Do, 06:55 Uhr
01.09.2011
Menschenbilder (14)
Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.
Der technische Fortschritt und der gesellschaftliche Fortschritt waren der Todesstoß für das Stellmacherhandwerk, sagt Horst Einicke, wenn er über den Beruf spricht, der seinen Vater und auch seinen Großvater ernährte, und mit dem auch er selbst bis Anfang der 60-er Jahre noch sein Geld verdiente. Den Einfluss des technischen Fortschritts bezieht der 1940 geborene frühere Unternehmer zum einen auf die Entwicklung von gummibereiften, motorgetriebenen Automobilen, die die über Jahrhunderte gebrauchten Leiterwagen, Ackerwagen, Planwagen und Kutschen immer mehr aus der Wirtschaft und damit aus dem Straßenbild verdrängten.
Aber selbst die Einspänner des 20. Jahrhunderts, so sagt er, wurden nach dem Krieg zunehmend mit Gummirädern ausgestattet, die die Leistungen des Stellmachers zunehmend überflüssig machten. Als Einfluss der gesellschaftlichen Entwicklung nennt Horst Einicke insbesondere den Rückgang kleinbäuerlicher Familienbetriebe im Zuge der Kollektivierung in der Landwirtschaft in den 50-er und 60-er Jahren. Die dadurch immer größer werdenden Ackerflächen erforderten ganz einfach den Einsatz moderner Großtechnik.
Der Großvater des Handwerkers stammt aus Rotha im Südharz und heiratete die zuvor in Martinsrieth ansässige Frieda Hilpert. Der Stellmachermeister bezog gemeinsam mit seiner jungen Frau um 1920 ein Haus in der Bergaer Thyrastraße, wo er auch seine Werkstatt einrichtete. In den 60-er Jahren übernahm der Vater von Horst Einicke, Kurt Einicke, den Betrieb, wobei er, durch den allgemeinen Rückgang der Pferdewagen bedingt, auch schon die Leistungen einer Tischlerei anbot. Horst Einicke selbst spielte schon frühzeitig in der Stellmacherwerkstatt und zeigte sich vor allem von der Drehbank fasziniert.
Es war einfach spannend für mich, zu beobachten, wie sich unter den geschickten Händen meines Vaters und meines Großvaters und durch den Einsatz der sich drehenden Werkzeuge etwas Brauchbares herstellen ließ, denkt er zurück. Ein einziger Motor trieb in der Werkstatt damals alle anderen Maschinen über eine Vielzahl von Transmissionsriemen an: die Bohrmaschinen, die Kreissäge, die Bandsäge, die Hobelmaschine und natürlich die Drehbank. 1963 machte Horst Einicke seinen Meister. Sein Meisterstück war eine Hobelbank, für deren Herstellung eine Vielzahl von stellmachertypischen Arbeitsgängen erforderlich war. Die Klasse in der Meisterschule in Sangerhausen bestand damals schon nicht mehr ausschließlich aus Stellmachermeisterschülern. Sie lernten bereits gemeinsam mit künftigen Tischlermeistern.
Ebenfalls im Jahre 1964 bezogen der junge Handwerker und seine Ehefrau Gudrun das Haus Nordhäuser Straße 2 in Berga, in dem sich zuvor das bekannte Gast- und Logierhaus Prinz Friedrich Karl befunden hatte. Gudrun Einicke entstammte der Inhaberfamilie dieses Wirtshauses. Dass dessen einen Adelsnamen tragendes Namensschild einst von einem DDR-Polizisten ideologisch motiviert herunter gerissen wurde, daran denkt das Paar sehr ungern zurück. Stellmacherarbeiten wurden nach 1960 nur noch ganz selten bei Horst Einicke in Auftrag gegeben. In erster Linie bestimmten Bautischlerarbeiten wie Fenster, Türen und Tore seinen Arbeitsalltag.
Zwischen 1980 und 1990 wechselte er sogar vollkommen das Metier: Angestellt im VEB Lederwaren Sangerhausen, stellte er in seiner hauseigenen Werkstatt Teile der Innenausstattung von Diplomatenkoffern her. Der Vorteil dieser Angestelltentätigkeit bestand vor allem darin, dass ich mich nicht mehr um Material zu kümmern brauchte. Außerdem bezahlte der Betrieb sehr gut, erklärt er. Nach der Wende, zwischen 1989 und seinem Eintritt in den Ruhestand 2003, war Horst Einicke noch einmal als Tischler selbstständig.
Was das so gut wie untergegangene Stellmacherhandwerk betrifft, so verfügt er noch über das gesamte Wissen, das für die Ausübung dieses Berufs unabdingbar war. Leider wird auch dieses praktische Wissen mit den letzten Stellmachermeistern für immer aussterben.
Auch aus diesem Grunde ließ sich der Autor dieses Buches die wesentlichen Arbeitsgänge von Horst Einicke noch einmal genau beschreiben: Das Wichtigste in der Stellmacherei ist das Wagenrad. Der heute noch häufige Nachname Wagner nimmt darauf Bezug. Ganz früher gab es ausschließlich Leiterwagen. Erst allmählich wurden diese mit Brettern ausgeschlagen und noch viel später wurden gleich Kastenwagen hergestellt, sagt er. Für den Oberbau fand Eschenholz Verwendung, für den Unterbau Eiche, und für die Räder meist Eichen- und Eschenholz. Der besonders wichtige Holzring der Wagenräder bestand aus Buchenholz. Das Holz unterzog der Stellmacher zunächst einem Dampfbad, um die Spannung im Material zu reduzieren.
Die Herstellung eines Wagenrades begann mit der Anfertigung der Nabe auf der Drehbank. Zuvor erfolgte eine Vorbehandlung im Kartoffeldämpfer. Auch Naben aus Eisen fanden schon Verwendung. Bei ihnen reichte ein kleinerer Durchmesser aus, weil sie stabiler als eine Holznabe waren. Bis zu 100 Zentner Gewicht lastete bei einem vollbeladenen Ackerwagen auf den vier Rädern. Darin werden die Anforderungen an das Stellmacherhandwerk deutlich. In die Rohnabe aus Holz wurden anschließend die Löcher für die Speichen gebohrt.
Die Räder für die am häufigsten benötigten Ackerwagen verfügten über 12, Kutschen über eine jeweils unterschiedliche Speichenzahl. Kutschen übrigens, die ausschließlich dem Personentransport dienten konnten sich früher fast nur die Großbauern leisten. Nach dem Bohren der Löcher in die Nabe wurden Erstere für die Speichen zu rechteckig ausgestemmt, 70 bis 80 Millimeter breit und 40 bis 45 Millimeter dick. Nun setzte der Stellmacher in die Nabe die eiserne Buchse ein, in der später die Achse ihren Platz hatte.
Für die nächsten Arbeitsgänge brachte Horst Einicke die Nabe zum Schmied, der einen glühenden Eisenring auf sie zog. Gleich anschließend wurde die Einheit aus Metall aus Holz im Wasserbad abgeschreckt. Erst jetzt brachte der Stellmacher die Speichen an.
Nun folgte der mit Abstand schwierigste und die meiste Genauigkeit erfordernde Arbeitsgang. Denn nun musste auf den zuvor angefertigten hölzernen Radreifen wiederum durch den Schmied der äußere Reifen aus Eisen aufgezogen werden. Dafür wurde letzterer wieder im Schmiedefeuer zum Glühen gebracht und nach dem Aufziehen abgeschreckt. Das Wichtigste war das Größenverhältnis von äußerem und innerem Reifen. Das musste ganz genau passen. Der Unterschied durfte nicht zu groß, aber auch nicht zu klein sein, so der Meister. Damit war das Kutschrad fertig und konnte am Wagen montiert werden.
Rund eineinhalb Tage musste der Stellmacher für die Herstellung eines Rades rechnen. Im Schnitt hielt es 30 Jahre. Wenn man bedenkt, welche Lasten ein Ackerwagen in dieser Zeit über meist unebenem Grund transportierte, wird deutlich, wie hoch die Arbeit des Stellmachers zu bewerten war. Sein letztes Wagenrad fertigte Horst Einicke im Jahre 1960 an. Die ersten für das Stellmacherhandwerk schädlichen Gummiräder hielten an den Ackerwagen nach dem Krieg Einzug. Sie stammten zunächst von übriggebliebenen, schrottreifen Armeefahrzeugen. Selbst an einen Wagen, der die Gummiräder eines abgeschossenen Flugzeugs trug, kann sich der Meister erinnern. Dann setzten dem Handwerk zunehmend die anderen, bereits beschriebenen Veränderungen des neuen technischen und wirtschaftlichen Zeitalters zu.
Das Betätigungsfeld der Stellmacher beschränkte sich aber, wie gemeinhin angenommen, keineswegs auf Ackerwagen: Sie bauten auch komplette Handwagen, Kutschschlitten, Schlitten, Mistkarren, von Pferden gezogene Leiterwagen und Skier, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Auch nach dem Ende der Ära von Pferdegespannen fand das alte Handwerk zunächst noch einige Nischen: So reparierte Horst Einicke noch eine Zeitlang Autos, die, wie der F 8 und der P 70 über Holzgestelle verfügten. Ein Dokument mit einem großen roten Stempel Staatsplanvorhaben ermöglichte ihm auch noch den Zugang zum Bau volkswirtschaftlich wichtiger Bauwagen für die Firma Energiebau Radebeul, die im Zuge der Flutung des Stausees Kelbra im Gebiet neue Hochspannungsleitungen installierten.
Gab es wirklich keine Ackerwagen mehr? Nur hin und wieder sei in den 60-er Jahren noch ein kleines Bäuerlein zu ihm gekommen, das noch immer einen Einspänner fuhr. Wer in den folgenden Jahrzehnten bei Horst Einicke noch ein Wagenrad reparieren lassen wollte, hatte meist Pech. Mit den Worten Ich hab doch nichts mehr, musste der Stellmachermeister diese Kunden meist wieder nach Hause schicken.
Die letzten Ackerwagen, die noch in diversen Scheunen die Zeiten überdauerten, wurden allmählich von Holzwürmern zerfressen. So ein Wagen mit Holzrädern muss gefahren werden. Das mögen die Holzwürmer nicht. Der Einsatz der chemischen Keule war früher nicht notwendig, erklärt Horst Einecke. Nach der Wende kamen immer mal wieder Westdeutsche ins Dorf, die die letzten, irgendwo herumstehenden Wagenräder für ein paar D-Mark mitnahmen.
Aber eigentlich hängt Horst Einicke der alten Zeit von Planwagen, Ackerwagen und Kutschen kaum nach. Viel lieber beschäftigt er sich mit den vielen exotischen Gehölzen, die in Dutzenden Kübeln auf der Terrasse und auf dem Hof seines Hauses stehen: Mehrere Yuccas recken alljährlich im Frühjahr ihre bizarren Blütenstände in den Himmel. Aber selbst Granatapfelpflanzen, Feigenbäume, Zitronen- und Mimosenbäume gedeihen bei dem Ehepaar ganz vorzüglich, ganz zu schweigen von dem Oleanderbäumen. Unter ihnen pflegt der Stellmachermeister ein ganz besonderes gelb blühendes Exemplar.
Quelle: Der Textauszug zur Herstellung eines Wagenrades wurden dem Buch von Rütze, M & Hörner A. (1954): Fachkunde für Stellmacher. Fachbuchverlag Leipzig, entnommen.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentar sind nicht erwünscht
Autor: nnzHorst Einicke
Stellmachermeister Berga-KelbraDer technische Fortschritt und der gesellschaftliche Fortschritt waren der Todesstoß für das Stellmacherhandwerk, sagt Horst Einicke, wenn er über den Beruf spricht, der seinen Vater und auch seinen Großvater ernährte, und mit dem auch er selbst bis Anfang der 60-er Jahre noch sein Geld verdiente. Den Einfluss des technischen Fortschritts bezieht der 1940 geborene frühere Unternehmer zum einen auf die Entwicklung von gummibereiften, motorgetriebenen Automobilen, die die über Jahrhunderte gebrauchten Leiterwagen, Ackerwagen, Planwagen und Kutschen immer mehr aus der Wirtschaft und damit aus dem Straßenbild verdrängten.
Aber selbst die Einspänner des 20. Jahrhunderts, so sagt er, wurden nach dem Krieg zunehmend mit Gummirädern ausgestattet, die die Leistungen des Stellmachers zunehmend überflüssig machten. Als Einfluss der gesellschaftlichen Entwicklung nennt Horst Einicke insbesondere den Rückgang kleinbäuerlicher Familienbetriebe im Zuge der Kollektivierung in der Landwirtschaft in den 50-er und 60-er Jahren. Die dadurch immer größer werdenden Ackerflächen erforderten ganz einfach den Einsatz moderner Großtechnik.
Der Großvater des Handwerkers stammt aus Rotha im Südharz und heiratete die zuvor in Martinsrieth ansässige Frieda Hilpert. Der Stellmachermeister bezog gemeinsam mit seiner jungen Frau um 1920 ein Haus in der Bergaer Thyrastraße, wo er auch seine Werkstatt einrichtete. In den 60-er Jahren übernahm der Vater von Horst Einicke, Kurt Einicke, den Betrieb, wobei er, durch den allgemeinen Rückgang der Pferdewagen bedingt, auch schon die Leistungen einer Tischlerei anbot. Horst Einicke selbst spielte schon frühzeitig in der Stellmacherwerkstatt und zeigte sich vor allem von der Drehbank fasziniert.
Es war einfach spannend für mich, zu beobachten, wie sich unter den geschickten Händen meines Vaters und meines Großvaters und durch den Einsatz der sich drehenden Werkzeuge etwas Brauchbares herstellen ließ, denkt er zurück. Ein einziger Motor trieb in der Werkstatt damals alle anderen Maschinen über eine Vielzahl von Transmissionsriemen an: die Bohrmaschinen, die Kreissäge, die Bandsäge, die Hobelmaschine und natürlich die Drehbank. 1963 machte Horst Einicke seinen Meister. Sein Meisterstück war eine Hobelbank, für deren Herstellung eine Vielzahl von stellmachertypischen Arbeitsgängen erforderlich war. Die Klasse in der Meisterschule in Sangerhausen bestand damals schon nicht mehr ausschließlich aus Stellmachermeisterschülern. Sie lernten bereits gemeinsam mit künftigen Tischlermeistern.
Ebenfalls im Jahre 1964 bezogen der junge Handwerker und seine Ehefrau Gudrun das Haus Nordhäuser Straße 2 in Berga, in dem sich zuvor das bekannte Gast- und Logierhaus Prinz Friedrich Karl befunden hatte. Gudrun Einicke entstammte der Inhaberfamilie dieses Wirtshauses. Dass dessen einen Adelsnamen tragendes Namensschild einst von einem DDR-Polizisten ideologisch motiviert herunter gerissen wurde, daran denkt das Paar sehr ungern zurück. Stellmacherarbeiten wurden nach 1960 nur noch ganz selten bei Horst Einicke in Auftrag gegeben. In erster Linie bestimmten Bautischlerarbeiten wie Fenster, Türen und Tore seinen Arbeitsalltag.
Zwischen 1980 und 1990 wechselte er sogar vollkommen das Metier: Angestellt im VEB Lederwaren Sangerhausen, stellte er in seiner hauseigenen Werkstatt Teile der Innenausstattung von Diplomatenkoffern her. Der Vorteil dieser Angestelltentätigkeit bestand vor allem darin, dass ich mich nicht mehr um Material zu kümmern brauchte. Außerdem bezahlte der Betrieb sehr gut, erklärt er. Nach der Wende, zwischen 1989 und seinem Eintritt in den Ruhestand 2003, war Horst Einicke noch einmal als Tischler selbstständig.
Was das so gut wie untergegangene Stellmacherhandwerk betrifft, so verfügt er noch über das gesamte Wissen, das für die Ausübung dieses Berufs unabdingbar war. Leider wird auch dieses praktische Wissen mit den letzten Stellmachermeistern für immer aussterben.
Auch aus diesem Grunde ließ sich der Autor dieses Buches die wesentlichen Arbeitsgänge von Horst Einicke noch einmal genau beschreiben: Das Wichtigste in der Stellmacherei ist das Wagenrad. Der heute noch häufige Nachname Wagner nimmt darauf Bezug. Ganz früher gab es ausschließlich Leiterwagen. Erst allmählich wurden diese mit Brettern ausgeschlagen und noch viel später wurden gleich Kastenwagen hergestellt, sagt er. Für den Oberbau fand Eschenholz Verwendung, für den Unterbau Eiche, und für die Räder meist Eichen- und Eschenholz. Der besonders wichtige Holzring der Wagenräder bestand aus Buchenholz. Das Holz unterzog der Stellmacher zunächst einem Dampfbad, um die Spannung im Material zu reduzieren.
Die Herstellung eines Wagenrades begann mit der Anfertigung der Nabe auf der Drehbank. Zuvor erfolgte eine Vorbehandlung im Kartoffeldämpfer. Auch Naben aus Eisen fanden schon Verwendung. Bei ihnen reichte ein kleinerer Durchmesser aus, weil sie stabiler als eine Holznabe waren. Bis zu 100 Zentner Gewicht lastete bei einem vollbeladenen Ackerwagen auf den vier Rädern. Darin werden die Anforderungen an das Stellmacherhandwerk deutlich. In die Rohnabe aus Holz wurden anschließend die Löcher für die Speichen gebohrt.
Die Räder für die am häufigsten benötigten Ackerwagen verfügten über 12, Kutschen über eine jeweils unterschiedliche Speichenzahl. Kutschen übrigens, die ausschließlich dem Personentransport dienten konnten sich früher fast nur die Großbauern leisten. Nach dem Bohren der Löcher in die Nabe wurden Erstere für die Speichen zu rechteckig ausgestemmt, 70 bis 80 Millimeter breit und 40 bis 45 Millimeter dick. Nun setzte der Stellmacher in die Nabe die eiserne Buchse ein, in der später die Achse ihren Platz hatte.
Für die nächsten Arbeitsgänge brachte Horst Einicke die Nabe zum Schmied, der einen glühenden Eisenring auf sie zog. Gleich anschließend wurde die Einheit aus Metall aus Holz im Wasserbad abgeschreckt. Erst jetzt brachte der Stellmacher die Speichen an.
Nun folgte der mit Abstand schwierigste und die meiste Genauigkeit erfordernde Arbeitsgang. Denn nun musste auf den zuvor angefertigten hölzernen Radreifen wiederum durch den Schmied der äußere Reifen aus Eisen aufgezogen werden. Dafür wurde letzterer wieder im Schmiedefeuer zum Glühen gebracht und nach dem Aufziehen abgeschreckt. Das Wichtigste war das Größenverhältnis von äußerem und innerem Reifen. Das musste ganz genau passen. Der Unterschied durfte nicht zu groß, aber auch nicht zu klein sein, so der Meister. Damit war das Kutschrad fertig und konnte am Wagen montiert werden.
Rund eineinhalb Tage musste der Stellmacher für die Herstellung eines Rades rechnen. Im Schnitt hielt es 30 Jahre. Wenn man bedenkt, welche Lasten ein Ackerwagen in dieser Zeit über meist unebenem Grund transportierte, wird deutlich, wie hoch die Arbeit des Stellmachers zu bewerten war. Sein letztes Wagenrad fertigte Horst Einicke im Jahre 1960 an. Die ersten für das Stellmacherhandwerk schädlichen Gummiräder hielten an den Ackerwagen nach dem Krieg Einzug. Sie stammten zunächst von übriggebliebenen, schrottreifen Armeefahrzeugen. Selbst an einen Wagen, der die Gummiräder eines abgeschossenen Flugzeugs trug, kann sich der Meister erinnern. Dann setzten dem Handwerk zunehmend die anderen, bereits beschriebenen Veränderungen des neuen technischen und wirtschaftlichen Zeitalters zu.
Das Betätigungsfeld der Stellmacher beschränkte sich aber, wie gemeinhin angenommen, keineswegs auf Ackerwagen: Sie bauten auch komplette Handwagen, Kutschschlitten, Schlitten, Mistkarren, von Pferden gezogene Leiterwagen und Skier, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Auch nach dem Ende der Ära von Pferdegespannen fand das alte Handwerk zunächst noch einige Nischen: So reparierte Horst Einicke noch eine Zeitlang Autos, die, wie der F 8 und der P 70 über Holzgestelle verfügten. Ein Dokument mit einem großen roten Stempel Staatsplanvorhaben ermöglichte ihm auch noch den Zugang zum Bau volkswirtschaftlich wichtiger Bauwagen für die Firma Energiebau Radebeul, die im Zuge der Flutung des Stausees Kelbra im Gebiet neue Hochspannungsleitungen installierten.
Gab es wirklich keine Ackerwagen mehr? Nur hin und wieder sei in den 60-er Jahren noch ein kleines Bäuerlein zu ihm gekommen, das noch immer einen Einspänner fuhr. Wer in den folgenden Jahrzehnten bei Horst Einicke noch ein Wagenrad reparieren lassen wollte, hatte meist Pech. Mit den Worten Ich hab doch nichts mehr, musste der Stellmachermeister diese Kunden meist wieder nach Hause schicken.
Die letzten Ackerwagen, die noch in diversen Scheunen die Zeiten überdauerten, wurden allmählich von Holzwürmern zerfressen. So ein Wagen mit Holzrädern muss gefahren werden. Das mögen die Holzwürmer nicht. Der Einsatz der chemischen Keule war früher nicht notwendig, erklärt Horst Einecke. Nach der Wende kamen immer mal wieder Westdeutsche ins Dorf, die die letzten, irgendwo herumstehenden Wagenräder für ein paar D-Mark mitnahmen.
Aber eigentlich hängt Horst Einicke der alten Zeit von Planwagen, Ackerwagen und Kutschen kaum nach. Viel lieber beschäftigt er sich mit den vielen exotischen Gehölzen, die in Dutzenden Kübeln auf der Terrasse und auf dem Hof seines Hauses stehen: Mehrere Yuccas recken alljährlich im Frühjahr ihre bizarren Blütenstände in den Himmel. Aber selbst Granatapfelpflanzen, Feigenbäume, Zitronen- und Mimosenbäume gedeihen bei dem Ehepaar ganz vorzüglich, ganz zu schweigen von dem Oleanderbäumen. Unter ihnen pflegt der Stellmachermeister ein ganz besonderes gelb blühendes Exemplar.
Quelle: Der Textauszug zur Herstellung eines Wagenrades wurden dem Buch von Rütze, M & Hörner A. (1954): Fachkunde für Stellmacher. Fachbuchverlag Leipzig, entnommen.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentar sind nicht erwünscht


