich war ein Westwagen im Osten etwas Besonderes. Im Einheitsgrau der DDR fiel das Auto aber auch allein schon wegen seiner Farbe auf, sagt er. Auch erinnert er sich an Folgendes: Wenn bei jemandem die Kleidung ein wenig nach Rauch muffelte, wurde er unwillkürlich gefragt, ob er drüben gewesen sei. Denn der Geruch der Abgase aus der Braunkohlenverfeuerung in der DDR setzte sich in den Jacken und Pullovern der saubere Luft gewohnten Westdeutschen fest und wurde von ihren Nasen sofort wahrgenommen, denkt er zurück.
Karl Diedrich machte Abitur, absolvierte eine Ausbildung bei einem Steuerberater und studierte anschließend in Berlin BWL. Zeitweilig lebte er in England. Er hatte als erster die Idee zur gemeinsamen Selbstständigkeit: Weil ich als Steuerfachmann sah, was Unternehmer so alles machen, sagt er.
Bei Frank Kunze machte es hinsichtlich seines Leistungswillens erst nach der Schulzeit klick, wie er bemerkt. Die sich anschließende Ausbildung zum Schornsteinfeger beendete er vorzeitig mit einem Notendurchschnitt von 1,5. Mit 23 Jahren war er bereits Schornsteinfegermeister. Sein Markenzeichen ist der riesige Freundeskreis: Wenn ich meinen Geburtstag feierte, kamen erst 50 und in späteren Jahren bis zu 450 Freunde und Bekannte, und das ganz ohne Facebook, schmunzelt er. Und er entwickelte angesichts der damit verbundenen Kosten bereits einen Geschäftssinn: Mitunter hatte ich nach der Geburtstags-Party mehr Geld als vorher in der Tasche, sagt er.
Ulrich Schwedhelm verließ das Gymnasium nach der 11. Klasse und absolvierte anschließend in Duderstadt eine Ausbildung zum Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten. Schon während der Ausbildung machte er sich als Finanzdienstleister selbstständig und besuchte gemeinsam mit seinem Freund Frank Kunze Fachvorträge: Ich lernte, auf Menschen zu- und einzugehen, erkannte den gravierenden Unterschied zwischen dem echten Berater und nur seine Einnahmen im Blick habenden Verkäufer und kam zu der Erkenntnis, dass es am besten für mein eigenes Geld ist, wenn ich es selbst verwalte, sagt er.
Die Idee zur Selbstständigkeit beschäftigte Frank Kunze und Ulrich Schwedhelm ebenso wie ihren Freund Karl Diedrich, der damals noch in Berlin weilte:
Der wirklich zündende, und erste Aktivitäten generierende Gedanke kam ihnen im Jahre 1988, als sie in Bad Lauterberg eine Disco mit einem ehemals schlechten Ruf übernahmen: Mit den Worten Wir haben eine Disco!, setzten sie ihren damals in England weilenden Freund Karl über das freudige Ereignis in Kenntnis. Sie gaben ihr den Namen She und erhielten nach mehreren vergeblichen Versuchen einen Bankkredit, mit dem es ihnen möglich war, grundlegende Sanierungs- und Ausbauarbeiten vorzunehmen.
Vor allem aber verstanden es die drei Jungunternehmer, das ramponierte, von gewalttätigen Auseinandersetzungen gekennzeichnete Image des Hauses innerhalb kürzester Zeit vergessen zu machen: durch konsequente Einlasskontrolle, ausgewähltes Personal und eine genaue Musikauswahl. Die Rüpel kamen nicht, weil wir ganz einfach keine Rüpelmusik spielten, sagt Frank Kunze. Auf besonders reges Interesse stieß der Independent Day Donnerstag, dessen Programmgestaltung allein dem Publikum oblag. Entscheidend für unseren Erfolg war die Musik und die Tür, bringt er das Konzept auf den Punkt.
Die Disco betrieben Karl Diedrich, Frank Kunze und Ulrich Schwedhelm zunächst ausschließlich während ihrer Freizeit. Karl Diedrich allerdings nahm sich zum Einstieg in die Selbstständigkeit ein Urlaubssemester, während sein Freund Ulrich nebenbei seinen Zivildienst absolvierte und Frank Kunze als Schornsteinfeger auf den Dächern seiner Kunden stand. Im April 1991 verkaufte das Trio She und wandte sich, ausgestattet mit vielen Erfahrungen, neuen Herausforderungen zu. Der Einstig in die Selbstständigkeit indes war ihm gelungen.
Den geschäftlichen Durchbruch erreichten sie mit dem Kauf der beliebten Northeimer Disco Orly im Januar 1989. Aber die positive Entwicklung wurde knapp zwei Jahre später jäh unterbrochen, als von einem Mitbewerber beauftragte Täter das beliebte Haus in Brand steckten. Zu einem Wiederaufbau kam es nicht mehr.
Veränderungen mussten her. Ein großes Projekt mit Zukunftspotential. Denn im Herbst 1991 besaßen die Unternehmer lediglich noch die im Juli 1991 erworbene Disco Gecko in Osterode, von der allein sich das Dreigespann noch keine sichere und unabhängige Existenz aufbauen konnte. Wir strotzten vor lauter Kraft, beschreibt der damals gerade eine Stelle als Steuerberater antretende Karl Diedrich die herrschende Expansionsstimmung.
Auf Grund einer Zeitungsannonce, in der Räumlichkeiten für eine Disko offeriert wurden, erhielten sie erstmals Kontakt zu den Nordhäuser Bau- und Immobilienunternehmern Axel Heck und Knut Fleischhammer, mit denen zusammen sie die Alte Weberei zu einem Freizeitzentrum ausbauen wollten. Doch aus der geplanten Freizeitfabrik Alte Weberei als Komplettlösung mit vielfältigen Angeboten wurde nichts, nachdem sich dem Projekt mehrere Banken verweigert hatten:
In dieser schwierigen Situation sorgten Karl Diedrich, Frank Kunze und Ulrich Schwedhelm dafür, dass die Alte Weberei doch noch zu einer Erfolgsgeschichte wurde: Sie kauften kurzum das gesamte Objekt und wussten ganz genau, wofür sie es verwenden wollten: Wir konnten nur Disko, sagt Ulrich Schwedhelm. Aber das, was so einfach klingt, war mit einem längeren Entwicklungsprozess verbunden, weil zunächst der Flächennutzungsplan der Stadt Nordhausen angepasst werden musste.
Drei Millionen DM investierten die Drei schließlich in den Abriss mehrerer Nebengebäude, in die Sanierung und in den Bau eines Parkplatzes sowie eines Outdoorbereiches mit Pool. Die Option Misserfolg gab es nicht und sie durfte es auch nicht geben, betont er. Wir waren zum Erfolg verdammt. Außerdem wussten wir um die Einmaligkeit unseres Konzeptes. Dass es klappen würde, stand für uns nicht eine Minute lang in Frage! Daher sahen sich die drei Unternehmer auch in mehreren Ländern Europas mit dem Ziel um, Lösungen für ein gelungenes Nebeneinander von Alt und Neu zu finden: Der Charme der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Weberei sollte ebenso zur Geltung kommen, wie die Möglichkeiten der modernen Technik und der zeitgemäßen Gestaltungsmöglichkeiten.
Die Einrichter sind an uns verzweifelt, denkt Frank Kunze zurück, ganz einfach, weil wir Perfektionisten sind, die sich mit halben Sachen nicht zufrieden geben. Die Arbeitsteilung, die sich von Beginn an herauskristallisierte, entsprach den individuellen Kenntnissen, Erfahrungen und Interessen der Unternehmer. Ulrich Schwedhelm fungierte als Personalchef und führte die Verhandlungen mit der Wirtschaft, Karl Diedrich und Frank Kunze hingegen übernahmen den kreativen Part bei der Gestaltung der drei künftigen Räume der Diskothek. Karl Diedrich wurde berufsbedingt der Finanzexperte der neu gegründeten GbR, während sich Frank Kunze auch dem Marketing und der Öffentlichkeitsarbeit zuwandte.
Stets zogen sie dabei als unschlagbares Team an einem Strang, zusammengeschmiedet von ihrer schon jahrzehntealten Freundschaft und natürlich von Konzept für die Alte Weberei. Zur damaligen Zeit erlebten Großraumdiskos einen Boom, worauf sich unser Konzept u.a. gründete, sagt Karl Diedrich. Sie waren sich sicher, Erfolg zu haben, trotz der Warnung aus der Nordhäuser Szene, dass in der Rolandstadt die meisten Discos erfahrungsgemäß pleitegingen oder nicht gut liefen.
Die Alte Weberei wurde sofort nach ihrer Eröffnung im Jahre 1995 vom Publikum angenommen. Gewalttätige Auseinandersetzungen gab es selten, wofür ein gemeinsam mit der Polizei ausgearbeitetes Deeskalationskonzept ebenso Sorge trug, wie das alarmgesicherte Zugangssystem. Nicht willkommenen Partygästen blieb so der Zugang verwehrt.
Im Jahre 2008 plante das Trio vorausschauend umfangreiche Veränderungen: Als die Zahl der Besucher im Haus bedingt durch den Geburtenknick nach der Wende und infolge der Abwanderung allmählich zurückging, überlegten wir, ob wir uns generell von der Diskothek als Geschäftsmodell lösen sollten, sagt Frank Kunze. Als diese Pläne konkreter wurden und der Verkauf der Alten Weberei im Jahre 2010 bevorstand, stimmte das viele der langjährigen Partygäste sehr traurig.
Aber ein so großes Haus konnte nur durch eine hohe Auslastung überleben. Karl Diedrich benennt für diese Entscheidung auch noch eine weitere Ursache: Früher war die Disko der Treffpunkt für die Jugendlichen. Im Handy- und Facebookzeitalter gibt es dafür viel mehr Möglichkeiten.
Bereits 1998 hatte das Unternehmertrio mit Felix in der Barfüßer Straße eine der bekanntesten Bars, Cafés und Restaurants Nordhausens eröffnet. Ursprünglich lediglich als Ergänzung zur Alten Weberei gedacht, ist es heute das zentrale Betätigungsfeld der Diedrich / Kunze / Schwedhelm GbR. Schon im Rahmen der Sanierung des baufälligen Gebäudes pflegte das Unternehmen engen Kontakt zum Eigentümer Axel Heck.
Während er die baulichen Voraussetzungen für das Felix schuf, bestimmten die Betreiber vor allem über die Ausgestaltung der Räumlichkeiten. Zu seinen unverwechselbaren Markenzeichen wurde der unverstellte Blick vom Biergarten weit hinaus auf die Unterstadt und die vorgelagerte Landschaft. Seit etwa einem Jahr entwickelt die GbR gemeinsam mit Nadine Schmidt und Steffen Siebert vom Felix vor allem den Restaurantcharakter des Hauses weiter. Heute ist das Felix im deutschen Gourmetführer eine feste Größe. Immer mehr junge Familien entdecken das Restaurant für sich. Eine Kinderecke lässt dabei auch unter den kleinsten Gästen erst gar keine Langeweile aufkommen.
Vollkommen unvollständig wäre ein Text über die Diedrich / Kunze / Schwedhelm GbR ohne die zweite Säule ihres Engagements zu erwähnen: Denn hoch oben auf dem Wurmberg im niedersächsischen Harz betreiben sie seit 2008 das einzige gastronomische Zentrum dieses im wahrsten Wortsinne herausragenden Sport- und Natur-Kleinods. In der Alten Weberei konzentrierten wir uns auf Gäste der Altersgruppe zwischen 16 und 25. Da dieses Segment mittelfristig wegzubrechen drohte, suchten wir nach Möglichkeiten, das gesamte Altersspektrum abzudecken. Dafür bot die Wurmberg-Alm hervorragende Chancen, so Ulrich Schwedhelm.
Der Berg mit der größten Sprungschanze Norddeutschlands und einem beliebten Aussichtsturm wird im Sommer von Wanderern und Mountainbikern bevölkert. Im Winter kommen Ski-, Schlitten- und Snowboardfahrer. Das große Altersspektrum der Gäste, die herausgehobene geografische Lage und die Perspektiven der Region im Wintersport lassen die Nordhäuser GbR weit in die Zukunft planen:
Wir möchten das Objekt Wurmberg-Alm weiter ausbauen und vergrößern. Die positive Entwicklung der vergangenen Jahre lässt uns optimistisch in die Zukunft blicken, sagt Frank Kunze, der zugleich einräumt, das ihm und seinen beiden Mitstreitern die innere Loslösung von ihrer geliebten Alten Weberei nicht leicht fiel und sich über einen längeren Zeitraum vollzog.
Bereits 2009 hatte das Trio zudem die auf dem imposanten Burgberg (=Hausberg von Bad Lauterberg) gelegene Gaststätte Berggaststätte Hausberg gekauft und weiter verpachtet. Seit 2009 befindet sie sich im Eigentum der GbR. Eine Besonderheit ist die Erreichbarkeit des Restaurants über einen Sessellift, der praktischerweise ebenfalls der Diedrich Kunze Schwedhelm GbR gehört.
Die drei Unternehmer sind ledig und bewohnten bis 2010 gemeinsam ein Haus in Nordhausen. Frank Kunze lebt mit einer Partnerin zusammen und ist Vater von zwei Kindern. Auch Ulrich Schwedhelm hat eine Partnerin. Drei Kinder gehören zu seiner Familie.
Wie schon vor 20 Jahren arbeiten Frank Kunze, Karl Diedrich und Ulrich Schwedhelm nicht nur zusammen, sondern verbringen nach wie vor auch einen Teil ihrer Freizeit miteinander, so beim Joggen, Golfen, Radfahren oder Wandern. Traditionsgemäß fahren sie auch ab und zu gemeinsam in den Urlaub.
Das Buch wurde von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
Das Buch gibt es auch zu kaufen: Im Autohaus Peter sowie im Nordhäuser Buchhaus Rose


