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„Was soll ich ohne Arbeit machen?“

Mittwoch, 05. März 2008, 08:11 Uhr
Die nnz hatte gestern sowie im vergangenen Monat mehrfach über die Situation zwischen Resignation und Hoffnung der ehemaligen Belegschaft der Bike Systems GmbH berichtet. Jetzt liegen der Redaktion Informationen vor, die so richtig niemand wahr haben wollte. Es geht dabei in erster Linie um mißbrauchtes Vertrauen. Angeblich...


Was viele der ehemaligen Mitarbeiter aber auch Außenstehende während der Zeit der Betriebsbesetzung ahnten, nicht wußten, aber auch nicht wahrhaben wollten war die Tatsache, daß der Betriebsrat von Beginn an in zwei Lager gespalten war. Ein Lager soll von der Vorsitzenden des Betriebsrates, Heidrun Kirchner, angeführt werden. Es soll der Personenkreis gewesen sein, der ständig die Verhandlungen mit Rechtsanwalt Jürgen Metz geführt habe, wird berichtet. Das bestätigten der nnz mehrere Mitarbeiter, darunter auch Mitglieder des Betriebsrates, wiederholt.

Und dieser Jürgen Metz wird im Drama an der Freiherr-vom-Stein-Straße eine zentrale Rolle einnehmen. Auf ihn, insbesondere auf seine Erfahrung setzten sowohl die Belegschaft als auch die IG Metall. Doch der Reihe nach.

Mehrfach fragte die nnz im Laufe des Insolvenzverfahrens sowohl bei Verwalter Wutzke als auch bei Jürgen Metz nach. Von Interesse waren die eventuellen Investoren, über die Herr Metz gern und ausführlich der nnz berichtet hatte. Kritisch waren damals die Aussagen des Insolvenzverwalters kommentiert worden – von Metz, von den Medien, von der IG Metall. Der hatte vehement und mehrfach bestritten, daß es ein reges Interesse von Interessenten gebe. Nach Einsicht in diverse Akten zeigt sich nun folgendes Bild: Insolvenzverwalter Wutzke hatte an Gerhard Urbanek, einen angeblich interessierten Investor, am 11. September 2007 ein Schreiben verfaßt, in welchem erste Erläuterungen zum Ist-Zustand des Unternehmens abgegeben wurden. Diesen Vorgang wiederum sollen Rechtsanwalt Metz und einige Auserwählte des Betriebsrates gekannt haben. Eine Antwort auf dieses Schreiben hatte der Insolvenzverwalter nie erhalten, im Gegenteil, er soll Herrn Urbanek mehrfach hinterher telefoniert haben. Auch Jürgen Metz bestätigt dies gegenüber der nnz, weist jedoch darauf hin, daß er und Gerhard Urbanek bei ihren Besuchen in Nordhausen gegenüber der Belegschaft immer darauf verwiesen haben, daß die Chance der Übernahme maximal bei 60 Prozent liege.

Am 25. September 2007 hatte Rechtsanwalt Wutzke seinem Kollegen Metz mitgeteilt, daß kein Interesse seitens des Herrn Urbanek vorhanden sei, was von Metz bestätigt wird: „Kollege Wutzke meinte, der Urbanek spiele toter Mann“. Einen weiteren Versuch der Kontaktaufnahme mit einem neuen Interessenten soll Wutzke am 1. Oktober 2007 gestartet haben, hier handelte es sich um die Firma KROSS aus Polen, die auch in Deutschland eine Niederlassung betreibt.

Indessen gehen die Aktivitäten zur Rettung von Bike Systems weiter, allerdings von Teilen der Belegschaft, des Betriebsrates und von Parteien. Bei einem Besuch von Kurt Beck, dem SPD-Vorsitzenden, bei Bad Langensalza, sprach ihn Manfred Handke auf die Situation der Mitarbeiter in Nordhausen an. Damit wurde letztlich eine Maschinerie in Gang gesetzt. Gespräche in Berlin, Nachrichten zum Berliner Büro der IG Metall, Möglichkeiten einer starken finanziellen Unterstützung der Belegschaft und möglicher Investoren. Alles umsonst. Das Spiel war zu diesem Zeitpunkt schon gespielt, auch das Strike Bike.

Das soll eine Episode belegen, die der nnz von mehreren Mitgliedern des Betriebsrates berichtet wurde. Sie ereignete sich bei der Demo der Belegschaft vor der Lone Star Zentrale in Frankfurt am Main. Dort waren die Protestierer von einem Fahrradhändler angesprochen worden, der plötzlich 2.000 Räder bestellen wollte. Das war der 6. September, die erste Nachricht zur Produktion der „Strike Bike“ gab es jedoch erst am 19. September 2007.

Nun nehmen sowohl IG Metall als auch ein großer Teil der Mitarbeiter an, daß die komplette Aktion zwischen der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft FAU und Akteuren in Nordhausen von langer Hand vorbereitet wurde. Entsprechende Unterlagen konnte die nnz in den zurückliegenden Tagen einsehen. Nicht von der Hand zu weisen war allerdings der mediale Effekt, der mit dem Strike-Bike erreicht wurde und der bis in die Gegenwart nachwirkt.

Schon relativ frühzeitig - das ist durchaus verständlich und richtig - hatte Jürgen Metz auf die Überleitung in eine Transfergesellschaft gedrängt. Im Gespräch waren die Erfurter RFG oder die Göttinger i.b.s.. Sie alle hatten breiten Teilen der Belegschaft und des Betriebsrates ihre Konzepte vorgestellt. Zum Zuge allerdings kam erst einmal die „Eranus Consulting + Service GmbH“ aus Erfurt, später noch die Firma aus Göttingen, die wiederum von der „Eranus“ mit der Durchführung beauftragt wurde. Die Firma Eranus Consulting + Service GmbH hat ihren Geschäftssitz in der Karthäuserstraße 37. Das ist exakt die Adresse des Rechtsanwaltes Jürgen Metz. Alles Zufall? Wohl kaum, denn nicht nur die Adresse stimmen überein, sondern auch die Telefonnummern. Eranus gehört Jürgen Metz, Geschäftsführerin ist Ramona Scharfe, seine, so berichtet man, Lebensgefährtin.

Hier spätestens hatte der Jurist, der für viele Arbeitnehmer sowie für die IG Metall aber auch für Medienbelegschaften die rechtliche Vertretung erfolgreich übernommen hatte, sein Vertrauen in Nordhausen verspielt. Und plötzlich fügte sich für viele Akteure ein Steinchen neben das andere im großen Mosaik der Geschehnisse in der Freiherr-vom-Stein-Straße. Allerdings habe Rechtsanwalt Jürgen nach eigenen Aussagen von Beginn an mit offenen Karten gespielt. Seit Mitte Juli habe die Belegschaft von Bike Systems von „Eranus“ gewußt, die im Jahr 2005 gegründet worden war. Nicht etwa Metz habe eine Entscheidung getroffen, sondern Insolvenzverwalter Wolfgang Wutzke. Auch die Zustimmung der Belegschaft für „Eranus“ habe vorgelegen, argumentiert Metz im Gespräch mit der nnz.

Zurück blieben viele Enttäuschungen, zurück blieben Mitarbeiter, denen ein Stück ihrer Zukunft genommen wurde. Viele von ihnen befinden sich noch in der Transfergesellschaft, dort soll jetzt gute Arbeit geleistet werden. Manch einer ist jedoch mit der Geschichte des Unternehmens, das ein Teil von ihm war, nicht fertig geworden. Die tragischste Nachricht dabei: Einen Tag nach der Abschiedsfeier der Frauen und Männer von Bike Systems hatte sich eine Kollegin das Leben genommen. Sie wußte nicht, wie es mit ihr weitergehen sollte. Sie fragte noch am Vorabend ihre Freunde: „Was soll ich jetzt nur ohne Arbeit machen?“

Zurück zur Gegenwart, dem EC-BIC, der Umschulung und Weiterbildung der Mitarbeiter von Bike System. Die nnz hatte Ende Januar darüber das erste Mal berichtet. In diesen Tagen nun soll die Geschäftsführerin der Firma i.b.s., Anke Mahlau, Post aus dem Thüringer Wirtschaftsministerium erhalten haben. Da standen nach Informationen der nnz einige kritische Sätze drin, in denen die Methodik der Transfermaßnahme angezweifelt wurde. So habe es den Anschein, daß „die Entwicklung fachspezifischer Kompetenzen für eine zukünftige Beschäftigung“ in den Hintergrund trete. Sie scheine völlig nachrangig zu sein, wird der Frau Mahlau als Einschätzung mitgeteilt.

69 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten fachliche Qualifizierungen in Anspruch genommen, die zwischen zwei und fünf Tagen gedauert hätten. Die Firma i.b.s., die sich innerhalb der Transfermaßnahme auch im Kontakte zu Unternehmen kümmern soll, habe lediglich acht Gesprächstermine genannt. In dem Schreiben aus dem Erfurter Ministerium wird nahegelegt, das Ziel einer schnellen Wiedereingliederung auf dem Arbeitsmarkt durch spezialisierte, bedarfsgerechte und unternehmensnahe Qualifizierungen zu erreichen. „Dazu bedarf es aber einer größeren Anzahl von Unternehmen als die von Ihnen genannte Zahl von acht“, ist zu lesen.

Das wiederum sieht Metz mit großer Verwunderung. „Die LEG hat nach ihrer damals vollmundigen Zusage, bis Ende Oktober vergangenen Jahres 87 Arbeitsplätze anzubieten, nichts eingehalten. Auch die Kritik an der Durchführung der Transfermaßnahme und insbesondere der Arbeit i.b.s. will der Rechtsanwalt so nicht im Raum stehen lassen. „Der zuständige Mitarbeiter des Thüringer Wirtschaftsministeriums, der den Brief unterschrieben hat, war im EC-BIC vor Ort. Dort hatte er sich begeistert über die Qualität der Maßnahme geäußert. Man könne überlegen, diese Arbeitsansätze in die entsprechenden Richtlinien des Freistaates aufzunehmen“.
Autor: psg

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