Besuch bei einer Neustädter Tourismus-Instanz
Dann schließe ich einfach zu - aber jetzt noch nicht
Freitag, 17. August 2018, 10:00 Uhr
Sie gilt als die Tourismus-Instanz in Neustadt, ihr Imperium umfasst mehrere Hotels, Gaststätte und mehrere Tierherden. Sie ist immer noch unermüdlich unterwegs und gibt nicht auf. Die nnz hat sie besucht...
Pojtinger, Bold (Foto: nnz)
Ilse Pojtinger und Küchenchef Christian Bold am morgendlichen Frühstücksbufet
Ilse Pojtinger ist an diesem Dienstagmorgen gerade mit dem Verabschieden von Stammgästen des Neustädter Hofes beschäftigt, die bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr zu Gast waren. Dann hat sie Zeit für ein Gespräch.
Die Frau hat mir gestattet, ihr Alter zu nennen. Das ist wichtig, um das auch zeitlich einordnen zu können, über das sie berichtet. Ilse Pojtinger wird in diesem Jahr 82, hat in der DDR Ökonomie studiert und sich dann dem Tourismus verschrieben. Mit Leib und mit Seele.
Sie hat nahezu alles erlebt, was im Sozialismus, in den Wendezeiten, den Jahren danach und bis heute in Neustadt passierte. Sie stand nicht nebenbei und beobachtete, sie war mittendrin. Die Zeiten des FDGB-Tourismus sind abgehakt, dennoch sammelte sie schon damals Erfahrungen, denn Gäste sind Gäste. Sie kaufte das Hotel Hohnstein, dann den Neustädter Hof, ihr Sohn führt den Ratskeller in Neustadt.
"Es ist ein Jammer, was mit dieser Perle des Südharzes passiert ist", sagt die Frau und ist in erster Linie von der Politik im Ort und darüber hinaus enttäuscht. "Ich haben den Tourismus in Neustadt nach der Wende mit am Leben erhalten und war zum Beispiel auch Mitglied im neuen Tourismusverband 'Südharz Kyffhäuser', doch da bin ich wieder ausgetreten, denn außer Mitgliedsbeiträgen einfordern kam da nichts zurück", ist die 81jährige bitter enttäuscht.
Ein Blick in die Tabellen der Thüringer Statistiker bringt es auf den Punkt. Wurden im Jahr 2001 noch 10.772 Ankünfte und 48.130 Übernachtungen offiziell in Neustadt gezählt, so waren es im vergangenen Jahr noch 5.783 Ankünfte und 23.008 Übernachtungen.
Nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung ist für Frau Pojtinger der Bürgermeister von Neustadt und der Gemeinderat. "Ich muss im Jahr rund 8.000 Euro Fremdenverkehrsabgabe zahlen, die Kurtaxe wurde von einem Euro auf 1,50 Euro erhöht. Ich kennen keinen anderen Ort in Nordthüringen, der eine Fremdenverkehrsabgabe erhebt", kritisiert sie und verweist zum Beispiel auf eine den Gastansprüchen nicht gerecht werdende Tourist-Info oder auf eine fehlende Koordination mit der Gemeinde bei der Erstellung von gemeinsamen Veranstaltungsplänen. Auch die von der Gemeinde immer wieder forcierten und unterstützten Kurkonzepte wie die Pneumokur hält Ilse Pojtinger für nicht ausgereift.
Blick in einen Prospekt, gleich nach der Wende (Foto: privat)
Blick in einen Prospekt von Neustadt Anfang der 90er Jahre. Nur noch die mit einem Kreuz gekennzeichneten Gaststätten und Hotels gibt es heute noch
In einem Bericht der nnz wurde auf die schlechten Bewertungen des Neustädter Hofes auf diversen Buchungsportalen hingewiesen. Auch hier spricht die 82jährige Klartext. "Oftmals kommen zu uns neue Gäste ins Haus, die bei der Bezahlung der Rechnung Rabatte aushandeln wollen, weil sie sonst eine schlechte Bewertung schreiben würden. Das ist reine Erpressung und kommt nicht nur einmal, sondern sehr oft vor. Da werden zum Beispiel Toilettenbürsten absichtlich beschmutzt, fotografiert und dann gedroht, das Foto ins Internet zu stellen."
Das Internet, das ist so eine Sache in Neustadt. Mehrere Tausend Euro haben die Pojtingers in diese Technik investiert. Doch das, was am "Ende der Leitung" für die Kunden dabei rauskommt, das befriedigt die Gäste nicht. So erlebten die Mitarbeiter im Neustädter Hof es mehrfach, dass mehrtägige Buchungen von jüngeren Gäste nach einer Nacht abgebrochen wurden, weil das Surfen nahezu unmöglich ist. Die Netze in Neustadt würden die Kapazität nicht hergeben, sagt Pojtinger. Aber für den Netzausbau ist nun mal ein Hotelbesitzer nicht verantwortlich, sondern die Rahmenbedingungen muss die Politik bestimmen.
Und so wird Ilse Pojtinger weiter ihr Geschäft betreiben, wird sich mit den politisch Verantwortlichen reiben, will das weitermachen, was ihr Lebensinhalt war: Für Gäste im Südharz da sein, ihnen einen angenehmen und erholsamen Urlaub zu ermöglichen. Und sollte es irgendwann nicht mehr weitergehen? "Dann werde ich das Hotel zuschließen, verkaufen werde ich es nicht." Auch in dieser Beziehung ist sie resolut.
Peter-Stefan Greiner
Autor: psg
Pojtinger, Bold (Foto: nnz)
Ilse Pojtinger und Küchenchef Christian Bold am morgendlichen FrühstücksbufetIlse Pojtinger ist an diesem Dienstagmorgen gerade mit dem Verabschieden von Stammgästen des Neustädter Hofes beschäftigt, die bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr zu Gast waren. Dann hat sie Zeit für ein Gespräch.
Die Frau hat mir gestattet, ihr Alter zu nennen. Das ist wichtig, um das auch zeitlich einordnen zu können, über das sie berichtet. Ilse Pojtinger wird in diesem Jahr 82, hat in der DDR Ökonomie studiert und sich dann dem Tourismus verschrieben. Mit Leib und mit Seele.
Sie hat nahezu alles erlebt, was im Sozialismus, in den Wendezeiten, den Jahren danach und bis heute in Neustadt passierte. Sie stand nicht nebenbei und beobachtete, sie war mittendrin. Die Zeiten des FDGB-Tourismus sind abgehakt, dennoch sammelte sie schon damals Erfahrungen, denn Gäste sind Gäste. Sie kaufte das Hotel Hohnstein, dann den Neustädter Hof, ihr Sohn führt den Ratskeller in Neustadt.
"Es ist ein Jammer, was mit dieser Perle des Südharzes passiert ist", sagt die Frau und ist in erster Linie von der Politik im Ort und darüber hinaus enttäuscht. "Ich haben den Tourismus in Neustadt nach der Wende mit am Leben erhalten und war zum Beispiel auch Mitglied im neuen Tourismusverband 'Südharz Kyffhäuser', doch da bin ich wieder ausgetreten, denn außer Mitgliedsbeiträgen einfordern kam da nichts zurück", ist die 81jährige bitter enttäuscht.
Ein Blick in die Tabellen der Thüringer Statistiker bringt es auf den Punkt. Wurden im Jahr 2001 noch 10.772 Ankünfte und 48.130 Übernachtungen offiziell in Neustadt gezählt, so waren es im vergangenen Jahr noch 5.783 Ankünfte und 23.008 Übernachtungen.
Nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung ist für Frau Pojtinger der Bürgermeister von Neustadt und der Gemeinderat. "Ich muss im Jahr rund 8.000 Euro Fremdenverkehrsabgabe zahlen, die Kurtaxe wurde von einem Euro auf 1,50 Euro erhöht. Ich kennen keinen anderen Ort in Nordthüringen, der eine Fremdenverkehrsabgabe erhebt", kritisiert sie und verweist zum Beispiel auf eine den Gastansprüchen nicht gerecht werdende Tourist-Info oder auf eine fehlende Koordination mit der Gemeinde bei der Erstellung von gemeinsamen Veranstaltungsplänen. Auch die von der Gemeinde immer wieder forcierten und unterstützten Kurkonzepte wie die Pneumokur hält Ilse Pojtinger für nicht ausgereift.
Blick in einen Prospekt, gleich nach der Wende (Foto: privat)
Blick in einen Prospekt von Neustadt Anfang der 90er Jahre. Nur noch die mit einem Kreuz gekennzeichneten Gaststätten und Hotels gibt es heute nochIn einem Bericht der nnz wurde auf die schlechten Bewertungen des Neustädter Hofes auf diversen Buchungsportalen hingewiesen. Auch hier spricht die 82jährige Klartext. "Oftmals kommen zu uns neue Gäste ins Haus, die bei der Bezahlung der Rechnung Rabatte aushandeln wollen, weil sie sonst eine schlechte Bewertung schreiben würden. Das ist reine Erpressung und kommt nicht nur einmal, sondern sehr oft vor. Da werden zum Beispiel Toilettenbürsten absichtlich beschmutzt, fotografiert und dann gedroht, das Foto ins Internet zu stellen."
Das Internet, das ist so eine Sache in Neustadt. Mehrere Tausend Euro haben die Pojtingers in diese Technik investiert. Doch das, was am "Ende der Leitung" für die Kunden dabei rauskommt, das befriedigt die Gäste nicht. So erlebten die Mitarbeiter im Neustädter Hof es mehrfach, dass mehrtägige Buchungen von jüngeren Gäste nach einer Nacht abgebrochen wurden, weil das Surfen nahezu unmöglich ist. Die Netze in Neustadt würden die Kapazität nicht hergeben, sagt Pojtinger. Aber für den Netzausbau ist nun mal ein Hotelbesitzer nicht verantwortlich, sondern die Rahmenbedingungen muss die Politik bestimmen.
Und so wird Ilse Pojtinger weiter ihr Geschäft betreiben, wird sich mit den politisch Verantwortlichen reiben, will das weitermachen, was ihr Lebensinhalt war: Für Gäste im Südharz da sein, ihnen einen angenehmen und erholsamen Urlaub zu ermöglichen. Und sollte es irgendwann nicht mehr weitergehen? "Dann werde ich das Hotel zuschließen, verkaufen werde ich es nicht." Auch in dieser Beziehung ist sie resolut.
Peter-Stefan Greiner
